Kapverden - November 2018 Teil 4

23.12.2018
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Dante: Seit fast drei Wochen sind wir nun auf den Kapverden, gefühlt ein paar Tage. Dieses Gefühl, dass die Zeit irrsinnig schnell verrinnt, kenne ich für gewöhnlich nur bei Dingen, die mir Spaß machen. Und nicht bei der Arbeit oder beim Lernen.  Bisher arbeiteten wir neun Tage auf Sal und sieben auf Boa Vista und hatten nur einen Tag frei, was mir nicht das Geringste ausgemacht hat. Es lässt mich also zu dem Ergebnis kommen, dass mir das Narkotisieren der Tiere offensichtlich Spaß macht. Vielleicht ist es auch das Umfeld, die Menschen mit ihren Tieren oder das Wetter, ich weiß es nicht. Eins jedoch steht fest; von der Insel habe ich bisher kaum etwas gesehen. Würde mich jetzt jemand fragen, ob ich Sal oder Boa Vista als schön empfinde oder als ein Urlaubsziel weiterempfehlen würde, so könnte ich nur antworten: "Keine Ahnung".  Wenn man morgens im Halbdunkeln mit noch zugeklebten Augen aufwacht und abends nach Sonnenuntergang zurückkehrt, so hat man die Vorstellung, Sal würde nur aus einer langen Landstraße und zwei mittelgroßen Städten bestehen (viel mehr gibt es hier eigentlich auch nicht zu sehen).  Was habe ich auch anderes erwartet, mit meinem Vater, dem nach fünf Minuten Nichtstun langweilig wird und Marga, die sich nach dem Abendessen in Büschen und Sträuchern auf die Suche nach "Muschikatzen" macht, um diese am nächsten Tag zu kastrieren. Oder, wenn es Kater sind, noch am gleichen Abend im Hotelzimmer. Meine Vorstellungen auf den Wellen zu reiten, mit einem Buggy über die Hügel Sals zu fliegen oder in wunderschönem Wasser zu tauchen, zerplatzten, wie eine Seifenblase im Wind.

Kinder haben in den Slums nicht den Stellenwert, den sie haben müssten. Häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. auch gegen Frauen. Verstoßene oder von der Familie flüchtende Kinder sind nicht selten. Aber selbst wenn die Liebe und der Wille vorhanden sind, fehlt oft das Geld. Schamgefühle und Verantwortungsdefizite erschweren den Weg zum Arzt. "Es ist eben so und außerdem haben es ja alle-" Aufklärungsarbeit ist dringend notwendig. Aufklärungsarbeit, die die Reiseveranstalter nicht aus der Verantwortung lässt und Touristen ebenso wie Personal einbinden muss.Susanne Murschenhofer

Thomas: Wieder zurück auf Sal stellt mir Marga Susana Murschenhofer vor, von der sie im Vorfeld bereits schwärmte. Und mit allem hat Marga untertrieben. Ich darf ein Interview mit ihr führen und zugeben, dass mich der Charme und die unaufhaltsam heraussprudelnde Energie dieser Frau faszinieren.

Interview mit der Quality Managerin von TUI Destination: Susana Murschenhofer, geboren 1956 in Bolivien

Was stellt man sich unter einer Quality-Managerin vor? Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Die Quality-Manager die nun Quality-Assurance Coordinator heißen, sind eine Kontrollinstanz der gebotenen Qualität der TUI Hotels, TUI Service Personal, Standards der Airline (Tuifly), dem Transfer, Airport, Ausflüge, etc. Mit anderen Worten: wir müssen die Qualität überall dort überprüfen wo Gäste mit uns in Kontakt treten. Darüber hinaus fallen auch die Health- and Safety Standards, die Bautätigkeiten und die Renovierungsarbeiten in mein Aufgabengebiet. Das soziale Engagement ist sehr wichtig sowie die Kompetenz beim Essen- und Getränkethema. Und unsere besten Freunde, die Tiere, möchte ich selbstverständlich nicht vergessen. Man sitzt zwischen allen Stühlen, muss sehr diplomatisch sein und auf Partnerschaft, statt Diktatur setzen. Mir ist es wichtig, als Partner aufzutreten und nicht als Boss. Der Gast will alles ohne viel zu zahlen, der Hotelier will nichts ohne Bezahlung und der Reiseveranstalter will es allen recht machen. Der Quality-Manager sitzt zwischen allen Stühlen. Aber das hatten wir ja schon...

