Kapverden - November 2018 Teil 3

15.12.2018
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Thomas: Der Flug auf die Nachbarinsel Boa Vista dauert nur 20 Minuten. Mit Bauch- und Kopfschmerzen können 20 Minuten ziemlich lang sein... Aber wenn die Kapverdianer nicht jammern, steht mir das erst recht nicht zu.
Sieben Tage werden wir bleiben. Marga, Dante und ich.

Die herrliche fünf Sterne-Hotelanlage "Iberostar" liegt direkt am Meer. Der Ausblick verzaubert. Tina Purger auch. Sie ist die Hotelmanagerin, sehr jung und es beeindruckt mich, wie sie das Telefon in mehreren Sprachen - fast gleichzeitig - bedient. Marga und sie haben sich bei dem letzten Einsatz kennengelernt und angefreundet. Tina hat es durchgesetzt, dass die Katzen der riesigen Hotelanlage kastriert wurden. Bisher lebten zirka 30-40 Tiere dort und 30 sind immer noch da. Sie alle sehen gesund aus. Bis auf drei. Sie haben, wie uns Tina und Touristen mitteilten, Probleme mit ihren Augen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns um sie kümmern. Ebenfalls um die drei Neuzugänge, die das Cat-Café als Einladung sahen, sich hier niederzulassen.

Sie hat stark geblutet. Margas Geduld und Können wurden strapaziert von einem Eierstock, der einfach abgerissen ist. Das zu ihm führende, pulsierende Gefäß sprudelte das rote, lebenswichtige Elixier in die Bauchhöhle. Kaum hatte Marga den Stumpf mit der Klemme fixiert, riß er wieder ab. Manche Gewebe sind einfach brüchig. Vorsichtig aber in Eile, da eine Blutung logischerweise nicht ewig bluten darf, legte Marga eine Ligatur um die, die Fragmente des Aufhängebandes haltende Klemme und zog zu. Diesmal saß der Faden.Thomas Busch

ThomasAm Ende stellten wir fest, dass es 10 Neuzugänge ins Iberostar gezogen hat, denn einige Tiere waren sehr scheu und betraten die Anlage nur, um in der Mülltonnennähe nach Futter zu suchen. Ansonsten leben sie außerhalb des Hotels. Jetzt natürlich kastriert :-) Tina stellt uns ein Appartement zur Verfügung, in dem sie normalerweise wohnt. Respekt. Sie selbst ist zu ihrem Freund gezogen Und während wir uns unterhalten, umringt von bildhübschen, kräftigen Katzen wird mir plötzlich klar, mit welchem Problem wir als Tierärztepool zu kämpfen haben und was wahrscheinlich der Hauptgrund dafür ist, dass wir finanziell nicht schneller wachsen. Die Katzen dieser Hotelanlage sind durch uns kastriert worden. Durch das sehr großzügige Angebot von Tina sind die Kosten für Übernachtung und Verpflegung gering. Trotzdem bleibt unser Verein auf den Flügen sitzen, ebenso bezahlen wir das komplette medizinische Equipment. 30- 40 Katzen kosten ungefähr 500,-. Bis auf wenige Touristen hat davon kaum einer was mitbekommen.

Anschließend sieht alles gut aus. Kein Mensch denkt darüber nach, uns eine Spende zukommen zu lassen. Wozu auch? Die Tiere sehen doch toll, gesund und gepflegt aus. Futter bekommen sie vom Hotel, an deren Rezeption es Touristen abholen können, die selber gerne die Katzen verwöhnen. Ärger am Buffett gibt es nicht mit bettelnden Katzen oder Urlaubern, die meinen, das Rumpfsteak unter den Tisch fallen lassen zu müssen. Offensichtlich kann man nur schnell und viel Geld verdienen, wenn man das Elend hochhält. Seriöse Arbeit ist nicht reißerisch genug. Hinzu kommt, dass das Treffen mit Hotelmanagern in Form einer empathischen Tina ein Lottogewinn ist. Auf den Kapverden ist man für unsere Kampagnen zwar weit offener als beispielsweise in Griechenland, aber die vollen Kosten der "eigenen" Tiere zu übernehmen, sprengt dann doch den Rahmen der anderen Hotelanlagen. Außerdem redet sich jedes Hotel damit raus, dass es ja gar nicht die eigenen Katzen sind und man sie sowieso am liebsten alle loswerden würde. Eine Fehleinschätzung, die ich während meiner Reise ebenfalls korrigieren muss.
Welche Chance haben wir also, dieses Dilemma zu durchbrechen. Wenn Sie mich fragen, gar keine.
Anders sieht es zehn Kilometer weiter nördlich aus. Hier beziehen wie die nächsten Tage Stellung. In dem Refugium von Nathalie und Spartaco. Die beiden sind aus der Schweiz auf die Kapverden ausgewandert und fanden für die Tiere... nichts!
Das wollten sie ändern und bauten 2017 das Refugium. So etwas habe ich noch nie gesehen. Marga, die so tut, als würde das Gebäude ihr gehören, rennt vor und reißt jede Tür auf. Hinter der ersten verbirgt sich ein Behandlungsraum. Er beeindruckt mich. Was dann aber kommt, ist der Hammer! Hinter der zweiten Tür steht ein Röntgengerät. Kein uraltes, sondern ein hochmodernes Digitales! Hinter Tür Nummer drei zeigt sich der OP-Raum. Fotos sagen mehr als 1000 Worte. Seit über 20 Jahren bin ich nun schon in den entlegensten Ecken dieser Welt für den Tierschutz unterwegs, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.

