Kapverden 2010 - Für Dich Henriette

02.06.2010
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Update: Juli 2012: Ein Brief von Susanne Augusta, Henriettes Tochter, finden Sie am Ende dieses Artikels.
Acht mal werden wir das Verkehrsmittel wechseln. Einhundert Kilo lebensnotwendiges Equipment müssen wir irgendwie transportieren und in die Flugzeuge hineinbekommen, wissentlich, dass nur 20 kg pro Person erlaubt sind. Die Sprühflaschen mit Adhäsivkleber und Aluspray zur Wundabdeckung sind beim Flughafensicherheitspersonal eh immer ein rotes Tuch und werden regelmäßig aussortiert.Einundzwanzig Stunden werden wir unterwegs sein, bis wir endlich am Einsatzort sind und todmüde weit nach Mitternacht ins Bett fallen. Dann werden uns die Moskitos, als willkommene weiße Abwechslung auf ihrem Speiseplan, malträtieren.

Eine ältere Dame mit dunklem Haar und einem Wiener Akzent hat von “oben” ihre Hände über uns und eine Insel im Atlantik gehalten, in die sie zeitlebens verliebt war. Wir waren nur zu dumm, dies zu bemerken.Thomas Busch

Im OP sind locker 35 Grad, die Luft ist stickig und ohne Chance auf einen einzigen kühlen Windzug werden wir schwitzen wie in einer Sauna.Wie immer werden wir krank werden. Praia ohne Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen hat es noch nie gegeben. Zwei Tage werden wir das Klo hüten und froh sein, wenn der, zum Teil sogar blutige, Spuk endlich vorbei ist. Bei dem allgegenwärtigen Dreck und dem Krach in einer der ärmsten Gegenden auf den Kapverden werden wir uns sehnlich zurückwünschen in die kühle Heimat in der der Frühling an einem Wochenende stattfand und der Sommer endlos auf sich warten ließ.Wir werden jeden Tag mindestens 12 Stunden operieren, ohne Rücksicht auf Wochenenden oder Feiertage, so dass wir bis auf die wenigen Minuten im Taxi, welches uns jeden Morgen nach Ponta D’agua und abends wieder zurück ins Hotel bringt, und natürlich die verbleibenden Stunden der durch die Moskitos gestörten Nachtstunden, das Gefühl nicht loswerden, lediglich einen einzigen Tag auf den Kapverden verbracht zu haben.

Kurz: unsere Lust zu fliegen bewegt sich gegen Null.Aber wir haben damals Henriette und Herwig versprochen, weiterhin zu helfen und jedes Kind weiß:„ Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen!“ Am Flughafen von Praia, der Hauptstadt der Kapverdischen Inseln, heißt uns Dr. Herwig Zach nach unserer Anreiseodyssee herzlich willkommen. Er hat es sich nicht nehmen lassen, uns zu dieser Nachtzeit (er hat ein bisschen mehr Glück als wir, denn die Uhr wird auf den Kapverden drei Stunden zurückgestellt) abzuholen. Wir umarmen uns wie alte Freunde, jeder in kurzen Gedanken der Vergangenheit anhaftend. Denn bei der letzten Reise stand – wie immer – die Initiatorin Henriette Wirtl an seiner Stelle. Henriette verstarb im letzten Jahr nach langem Krebsleiden. Aber wir „Erben“ spüren bei der Willkommensumarmung ohne Worte, dass es eine Kastrationsaktion in Henriettes geliebter Wahlheimat ohne sie nie geben wird.

Dann ist das Thema, ohne jemals darüber gesprochen zu haben, vom Tisch und wir hieven die Koffer vom Band. 100 Kilo sind angekommen! Lediglich eine Flasche Aluspray (von 8!) haben die Sicherheitsbeamten in Deutschland gefunden. Wenn unsere Flaschen tatsächlich sooo gefährlich für die Flugsicherheit sind, sind wir ja beruhigt, dass sie die sieben anderen nicht gefunden haben... Es ist angenehm kühl draußen und auf dem Weg zum Hotel verlieren wir uns unverzüglich ins Thema. Die Zeit ist knapp, die Arbeit, wie immer, unendlich. Dann fallen wir komatös in einen tiefen Schlaf, ohne dass einer von uns die Moskitos wahrnimmt. Am frühen Morgen sind alle in der „Klinik“. Cesaltina, Madueno, Lucia, Gandi, die Köchin Bertinia und ein neues Gesicht: Jenny. Sie fungiert als Dolmetscherin, spricht fließend Deutsch, was als gebürtige Heidelbergerin auch nicht allzu sehr verwundert und wird im Laufe der Zeit eine wundervolle Mitarbeiterin. Wir umarmen einen nach dem anderen und nach jeder einzelnen Begrüßung schwindet unsere Unlust, hergekommen zu sein.