Welche Maßstäbe legst Du an? Es gibt internationale Qualitätsstandards, an die ich mich halte. Wichtig ist mir aber auch das Einbringen persönlicher Attribute. Bei mir ist es unter anderem die Einbeziehung der Tierwelt.

Du arbeitest also weltweit? Ja.

Weltweit bedeutet? Die TUI hat extrem hohe Qualitätsstandards. Beispielsweise muss ein Problem innerhalb von 24 Stunden gelöst sein. TUI ist in 107 Ländern vertreten mit insgesamt 65.000 Angestellten. 49 Quality-Manager sind ständig unterwegs, um das hohe Niveau zu halten oder zu verbessern. Ich war drei Jahre auf den Kapverden und werde als nächstes auf den Kanaren arbeiten.

Das heißt, Du bist nicht sonderlich beliebt, wenn Du auftauchst? Es kommt immer drauf an, wie man in den Wald hineinruft. Es sollte am Ende für beide Seiten etwas Produktives herauskommen. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit gefällt mir weit besser.

Was hast speziell Du persönlich mit dem Tierschutz zu tun? Ich liebe die Natur. Dazu gehören die edlen Geschöpfe, die Tiere. Es ist doch eine Pflicht, Tieren zu helfen. Außerdem bin ich mit Tieren aufgewachsen. Eine gesunde Gemeinschaft zwischen ihnen und den Menschen ist mir wichtig.

Wo engagierst Du Dich noch? Soweit es meine Zeit zulässt um Kinder und um häusliche Gewalt. Das Verhindern von Prostitution, gerade mit Minderjährigen, ist mir auch ein Anliegen.

Wie positioniert sich die TUI zu diesen Themen? Der Tourismus ist ein anderer geworden. Die Gäste sind anspruchsvoller. Vereinfacht ausgedrückt waren sie vor Jahren mit einer Schlafmöglichkeit zufrieden, heute wünscht man Kinderbetreuung oder ein Cat-Café. Darauf muss TUI reagieren und tut dies auch in vorbildlicher Weise. Somit rutschen Umwelt, Tierschutz, Armutsbekämpfung, Schulpflicht und Vieles mehr in den Fokus. Und das ist auch gut so und dringend nötig.

Sprechen wir über die touristische Entwicklung der Kapverden. Wird es zukünftig weiter bergauf gehen? Einen großen Sprung gab es vor zwei bis drei Jahren, weil es in anderen Ländern Probleme gab. Tunesien, Türkei, Griechenland, Ägypten... Die klimatischen Gegebenheiten, die Sicherheit, die hohe Qualität der Hotels nach bestem Standard führten ebenfalls zu einem Wachstum.

Was fasziniert die Menschen an diesen Inseln? Die Kapverden sind neu. Sie sind die neuen Kanaren. Die Menschen, speziell die Deutschen entdecken gerne. Beste Voraussetzungen hierzu bieten die Kapverden. 10 Inseln, 10 Welten. Jede anders und einzigartig in Flora und Fauna.

Wie ist der Kontakt zum Tierärztepool entstanden? Durch das Kennenlernen von Marga und der damit verbundenen Freude, dass der Tierärztepool so konsequent, gut organisiert und hilfreich gegen die Überpopulation der Hunde und Katzen angeht. An so einer effektiv arbeitenden Organisation kommt man auf einer kleinen Insel wie Sal nicht vorbei.

