Griechenland schreibt Geschichte -– Tierschutzgeschichte!

01.05.2012

Da liegt das Land unter uns. Die Geburtsstätte der großen Philosophen, der Dichter und Denker, Mathematiker und Astrologen - und der Demokratie. Das Wort Demokratie bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Das Volk hatte einst die Macht und die Mitbestimmung. Staubige Erde ist von der einstigen, optimistisch stimmenden Definition übrig geblieben. Das Volk fühlt sich von der Politik von heute verraten und rebelliert mit einem zwanghaft selbstkreierten Linksruck. Die Maschine dreht in den Queranflug.Wir hatten immer unser Ziel vor AugenWir haben sie fast alle besucht, die Orte die Berühmtheit erlangten. Marathon erscheint am weiten Horizont. Hier wurde die persische Übermacht ins Meer zurückgedrängt. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Läufers, der die frohe Botschaft 42 km nach Athen brachte und dann vor Erschöpfung tot zusammenbrach.

Ganz in der Nähe davon liegt heute Oropos. Wie oft halfen wir hier? Wir wissen es nicht mehr. Weiter im Norden liegt Skiathos, eine kleine Insel der nördlichen Sporaden. Auch hier fragte man nach uns. Wir kamen. Im Endanflug und keine 300 Höhenmeter mehr von einem kühlen Mythos entfernt erkennen wir über der Hauptstadt die Stätte, an denen wir in all den Jahren unendlich vielen Hunden und Katzen geholfen haben. Die verstaubten Worte des damaligen Amtstierarztes von Thessaloniki „Wenn ich Euch mit einem Skalpell in der Hand erwische, lasse ich Euch einsperren“, haben ihre Drohung verloren. Gänzlich! Auch eine Frau Karagouni ist mit ihren kriminellen Machenschaften Vergangenheit geworden. Wir fühlen uns zwischen den riesigen Tragflächen der 737 majestätisch frei. Eine Kollegin aus Athen holt uns am Flughafen ab. Seit Jahren hilft auch sie den Tieren. Ihr ist die erdrückende Stimmung, die auf ihrem Land lastet, anzumerken.

Sie freut sich, uns wiederzusehen und fährt uns Richtung Norden. Immer wieder passieren wir Orte, an denen unsere Hilfe dringend erforderlich war. Immer in Angst, gegen ein Gesetz verstoßen zu müssen, um den Tieren im Sinne unserer Überzeugung und unserer Berufung als Tierärzte dienen zu können. Larissa, Thessaloniki, Chalkidiki im Norden, Korfu, Aegina und Delphi, die Heimat des Orakel im Westen, Samos, Kos, Rhodos, Ikaria, Andros im Osten. Und selbstverständlich im Süden – Kreta, die Geburtstätte von Zeus. Unsere Arbeit war und ist in Griechenland in der Szene, auf die wir uns verlassen konnten, bekannt und geschätzt.Das Ziel greifbar nahHeute fühlen wir uns leicht wie eine Feder, obwohl unser Gepäck mal wieder die Gewichtsgrenzen der Luftfracht sprengte. Am Hafen von Ag. Konstantinos verabschieden wir uns von unserer Kollegin und klettern aufrecht auf die Fähre. ; Auf der wunderschönen Sporadeninsel Skopelos werden wir schon sehnsüchtig erwartet...

Skopelos – ein Ort an dem im Mai 2012 Geschichte geschrieben wird. Moderne Geschichte!Der Bürgermeister von Skopelos, Herr Giorgos Michelis, hat alle Vorgaben, die das Tierschutzgesetz verlangt, erfüllt. Der unterschriebene Vertrag befindet sich in meinem Gepäck. Der Amtstierarzt hat den Raum abgenommen. Der Förderverein sponsert, um ein Exempel zu statuieren, die erste legale Kastrationsaktion des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V. Britta Schubring von der hiesigen Tierschutzorganisation SCAN (Skopelos Caring for Animals and Nature) ; hat all dies mit viel Liebe und Schweiß organisiert und ist von Pontius zu Pilatus gelaufen um den Straßentieren von Skopelos zu helfen - und sie hat es endlich geschafft!!! Sie ist unsere Ansprechpartnerin vor Ort. Nichts und niemand kann und will uns jetzt noch etwas anhaben. Keine Karagouni, kein Amtsarzt, keine Polizei. Im Gegenteil; man möchte, dass wir kommen!!! Über 10 Jahre haben wir auf diesen Moment gewartet. 10 Jahre in denen wir nicht helfen durften, in denen wir auf die Reservebank verbannt waren und zugucken mussten, wie andere das Spiel weder beherrschten noch um einen Sieg bemüht waren.

Wir spielten nach unseren eigenen Regeln, wurden unsichtbar und siegten trotzdem bei vielen Wettkämpfen. Den juristischen Weg eingeschlagen zu haben, und die dort gegebenen Möglichkeiten auszuschöpfen beziehungsweise einzuklagen, war eine goldrichtige Empfehlung unserer bis heute mit uns zusammenarbeitenden Rechtsanwältin Christina Rohde. Ohne sie wären wir jetzt nicht hier! Kurz nachdem wir unseren OP-Raum in Augenschein genommen und eingerichtet haben, lässt sich die alte Griechin in aller Ruhe übersetzen, was sie in wenigen Sekunden unterschreiben wird. Es ist die Erklärung, mit der sie uns bestätigt, dass das von ihr gebrachte Tier nicht ihr gehört, sondern sie es in ihrer Umgebung eingefangen hat, um es von uns kastrieren zu lassen.

Ohne zu zögern setzt sie ihre Unterschrift auf das Papier. Es ist nicht ihre Katze, aber aus purem Mitleid begann sie, das hungernde Tier zu füttern. Seitdem hat der kleine Tiger sie nicht mehr verlassen. Er ist in das leerstehende Nachbargrundstück gezogen und kommt immer zum Essen zu ihr rüber. Ob sie schon einmal mit ihm beim Tierarzt war, zum Beispiel um es impfen zu lassen, wollen wir wissen. „Nein“, lautet die Antwort, dafür hat sie kein Geld, und außerdem gibt es auf Skopelos keinen richtigen Tierarzt. Sie mag Tiere, und jedes Mal wenn sie auf dem Weg in die Stadt an einem verletzten oder abgemagerten Tier vorbei kommt, muss sie sich wegdrehen, denn sie kann nicht alle füttern. Sie muss selbst sehen, wie sie über die Runden kommt. Die Zeiten sind hart geworden. Es ist ein Segen, dass wir da sind! Wir kümmern uns um den kleinen Tiger. Wie schon sooo oft in unserem Leben. Damit hat dieses Tier, ohne es zu wissen, ein Zeichen gesetzt. Es ist der Beginn einer offiziellen Kastrationsaktion unseres Fördervereins, wie es sie seit unserer Existenz in Griechenland noch niemals gab, und somit können wir offen verkunden: „Wir kastrieren eine Katze!“.Endlich haben wir die Gelegenheit, unser Wirken und den wichtigsten Teil unserer Arbeit öffentlich zu machen.

Ab jetzt können wir Sie endlich informieren, teilhaben lassen und Ihnen unseren Weg aufzeichnen. Den Weg den unser Motto „Kastrationen um Leben zu retten“ schon Tausende Male aufgezeigt hat. Nun haben wir auch die Möglichkeit, Sie um Hilfe und Unterstützung bei den Kastrationen zu bitten. ; Endlich!!!Am Nachmittag sitzen wir mit dem Bürgermeister von Skopelos, Herrn Giorgos Michelis, ; an einem Tisch und essen zu Mittag. Auch ihm merkt man seinen bedrückten Gemütszustand an. Er ist weltoffen, gebildet und erkennt mit Schrecken die Ohnmacht, die sein Land belastet. Die menschenleeren Strände, die in den Jahren zuvor bereits Anfang Mai mit Touristen belegt waren, glänzen mit naturbelassener Leere. Herr Michelis hat ein Gefühl für die Natur, es macht ihn traurig, wenn er sieht, wie junge Leute ihren Müll einfach aus dem Auto werfen. Schulaufklärung ist ihm wichtig, aber in der heutigen Zeit muss man froh sein, wenn die regulären Schulbücher nicht ausbleiben. Er ist glücklich, dass wir da sind und ihm ein kleines Stückchen Sorge abnehmen. Denn auch er hat ein Herz für die Straßentiere von Skopelos. Von seiner sehr netten Assitentin, Dimitra Rekka, die sich bereits bei uns im OP umgesehen hat, hat er gehört, wie professionell wir arbeiten, er möchte es sich deshalb nicht nehmen lassen, selber einen Blick in den OP zu werfen. Wir heißen ihn herzlich willkommen.

Diese Kastrationsaktion war die wichtigste in Griechenland, weil es eben die erste unseres Vereines war, die mit allen Genehmigungen das griechische Tierschutzgesetz eingehalten hat. In zwei Tagen haben wir über 50 Katzen und Hunde kastriert und insgesamt über 60 Operationen durchgeführt, darunter eine Amputation, Tumorentfernung etc.Approbierte, anerkannte deutsche Tierärzte mit einer griechischen Zulassung wollte man in diesem Land nicht haben. Wir klagten mehr als drei Jahre mit Hilfe der Europäischen Kommission auf unser Recht und gewannen vor zirka einem Jahr. Für alle Tierärzte, die Ähnliches planen, ist Dank unserer oft nervenaufreibenden Bemühungen der Weg geebnet!Wir sind glücklich, endlich für die jahrelangen Bemühungen entlohnt worden zu sein. Es ist ein Gefühl der Genugtuung die schier unüberwindbaren Barrieren im Kampf gegen das Leid gewonnen zu haben. Und Skopelos ist erst der Anfang!

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