In diesem Land gelten andere Regeln als in Deutschland, die durchaus auch ihre Qualität haben. Das Leben konzentriert sich mehr auf sich selbst, die Uhren ticken ohne Zeit. Heimat wäre zu viel gesagt, aber ein paar Quadratzentimeter unseres Herzens sind den Menschen und diesen Mauern verschrieben, in denen in den nächsten 10 Tagen 368 Tiere operiert und ich weiß nicht wie viele behandelt werden. Mehrere Hundert werden es aber garantiert! Außerdem gehören die Kapverden von Anfang an zu den besten Projekten, an denen der Tierärztepool mitgewirkt hat, denn hier leben die Tiere nicht hinter Gittern, sondern frei auf der Straße und es werden bei jeder Aktion fast ausschließlich Tiere von Besitzern kastriert.Das Land ist frei von Reichtum, frei von Neid. Durch seine Armut zählt vielmehr der Mensch an sich, als seine illusionäre Identifikation durch Markenlabel. Der Familienzusammenhalt wird groß geschrieben und Freundschaften durch Taten und nicht durch Worte definiert. Sicherheiten existieren nicht. Man lebt jetzt, nicht später. Es ist für mich schwer, diese Gegebenheiten zu akzeptieren, die gewohnten und anerzogenen Normen loszulassen, entstamme ich schließlich einem Land, in dem genau das Gegenteil von alledem gelebt wird. Aber ich habe auch gelernt, für mich selber keine Vergleiche mehr anzustellen. Ein Leben zwischen den Ländern funktioniert nicht. Entweder man ist in Afrika, dann ist alles eben so, wie es ist, oder man ist in Deutschland, wo auch alles so ist, wie es eben ist. Dazwischen gibt es nichts. Die Gedanken, was wäre wenn, stören und verwirren. So habe ich mir angewöhnt, die Vorteile der vielen Reisen, die ich in meinem Leben unternehmen durfte zu addieren, zu speichern und vor allem zu genießen, was unweigerlich dazu führt, dass man in jedem Land Erinnerungen findet, die gelebt und geliebt werden wollen.

Und genau deshalb genießen wir, trotz aller anfänglichen Unlust und allen Entbehrlichkeiten zum Trotz die Begrüßung und die Umarmung der Menschen, die wir nie wieder aus unserem Gedächtnis streichen können.Gandi hat einen inzwischen fast zwei Jahre alten Sohn. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht und dabei ist sie doch selber noch ein Kind.Ihre Schwester Luicia hat sich überhaupt nicht verändert und Cesaltina versprüht wie immer eine Souveränität, die ihresgleichen sucht. Sie ist nach wie vor in der Position der unantastbaren Respektsperson, der liebenden Mutter, der autoritären Krankenschwester. Ihre Stellung im Team ist zweifellos die höchste und das mit Recht, denn ihr Auftreten ist liebevoll, aber energisch und niemand, absolut niemand würde es wagen, Cesaltina zu widersprechen.Und Madueno? Auch er ist inzwischen Vater geworden – mit 19 Jahren.Da es sich bei bons amigos aber um ein Tierschutzprojekt handelt, ist es an der Zeit, dass wir uns unserer Aufgabe widmen. Herwigs Vorgaben sind eindeutig! Er formuliert es nach seiner vornehmen Art ausgesprochen höflich, aber 300 Tiere in 10 Tagen, dass wäre schon toll... Da auch Ines und ich nach all den Jahren immer noch verrückt genug sind, unsere Ziele höher und höher zu stecken, reicht ein kurzer Blick und Thomas Gottschalk würde sagen: „Topp, die Wette gilt!“Zeit zum Aufwärmen bleibt da natürlich keine. Ein Hund steht auf dem Tisch und röchelt vor sich hin. Madueno und Cesaltina, das Herz der Klinik, haben eine Vergiftung diagnostiziert und die lebensrettenden Maßnahmen eingeleitet. Atropin und eine Infusion sind die vollkommen richtige Therapie. Ein schönes Gefühl, die vielen Stunden des Trainings der beiden gut investiert zu wissen.

