Agios Nikolaos Januar 2017

21.01.2017
Ein Bericht von:
Ray Hodson
Assistent

Ich freute mich darauf, wieder mit Marga zu arbeiten und für diejenigen von euch, die diese Tierärztin nicht kennen, lasst mich euch von ihr erzählen. Wenn Marga nicht als Chirurgin arbeitet, ist ihre Auffassung von Vergnügen, die sieben Meere als Crew zu besegeln. Nun, die Idee, daß jemand auf einer riesigen Weite von Wasser treibt, angetrieben nur durch ein überdimensioniertes Bettlaken, ist ein komplettes Anathema für mich. Jedwede Aktivität, die auf tiefem Wasser ausgetragen wird, war nie meine Idee von Spaß, wie euch viele von meinen Freunden bestätigen warden, aber diese Dame unternimmt auch Bungy Jumping als weitere Aktivität. Dies wird euch eine gewisse Vorstellung von besagter Dame geben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, daß ich später in dieser Woche mein Leben in ihre Hände legen sollte.

Marga sieht auf, wir haben Augenkontakt. Ein unmerkliches Kopfschütteln, alles ist vorbei. Die Traurigkeit ist spürbar, aber die Arbeit muss weitergehen.Ray Hodson

Wir trafen uns alle bei Roger, unserem großartigen Gastgeber für die nächsten vier Tage. Vor vielen Monden wurde er gebeten, sich während nur einer Kastrationsaktion um die Tierärzte zu kümmern, und es endete damit, daß er sich bis heute um uns alle kümmert, sofern er Zeit hat. Dies ist während der meisten Kastrationsaktionen der Fall und dafür sind wir sehr dankbar. Hier wurde ich Leslie vorgestellt, einer Freundin und Kollegin von Marga seit Studientagen; eine charmante Dame mit einer entzückenden Persönlichkeit, die uns mit ihrer einzigartigen Sicht auf das Leben unterhielt. Da es ihr Geburtstag war, lud Roger uns in seine Lieblingstaverna zum Abendessen ein. Während des Essens hörten wir die erste von Leslies Lebenserkenntnissen: "Ich möchte der Welt Liebe schenken" sagte sie, ein Gefühl, daß denke ich von den meisten von uns geteilt wird.

Am ersten Tag kastrierten wir non stop bis sechs Uhr abends, entfernten zwei kaputte Augen, amputierten einen verletzten Schwanz und zogen unzählige entzündete Zähne. Das Leben einer wilden Katze ist häufig vom Zustand ihrer Zähne abhängig. Wenn sie nicht in der Lage ist, ihr Futter zu fressen oder sogar Wasser zu trinken, wird sie einen langen und qualvollen Tod sterben. Diese sehr wichtige Behandlung der Arche Noah Tierärzte wird nicht immer geschätzt oder verstanden. Wir persönlich hatten vor vielen Jahren eine wild lebende Katze in sehr schlechtem Zustand, die unsere Terasse zeitweilig besuchte. Während sie das Trockenfutter fraß, stieß sie schmerzhafte Schreie aus und kratzte sich an ihrem Maul, sogar als wir es mit Nassfutter versuchten. Wir nannten sie "Funny Face" da sie ein schiefes Gesicht zu haben schien. Mehrmals, wenn wir sie zum Tierarzt bringen wollten, war sie unauffindbar, aber irgendwann als Nina zum Kastrieren nach Sitia kam, haben wir es geschafft, sie zu einzufangen und nachdem sie kastriert war entfernte Nina alle Zähne bis auf vier Stück aus ihrem stark entzündeten Maul. Wir dachten nicht, daß sie überleben würde, doch nach mehreren Wochen Dosenfutter erhohlte sie sich wunderbar, ihr schönes mehrfarbiges Fell wuchs und glänzte wieder und sie lebte noch drei wundervolle Jahre glücklich mit uns.

Der zweite Tag verlief ähnlich wie der erste, bis auf einen erwähnenswerten Fall: Bei einer Katze, die ich rasierte, fiel mir etwas am Bauch auf, das aussah wie eine relativ frische Kastrationsnarbe, jedoch gab sie uns ohne Markierung im Ohr und ohne Mikrochip keinen weiteren Hinweis. Nach reiflicher Überlegung entschied Marga, die Katze zu operieren. So kam heraus, daß das, was genausogut eine Narbe hätte sein können, in Wirklichkeit eine Hautinfektion war. Die Katze war natürlich noch nicht kastriert.

Ich habe kürzlich die Angewohnheit entwickelt, mit mir selbst zu sprechen, um mir die Handlungen, die ich gerade vorgenommen habe, zu verinnerlichen. Als ich dachte, mich dafür entschuldigen zu müssen, war Leslies Kommentar "Es ist ok mit sich selbst zu sprechen, manchmal muss man einfach eine Unterhaltung mit einem intelligenten Menschen führen." Was für eine tiefgründige Aussage! An diesem Tag fanden wir heraus, daß Leslie auch eine talentierte Künstlerin ist. In ihrer Freizeit nimmt sie gewöhnliche Steine und bemalt sie, unter Zuhilfenahme von Filzstiften, mit wunderschönen, komplizierten Mustern.