 

Du magst Marga? Marga ist ein wunderbarer Mensch. Man kann sie immer anrufen, egal wann, sie hilft immer. Ihre chirurgischen Fähigkeiten sind ein Traum und was mich am meisten freut: jetzt kann man wirklich helfen. Früher musste man zugucken, wie die Tiere starben, ohne Chance auf eine medizinische Hilfe. Jetzt fährt man zu Marga und weiß das Tier in besten Händen. Ein wunderbares Gefühl!

Gäbe es eine mögliche Zusammenarbeit? Wie könnte die aussehen? Das ist auf den Kapverden ansatzweise schon geschehen. Durch meine sechs Sprachen kann ich das Herz und den Verstand der Personen erreichen die in der Regierung, der Zielgebietsadministration, den Hotels, den Fluggesellschaften, der Charityadmin sitzen. Und zwar in ihrer eigenen Sprache. Das ist wichtig. Mit meinem Arbeitgeber, der TUI, habe ich einen starken Partner im Rücken. Die Zusammenarbeit wäre: Auswahl der Zielgebietstrukturierung (wer macht wo was), PR und Marketing Kampagnen - zum Beispiel Reiseveranstalter, Hotels, Landesregierung, örtliche Veterinärämter/-ärzte, etc.. Alle mit ins Kastrationsboot holen und vor Ort zeigen wie es geht: nur was man sieht, daran glaubt man...

Meinst Du, die TUI würde sich auch finanziell oder beispielsweise mit kostenlosen Flügen für unsere Team einbringen? TUI hat eine stetig wachsende Charity-Abteilung und ein großes Interesse soziales Engagement mit dem Tourismus-Business zu verknüpfen. Auf Sal hat TUI einem örtlichen Tierschutzverein für Katzen und Hunde gespendet. Flüge sind ein diffiziles Thema, da oft wenig Sitzkapazität vorhanden ist. Aber je nach Zielgebiet gibt es viele andere Möglichkeiten zu unterstützen.

Du sagtest, dass die TUI innerhalb von 24 Stunden Probleme lösen muss. Wie sieht es mit dem Tierschutz aus? Soweit mir bekannt ist, sind noch lange nicht alle Tiere in den Hotelanlagen kastriert. Welchen Weg wird TUI da einschlagen? Dem Sal-Vorbild folgen? Die Kapverden sind, was die in den Hotelanlagen der TUI lebenden Tiere angeht, mustergültig. Alle Tiere wurden durch den Tierärztepool kastriert. Aber es bedarf eines wachsamen und sehr engagierten Quality-Managers der die Hoteliers ermuntert diese Kastrationen durchführen zu lassen. In meinem Fall habe ich KEINE Ruhe gegeben bis alle Hotels zugestimmt haben. Einmalig, dass nun alle Melias- und Riu-Hotels auf Sal den Animals Friendly Certification bekommen haben. TUI weitet nun dieses Certification zu einem Award aus, welcher eine noch höhere Auszeichnung darstellt. Viele Deutsche und Schweizer Gäste schauen schon bei der Buchung, ob ein Hotel eine Friendly Certification hat. Aber letztendlich entscheidet der Hausherr des Hotels.

Es macht wenig Sinn, die Tiere EINER Hotelanlage zu kastrieren. Könntest Du Dir vorstellen, die Hotels eines ganzen Küstenstreifens mit ins Boot zu holen? Auf jeden Fall. Auf Sal und Boa Vista ist das ja bereits geschehen. Ich denke, auf lange Sicht wird den Hotels gar nichts anderes übrig bleiben, als Hand in Hand mit dem Tierärztepool zu kooperieren.