Nach einem anschließenden kurzen Rundgang durch die „Klinik“ stellen wir fest, dass an jeder Stelle peinliche Sauberkeit herrscht. Alles ist aufgeräumt, die Kühlware im Kühlschrank, das Lager sortiert und übersichtlich.Madueno brennt darauf, uns zu zeigen, wie sicher er inzwischen in der Chirurgie geworden ist. Einen Rüden legt er in Narkose und es versteht sich von selbst, dass wir nichts, absolut nichts, zu beanstanden haben. Jeder seiner Handgriffe sitzt.Es fällt mir schwer über einen jungen Mann zu berichten, ohne hunderte Kollegen zu diskreditieren. Über einen jungen Mann, der nie eine einzige Stunde in einem Hörsaal verbracht hat und der von einem Studium, außer dem Namen, noch nie etwas gehört hat. Lediglich unzählige Stunden des harten Trainings hat er am OP-Tisch verbracht, stets begleitet von Herwigs oder Ines strengen Blicken.Bis zu dem Moment, in dem er ein steriles OP-Tuch über das Tier deckt, suche ich nach Worten. Dann aber weiß ich, wie ich ihn beschreibe. Madueno ist eine Kopie. Es sind exakt die gleichen Handgriffe, die ich bereits tausende Male gesehen habe. Jede Bewegung erscheint mir wie der zu Licht gewordene Schatten von Ines. Lediglich die dunklen Unterarme, die kräftig aus seinen, mit sterilen OP-Handschuhen abgedeckten Händen luken, lassen einen Unterschied erkennen. Er ist nicht einmal nervös. Dann setzt er das Skalpell an und niemand zweifelt in diesem Moment noch daran, ob dieser 19-jährige weiß, was er da tut. Etwas mehr Respekt und Nervosität hätten wir erwartet, als wir kritisch auf seine Finger schauen, aber Madueno denkt gar nicht an so etwas und summt ein Liedchen vor sich hin, als er den Rüden kastriert.

Wie viele er denn bisher operiert hat, fragen wir und als die Antwort "„10 pro Woche“" lautet, ist alles klar. Damit hat er mehr Übung als manch ein Kollege in heimischer Praxis.Nachdem dieser Test komplett bestanden ist, ist es klar, dass Madueno in den nächsten zwei Wochen Hündinnen kastrieren wird. Auch hier hat er bereits Erfahrung, denn einige Kaiserschnitte, in denen die Welpen im Geburtskanal fest hingen und weder vor noch zurück kamen, hat Madueno erfolgreich operiert. Nie werde ich die Geschichte von Henriette vergessen, als sie mich, stolz wie eine Mutter, in Deutschland anrief und mir unter Tränen erzählte, dass Madueno genau an seinem 18.Geburtstag einem schwer verletzten Hund das Leben rettete, indem er sein Bein amputierte. Oder die Geschichte von Herwig, als er bei einem der letzten Einsätze einen Tag Pause machen wollte und, kaum hatte er sich in ein Cafe gesetzt, das Telefon klingelte und er zur Klinik zurückgerufen wurde, weil eine Hündin, deren Welpe im Geburtskanal steckte, einen Kaiserschnitt brauchte. Als Herwig die Klinik erreichte, nähte Madueno das Tier gerade zu. Sie lebt bis heute. Herwig hatte damals Tränen des Stolzes in den Augen und mir geht es jetzt und hier nicht anders.

Selbstverständlich haftet diesem Talent aber auch Kritik an. Selbstkritik wäre das bessere Wort, das wissen natürlich auch wir, die hier anwesenden und verantwortlichen Tierärzte. Madueno wird zwar vom Ministerium gedeckt und als ein wahrer Segen für die Hauptstadt empfunden, aber damit fehlen ihm trotzdem die offiziellen Papiere und selbstverständlich das Studium. Aber wenigstens ein Diplom soll er bekommen, das haben uns die Herren der Stadtverwaltung versprochen. Außerdem wird Herwig mit Hochdruck daran arbeiten, dass Madueno einen Studienplatz entweder in Portugal oder auf Kuba bekommt. Die Probleme des Visums müssen schnellstmöglich beseitigt werden. Ob Madueno begreift, welche großartige Chance sich ihm bietet und ob er letztlich alle notwendigen Voraussetzungen mitbringt, ein Studium und eventuell auch gleichzeitig eine andere Sprache zu lernen, kann keiner von uns beantworten, aber eines ist klar: wenn dieses Talent und der Ehrgeiz dieses jungen Mannes nicht in jeder Hinsicht gefördert werden, vergeben die Kapverdischen Inseln eine ihrer größten Chancen im Tierschutz!