Wir addieren: ein wundervolles Hotel, zauberhafte Menschen mit dem Willen, etwas verändern zu wollen und ein OP-Umfeld, wie es besser nicht sein könnte - warum fliegen wir in Gottes Namen in sieben Tagen schon wieder weg?
Draußen, im großen ummauerten Innenbereich, zeigt ich ebenfalls peinlichste Sauberkeit. Die einzelnen Gehege sind praktisch und groß. Dazwischen noch weit größere Ausläufe. Selbst eine kleine Wohnung für einen permanent hier lebenden Arbeiter haben Nathalie und Spartaco erschaffen. 50 Hunde leben in den Gehegen, eine überschaubare Zahl von denen die meisten kastriert sind und oft eine schicksalshafte Vergangenheit mit sich herumschleppen. Die, die noch unkastriert sind, werden das nach unserem Abflug garantiert nicht mehr sein. Die beiden haben auch eine Tierärztin angestellt, die ich sehr gerne kennenlernen möchte. Nur leider erkrankt sie genau in dieser Woche an einer Nierenbeckenentzündung und liegt im Krankenhaus an der Infusion.

Somit kann ich über ihre fachlichen Fähigkeiten nicht urteilen. Lediglich der Satz von Spartaco in dem, mit ihm geführten Interview, lässt mich kurz aufhorchen: "Marga ist eine Maschine, die anderen sind Tierärzte...".
Die Kritik, die ich leider oft anwenden muss, wenn wir Tierheime betreten, wird bei Nathalie und Spartaco sehr gering ausfallen, dass weiß ich jetzt schon. Um es vorwegzunehmen: meine Empfehlung an die Beiden ist die Errichtung einer Quarantäne und ein etwas strengerer Umgang mit Neuzugängen bzw, den schon länger hier lebenden Tieren. Zurzeit wuseln nämlich ziemlich viele Hunde im Hof durcheinander, beschnuppern die "Neuen" und trinken aus einem Napf. Das ist eine Zeitbombe, denn niemand kann Neuzugängen ansehen, welche eventuellen Krankheiten sie in sich tragen. Selbst der beste Tierarzt nicht. Schleppen sie, sozusagen als Trojaner, einen Virus ein und verbreiten diesen bei den Insassen, die teilweise nicht durchgeimpft sind, liegen Tote im Innenhof. Spartaco sieht das ähnlich und wird diese Vorschläge auch umsetzen. Nathalie biete ich an, Marga entweder auf Sal mal eine längere Zeit zu begleiten, um den richtigen Umgang mit Krankheiten, Seuchen, Bakterien und Viren, Pilzen und Parasiten zu lernen oder nach Kreta zu kommen, um im NLR mitzuarbeiten.

Und bei meiner eigenen Begeisterung für dieses schöne Anwesen, fällt mir ein weiteres Problem auf, warum wir als Tierärztepool die schlechteren Karten haben.
Das Refugium ist permanent präsent. Es ist beeindruckend, gepflegt und wer möchte kann das Elend in die Hand nehmen oder streicheln. Da humpelt die kleine Sinta, weil ein Auto sie böse erwischte. Der dünne Rufus läuft gekrümmt, auch er legte sich mit einem Auto an. Der schuppige... So geht es von Gehege zu Gehege.

Wenn Sie eine Spende tätigen wollten, wessen Spendendose füllen Sie? Den Menschen, die das Elend im Arm halten und das Sie mitleidsvoll anschaut, oder den Tierärzten, die in teilweise 15 stündiger Arbeit dafür sorgen, dass es irgendwann nicht mehr da ist, das Elend? Und das Schlimme ist, dass man die Tierärzte nicht mal sehen darf, weil sie in einem sterilen OP-Raum stehen, der normalerweise für Zuschauer tabu ist. Und weil diese Tierärzte arbeiten wie die Irren, sind sie auch immer nur kurz da. Mal ein paar Tage, mal ein paar Wochen. Dann verschwinden sie wieder und am Ende sieht alles so aus, als hätte es nie Probleme gegeben.
Man findet die Normalität vor, die ich sah, als ich auf der großen Straße auf Sal stand und kaum noch Hunde entdecken konnte. "Ziel mehr als erreicht", würde ich sagen, nur wen interessiert es jetzt noch?
Sind wir nun das Huhn oder das Ei? Ein bequemes Nest werden wir auf jeden Fall nie haben.

Dante: Boa Vista sieht genau so aus wie Sal. Wüste, Strände und Orte, die ich hässlich finde. Aber nur, wenn man zum ersten Mal reinfährt. Kennt man sich aus, wird alles anders. Nur auf Boa Vista biegen wir vor dem Ort rechts ab. Ich lerne Sal Rai also gar nicht kennen. Daran ändert sich die ganzen sieben Tage nichts. Aufstehen, sehnsüchtig über den wunderschönen Pool gucken und davon träumen, wie man abends am Infinity-Rand ein Cocktail schlürft. Dann auf zu Nathalie und Spartaco, die schon bei der Begrüßung erkennen lassen, dass es viel zu tun gibt und anschließend Vollgas. "Gnade" scheinen Marga und Papa nicht zu kennen. Weder mit sich und schon gar nicht mit mir. Abends wird es in Sekundenschnelle dunkel und genau so schnell zerrinnt der Traum von der Pina Colada am Infinity Pool. Immer wenn Alex, unser Fahrer vorfährt sind wir müde und hoffen, dass wir am endlos langen Buffet nicht einschlafen.

Thomas: Sie hat stark geblutet. Margas Geduld und Können wurden strapaziert von einem Eierstock, der einfach abgerissen ist. Das zu ihm führende, pulsierende Gefäß sprudelte das rote, lebenswichtige Elixier in die Bauchhöhle. Kaum hatte Marga den Stumpf mit der Klemme fixiert, riß er wieder ab. Manche Gewebe sind einfach brüchig. Vorsichtig aber in Eile, da eine Blutung logischerweise nicht ewig bluten darf, legte Marga eine Ligatur um die, die Fragmente des Aufhängebandes haltende Klemme und zog zu. Diesmal saß der Faden. Trotzdem sickerte Blut aus der Muskulatur, dem Fettgewebe, der Unterhaut. Das sind die Momente, in denen der Chirurg gerne weglaufen oder einen Publikumsjoker einsetzen würde. Marga blieb und setzte blutstillende Medikamente ein.

Wir sind lange genug dabei, um in solchen Situationen ruhig zu bleiben, trotzdem wünscht sich niemand solche OP´s. Panik nützt niemandem. Schon gar nicht dem Lebewesen unter dem Abdecktuch. Es war die Nummer 34 wie das Schild am Hals der Hündin anzeigte. Dabei lassen wir es auch. Nummern sind besser als Namen, Nähe und die Emotionen sind dadurch weiter weg.

Einen Tag nach der OP war Nr. 34 immer noch sehr benommen. Und blass. Und Untertemperatur hatte sie auch. Also blinkte die rote Alarmlampe im OP und wir taten alles, um unserem Patienten wieder auf die Beine zu helfen. Bis zum späten Abend änderte sich ihr Zustand nicht. Fressen wollte sie nicht. Marga fing an, sich ernsthaft zu sorgen. Warum war sie so blass? Sickerten die multiplen kleinen Blutungen etwa immer noch in ihren Bauch? Hatte sich vielleicht doch eine der Ligaturen gelöst oder saß nicht richtig?

Nr. 34 wurde schwächer. Ein Zustand, in dem sie eine erneute Narkose nicht überlebt hätte.
Als wir gingen, schlich ich mich noch einmal zu ihr. Sie lag in ihrer Box, dick in Decken und Wärmflaschen eingepackt. Nr. 34 hatte wunderschöne Augen. Sie hob leicht ihren Kopf guckte mich an und ignorierte mein Flehen, endlich etwas zu fressen. Wir hatten ihr alle wichtigen Medikamente gegeben, mehr konnten wir einfach nicht für sie tun. Ihre schwarze Nase sackte entlang der Gitterstäbe ihrer Box nach unten in die Decken und sie schloss die Augen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich und ich ließ sie schlafen, schlich mich aus dem Raum und träumte in dieser Nacht allen möglichen Mist. Offensichtlich ist die Vergabe von Nummern anstelle von Namen keine Lösung.

Auch wenn manche Tierärzte so aussehen, als würden sie jeden Sturm durchschiffen, haben auch sie emotionale Momente. Die kommen immer dann, wenn sie alleine sind oder kleine, süße, schwarze Nasen an Gitterstäben kraftlos abrutschen. Sie denken dann an all dieses Leid der Erde, vielleicht auch daran, dass es genau in diesem Moment zig Kinder gibt, die kraftlos abrutschen. Oder dass sie es schuld sind, dass kleine schwarze Nasen überhaupt erst operiert wurden. Dann wünschen sich die, die helfen, selber Hilfe. Oder zumindest eine Unterstützung. Über uns gab es aber niemanden außer dem schwarzen Nachthimmel.
Wenn es kräftezehrende Momente gibt, dann diese!

Am nächsten Morgen öffnen wir vorsichtig die Eingangstür zum Refugim. Alles wie immer. Eine strahlende Nathalie und viele Hunde, die auf uns warten. Und wen sehe ich im Hof? Nr. 34. Sie reckt mir ihre kleine schwarze Nase entgegen. Der Tag beginnt wundervoll!

Dante Inzwischen fühle ich mich mit meinen Aufgaben vertraut. Mit fast allen Hunden kann ich umgehen. Nur die ganz bösen oder die, die keinerlei Regung zeigen, flößen mir Respekt ein. Wie Papa oder manche Helfer einfach in die Boxen greifen... ne, ich möchte mit allen 10 Fingern nach Hause fliegen. Spartaco hat kein Auto, demnach ist das Einfangen der Tiere schwierig. Aber auch nicht nötig, denn die Menschen kommen zum Refugium. Und nicht gerade wenige. Sie schleppen die Hunde und Katzen an, schneller als wir sie operieren können. Das führt zu einem Stau in den Innenbereich und auch zu lautstarken Beschwerden. Manch ein Patient schreibt so laut, dass wir ihn vorziehen. Bei diesem Krach eine komplizierte Arbeit abzuliefern, benötigt Konzentration. Und Nerven wie Drahtseile.

Thomas Ja, Kastrationen sind teuer. Sie sind aufwendig und für die ausführenden Teams mehr als anstrengend. Aber am Ende sind sie billig. Kaum noch aufwendig und nicht mehr anstrengend.
Führen wir uns die Situation auf Sal noch einmal vor Augen: 3500 Hunde lebten hier in erbärmlichem Zustand. Nehmen wir eine hypothetische Summe von 100.000,- die wir zur Verfügung haben.

Lösungsansatz a) Wir bauen ein Tierheim. Vielleicht groß genug, dass 300 Hunde hineinpassen. Geld für Futter, Betreuung, Medikamente reicht anschließend noch für 2 Jahre.
Was ändert sich? Wir haben etwas Gutes getan. Wirklich? Selbstverständlich! Aber ist es auch nachhaltig? Welche der 3500 Hunde haben wir aufgenommen? Kranke, Welpen, schwer verletzte? Sind auf der Straße jetzt nur noch 3200? Blödsinn, denn die frei gewordenen Futterplätze werden mit der nächsten Läufigkeit der Hündinnen unverzüglich wieder aufgefüllt. Nach kürzester Zeit haben wir außerhalb des Tierheimes den Status von 3500 Tieren wieder erreicht.