Der Tierärztepool ist den Weg der Kastrationen bisher komplett alleine gegangen. Lediglich unsere Spender finanzieren die Kastrationsaktionen. Niemals kam bisher ein Cent von staatlicher Seite oder von Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften? Ist das nicht ein bisschen peinlich? Dass die Regierungen in so vielen Ländern nichts tun, ist mehr als peinlich. Aber wenn schon für Kinder, Mütter und Kranke nichts oder kaum etwas getan wird, so ist es doppelt schwer, Unterstützung für Tiere zu bekommen. TUI hat in vielen Zielgebieten drei oder mehr Charities, breit gefächert In Kinder-, Ausbildung- und Tierprogramme. Gott sei Dank haben zum Beispiel die Kapverden eine Anlehnung an das portugiesische Gesetzbuch. Tiere sind seit dem 01.01.2017 Lebewesen und schlechte Behandlungen oder gar Tötungen werden nun bestraft. Eigentlich...

Haderst du oft zwischen Deinen eigenen Wünschen und denen der TUI? Selten. Ich finde dass TUI schon sehr genau hinhört wenn man soziales Engagement einfordert. Leider geht es mir in so einem großen Konzern oft nicht schnell genug. Aber natürlich müssen wir uns alle an gewisse Standards halten. Meine Empfehlung: zäh am Ball bleiben und immer wieder das Thema ansprechen. Nie nachgeben bis das gewünschte Ziel erreicht ist.

D

u hast mir aus Deinen privaten Mitteln mitgeholfen, die Medikamente der zum ersten Mal stattgefundenen Kinderuntersuchung durch Dr. Monica zu finanzieren. Der Kreislauf, in dem wir uns unter anderem mit Pilzerkrankungen und Parasiten befinden, trat offensichtlich zu Tage. Wäre das ein Aufhänger, die Regierung mit in die Pflicht zu nehmen? Absolut. Denn es ist unverständlich, dass auf diesem Gebiet in sehr vielen Ländern so wenig passiert. Durch die von uns gezeigte Eigeninitiative dürfte es nicht so schwer sein, ein Kinderprogramm der Regierung vorzulegen. Aber mit Vorsicht, da Kinder ein sehr sensibles Thema sind und wir als Ausländer strengstens die landestypischen Sitten mit bedenken müssen.

Du hast Deine Aufgabe auf den Kapverden beendet und wendest Dich jetzt einem anderen Land zu? Wirst Du an unser Projekt denken?  Jeden Tag 24 Stunden! Der Tierärztepool und eventuell ein Kinderärztepool sind phantastisch!!!!

Vielleicht auch mit der Maßgabe, diese Art des Tierschutzes wo anders zu integrieren? Jederzeit! Ich bin für hartnäckige Diskussionen bereit, die Regierungen oder wer auch immer, mit uns führen möchte.

Wir haben gemeinsam geunkt, dass Du für den Tierärztepool arbeiten könntest. Wenn es Dir irgendwann mal bei der TUI langweilig ist, freue ich mich über einen Besuch! Wenn Du von Deiner nächsten Reise zurück bist, freue ich mich auf ein Gespräch.

Danke für eine hoch interessante Zeit mit vorzeigbaren Ergebnissen! Ich habe zu danken für die wundervollen Inspirationen!

Thomas: Den nächsten Tag haben wir uns frei gehalten. Zumindest was die Arbeit am OP-Tisch angeht. Aber Susana klaut sich von ihrem stressigen Job ebenfalls ein paar Stunden und wir sitzen zusammen und retten die Welt. Was genau von unseren hunderttausend Plänen tatsächlich umgesetzt werden kann, wird die Zukunft zeigen. Wenn aber auch nur ein kleiner Teil unserer Ideen auf fruchtbaren Boden fällt, könnte das die Kapverden verändern. Ich möchte an dieser Stelle nichts weiter verraten, sondern erst einmal abwarten. Das tut auch die lange Schlange vor Marga´s großem Tor. Sie hat alle Termine auf heute gelegt und uns gebeten, ob wir ihr helfen können. Dass das ein Kastrationstag wird, hätten wir nicht erwartet. Freie Tage? Gab es noch nie und wird es wahrscheinlich auch nie geben. Sie glauben aber gar nicht, wie schön es ist, die Kapverdianer zu genießen, wenn sie sich sorgenvoll um ihr Tier kümmern oder es einfach nur zur Kastration bringen. Marga steht in mitten diesem Chaos wie ein Fels in der Brandung. Sie operiert, sie redet mit unzähligen Leuten, sie schimpft mit einer Schar Jungendlicher, die ihren Karton mit Leinen durcheinander bringen, bleibt aber immer respektvoll freundlich. Und alles auf Portugiesisch oder Englisch. Ein Taubenschlag ist nichts dagegen.

