Epanomi - November 2017

17.11.2017
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Wir sind zu einem Kennenlern-Kastrationseinsatz in die Nähe von Thessaloniki eingeladen worden. Wir, das sind Dr. Melanie Stehle als Chirurgin, Ines Udich als Assistenz und meine Wenigkeit. Wir sollen in den nächsten drei Tagen im Tierheim des Vereins A.C.E. Tiere in Not e.V. unter der Leitung von Hannelore Zubler und Nicole Landshut kastrieren. Wie lange ist es her, dass ich in Thessaloniki das letzte Mal ausstieg? Eine gefühlte Ewigkeit. Die alten Bilder tauchen auf, aber die lassen wir da, wo sie hingehören.

Zwar braucht es einen kurzen Augenblick, bis die Hundemama versteht, dass sie durch eine gewisse "Fügung" ihren Schmerz über den Verlust des totgeborenen Welpen überwinden kann, dann aber ist sie voll Mutter. Sie adoptiert die Ausgesetzten innerhalb kürzester Zeit und leckt und säugt sie, wie es eine eigene Mutter nicht besser machen könnte.Thomas Busch
  • Dieser Eingang haelt was er verspricht
  • Der Welpen und Junghundebereich
  • Melanie und Ines beziehen Stellung
  • Manche moegen es warm

Begleiten Sie uns stattdessen in die Gegenwart und in die Zukunft des Tierschutzes.
Diese beginnt wie immer auf einem Schotterweg raus aus der Zivilisation. Tierheime findet man ja bekanntlich entweder neben Müllhalden oder in Industriegegenden. An einer Abbiegung zeigt Hannelore, die es sich nicht nehmen lies, uns persönlich vom Flughafen abzuholen, stolz auf ihr Tierheim. Wir sehen es aber nicht. Dort, wo ihr Finger hinzeigt, liegt eine kleine Einfamilienhaus-Siedlung mit fünf hübschen Häusern und netten Gärten in einem seichten Tal, eingebettet zwischen Baumwollfeldern. Umgeben von hohen Zäunen, an denen sich rankende, blühende Pflanzen zur Sonne hin strecken. So eine niveauvolle Häuseransammlung in der Nähe eines Tierheimes? Wie geht so etwas?

Aber egal wie sehr wir das Tierheim auch suchen, wir entdecken es nicht. Der Jeep folgt dem Schotterweg und hält Kurs auf die Siedlung. Je näher wir kommen desto klarer wird es: Das ist keine Neubausiedlung, das ist das Tierheim!

Wahnsinn. So etwas habe ich in Griechenland selten gesehen. Eigentlich noch nie. Beschreiben möchte ich hier nichts, die Bilder sprechen für sich. Es ist aber auch an alles gedacht worden inklusive einer perfekten Umsetzung. Selbst der OP-Raum, den wir mit dieser Kastrationsaktion einweihen möchten, lässt keine Wünsche offen. Sauberkeit ist hier verbunden mit einer top Einrichtung.

Hannelore führt uns stolz herum und meint anschließend, dass sie uns nun ins Hotel fährt, dann können wir ein bisschen ausruhen. Ausruhen? Wovon? Von den letzten 20 Jahren? Da wird ein Nachmittag wohl kaum reichen.

Also streichen wir den Strandspaziergang und überlegen stattdessen, mit welchen Tieren wir anfangen. 125 sind geplant. Wir hatten mit viel gutem Willen von 75-100 Kastrationen gesprochen, wohlwissentlich, dass die Hunde in dieser Region überwiegend groß sind und die Operationen dementsprechend zeitaufwendiger und anstrengender. Die werden wir nicht schaffen, höre ich mich sagen, ignoriere auch störrisch das Echo in meinem Kopf, das was anderes behauptet.

15 Minuten später liegt nach alter Manier der erste Hund auf dem OP-Tisch. Ich habe schon länger keine Kastrationsaktion mehr begleitet, weil die anderen Aufgaben unseres Vereins einfach keine Zeit mehr übrig lassen. Außerdem haben wir neue, junge Kolleginnen, die nahezu versessen darauf sind, ihre chirurgischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Da darf der ältere Herr sich gerne vom OP-Bereich entfernen. Jetzt aber mal wieder eine Spritze anzufassen, fühlt ich vertraut an. Und sinnvoll.

Wie sinnvoll, das erleben wir am zweiten Tag, als eine extrem dicke und damit schwangere Hündin vor uns liegt. Als Melanie das Skalpell ansetzt, tritt aus dem Bauchraum grüne Flüssigkeit heraus. Wahrlich kein gutes Zeichen. Die Gebärmutter war im Körper des Tieres geplatzt, ein toter Welpe schwamm im Bauch und selbst ein Nichtmediziner kann sich vorstellen, dass das nicht witzig ist. An eine normale Geburt wäre nicht zu denken gewesen, das Tier wäre jämmerlich verendet. Somit ist dies hier eine Notoperation und wir tun alles, um die Mutter zu retten. Die OP verläuft den Umständen entsprechend gut, aber erst in den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die Hündin die Entzündungen in ihrem Bauch überleben wird. Ab jetzt passt rund um die Uhr jemand auf sie auf.

Ein All-Inklusiv-Paket, welches nur durch die vielen fleißigen Helfer erfüllt werden kann, die extra aus Deutschland angereist sind. Ich möchte mich herzlich für die tolle Arbeit bei Euch allen bedanken!

Inzwischen sind wir warmgelaufen, was auch der Verantwortliche für den Tierschutz der Gemeinde mit einem wohlwollenden Nicken dokumentiert. Er hat es sich nicht nehmen lassen, gemeinsam mit der Amtstierärztin vorbeizuschauen. Sie sind beide begeistert und sagen bei der Verabschiedung "Great Job". Dadurch sind aber dringende Fragen noch nicht beantwortet. Ein späteres Treffen wird folgen, bei dem wir über die Weiterführung im kommenden Jahr sprechen, über die unsinnigen Leishmaniose-Untersuchungen, die Kennzeichnung der Tiere und über das Einfangen seitens der Hundefänger. Am nächsten Tag ist er wieder da und wir reden gemeinsam über das Jahr 2018. Das Ergebnis klingt sehr vielversprechend.

Die Gemeinde zu begeistern und zu überzeugen ist einer der wichtigsten Schritte bei diesem Kennenlernen-Einsatz. Genauso wichtig finden wir aber auch die Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Kollegen, von denen einer der Tierheim betreuende Tierarzt ist. Wir verstehen uns auf Anhieb. Er ist aufgeschlossen, nett und chirurgisch weit vorne. So teilen wir das Equipment und er operiert an dem einen Tisch, Melanie an dem anderen. Nette Gespräche begleiten die Operationen. Die Aufgabe von Hannelore und Nicole wird es sein, in Zukunft einen Kompromiss zu finden, der ihn auch an den Kastrationsaktionen teilnehmen lassen wird. Wir freuen uns darauf und sind sicher, dass die beiden das mit ihrer charmanten Art hinbekommen werden. Als wir schon sehr ausgelassen den dritten und damit letzten Tag (dachten wir zumindest) beginnen, trübt sich die Laune aller Mitarbeiter sehr schnell. Da gestern ohne Ende Tiere gebracht wurden und gegen 22:00 Uhr immer noch 39 warteten, beendeten wir den Tag, tränkten alle, deckten sie gegen die nächtliche Kälte zu und vertrösteten sie auf morgen. Dieses "warten lassen" machen wir ungern, aber in diesem Fall ging es einfach nicht anders. Selbst eine Nachtschicht hätte nicht viel gebracht. In einem dieser Käfige saß nun eine Hündin, der nicht anzusehen war, dass sie trächtig war.

Als wir am Morgen die Käfige abdeckten, lag ein Neugeborenes mit seiner Mutter vor uns, das offensichtlich tot war. Was genau passierte, können wir nicht mehr rekonstruieren, vermuten aber, dass es tot geboren wurde. Schon schwer für uns, noch viel schwerer aber für die Mama, die das offensichtlich nicht wahrhaben will. Immer wieder stößt sie das Kleine an, leckt es ab, schiebt es unter sich, um es zu wärmen. Der Anblick der liebenden Hundemama zieht uns allen die Beine weg. Wir beginnen unsere Arbeit im Frustmodus. Wolken hängen im OP, die gegen Mittag mit einem, an unsere Ohren dringenden Satz, aufklaren. "Neun Welpen in einer Mülltonne gefunden und auf dem Weg ins Tierheim". Wahrlich keine schönen Nachrichten, heute allerdings schon.

Zwar braucht es einen kurzen Augenblick, bis die Hundemama versteht, dass sie durch eine gewisse "Fügung" ihren Schmerz über den Verlust des totgeborenen Welpen überwinden kann, dann aber ist sie voll Mutter. Sie adoptiert die Ausgesetzten innerhalb kürzester Zeit und leckt und säugt sie, wie es eine eigene Mutter nicht besser machen könnte.
Und im OP scheint wieder die Sonne.

Bis auf 11 Tiere haben wir alle geschafft. 136 Kastrationen sind es im Ganzen geworden. 59 Hündinnen, 40 Rüden, 26 Katzen, 11 Kater. Da ich sehr früh am Morgen nach Deutschland zurückfliege, Melanie und Ines aber noch zu einem anderen Einsatz bei Thessaloniki aufbrechen, aber erst gegen Mittag abgeholt werden, machen sich die beiden noch einmal auf ins Tierheim. Wäre ja doof, wenn man nicht alles schafft? Von dort senden sie mir ein Video zu, das die Hündin mit der Bauchfellentzündung zeigt. Sie trinkt und frisst inzwischen selbstständig und lässt die Hoffnung zu, dass sie es schaffen wird.

Es war ein großartiger Einsatz, begleitet von einem tollen Team, durchgeführt in einem der schönsten Tierheime, die ich in Griechenland je betreten habe. Wir haben einen fachlich großartigen griechischen Kollegen kennenlernen dürfen und eine Gemeinde, die hinter all dem steht. Hannelore und Nicole, was Ihr dort geschaffen habt, verdient größten Respekt. Wir wissen, dass wir mit unserer Arbeit ein neues Kapitel in Eure Zukunft integrieren können. Ich weiß selbstverständlich auch, dass das Retten der bereits geborenen Tiere eine absolut wichtige Aufgabe ist. Gelingt es Euch aber zusätzlich, die Kastrationen gleichfalls zu fördern, seid Ihr dem Olymp nicht nur geografisch nah. Ich weiß auch, dass die Finanzierung nicht einfach sein wird, bin mir aber sicher, dass Ihr Eure Sponsoren von der Parallelität der Verantwortung gegenüber den vorhandenen Tieren, wie den nicht Geborenen, überzeugen könnt.

Und ich habe mich sehr gefreut, dass Ihr nach diesen anstrengenden Tagen heil mit Eurem Transporter und den geretteten Vierbeinern nach über 26 Stunden Autofahrt, heil in Deutschland angekommen seid. Danke für wunderbare drei Tage und bis 2018.
Thomas

Dieser Einsatz wurde finanziert von:
A.C.E. - Animal Compassion Europe - Tiere in Not e.V.
www.ace-tiere-in-not.de

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

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