Am dritten Tag hatten wir das wahrscheinlich dramatischste Ereignis der gesamten Reise. Während ich eine Katze für die Operation vorbereite, hörte sie auf zu atmen. Als dies passierte, waren beide Tierärztinnen frei, also trat ich zurück. Die Zeit stand still. Erst kontrollierten sie, ob das Herz schlägt. Sie versuchten, einen Venenkatheter zu legen, doch die Venen waren kollabiert. Sie injizierten Adrenalin direkt ins Herz. Um sicherzustellen, daß die Kanüle am richtigen Platz ist, wird der Kolben der Spritze etwas zurückgezogen, was einen sofortigen Blutfluss in die Spritze verursacht. Herzmassage. Mund-zu-Nase-Beatmung. Medikamente werden verabreicht, um die Atmung zu stimulieren. Die Katze zeigte wieder Lebenszeichen, aber nur vorübergehend. Beide, Marga und Leslie, kämpften verzweifelt, um das Leben dieser Straßenkatze zu retten. Marga sieht auf, wir haben Augenkontakt. Ein unmerkliches Kopfschütteln, alles ist vorbei. Die Traurigkeit ist spürbar, aber die Arbeit muss weitergehen. Tag vier verlief wie üblich, bis Virginia, VOCALs Präsidentin, erschien, die auf dem Weg zur Kastrationsklinik einen abgemagerten, gestressten Hund in der Mitte der Hauptstraße gefunden hatte, inmitten des von allen Seiten kommenden Verkehrs. Sie hielt an und schaffte es, ihn einzufangen. VOCAL ist nur ein Katzenverein und Hunde sind nicht Virginias Ding. Freundlicherweise hat sie sofort nach einer Pflegestelle gesucht und der Hund landete für ein paar Nächte bei Roger. Nun befindet er sich in einer schönen Pflegestelle, ein großes Bett und einen Eimer voll Spielzeug inclusive. Virginia hat ihn "Bonzo" genannt aber ich bin mir nicht sicher ob dies der erstbeste Name war, der ihr einfiel, oder ob sie in der Vergangenheit ein Fan von der "Bonzo Dog Doo-Dah" Band war!!

Sonntag morgen bereiteten wir uns darauf vor, für drei weitere Kastrationstage nach Sitia zu fahren. Mit gepacktem Auto und uns allen an Bord machten wir uns auf den Weg. Aber das Wetter schlug um: es schneite!!! Wir kamen gut voran, bis wir den langen Berg vor dem Dorf Kavousi erreichten. Die einen Kilometer lange, bergaufführende Strecke ist sehr kurvenreich, mit einem steilen Abhang auf einer Seite der Straße, geschützt nur durch eine niedrige Barriere, und einem fast vertikalen Berghang auf der anderen Seite. Autos und Lastwagen in verschiedenen Stadien des Verfalls versuchten den Berg zu erklimmen- mit unterschiedlichem Erfolg. Wir schafften es, uns dem oberen Ende der Bergstraße bis auf wenige hundert Meter zu nähern, als das Auto das Eis erreichte und kein Vorankommen mehr möglich war. Unfähig, weiter nach oben zu fahren oder das Auto zu wenden, musste Marga, mit Leslies richtungsweisender Hilfe (sie sitzt hinten im Auto) vorsichtig versuchen, rückwärts den Berg wieder herunterzufahren, und gleichzeitig dem heraufkommenden Verkehr auszuweichen. Jene Fahrzeuge beinhalten unter anderem einen sehr alten Herren in einem Pickup von unbekanntem Jahrgang, der ernsthaft glaubt, daß er es zur Spitze des Berges schaffen wird, wenn er nur die Drehzahl des Motors hoch genug hält, obwohl er währenddessen beide Seiten der Straße regelmäßig besucht!!! Als wir endlich einen Platz zum Wenden des Autos fanden, verfolgten wir unsere Spur zurück und fuhren wieder zu Roger, um den nächsten Schritt zu besprechen. Das war brilliantes Autofahren Marga, wir leben, um einen weiteren Tag zu kastrieren.

Während die Damen sich innerhalb von einigen Stunden auf den Rückweg in den Westen der Insel machen konnten, wurde ich noch einen weiteren Tag bei Roger aufgehalten, bis die Straßen am Montag nachmittag endlich wieder geräumt waren und der erste von zwei Bussen zurück nach Sitia fahren konnte. Die Tatsache, daß wir fünf Stunden strahlenden, warmen Sonnenscheins hatten, tat ihr übriges dazu. Das ist Kreta.
Ihr Ray Hodson

Ein Bericht von:
Ray Hodson
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