Dante: Seit unserer Rückkehr von Boa Vista geht mir eine Sache einfach nicht mehr aus dem Kopf; mein kleines, süßes, schwarz-weißes Yingyang, von dem ich gerne der andere Teil geworden wäre.

Gefühlte 100.000 Hunde und 50.000 Katzen. Davon sind ein Drittel Welpen. Und keinen, wirklich keinen, sollte man länger angucken, als die paar Minuten der Vorbereitung zur Operation. Wenn man sich dennoch mehr mit dem Tier beschäftigt als geplant, droht kein Happy End.  Eigentlich ist es Fließbandarbeit, Hund kommt, Hund wird in Narkose gelegt, Hund wird operiert, Hund geht. Eigentlich. Genau dieses "eigentlich" ist - wenn man nicht aufpasst - das, was am Ende weh tut. 

Wie also schon unendlich viele Knuddelkissen zuvor, sollte auch dieser Winzling für die OP vorbereitet werden. Vor wenigen Wochen erst das Licht der Welt erblickt, schleicht ein zirka dreieinhalb Kilogramm schwerer Haufen Unsicherheit durch die Tür in unseren Vorbereitungsraum.  Liebe auf den ersten Blick. Daran glaube ich nicht. Bis jetzt. Bei diesen kleinen, schwarzen Knopfaugen, ergeht es mir, wie einer Tafel Schokolade bei 200°C im Backofen. Sofort nehme ich den kleinen Knirps auf meinen Arm. Kennen Sie dieses Grunzen, welches Welpen von sich geben, wenn man sie anhebt? Einfach unbeschreiblich süß und mein Streichelautomatismus setzt sich in Gang. Die anfängliche Angst vor dem großen, unheimlichen Menschen schwindet mit jeder Handbewegung über den kleinen, weichen Rücken des Welpen. 

Ganz vertieft, vergesse ich das kleine Wesen für die bevorstehende Kastration vorzubereiten und schon steht Marga mit leeren Händen in der Tür. Ich fühle mich ertappt, denn Papa sagt immer: "nichts ist schlimmer als ein leerer OP-Tisch." Aber auch sie verzaubert Marga (und Papa) und gemeinsam entschließen wir uns, den Zwerg nicht zu operieren. Er ist übersät mit Flöhen und Zecken, die den kleinen Körper völlig ausgesaugt haben und das Zahnfleisch nahezu weiß erscheinen lassen. Uns ist die Narkose zu risikoreich und wir behandeln sie zuerst gegen die Plagegeister. Der gesamte Boden des Raumes in dem wir arbeiten hüpft und zappelt von sterbenden Flöhen und was weiß ich noch allem. Ich schwanke zwischen Ekel und Schmusen.

Am darauffolgenden Tag werden wir von einem glücklichen Plüschtier empfangen, welches sich offensichtlich sehr darüber freut, den Kampf gegen die Flöhe gewonnen zu haben.  Kein Weg führt an einer morgendlichen Streicheleinheit vorbei. Und schon sitze ich in jeder freien Minute mit der Kleinen auf der Bank und genieße es mit ihr zu Kuscheln.  Papa warnt mich: "verlieben ist pfui". Aber was versteht er schon davon?! Trotzdem erahne ich die großen Regenwolken, die aufziehen.

