Agios Nikolaos Oktober 2016

04.11.2016
Ein Bericht von:
Ray Hodson
Assistent

Ich stand am Rand der Strasse und schaute auf meine Uhr: 07:25 morgens. Ich wartet darauf, dass Thomas und Melanie mich abholten. Zwei Arbeitstage mit je elf Stunden lagen in Sitia hinter uns und obwohl ich exzellent geschlafen hatte, hoffte ich insgeheim doch auf etwas ruhigere Zeiten in Ag. Nikolaos. Ich denke, Nina ist schuld an dem Ganzen: Eigentlich wollte ich nur einmal bei einem OP-Tag aushelfen, und der liegt schon fünf Jahre zurück!

Die Fahrt von Sitia nach Ag.Nikolaos zog sich hin und dauerte 1 ¼ Stunden. Der Verlauf der Strasse erinnert eher an einen schlecht gestalteten Slalomkurs. Die beiden kamen an und ich stieg ins Auto. Zu Melanie's Füssen befand sich ein Katzenwelpe, den sie am Tag vorher operiert hatte. Eine Freiwillige hatte das kleine Leben aufgefunden, vollkommen ausgezehrt. Obwohl in der Gegend, wo das Kätzchen lebte, genügend Futter zur Verfügung war, befand sie sich in diesem Zustand. Sie erbrach sofort alles, das sie zu fressen versuchte. Ohne Röntgenanlage und Röntgenbilder und trotz des schlechten Allgemeinzustandes musste Melanie den kleinen Körper operativ öffnen und nachsehen. Und tatsächlich: Im Darm des winzigen Wesens befand sich ein Fremdkörper, den Melanie entfernen konnte. Ich war sehr glücklich darüber, dass sie die Nacht überstanden hatte und bei uns war. Auf diese Weise kann Melanie weiterhin den Zustand des Kätzchens im Auge behalten. Daß sie überhaupt überlebt hat, ist Melanies Fähigkeiten zu verdanken. Ich war mir am Vortag sicher, dass ein Überleben unwahrscheinlich sei, aber da war sie, lebendig und beobachtet mich aus ihrem Käfig heraus.

Im Darm des winzigen Wesens befand sich ein Fremdkörper, den Melanie entfernen konnte. Ich war sehr glücklich darüber, dass sie die Nacht überstanden hatte und bei uns war. Auf diese Weise kann Melanie weiterhin den Zustand des Kätzchens im Auge behalten. Daß sie überhaupt überlebt hat, ist Melanies Fähigkeiten zu verdanken.Ray Hodson

Nachdem unser Auto sich die Strasse von Sitia nach Ag. Nikolaos entlanggeschlängelt hatte, trafen wir uns mit Petra. Ich mag sie sehr gerne. Die blonde, lebendige Holländerin ist eine exzellente Köchin, die jahrelang ein eigenes Restaurant geführt hatte. In ihrem Haus werden wir während der Kastraionsaktion wohnen, und mir lief schon da Wasser im Munde zusammen in Vorfreude an all die kulinarischen Freuden, die uns hier erwarteten.

Kaum dass wir in Agios ankamen, legten die Damen vor Ort los, und kaum eine halbe Stunde nach unserem Eintreffen war alles aufgebaut und wir startbereit. Die erste Katze, die operiert werden sollte, war ein sehr grosser gescheckter Kater, der mich ohne ein Blinzeln unverwandt anstarrte, während ich mich mit der Spritze seinem Käfig näherte. Ich selbst mochte es nie, Spritzen zu bekommen, weshalb ich mir grösste Mühe gebe, so vorsichtig wie irgend möglich zu sein, wenn ich derjenige bin, der sie verabreicht. Anscheinend klappte das ganz gut, denn der Kater starrte mich nur an, bewegte sich nicht, wobei sein Blick ungefähr folgendes sagte: "Komm du mal hier rein in den Käfig, dann werden wir schon sehen wer der Chef ist!".

Die Zeit raste dahin, und während der Stapel mit Boxen voller kastrierter Katzen wuchs und wuchs, sehnte ich immer mehr das Ende des Tages herbei.
Der Abend verschwimmt in der Erinnerung. Wir wurden großartig von Petra bekocht und um zehn Uhr waren alle in ihre Betten verschwunden.

Unausgeschlafen, aber mit einem guten Frühstück versorgt waren wir bereit für den nächsten Arbeitstag. Die Tiere, die uns an diesem Tag Sorgen machten, stammten alle aus der gleichen Katzenkolonie Ich bemerkte, wie Melanie arbeitet. Braunülen wurden geschoben, Tiere an die Infusion gehängt, alles im Blick gehalten. All diese Dinge erschweren das Leben des Chirurgen, aber Melanie ist sehr erfahren und arbeitete in aller Ruhe. Sie strahlt eine unerschütterliche Ruhe aus, die sich auf alle im Raum überträgt.

Der Tag ging zu Ende, und es folgte ein weiterer Abend mit Petra un Rolf. Natürlich mit einem großartigen Essen und sogar einem Glas Wein.

Auch der dritte Tag rast dahin, und ich habe den Überblick verloren, wie viele Tiere wir schon operiert haben. Als es ans Zusammenpacken ging, bedankte ich mich herzlich bei den Damen die im Aufwachraum einen großartigen Job machen. Ich bewundere sie, denn die meisten von Ihnen sind im Rentenalter, arbeiten aber unermüdlich mit Hingabe und Verständnis. Sie nehmen den Katzen jeglichen Stress, während sie sich von den Operationen erholen.

Ich fuhr sehr müde, aber zufrieden zurück nach Sitia. Joy, meine im gleichen Masse die Tiere liebende Lebensgefährtin, empfing mich an unserer Tür. Seit vierzig Jahren leben wir zusammen, und doch sehe ich jedes Mal die Erleichterung wenn ich nach Hause komme, ohne einen weiteren Streuner anzuschleppen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ray Hodson

Ein Bericht von:
Ray Hodson
Assistent

Infos




Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Einsatzberichte

Agios Nikolaos Juli 2015 - aus der Sicht der Helferin

Während meiner Ausbildungszeit zur Tiermedizinischen Fachangestellten in Deutschland bin ich schon oft Tieren, insbesondere Hunden, begegnet, welche irgendwo im Ausland auf der Straße gelebt haben und von Tierschützern nach Deutschland ...


mehr lesen

Sougia - Mai 2016

Jule Rottmann kam seit vielen Jahren nach Sougia, welches an der südwestlichen Küste Kretas liegt. Sie war fasziniert von diesem wunderschönen, malerischen Ort - weit abseits der Touristenströme. Doch ihre Urlaubsfreude wurde zunehmend ...


mehr lesen