Während ich spät abends im Hotel diese Zeilen schreibe, fällt mir auf, dass seit unserer Ankunft bereits fünf Tage vergangen sind. Auch wenn sich hier alles wiederholt und jeder Tag aus „Und ewig grüßt das Murmeltier“ sein könnte - einem Film, in dem jeder Tag gleich ist, und jeden Morgen so anfängt, wie der Morgen zuvor - verfliegt die Zeit doch in riesigen Schritten.Herwig hat uns bereits nach einigen Tagen wieder verlassen, denn auch in Österreich wartet eine Menge Arbeit auf ihn. Er hat alle bürokratischen Hindernisse für uns an die Seite geräumt, hat geschaut, dass das von ihm per Post geschickte Equipment aus dem Zoll herauskommt, hat Kontakte geknüpft und versucht, international arbeitende Vereine an bons amigos zu binden, was ihm tatsächlich auch geglückt ist. Seine ruhige und freundliche Art lassen keinen Zweifel aufkommen, dass er es schaffen wird, Henriettes Erbe würdevoll weiterzuführen. In all dem Stress hat er es sich natürlich auch nicht nehmen lassen, chirurgisch tätig zu werden. Eine Liste mit über 300 (!) Patientenbesitzern gilt es abzuarbeiten. Wie in anderen Ländern, in denen der Tierärztepool arbeitet, tragen sich die Tierbesitzer, die ein Tier zur Kastration bringen möchten, üblicherweise in eine Liste ein und werden angerufen, sobald die Tierärzte angereist sind.

Selbst ein Madueno war mit dem Andrang der letzten Wochen überfordert.So stammt das morgendliche Bild vor der „Klinik“ ebenfalls aus dem Film „"Und ewig grüßt das Murmeltier"“. Jeden Morgen ist im Open-air-Wartezimmer die Hölle los. Kurz nach unserer Ankunft gesellt sich ein Kollege aus Portugal zu uns, der von diesem Projekt hörte und mit eigenen Augen sehen wollte, wie 30 Tiere und mehr pro Tag kastriert werden. Dr. João Araújo war ab der ersten Minute eine wichtige Hilfe, auch wenn er anfänglich spürte, dass Ines und ich mit ehrenamtlichen Helfern nicht immer gute Erfahrungen gemacht hatten.Er übernimmt die „consultas“ (Behandlungen) und bereut dies am Samstagabend wie kaum etwas in seinem Leben. Er schafft es tatsächlich, über 200 Hunde zu behandeln. Am Wochenende haben die meisten Kapverdianer frei und kommen in die „Klinik“ um ihr Tier gegen Parasiten behandeln zu lassen. Unser Ivomec-man (Ivomec spritzt man, um die Tiere von Milben (Räude) zu befreien) sitzt spät abends mit hängendem Kopf auf der Bank und murmelt ständig vor sich hin, dass er so etwas noch nie in seinem Leben erlebt hat. Ein Glück für uns, denn so konnten wir – fast ohne Unterbrechungen - ungestört operieren. Fast ungestört... „

"Ein Hund liegt draußen mit einem übel zugerichteten Bein“", sagt Jenny mit einem traurig dreinblickenden Gesichtsausdruck.„ "Madueno, was würdest Du machen?“", fragt Ines, als das Tier vor ihr liegt, immer darauf bedacht, das Trainingsniveau hoch zu halten. Madueno tritt (da er mitten in einer OP ist) mit hoch erhobenen Händen (damit er nichts berührt, was unsteril ist) neben sie, wirft einen kurzen Blick auf das Bein, bittet Ines es zu beugen und zu strecken und sagt: „nicht amputieren.“ Ines jauchzt vor Glück, denn der oberflächliche Anblick hätte ebensogut die Diagnose „Amputation“ zugelassen. Aber alle Knochen und Sehnen sind intakt und selbst wenn das ein bisschen hervorschauende Gelenk offen ist, kann die kleine Hündin mit einem steifen Bein gut zurecht kommen. Madueno geht zurück zu seinem Platz und Ines versorgt gut gelaunt das Beinchen. Sie weiß, dass Madueno uns auch gerne gezeigt hätte, wie gut er amputieren kann, aber selbstverständlich steht die Erhaltung des Beines an erster Stelle.

Kaum fertig, kommt Joao herein mit einem Hund auf dem Arm, dessen Unterkiefer fast aufgelöst ist. Stattdessen ragt ein dicker Tumor aus den nicht mehr zu erkennenden Lefzen heraus. Wir entscheiden uns für das Einschläfern, denn eine Operation würde die Entfernung des halben Unterkiefers bedeuten. Tierliebe hin oder her, aber irgendwo müssen wir realistisch bleiben. Die Besitzer stimmen nach langen Erklärungen der Euthanasie traurig zu. Wir hassen diese Momente, vor allem aber den Stimmungswechsel innerhalb weniger Minuten. Eben noch hoch erfreut über Maduenos richtige Diagnose, folgt kurz darauf der Tiefschlag durch die Einschläferung eines Tieres, das von seinen Besitzern offensichtlich geliebt wurde. Der Leichnam liegt noch auf einem der drei Tische, als Joao mit der nächsten Hiobsbotschaft hereinkommt. Eine Hündin ist in Seitenlage gebracht worden. Untertemperatur, blass, reaktionslos, dicker Bauch. Die Hündin hat seit vielen Tagen nichts mehr gefressen. Wir beratschlagen. Eine Operation in diesem Zustand ist äußerst riskant, aber unumgänglich. Vielleicht ein tumoröses Geschehen, vielleicht tote Welpen im Bauch, vielleicht... Es bleibt Spekulation. Wir bereiten alles vor. Fest steht, die Operation muss schnell gehen, die Narkosezeit so kurz und schonend wie möglich.