Der Tag vergeht und ich erwische mich immer wieder mit etwas schwarz-weißem auf dem Schoß. Mir wird gar nicht bewusst, wie weit die Zeit voran geschritten ist, bis zu dem Zeitpunkt, als Papa und Marga anfangen alles für den morgigen Flug vorzubereiten.  Schlagartig fällt mir ein Fels von der Größe eines Mehrfamilienhauses auf den Kopf, denn ich weiß, dass die Kleine hier ein schöneres und vor allem spaßigeres Leben haben wird. Sie hat einen Besitzer und ich hoffe, dass er sich gut um sie kümmern wird. Was bei dem Flohbefall bis jetzt ja nicht so ganz der Fall war. Aber ich kann sie nicht mitnehmen, ich habe einfach zu wenig Zeit. 

Der Abschied naht. Mir geht es schlecht. Ein bisschen Trost finde ich in der Vorstellung, dass mein kleiner Schatz davon nichts mitbekommt. Auch verrate ich ihr nicht, wie gerne ich sie mitgenommen hätte. Durch ein Fenster kann ich heimlich beobachten wie sie voller Freude und Elan hinter den anderen Hunden herfegt. Ein sehr lustiger Anblick, wie der kleine Welpe versucht mit ihren Artgenossen zu spielen. Es ähnelt dem Versuch, als Floh eine Wand umschmeißen zu wollen. Da ist ein Umpurzeln garantiert. 

Ein letztes Mal gehe ich nach draußen und nehme sie ganz fest in den Arm. Jetzt heißt es Abschied nehmen, wahrscheinlich für immer.  Mein kleines Taijitu, ich vermisse Dich jetzt schon.

 

Thomas: Es ist eine völlig neue Dimension. Eigentlich ein Drama, welches uns bisher nicht erreicht hat. Weder mich noch die Arche. Kinder. Armut. Kinderarmut.
Warum nicht? Hab ich das ausgeblendet? Übersehen? Absichtlich oder unabsichtlich? Egal, irgendwann kommt der Moment, da reicht es. Da ist Schluss mit dem "Weggucken" oder dem "wir können eh nichts machen". So erging es mir vor 21 Jahren schon einmal. Auf Kreta...
Ich habe mit Marga und Dante lange gegrübelt und überlegt, ob wir darüber berichten sollen. Es hat mit der Arbeit der Arche eigentlich nichts zu tun. Eigentlich. Dennoch geht es uns als allgemeinen Urlauber eben doch etwas an und wir haben uns dafür entschieden. Auch, weil wir der Meinung sind, dass nur die Berichterstattung und die Veröffentlichung das Problem lösen kann. Deshalb: kommen Sie doch einfach mal mit. Außerdem wurde uns klar, dass wir mit unserer Arbeit in den Armutsvierteln einen Kreislauf angestochen haben. Krankheiten und Parasiten, welche die auf engstem Raum miteinander lebenden Tiere und Menschen befallen, können wir nur wirkungsvoll bekämpfen, wenn wir zu einem Rundumschlag ausholen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen; entstandene Kosten wurden von uns privat getragen. Der Weg auf den sich Marga, Dante, Susana und ich machen, ist aber nicht nur steinig, er ist mit europäischem Denken unvorstellbar. Bei dem Einsatz in Santa Cruz vor drei Wochen fiel uns ein Kind auf, welches einen stark verkrusteten Hinterkopf hatte. Das Krankheitsbild ähnelte dem eines von Räude befallenen Hundes. Ebenso sah auch das Geschwisterchen aus. Wir regten an, dass diese Kinder ins Krankenhaus gefahren werden sollten, um eine entsprechende Behandlung vornehmen zu lassen. Die Kosten hätten wir übernommen. Was aus unserer Anregung wurde? wie wir hörten: nichts.

