Agios Nikolaos Juni 2015 - aus der Sicht des Fotografen

08.06.2015
Ein Bericht von:
Roger Tomlinson
Fotograf

Ich hasse es, wehrlose Tiere leiden zu sehen. Deshalb zögerte ich auch, als VOCAL, eine Katzenschutzgruppe, für die ich mich ehrenamtlich engagiere, mich fragte, ob ich Tierärzte während Operationen im Zuge einer Kastrationsaktion fotografieren würde, insbesondere, da man mir sagte, dass dies auch die Extraktion von Zähnen, das Entfernen von Augen oder auch die Amputation von Gliedmaßen bedeuten würde.

Ich bin nur ein Amateurfotograf, da ich aber das Glück habe, eine gute Spiegelreflexkamera zu besitzen, werde ich von Freunden oft gebeten, etwa bei Geburtstagen oder ähnlichen Gelegenheiten zu fotografieren.

Es ist genau ein Jahr her, dass ich zum ersten Mal mit der Kamera in der Hand zögerlich den OP betrat. Alle meine Ängste lösten sich in dem Moment in Luft auf. Die Atmosphäre war ruhig, hochkonzentriert und entspannt. An einem langen OP-Tisch aus Edelstahl wurden gleichzeitig zwei Katzen von zwei überaus erfahrenen Tierärztinnen operiert, nämlich von Ines, der leitenden Tierärztin und Marga, der Gasttierärztin, während Ray, der Assistent, die nächste Katze auf einem separaten Tisch vorbereitete. Ein paar Monate später gesellte sich Antonia, eine weitere sehr fähige Tierärztin, hinzu. Diese vier wunderbaren Menschen sind ein wahres ?Dream Team? für alle freilebenden Katzen vor Ort.

Ich bin glücklich, ein kleiner Teil dieses Teams zu sein und hoffe, dass meine Fotos helfen, diese wertvolle Aufgabe zu unterstützen.Roger

Die Katzen, die gefangen, kastriert und später wieder am selben Ort freigelassen werden, mögen es natürlich überhaupt nicht, eingefangen werden. Welches Glück sie haben, ahnen sie nicht. Es ist wahrscheinlich das einzige Mal in ihrem Leben, dass sie einen kompletten Gesundheits-Check und alle medizinisch notwendigen Behandlungen erhalten. Sie wissen nicht, dass sie unfruchtbar gemacht werden und dass nach ihrer Freilassung ein gesünderes, ruhigeres und glücklicheres Leben auf sie wartet.

Die gesamte Kastrationsaktion in Agios Nikolaos ist eine Art Liga der Nationen, jedoch ohne Konflikte. Die leitende Position hat die Skalpell-schwingende Tierärztin Ines, die wie Marga Deutsche ist. Antonia kommt aus Griechenland und Ray ist Engländer. Zusätzlich gibt es noch ein Team von gut organisierten Helfern, die ich nicht alle namentlich nennen möchte - aus Angst, jemanden zu vergessen. Da sind die Katzenfänger, die Helfer im OP und im Aufwachraum und jene, die die Ankunft, die Entlassung sowie die Art der Operation registrieren. Diese Freiwilligen kommen aus Holland, Schweden, Deutschland, England, Schottland, Griechenland und halb und halb, d.h. halb schottisch, halb griechisch etc. und aus weiteren Ländern.

In jedem Fall möchte ich Virginia erwähnen, die Präsidentin von VOCAL, deren Tierliebe, Tatendrang und endloses Engagement die Kastrationsaktion in Agios ermöglicht hat. Außerdem Lynne, die mit ihrem planerischen Talent jeden Tag der Kampagne so reibungslos durchorganisiert hat wie eine Militäraktion. 

Vom ersten Moment an gefiel mir meine Aufgabe und seit Mai 2014 habe ich eine Vielzahl Fotos gemacht. Es gibt Monate, in denen sich der Ablauf der Kastrationstage ständig wiederholt, aber es gibt auch immer wieder Ausnahmen, wie z.B. während des diesjährigen ungewöhnlich kalten Winters oder aber im Frühjahr, als sehr viele hochschwangere Katzen gefangen wurden. Mittlerweile habe ich hunderte Operationen fotografiert, zumeist unkomplizierte Kastrationen, aber auch teilweise schwierige Eingriffe, die wegen anderer medizinischer Probleme nötig wurden. Mal muss einer Katze ein Auge entfernt werden, dann müssen Zähne gezogen, Ohren gereingt oder was auch immer für Krankheiten behandelt werden. Jede dieser Behandlungen wird von Ines, Antonia oder Marga derart effizient und sorgsam durchgeführt, dass alle meine anfänglichen Befürchtungen zerstreut wurden.

Im OP gibt es kein Blut und kein Leid, wie ich befürchtet hatte, sondern das Gegenteil. Die numerierte Falle wird mit einem Tuch abgedeckt, um die gefangene Katze zu beruhigen. Dann wird der Käfig in den OP gebracht. Mithilfe einer gleitenden Wand schieben zwei Helfer die Katze in einen anderen Käfig, um sie bewegungsunfähig zu machen, damit Ray ein Beruhigungsmittel spritzen kann, Danach werden Nummer, Farbe, Geschlecht und weitere Details des Tieres in einem Buch registriert. Falls die Katze irgendwelche gesundheitlichen Probleme hat, untersucht Ines das Tier und entscheidet das weitere Vorgehen.

Dann bereitet Ray die Katze für die Narkose vor. Er tastet die Katze ab, chippt und rasiert sie und gibt fünf Injektionen: Schmerzmittel, Antibiotika, Tollwutimpfung und Medizin gegen innere und äußere Parasiten. Das Tier ist nun bereit für die nächste verfügbare Tierärztin. Die Tierärztinnen tragen bei jeder OP neue sterile Handschuhe und benutzen nur sterile Instrumente. Hygiene hat höchste Priorität. Die erste OP einer weiblichen Katze hat mich ziemlich verblüfft. Die nicht schwangeren Katzen werden an den Hinterbeinen kopfüber an einem fast vertikalen Brett aufgehängt. Die Tierärztin bedeckt sie von oben bis unten mit einer Folie und schneidet nur ein kleines Loch hinein, durch das die OP stattfindet. Das Skalpell macht - ohne einen Tropfen Blut ­- einen nur ein Zentimeter langen Schnitt in das Fleisch und schon ist die Katze kastriert, wird zugenäht und in weniger als zehn Minuten wieder heruntergenommen.

Schwangere Katzen werden auf dem Tisch liegend operiert und die OP dauert ein wenig länger. Ein etwas größerer Schnitt wird gemacht, dann führt die Tierärztin einen Finger ein und zieht vorsichtig den Uterus, ein U-förmiges Gebilde, heraus. Auch bei dieser OP kommt es kaum zu einem Blutverlust. Die Kastration von Katern ist logischerweise ein noch viel kürzerer Eingriff.

Während der ganzen Zeit herrscht eine hohe Konzentration im OP, aber zwischendurch gibt es auch fröhliche Momente, speziell durch Ines, die einen großen Sinn für Humor hat.

Aber es gibt auch traurige bzw. traumatisierende Fälle, wenn eine Katze keine Chance mehr hat, gesund zu werden und eingeschläfert werden muss. Gott sei dank passiert dies nicht sehr oft. Ines, Antonia und Marga sind wirklich engagiert, wenn es um das Wohlergehen der Tiere geht. Alle drei sind Spezialisten auf dem Gebiet der Chirurgie und was immer die tierärztliche Version des Eides des Hippokrates ist, dieses großartige Team tut alles in seiner Macht stehende, um die Katzen zu retten und zu heilen. Ich muss gestehen, dass ich ein oder zweimal dachte, es wäre besser, das Tier einzuschläfern. Später musste ich feststellen, dass ich falschgelegen hatte.

Das Kastrationsprogramm ist entscheidend für eine langfristige Versorgung und ein großer Gewinn für alle freilebenden Katzen. Es ermöglicht, die Zahl der neugeborenen Katzenwelpen zu reduzieren, die elendig durch Mangelernährung oder andere grausame Umstände gestorben wären. Zusätzlich verbessern die Kastrationen den Gesundheitszustand vieler erwachsener Katzen.

Ein Bericht von:
Roger Tomlinson
Fotograf



Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Einsatzberichte

Kretareise - April 2015

21.03.2015 Berlin, Drehbeginn Geschätzte 150 Mal durfte ich in den letzten Jahren Kreta besuchen. Noch nie fühlte sich eine Reise so leicht, so unbeschwert, so willkommen an, wie in diesem März 2015. All die Jahre hatten wir immer damit ...


mehr lesen

Xanthi - November 2014

Am 6. Dezember 2014 endete die 2. große Kastrationsaktion in Xanthi mit 603 Operationen. Es wurden in 13 Tagen 280 Hündinnen, 118 Rüden, 98 Katzen, 40 Kater und insgesamt 65 andere Operationen durchgeführt. Dies sind durchschnittlich ...


mehr lesen