Und wie sieht es IN dem Tierheim aus? Erst recht nach zwei Jahren? Das Geld ist zur Neige gegangen. Die Erbauer rufen nach Hilfe. Je hoffnungsloser ihre Situation ist, desto lauter schreien sie. Schließlich wollen sie nicht zugucken, wie ihre Tiere verhungern. Und was ist mit teuren Behandlungen? In einem Bestand von 300 Tieren fällt immer was an. Wer soll die Kastrationen bezahlen? Also sind Rüden und Weibchen getrennt. Wenn eine Hündin läufig wird, ist unter den Rüden die Hölle los. Schafft es einer über den Zaun, sind neue Welpen da. Außerdem kennt die Bevölkerung das Tierheim und entsorgt die eigenen Welpen lieber dort, als sie im Fluss zu ertränken. Auf der Straße wird ein verletztes Tier gefunden. Also ab zum Tierheim. Nummer 301.

Lösungsansatz b) Wir bauen kein Tierheim. Wir suchen gut ausgebildete Tierärzte und schicken sie nach Sal. Dort kastrieren sie sich die Finger wund. Jahre später gibt es kaum noch Hunde und die, die es gibt sehen gesund aus. Man braucht jetzt kaum noch Geld. Vielleicht ein bisschen für Notfälle und für Futterplätze. Ende.

Die Tierärzte ziehen weiter und nehmen sich die nächste Insel vor. Eine von ihnen bleibt auf Sal, kümmert sich um die Notfälle, die Futterplätze und kastriert den einen oder anderen Hund, der - Gott weiß woher - plötzlich unkastriert aufgetaucht ist. Zusammen mit Nathalie, Spartaco und dem Tierärztepool kann es auf Boa Vista gelingen, beide Ansätze sinnvoll zu verbinden. Am letzten Abend schnüren wir das gemeinsame Paket fest zu und ich bin mir sicher, es wird...

Dante ...geil!

Thomas Marga bleibt! Ich musste mich nicht einmal sonderlich anstrengen, um sie zu überreden. "Es war doch klar, was Du von mir willst", grinst sie hinter ihrer OP-Maske. "Glaube mir, ich habe mir auch schon oft Gedanken darüber gemacht." Innerhalb von drei Hündinnen (die Zeit im OP wird hier anders berechnet) haben wir alle Optionen durchgesprochen. Mit folgendem Ergebnis: Marga bezieht auf Sal Stellung. Diese Idee finde ich gut, denn dann können wir dort den Status quo fast wissenschaftlich überwachen. Damit dürfte die Insel nicht nur kastrationsmäßig unter voller Kontrolle sein, sondern auch für Notfälle aller Art. Mit der bereits niedergelassenen Tierärztin verstehen wir uns gut (ich kenne Dr. Fatima bereits viele Jahre und da sie kaum Chirurgie betreibt, dürfte es auch keine neidvollen Reibungspunkte geben). Eine Wohnung zu finden dürfte mit den vielen Kontakten, die wir haben kein größeres Problem darstellen und einen Raum zum Operieren hat Marga ja bereits. Ich schlage ihr aber vor, diesen als reguläre Praxis anzumelden, weiß ich doch von Griechenland genaustens, welche Schwierigkeiten entstehen können, wenn unsere Arbeit im gesetzlosen Bereich verläuft. So wäre Marga eine offizielle kapverdianische Tierärztin und für jetzt bis in die Ewigkeit nicht mehr wegzuscheuchen. Einen Teil ihrer dazu notwendigen Papiere hat sie ja bereits.
Sal wäre also unsere Basis.

Aber es gibt ja noch andere Inseln. Wie Boa Vista, wo gerade die vierte Hündin auf den Tisch gehoben wird. "Arbeitet ihr auch mal oder redet ihr nur?", grinst Dante, der inzwischen die Tiere vorbereitet, als hätte er tatsächlich seine Ausbildung zum Tierarzthelfer gerade beendet.

Von Sal aus wird Marga zukünftig in Wochenabständen zu den anderen Inseln aufbrechen. Und zwar so lange, bis dort ebenfalls alles unter Kontrolle ist. Hier auf Boa Vista ist ein Ende in Sicht, erst recht im Hinblick auf die wahnsinnig nette Unterstützung der Hotelanlagen.

"Freut mich, dass es euch hier gefällt", begrüßt uns Tina, die es sich nicht nehmen lässt, einen eingefangenen Straßenhund persönlich zu uns zu bringen.

"Dann bist Du also alle zwei Wochen auf Boa Vista" Ich reserviere gleich das Appartement für dich?. Tinas Begeisterung müssen wir ein bisschen bremsen, denn es gibt ja auch noch andere Inseln, erst recht Santiago, die Hauptinsel, in deren Hauptstadt Praia 25.000 Hunde auf uns warten. Dort wird die Arbeit mit "Bons Amigos" unter der Leitung des österreichischen Tierarztes Dr. Herwig Zach intensiviert. Vorbereitungen laufen bereits und außerdem werden wir dort auch noch hinfliegen. Marga ist bereit, sich demnach zwischen den Inseln aufzuteilen und Sie glauben gar nicht, wie gut ich in dieser Nacht geschlafen habe.

Zum Schluss unseres Aufenthaltes führe ich ein Interview mit Nathalie und Spartaco, damit Sie sich ein besseres Bild machen können, was manche Menschen auf sich nehmen, um Veränderungen herbeizuführen. Und auch warum sie das tun.

Name des Vereins: Associazione Nerina Boa Vista / Suisse

Kontakt: associazione.nerina@gmail.com

Betreiber: Nathalie Weiner Zeli (51) & Spartaco Zeli (52), verheiratet

Wann habt Ihr Eure Station eröffnet? Februar. 2018

Wie kam es zu dieser Idee? Wir suchten ein Haus in einer Gegend, die unseren Vorstellungen entsprach und uns im Winter schönes Wetter versprach. Boa Vista vermittelte uns das Gefühl hier heimisch werden zu können. Beim ersten Aufenthalt lernten wir Nerina kennen, eine Hündin, die schon vor uns in unserem Haus lebte. Ihre Babys wurden überfahren und verschwanden einfach. Drei Geburten erlebten wir und jedesmal trauerten wir mit Nerina, wenn wieder kein Kleines übrig blieb. Wir suchten irgendetwas, womit wir ihr und den anderen Tieren helfen könnten. So entstand die Idee, ein Refugium zu bauen.

Warum habt Ihr die Schweiz verlassen? Wir suchten die Einfachheit des Lebens. Vielleicht auch ein anderes. Die Menschen auf den Kapverden legen keinen Wert auf kapitalistische Dinge. Es sind keine Materialisten. Natürlich auch deshalb, weil die Möglichkeiten es ihnen schlicht und ergreifend nicht erlauben. Aber ständig nur dem Geld hinterher zu rennen, um Versicherungen, Kredite, Steuern zu bedienen, waren wir leid.

Und warum genießt Ihr Euer Leben nicht in Ruhe und am Strand liegend? Dafür sind wir einfach noch zu jung und dürfen ruhig noch etwas machen, verändern, auf die Beine stellen. Etwas in unseren Augen Sinnvolles.

Und wie kam es zu dem Bau des hochwertigen Tierheims? Auf Boa Vista gab es nichts für Tiere. Aber auch keine Einschränkungen. Wir sind Pioniere und möchten den Menschen zeigen, was möglich gemacht werden kann. Wir waren ziemlich frei mit unseren Ideen und man lies uns machen.

Wie viele Tiere habt Ihr in der Station? Platz ist für zirka 55 Hunde und etwa 20 Katzen.

Welches Konzept verfolgt Ihr? Zuerst planten wir den Bau für den Tierschutzverein, der sich auf Boa Vista befand. Aber irgendwann war klar, dass meine Frau und ich das Refugium führen werden. Wir setzten uns viele Ziele, aber das Wichtigste war die Kontrolle über die Population zu erlangen. Selbstverständlich wollten wir für Notfälle da sein. Ein Röntgengerät für Tiere gab es auf der ganzen Insel nicht. Außerdem wollten wir das Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung sensibilisieren.

Habt Ihr eine Idee, wie viele Hunde und Katzen es auf Boa Vista gibt? Wir schätzen ungefähr 3000. (Anmerkung v. Marga und Thomas: diese Zahl halten wir für sehr hoch angesetzt)

Wie viele Tiere nehmt Ihr monatlich auf? 3-4 monatlich. Und eigentlich auch nur Notfälle.

Wie viele Tiere verlassen das Refugium wieder? Ungefähr 30 pro Jahr.

Verschickt Ihr Tiere auch in die EU? Ja. Die überwiegende Mehrzahl.

Ist das aufwendig? Jein. Es dauert halt lange, bis der Tollwuttiter bestimmt ist. Es gibt keinen offiziellen Status über die Tollwut und keiner weiß, ob und wann es jemals einen Tollwutfall auf den Kapverden gab. Bis 1975 gehörten die Kapverden zu Portugal...

Wieso habt Ihr auf Euere Einrichtung so viel Wert gelegt? Wenn wir etwas machen, dann muss es gut sein. Notlösungen gefallen uns nicht.

Darf ich fragen, was die Station gekostet hat? Insgesamt Euro 500.000,-. Darin ist auch die Einrichtung enthalten. Wir haben auch eine Photovoltaik Anlage auf dem Dach.

Das Geld kam von Euch privat? Ja

Ihr habt aber auch einen Verein in der Schweiz? Ja.

Die monatlichen Kosten tragt Ihr aus Euren privaten Mitteln? 10% sind Spenden, 90% zahlen wir aus unserem Privatvermögen.

In welcher Höhe liegen diese? Euro 2600,-

Hattet Ihr auch die Idee, das viele Geld in Kastrationseinsätze zu investieren, um anschließend weit mehr Ruhe zu haben und sich nur noch um Notfälle zu kümmern? Jein. Wir wollten zuerst das Umfeld schaffen, in dem ordentlich gearbeitet werden kann. Aber bereits zu dieser Zeit gab es Gespräche mit Dr. Herwig Zach von Bons Amigos, Marga und auch der Tierärztin von Bons Amigos, Veronica. Jetzt haben wir eine Tierärztin aus Spanien. Laura. Sie ist gut und entlastet uns sehr. Den Vergleich zu Marga hält sie aber nicht statt. Aber wer tut das schon? Marga ist eine Maschine, die anderen sind Tierärzte...

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Wie viele Angestellte / Ehrenamtliche arbeiten für Euch? 3 fest Angestellte / 2 Ehrenamtliche

Wie entstand der Kontakt zum Tierärztepool? Zufall. Wir haben Marga im November 2016 bei einem Kastrationseinsatz hier auf Boa Vista kennengelernt. Alles Weitere ergab sich. Frag Marga. Sie wird dir erzählen, wie wohl sie sich hier fühlt. (Anmerkung Marga: JA!)

Ihr habt eine eigene Tierärztin. Wie oft hilft sie Euch pro Woche? Täglich. Auch Sonntags.

Sind die Besuche des Tierärztepools hilfreich? Und wie. Nach einer Aktion freuen wir uns, dass wieder von dem großen Haufen etwas weggearbeitet wurde.

Wie könnten wir die Zusammenarbeit optimieren? Entweder Marga kommt einmalig drei Monate am Stück, was sich wahrscheinlich nicht realisieren lässt. Oder wir planen 2-3 wöchige Einsätze, verteilt über das Jahr. Das wäre wunderbar und wahrscheinlich besser umsetzbar. Gern würden wir auch die anderen "Maschinen" des Tierärztepools kennenlernen... Hauptsache wir erreichen möglichst schnell eine übersichtliche Bestandsgröße.

Könnt Ihr finanziell etwas dazu geben, wenn der Tierärztepool zu Euch kommt? Eigentlich nicht, weil wir die Kosten der gesamten Station tragen, aber in der Zeit, in der die Tierärztin anwesend ist, könnte eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit, gerade in Zusammenarbeit mit den Hotelanlagen und damit auch mit den Touristen, geplant werden.

Würde sich die Inselregierung an den Kosten beteiligen? Das ist eher unwahrscheinlich. Wir sind schon froh, dass sie uns nicht blockieren.

Wie viele Tiere sind wirkliche Streuner und wie viele haben Besitzer? 99% haben einen Besitzer. Natürlich ist die Verantwortung den Tiere gegenüber mehr als unterschiedlich.

Bezahlen die Besitzer für die Behandlung oder Kastration? Jein. Wir schauen, wer sich was leisten kann. Die Bezahlung ist auf tiefem Niveau und dient mehr dazu, Verantwortung dem Tier gegenüber zu zeigen, als unserer Kasse.

Wo soll die Reise hingehen? Was ist Euer Ziel? Wir haben die Zelte in der Schweiz abgebrochen, um eine neues Leben zu beginnen. Wir möchten uns gerne auf Boa Vista mit einer sinnvollen Arbeit beschäftigen. Dafür bringen wir uns beide von morgens bis abends ein. Aber irgendwann muss der Laden von alleine laufen. Wir beide auf einem Segelboot und kein Elend mehr auf Boa Vista, das wäre ein verlockendes Ziel.

Habt Ihr Wünsche für die Zukunft? Mehr Bewusstsein von Seiten der Bevölkerung. Wir erkennen Fortschritte. Zwar nur kleine, aber immerhin. Menschen gehen mit ihrem Hund an der Leine spazieren. Bei Unfällen kommen sie sofort zu uns. Das gab es früher nicht.

Eine private Frage: Wie geht Ihr mit dem Müll, der Umweltverschmutzung, der Armut und dem dazu oft im krassen Gegensatz stehenden Tourismus um? Ja, das ist in der Tat ein Problem. Und wenn wir mit dem Tierschutz fertig sind, haben wir halt noch was vor uns.

Kann man dann als Auswanderer ein sorgenfreies Leben führen oder sehnt man sich hin und wieder in die Heimat zurück, wo ja Vieles optimal geregelt ist? Vielleicht kommt im Leben irgendwann der Zeitpunkt, etwas verändern zu wollen. Alte Gewohnheiten über Bord zu werfen und einen Neustart zu wagen. Für uns war das möglich und wir nutzten die Chance. In der Schweiz hat uns Vieles nicht mehr gefallen. Der tägliche Stress, die gierige Strebsamkeit nur mit dem Ziel, andere zu bedienen, ging uns auf die Nerven. Das Motto der Kapverden: No stress! Das klingt gut in unseren Ohren. Natürlich muss man Kompromisse eingehen. Das Tierelend beispielsweise ist sehr schlimm. Aber wie schön ist es, dagegen etwas unternehmen zu können. Und wir werden sicherlich nicht müde, den Menschen weiterhin zu helfen, mit ihrer Insel verantwortungsbewusst umzugehen.

Tina verspreche ich bei der Verabschiedung von ihrer wunderschönen Hotelanlage, die wir leider nicht so nutzen konnten, wie wir es uns gewünscht hätten, ihr ein paar Informationssätze im Umgang der Hotelgäste mit den Katzen zu schreiben, die zukünftig in den Zimmern ausgelegt werden sollen. Den kurzen Rückflug nach Sal nutze ich damit optimal aus.

Liebe Gäste! Die Katzen unserer Hotelanlage stehen alle unter der medizinischen Betreuung des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V. / Tierärztepool. Zwei Mal pro Jahr kommen die Tierärzte des Tierärztepools in unsere Anlage und kontrollieren den Bestand. Dazu gehören die Kastration, die Behandlung gegen Ektoparasiten (Flöhe, Zecken) und Endoparasiten (Würmer).

Kastrierte Tiere erkennen Sie an der Kerbe im Ohr. Somit können Neuzugänge leicht ausgemacht und beim nächsten Einsatz kastriert werden. Die Katzen werden von uns gefüttert. Wir bitten Sie eindringlichst, nichts vom Restaurant an die Tiere weiterzureichen, denn die Speisen sind oft gewürzt und für Tiere nicht gesund. Wenn Sie füttern möchten, dürfen Sie sich gerne (kostenlos) an der Rezeption das entsprechende Katzenfutter geben lassen. Füttern Sie bitte in dem dafür eingerichteten Bereich, dem Cat-Café. Es liegt links neben dem Haupthaus (in dem sich die Rezeption befindet). Dort werden die Tiere kurz vor Eröffnung der Restaurants, morgens und abends gefüttert. Damit erreichen wir, dass die Katzen nicht betteln und sich nicht in den Buffet-Bereichen aufhalten.

Wir möchten, dass sich auch die Gäste bei uns wohlfühlen, die unter einer Allergie leiden, oder den Tieren einfach nicht so zugewandt sind. Demnach bitten wir Sie auch, die Tiere nicht in die Appartements zu lassen. Jede Katze hat ihr angestammtes Revier mit Schlafplatz und kennt sich überall bestens aus.

Sind Sie ein Tierfreund, besuchen Sie unsere Samtpfoten im Cat-Café. Streichel- und Kuscheleinlagen werden dort gerne angenommen. Seinen Sie aber vorsichtig, die Tiere leben frei und nicht jede mag die Nähe des Menschen. Für eventuelle Verletzungen können wir keine Haftung übernehmen. Kranke Tiere werden von dem örtlichen Tierheim behandelt: associazione.nerina@gmail.com

Komplizierte Notfälle fliegen wir, wenn es möglich ist, zu einer der Tierärzte des Tierärztepools auf Sal oder Santiago. Inselübergreifende Kastrationsaktionen unterstützen wir aktiv mit der Bereitstellung der Unterkünfte und der Verpflegung für die Tierärzte. Möchten Sie sich weiter informieren, sprechen Sie uns an oder wenden sich an den Verein:
tieraerztepool.de kapverden@tieraerztepool.de

Ihre Hotelleitung

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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