Die Hündin wird rasiert, 15 Minuten vor dem Eingriff bereits an den Tropf gehängt und erst mit dem Skalpell in den sterilen Händen von Ines leite ich die Narkose ein. Dann fliegen die Handgriffe und wenige Sekunden später kennen wir das Problem. Kein Wunder, dass Ines beim Abhorchen des Bauches keinen Welpenherzschlag hören konnte, denn die Kleine hat eine Pyometra (Gebärmuttervereiterung). Allerdings in einem solchen Ausmaß, in dem auch wir so etwas noch nie zuvor zu sehen bekommen hatten. Die prall mit Eiter gefüllten Uterushörner sind so dick, als wäre sie kurz vor der Geburt. Wir beten, dass keines dieser Geschosse platzt.Besorgt laufen die Besitzer vor der „Klinik“ auf und ab, aber ich habe ihnen versprochen, unverzüglich Auskunft über den Befund zu geben. Also gehe ich, als Ines mich nicht mehr braucht, zu ihnen und erkläre ihnen, dass die Operation gut verläuft. Ich weise sie aber auch darauf hin, dass die Gefahr mit einer gut verlaufenden OP leider noch lange nicht gebannt ist, denn die Gifte, die inzwischen von der Gebärmutter freigesetzt wurden, belasten den Organismus extrem. Ich betone mehrmals, dass sie in den nächsten Tagen noch sterben kann.

Der Besitzer möchte kurz einen Blick in den OP-Raum werfen, was ich zulasse. Er ist wirklich sehr nett und als er Ines fliegenden Hände und die neben seiner Hündin liegende, pralle Gebärmutter sieht, weiß er, dass die Entscheidung einer Operation die richtige war. Gegen Abend hebt die Hündin ihren Kopf. Sie hat endlos lange in Narkose gelegen, obwohl ich die vorsichtigste Anästhesie meines Lebens gefahren habe. Jeder von uns wünscht sich, dass sie es schaffen wird und streichelt in unregelmäßigen Abständen über ihren Kopf. „Du schaffst es, Kleine – ganz bestimmt! “Am nächsten Tag suche ich die Hündin vergebens. Juan`s Blick sagt alles. Um 5:00 Uhr heute Nacht... Verfluchte Schei...

Ein Welpe sitzt draußen, ihm hat der Onkel des jungen Besitzers den Schwanz mit einem Messer abgeschnitten. Dadurch wird der Hund „scharf“, meint der Onkel. Das einzige was jetzt scharf wird, bin ich und zwar darauf, den Onkel zu erschlagen, aber ähnlich wie bei der deutschen Post, kriegt man die Verantwortlichen nie zu fassen. Draußen sitzt ja nur der Junge. Der kleine Welpe schreit wie am Spieß, als wir den lose baumelnden Strang abschneiden, aber eine Narkose wäre in diesem Alter ein zu großes Risiko. Die lokale Betäubung hat dann wohl nicht so recht angeschlagen, aber als die Milchflasche ins Mäulchen geschoben wird, ist alles vergeben.

Ab jetzt wird es ruhiger im OP. Die „Standard-Operationen“ laufen zügig und wir kommen unserem Ziel von 300 Kastrationen in 10 Tagen näher. Joao und Madueno operieren ebenfalls. Leider wird dadurch Ines „Trott“ immer wieder unterbrochen, denn beide sind noch keine Profis. Und wer schon einmal mit Ines operieren durfte der weiß, dass sie erst dann zufrieden ist, wenn alles perfekt ist. Sie ist als eine Nörglerin vor dem Herren bekannt und wenn einer unser beiden Trainingskandidaten den Schnitt einer Hündin auch nur einen Zentimeter größer macht als Ines es erlaubt, muss er in den imaginären Spartopf einen imaginären Euro zahlen. Ebenso kontrolliert Ines vor jedem Zunähen die Ligaturen um die Eierstöcke, damit das Tier keinerlei Gefahr ausgesetzt ist, durch innere Blutungen zu sterben. Und jeder der hier Operierenden weiß das große Los zu schätzen, Ines als Lehrerin neben sich zu wissen. Aber es sind nicht nur die Trainingseinheiten, die unserem Tempo die Luft nehmen, es ist auch in regelmäßigen Abständen der Strom, der keine Lust mehr hat zu fließen. Damit bekommen wir unser Besteck nicht mehr steril und werden öfter als uns lieb ist zu Pausen gezwungen. Dass das Wasser aus der inzwischen gelegten Leitung auch immer mal wieder versiegt, kennen wir von den vorherigen Reisen zur Genüge und entnehmen es dann hilfsweise aus dem gefüllten Fass im Hof.

Wieder ein Notfall! Eine noch recht junge Hündin ist angefahren worden. Ihr Unterkiefer baumelt lose an ihrem Gesicht herunter. Hört das denn gar nicht mehr auf, denken wir, als ich das Tier schnellstmöglich in Narkose lege. Somit schwinden endlich ihre Schmerzen, die unweigerlich wieder einsetzen, wenn sie aus der Narkose aufwacht. Ihr Unterkiefer ist an mindestens zwei Stellen gebrochen. Eine davon in unmittelbarer Nähe zum Gelenk. An eine Operation ist damit nicht zu denken. Hätte die Kleine sich auf Kreta anfahren lassen, wäre sie in spätestens drei oder vier Tagen durch unser ausgeklügeltes „Notfallausflugprogramm“ auf dem OP-Tisch eines unser ehrenwerten Spezialisten in Deutschland, aber hier ist an so etwas nicht zu denken. Sie würde qualvoll verhungern, denn in ständiger Bewegung würden die Brüche von alleine nicht heilen. Wir beratschlagen lange, kommen aber leider zu keinem guten Ergebnis. Nur Madueno ist gegen ein Einschläfern, was ihn und seine Einstellung ehrt, aber diesmal ungehört bleibt. Wir ziehen die Spritze auf und versprechen der Kleinen, nie wieder Schmerzen zu spüren.So langsam erreicht unsere Laune ihren Tiefpunkt, da nützt es auch nichts, dass Portugal gegen Korea ein 7:0 hinlegt und die deutsche Mannschaft einen Schritt weiter gekommen ist. Im Nebenraum flimmert nämlich ein Fernseher mit den Stromschwankungen mit und informiert die Fußballgemeinde über den aktuellen Stand. Unüberhörbar, wenn ein afrikanisches Land gewinnt.

277 Operationen haben wir inzwischen bewältigt. Wir rechnen nicht mehr in Tagen, sondern in Operationen. Macht ja auch mehr Sinn, denn Herwigs Wunschvorgaben sind uns natürlich Befehl! Bei 278 meldet sich zum ersten Mal mein Magen- und Darmtrakt und auch Joao klagt über ein Ziehen in Blinddarmnähe. Dass Ines eine exzellente Chirurgin ist, quittiert er zwar mit einem Lächeln, aber so wirklich beruhigt sieht er nicht aus. „Operier einfach weiter, das lenkt ab“, trösten wir ihn und genau das tut er dann auch. Ein großer Rüde hat sich angemeldet und klagt über extreme Schmerzen am Ohr. Auch für einen Laien ersichtlich – hier stimmt was nicht. Es handelt sich um ein Othämatom, eine Blutfüllung zwischen Haut und Ohrknorpel. Diese OP ist nicht sonderlich schwer, sie dauert nur sehr lange und hält auf. Joao nimmt sich ihrer an und sorgt damit dafür, dass Ines, die eigentlich erst ab 200 Operationen so richtig warm gelaufen ist, ihr Tempo nicht verringern muss. Aus diesem Grund wage ich es, die Kamera auf ihre Finger zu richten und Ines sprengt tatsächlich ihren eigenen Rekord: sie kastriert eine Hündin in 7 Minuten!

Sie merken, meine lieben Tierfreunde, dass die Stimmung im OP extremen Schwankungen unterworfen ist. Auf der einen Seite steht das nie enden wollende Elend. Es steht im wahrsten Sinne des Wortes ständig vor unserer Tür, auf der anderen Seite aber auch der unendliche Reichtum, davon einen gehörigen Teil abtragen zu können. Denn die Aussagen von Cesaltina zu der Gesamtsituation der Tierpopulation decken sich exakt mit denen der Tierschützer der anderen Länder, in denen wir ebenfalls den Gedanken der Kastrationen vehement voranpuschen.

  • Punkt 1: die Tiere sehen besser aus. Sie sparen die Kraft, die sie unkastriert für die Partnersuche, Revierkämpfe, Deckakte, Geburten, Welpenaufzuchten... verausgabt hätten und konzentrieren diese auf sich selber. Schon von weitem kann man mit einer geringen Fehlerquote erkennen, ob das Tier kastriert ist oder noch nicht.
  • Punkt 2: die Tiere werden weniger!!! Cesaltina bestätigt dies und lässt der Meinung der Bevölkerung freien Lauf: warum werden solche sinnvollen Maßnahmen nicht von Regierungsseite unternommen?
  • Punkt 3: Revierkämpfe und damit eine gewisse Aggressivität entfallen. Die Tiere sind ruhiger und ein Zusammenleben zwischen Mensch und Tier wird entspannter.

Als wären diese Aussagen von Cesaltina noch nicht Balşam genug auf unsere belasteten Seelen, lässt sie es sich nicht nehmen und hat eine kastrierte Hündin zu uns kommen lassen, die bereits 10 Jahre alt ist und der wir vor fünf Jahren ein Auge entfernen mussten. Leider habe ich die Kamera nicht griffbereit, aber glauben Sie mir, die Hündin sieht toll aus und hat sich an der Welpenproduktion seit Jahren nicht mehr beteiligt. Animiert durch dieses nette Wiedersehen greife ich kurze Zeit später doch zu meiner Kamera und laufe zum Kreisel, der Sackgassenendung, in deren Nähe wir arbeiten. Hier haben wir sie schon zweimal gesehen. Hier wohnt sie seit mindestens fünf Jahren. „Sie“ war die erste Hündin, die wir bei unserem ersten Einsatz kastrierten. Seitdem lebt sie hier. Offensichtlich, denn sie scheint uns unseren Eingriff bis heute nicht verziehen zu haben. Hundert Leute können um sie herumlaufen, aber wehe, vier Beine davon sind weiß. Sofort schlägt sie an und beruhigt sich erst dann wieder, wenn wir im Taxi sitzen. Ich muss nicht lange suchen. SIE findet MICH! Anklagendes Gebell wirft sie mir entgegen und dessen ignorierend fange ich sie mit meiner Kamera ein.

Und seit fünf Jahren keine Welpen mehr! Wahrscheinlich hätte sie in dieser Zeit so um die 50 Nachkommen produziert. Wer zweifelt da noch an der Wichtigkeit von Kastrationen?Zurück im OP stolpere ich über einen Rüden, der bereits narkotisiert mitten im Gang liegt. Sein Auge muss ausgebaut werden, denn es ist durch einen Unfall beschädigt worden. Leider kann Madueno diese Operation nicht durchführen, denn er hat an seiner Hündin Probleme mit einem abgerissenen Eierstock. Und Mama Ines ist gnadenlos und lässt ihn suchen. „Tun wir so, als wäre ich nicht da, dann musst Du ja auch alleine zu recht kommen...“, sagt Ines und überlässt Madueno seinem blutigen Schicksal. Nach einiger Zeit greift sie dann aber doch ein, schließlich darf das Leben des Tieres nicht in ernsthafte Gefahr gebracht werden.Wir nähern uns in großen Schritten unserem Ziel und da sich die Stimmung bei diesem Einsatz in zuvor noch nie erklommenen Höhen befindet, werden wir Herwigs Wunsch von 300 Kastrationen überbieten. Trotz aller Stimmungsschwankungen, unendlichen Abgründen großer Hoffnungslosigkeit, aussichtslosen Fällen, teilweise großer Schmerzen unserer Patienten, letzendlich auch der toten Tiere, hat das Team an Zusammenhalt enorm gewonnen. Wir haben einen gemeinsamen Ausflug an einen der schönsten Strände Santiagos unternommen, wir waren zweimal zusammen Essen und an unserem letzten Abend spendiert Joao ein großes Grillfest.

Uns Vegetariern ein bisschen unlieb, kauft Joao einen großen Haufen Grillfleisch, welches für arme Kaperdianer nahezu unerschwinglich ist. Der Duft zieht unweigerlich eine Kinderschar mit großen Augen an und wir lassen diesen Abend sehr ausgelassen ausklingen. Tausend berechtigte Argumente gegen einen ungebändigten Fleischkonsum halten den gierigen Kinderblicken nicht stand. Wir laden alle ein und – was mir als Vater zweier “relativ” verwöhnter Kinder auffällt–: alle Teller werden (auch der Salat) restlos leergegessen. Aber ich erinnere mich schnell an meinen oben angeführten Satz: “Ein Leben zwischen den Welten funktioniert nicht!” Trotzdem hinterlässt der Anblick der alles in sich hineinschaufelnden Zwerge ein extrem schönes, auf der anderen Seite aber auch ein sehr nachdenkliches Gefühl in uns allen! In uns, die wir aus dem wirklich existenten Schlaraffenland kommen.

368 Operationen sind es geworden. In 11 Tagen! Diese teilen sich auf in 163 Hündinnen, 116 Rüden, 28 Katzen, 11 Kater und 50 andere Operationen (einige davon habe ich in diesem Bericht vorgestellt). Damit, lieber Herwig sind es 318 Kastrationen und wir alle haben gemeinsam das Recht, stolz auf diese Leistung zu sein!Keiner kann uns erklären, warum wir bei dieser Reise zum ersten Mal NICHT wirklich krank wurden. Keiner kann uns erklären, warum uns vielleicht gerade mal 50 Mücken stachen, wobei wir diese Anzahl an Stichen bei den vergangenen Reisen immer täglich an EINEM Bein hatten. Keiner weiß, warum das Flughafensicherheitspersonal nur eine Flasche Aluspray aussortierte. Keiner weiß, warum das Klima erträglich war und stets ein frischer Wind wehte und wir nicht schwitzen mussten wie in einer Sauna. Keiner weiß, warum wir beim Rückflug eine ganze Sitzbank für uns hatten und tatsächlich einige Stunden schlafen konnten. Und keiner weiß, warum wir anfänglich überhaupt nicht fliegen wollten und keine Lust auf dieses Abenteuer hatten.Aber vielleicht liegt das Ferne doch ganz nah und eine ältere Dame mit kurzem, dunklem Haar und einem charmanten Wiener Akzent hat von “oben” ihre Hände über uns und eine Inselgruppe im Atlantik gehalten, in die sie zeitlebens verliebt war. Wir waren nur zu dumm, dies zu bemerken.Wir hatten uns vorgenommen, diese Reise als die letzte auf die Kapverdischen Inseln zu betrachten, wir wollten wegen der extremen körperlichen Anstrengungen einfach nicht mehr ins Elend fliegen, aber nach unserer erfolgreichen Rückkehr ist das, mein lieber Herwig, garantiert NICHT versprochen.

Brief von Henriette Wirtls Tochter Susanne Augusta an Thomas Busch im Juli 2012:
Mein Name ist Susanne Augusta. Ich bin die Tochter der im Jahr 2009 verstorbenen Henriette Wirtl und fürsorgliche Gefährtin der Hündin Frau Mausi, jener dreibeinigen Hündin mit Plastikhalskrause, welche Henriette auf dem Bild in Ihrem Bericht auf dem Arm hält.Vergangenes Wochenende bin ich zufällig auf Ihren Projektbericht „Für Dich Henriette“ gestoßen. Ich kann Ihnen nicht annähernd beschreiben, wie mich Ihre Zeilen positiv bewegt haben.Für Henriette war das Sterben sehr schwer. Von uns Kindern hatte sie sich schon lange verabschiedet, im Morphiumrausch kreisten ihre Gedanken um Bons Amigos und wie es auf den kapverdischen Inseln weitergehen würde.

Dr. Herwig Zach saß viele Stunden in den letzten Tagen im Hospiz bei ihr am Bett und bestätigte ihr immer wieder, dass er sich weiter um die Tiere kümmern würde. Sie hatte mich oft gefragt, ob ich verstehe, warum sie sich das antut mit Bons Amigos und ich habe ihr gesagt, dass wenn sie nur ein Lebewesen eine Minute vom Leiden befreit, so ist dies alle Anstrengung der Welt wert. Nichts macht mehr Sinn, ja vielleicht ist es sogar das einzig wahre Sinnvolle im Menschenleben, leidenden Geschöpfen zu helfen. In einer finsteren Welt in der Götze Geld alles dominiert, in der immer mehr immer weniger haben und eine Elite, die immer mehr und mehr scheffelt, schäme ich mich fast jeden Tag ein Mensch zu sein. Nicht wegzuschauen, trotz des Anblicks von unbeschreiblichem Elend, die Kraft zu finden, um zu helfen – das macht der Menschheit Ehre. In der Hündin Frau Mausi wohnt eine große, facettenreiche, vielschichtige Seele.

Oft sieht sie mich so durchdringend, so prüfend an, als könnte sie in mir wie in einem Kaufhauskatalog lesen. Ihr Blick wirkt oft als würde sie um den Beginn und das Ende der Welt wissen. Sie ist kein Untertan. Sie ist stolz, handelt eigenständig. Sie spürt, dass ich sie respektiere und sie dankt es mir mit ab und zu folgsam sein, aber auch in solchen Fällen überlegt sie reiflich, ob ihr Stolz es erlaubt. Henriette hat Frau Mausi von der Straße geholt, aber die Straße blieb in Frau Mausi.Die größte Lust bereitet ihr bis über beide Ohren im Mistkübel zu stecken und Speisereste zu suchen. Der Geburtstag sollte auf einer Müllhalde verbracht werden, jauchz. Frau Mausi begleitet mich jeden Tag ins Büro und kontrolliert unter dem Tisch vorblickend, ob alles ordentlich arbeitet. Ich möchte die Zeit in meinem Leben mit Frau Mausi nicht missen.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen und Ihren Mithelfern für Ihr Engagement für all Ihre Projekte bedanken. Sie alle haben ein sinnvolles und gelungenes Leben. VIELEN DANK FÜR IHRE WIDMUNG FÜR MEINE MUTTER !
Ganz liebe Grüße aus Wien, Susanne Augusta

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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