Susana: Kinder haben in den Slums nicht den Stellenwert, den sie haben müssten. Häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. auch gegen Frauen. Verstoßene oder von der Familie flüchtende Kinder sind nicht selten. Aber selbst wenn die Liebe und der Wille vorhanden sind, fehlt oft das Geld. Schamgefühle und Verantwortungsdefizite erschweren den Weg zum Arzt. "Es ist eben so und außerdem haben es ja alle." Aufklärungsarbeit ist dringend notwendig. Aufklärungsarbeit, die die Reiseveranstalter nicht aus der Verantwortung lässt und Touristen ebenso wie Personal einbinden muss.

Thomas: Susana greift zum Telefon. Wenn sie neben tausend anderen Dingen von einem besonders viel zu haben scheint, dann sind es Kontakte. Am anderen Ende hört die Humanmedizinerin Dr. Monica Rodrigues interessiert zu. Wie ich später erfahre ist sie auf Sal geboren, hat ihr Land wegen des Studiums in Portugal verlassen, ist danach aber wieder zurückgekehrt. Keine Selbstverständlichkeit. Nun leitet sie als Direktorin das Hospital in einer Hotelanlage. "Sie ist dabei", freut sich Susana. "Montag können wir beginnen."

Was brauchen wir noch?
Kinderspielzeug haben wir reichlich, Susana besorgt Stifte und Hefte. Obst könnte auch nicht schaden, aber wie es mit dem Konjunktiv halt so ist, ist das das einzige, was wir auf die Schnelle nicht mehr organisiert bekommen.
Alles andere läuft an diesem Montag als hätten wir es bereits zig Mal geprobt.
Das Haus, in dem vor knapp zwei Wochen Tierärzte eine Kastrationskampagne starteten, kann auch anderweitig genutzt werden...

Und sie kommen, unsere kleinen Patienten. Um die 40 Rezepte gilt es am nächsten Tag in der Apotheke einzutauschen gegen Salben, Tabletten und Shampoo. Auch Zé taucht mit seiner kleinen Tochter auf. Stolz trägt sie die Ente bei sich, die wir ihr geschenkt haben. Wir umarmen uns bei der Begrüßung. Keine Normalität, einen eigentlich fremden Menschen mit seiner Tochter auf einem staubig, trockenen Sandplatz vor lauter Blech- und Holzhütten emotional so nah an sich heranzulassen. Aber trotzdem ist es schön, normal und irgendwie vertraut und herzlich, Zè als Freund wahrzunehmen und nicht als Objekt, wie es viele Touristen tun, die diese Gegend als eine Art anachronistischen Zoo durchfahren. Es sind Menschen, verdammt noch mal, mit den gleichen Empfindungen, Träumen, Sorgen, Freuden und Trauer, wie wir sie empfinden. Mit dem einen Unterscheid. Sie haben nichts. Kein Wasser, kein geregeltes Essen, kein Abwassersystem, keine Krankenversorgung. Nichts!

Mit unserer, für die Hunde antrainierten Zeichensprache und dem Mix aus Portugiesisch, Deutsch und Kreol, versuchen wir Zé klarzumachen, dass wir traurig sind, dass die beiden Kinder aus Santa Cruz nicht gekommen sind. Schließlich waren sie der Auslöser dieser Aktion. Zé deutet auf seine Brust, was wohl soviel heißen soll wie "lasst mich mal machen." Eine halbe Stunde später fährt ein Moped heran. Auf ihm: Vater und Sohn. Der Sohn mit dem verkrusteten Hinterkopf. Zwar fehlt das andere Geschwisterchen, aber besser als keiner. Außerdem werden sie das Gleiche haben. Zé kann also offenbar nicht nur Hunde einfangen.

Während wir Spielzeuge verteilen und Dante allen möglichen Blödsinn mit den Zwergen veranstaltet, behandelt Dr. Monica einen Patienten nach dem anderen. Parasiten und Pilzbefall findet sie bei jedem Kind. Bei einigen sogar entzündet. Sie redet mit den Müttern, verbindet, tröstet und behandelt in einer sehr netten Art und Weise. Ob sie selber Kinder hat, möchte ich wissen, denn solch einen Umgang kriegen eigentlich nur Mütter hin.

Sie lächelt und mir wird die Dummheit meiner Frage bewusst. Na klar hat sie Kinder. Zwei. Das eine 12 und das andere 8.
Bis 15:00 Uhr hat sie Zeit, dann muss sie zurück ins Hospital. Fünf Stunden hat sie ununterbrochen behandelt und nicht einmal die Zeit gefunden, etwas zu trinken. Irgendwie kommt mir das bekannt vor.
Und wie es der Zufall so will erhalte ich genau in diesem Moment eine SMS von Rhodos, dass Antonia in 31 Tagen über 1300 Tiere operiert hat.
Sag ich doch.

Die Medikamente werden wir, wenn der Apotheker alles auf Lager hat, morgen zu den Patienten bringen lassen und ich würde mich freuen, Dr. Monica nächste Woche zum Essen einladen zu dürfen. Unsere Zeit war zu knapp um zu besprechen, wie es weitergehen kann. Und ich möchte, dass es weitergeht!!! Zwar ist Dr. Monica in Eile, aber sie deutet an, dass wir uns noch etwas anschauen müssen. Wanja, deren Stellung ich bis jetzt nicht ganz verstanden haben, die sich aber um den Raum kümmert, der uns für unsere beiden Aktionen zur Verfügung stand, geht uns voraus. Sie nimmt Kurs auf ein winziges Gebäude, welches von unzähligen Touristenjeeps und -bussen angesteuert wurde, während wir keine 100 Meter davon operierten oder jetzt die Kinder behandelten. Sie verschwanden darin, kamen mit ernsten Gesichtern wieder heraus und düsten in ihren Jeeps oder Bussen davon. Nun ist niemand mehr da, außer zwei Kindern. Wanja betreut in diesem Gebäude die Zwerge, deren Eltern arbeiten oder aus anderen Gründen keine Zeit haben. Die Zimmer sind einfach eingerichtet, aber sauber. Es gibt eine kleine Toilette und eine Küche. Wanja versucht die Kinder satt zu bekommen, was ihr nicht immer gelingt. An manchen Tagen reicht das Essen nur für eine Mahlzeit. Stifte, Hefte und Spielsachen sind ordentlich in die Regale einsortiert. Wanja macht einen großartigen Job und ich denke an die Küche in dem Luxushotel mit den gefüllten Tellern und den Dingen, die nicht geschmeckt haben.

Nachtrag:
Die Apothekerin hat sämtliche Medikamente einzeln in Papiertüten verpackt. Darauf steht der Name des Kindes, den sie von den Rezepten, die Dr. Monica ausstellte, abgeschrieben hat. Es sind drei große Tüten voll geworden. Da wir in aller Frühe in Richtung Espargos zum Flughafen fahren, um nach Praia zu fliegen, treffen wir uns dort mit Wanja. Selten habe ich in der Weihnachtszeit schönere Geschenke übergeben. Trotzdem hat dieses Erlebnis einen Beigeschmack, den ich bis heute nicht so richtig einsortieren kann. Erstens: warum sind mir diese Probleme erst jetzt deutlich geworden? Zweitens: wo sind die ganzen großen Organisationen, die mir auch im Tierschutz vor Ort sehr selten bis gar nicht begegnen? Drittens: Es wird höchste Zeit, dass die, die mit diesem Land viel Geld verdienen, etwas davon zurückgeben. Viertens: steht es mir zu, Fotos zu machen und zu veröffentlichen? Fünftens: wie geht es weiter? Wer mir bei der Suche nach Antworten helfen kann und möchte, mag sich melden. Ich betone aber nochmals, dass diese Geschichte bis jetzt noch eine Privatangelegenheit ist. Lassen Sie mir ruhig Ihre Gedanken zukommen. