Heraklion - Mai 2017

27.05.2017
Ein Bericht von:
Maria Fichtinger

Das wollte ich schon lange! Und jetzt hat es sich spontan ergeben, dass ich im Tierärztepool des Fördervereins Arche Noah e.V. "mitschwimmen" durfte. Und ich war richtig gespannt auf meine erste Live-Operation.
Von Dr. Melanie Stehle habe ich die sehr abenteuerliche Anfahrt zum Tierheim in Wort und Bild geschickt bekommen, und war selbst erstaunt, als ich dort auf Anhieb ohne Umwege und Achsenbruch angekommen bin. Südlich von Heraklion hinter Finika liegt in den Bergen versteckt das städtische Tierheim, und in zwei Hallen sind jeweils zweimal 20 Zwinger mit zugehörigem Außenbereich, ich schätze die Fläche auf gesamt ca. acht Quadratmeter, eingerichtet. Besucher werden mit einem Riesenspektakel empfangen, weil vermutlich jeder Hund hofft, dass der Lauteste auch mitgenommen wird.

Ich habe noch an keinem Ort auf Kreta kastriert, wo so viele Pitbulls das Bild der ausgesetzten Straßentiere prägen. Vielen von ihnen werden die Ohren abgeschnitten. Anfangs als Welpen adoptiert und als Statussymbol gehalten. Später überflüssig und abgestoßen. Und letztendlich eines Morgens vor den Toren des Tierheimes angebunden.Dr. Melanie Stehle

Die "Klinik" ist in einem weiteren Bau untergebracht. Sie besteht aus 6 kleinen Räumen, in denen vom Putzzeug bis zum spärlich bestückten Medikamentenschrank alles untergebracht ist. Ein Büro für Maria, der Mitarbeiterin des Heims, ein Büro inklusive Umkleide für den jungen griechischen Tierarzt Thanassis, welches gleichzeitig "Aufwachraum" für die Tiere ist. Der gegenüberliegende ist "Vorbereitung", der nächste ist der "OP", ausgestattet mit einem OP-Tisch, einer mitgebrachten OP-Lampe, einem Miniwaschbecken mit kleiner Zahnbürste, wenigstens bleibt Platz für zwei zierliche, arbeitende Menschen. Ein Miniraum im Anschluss ist Lager. Wer die spärliche Einrichtung der Räume sieht, kann sich kaum vorstellen, dass hier ohne Pause von morgens 8.00 bis abends schon mal locker 12 Stunden erfolgreich operiert wird. Gearbeitet wird mit Instrumenten, die täglich mit einer kleinen Zahnbürste geputzt und dann sterilisiert werden. Die OP-Tisch-Auflagen werden nach jedem Tier desinfiziert und, so sparsam wie hygienisch zu verantworten, gewechselt.

Freitag gegen 10.00 Uhr bin ich angekommen, da waren die ersten Hunde bereits kastriert, einer lag auf dem Tisch, einer schlafend am Boden, einer wurde vorbereitet und fünf warteten darauf, unter die liebevollen Hände bzw. Messer der beiden Ärztinnen Melanie und Dörte zu kommen. Dörte Krause ist eine junge Ärztin, relativ neu im Team und bereits voll integriert. Sie bereitet beruhigend die Tiere vor, rasiert die OP-Stelle, verabreicht die Beruhigungsspritze, ist Assistenz bei der Narkose und macht die Aufwachroutine.

Melanie ist zwar auch jung, aber ein "Alter Hase" im Tierschutz bzw. im Kastrationsteam. Melanie nahm mich herzlich auf, erklärte mir am OP-bereiten Hund ihre Vorgehensweise und so nebenher ergab sich ziemlich schnell, wo ich mit anpacken konnte. Meine jahrelange Arbeit in der Menschenpraxis hatte den Vorteil, dass mein Hirn einiges wieder ausgraben konnte. Man kann es im übertragenen Sinne einen Genuss nennen, Melanie bei der Arbeit zuzusehen. Mit absoluter Ruhe sitzt jeder Handgriff wohlüberlegt und zielorientiert. Da kommt ein leises "kannst du bitte die Narkose Nullkomma sowieso?", oder "bitte sterile Tupfer?" oder es fällt der Blick auf einen der beiden operierten am Boden liegenden Hunde, der gerade den Kopf hebt. Sie registriert alles, ohne das Wesentliche, die OP und das Wohl des Tieres, aus dem Auge zu verlieren. Sogar für eine Streicheleinheit reicht es zwischendurch. Beide arbeiten so ruhig und dynamisch zusammen, mit durchgängig leiser Freundlichkeit. So viel produktive Arbeit in solch einer angenehmen Atmosphäre unter diesen erschwerten Umständen bei fast 40°C habe ich bisher noch nicht erlebt. Und die vielen Stunden ohne Pause, lediglich mal 5 Minuten Luftholen, Wasser trinken, ein paar Nüsse oder Obst in den Mund schieben.

Um halb sieben sind wir schließlich fertig. Aufatmen, Durchatmen. Es war ein erfolgreicher Tag mit mehr als 20 Operationen. Melanie und Dörte fahren nach Rethymnon, ich muss wieder in die Berge nach Anogeia, jeweils mind. 1 Stunde Fahrt.
Am Samstag kenne ich die Löcher des Schotterweges schon besser, um kurz nach 9.00 Uhr bin ich da. Natürlich arbeiten die beiden schon seit über einer Stunde. Ansonsten sind wie gestern Thanassis und die beiden Mitarbeiterinnen Maria und Olga anwesend. Zum Team des Tierheims gehörend habe ich gestern auch noch zwei starke Männer kennen gelernt, die haben heute offensichtlich frei. Es ist schon eine Freude, wenn man wie hier tierliebe Griechen erleben darf. Die helfen übrigens richtig mit, indem sie auf freundliches Kommando die Hunde zur Vorbereitung und die Operierten wieder "to spiti" - ins Haus bzw. den Zwinger bringen. Thanassis ist ein junger griechischer Arzt, der Montag bis Freitag die Tiere betreut und ebenfalls mithilft wo er gebraucht wird.

Interessant ist es zu wissen, dass die deutschen Ärzte kostenfrei arbeiten, aber ausschließlich nur kastrieren dürfen, und dass in Heraklion inzwischen Kastrationen sogar als sinnvoll und vor allem effektiv erkannt werden. Im letzten Jahr war es dagegen in Ierapetra noch so, dass der Bürgermeister Kastrationen durch die deutschen Ärzte als illegal gesehen und unter Strafe gestellt hat!
Anfangs scheint es heute ruhiger zu sein. Doch das täuscht. Am frühen Nachmittag sind es bereits 13 Hunde und zwei Katzen, die kastriert wurden. Auffallend ist, dass es wie am Freitag nur 2 oder 3 Rüden sind, und alles andere sind Hündinnen. Wobei die Kastration einer Hündin eine schwierige OP ist, die auch ohne Komplikation wesentlich mehr Zeit und Konzentration und präzises, keimfreies Arbeiten abverlangt. Der Schnitt ist minimal, sodass Melanie eben mit dem Besteck reinkommt und rausholen kann, was raus soll.

Die beiden schaffen auch heute wieder ohne Hektik und ohne Nervosität über 20 OPs, wobei gegen Abend zwei sehr schwierige Operationen den Abschluss machen. Ich habe erfolgreich einige Venenkatheter gezogen, Pflaster entfernt und Hunde tätowiert und gestreichelt und ziemlich viel Besteck mit der Zahnbürste geputzt. Knapp 20.00 Uhr ist es, als wir alles zusammenräumen, das mitgebrachte Equipment im Auto verstauen, dazu einen Hund, und mein Fazit: es waren wundervoll anstrengende und unvergessliche Tage mit Menschen, die Können, Herz und Gefühl in ihre Arbeit hängen - zwei Tage Kastrationen beim Arche Noah Tierärztepool. Ich bin müde aber glücklich und "gut drauf". Komme sehr gerne wieder! Ich danke Thomas Busch, dass er es mir ermöglicht hat und danke an die beiden Ärztinnen, dass sie mich so eingebunden haben!
Maria Fichtinger

Ein Bericht von:
Maria Fichtinger

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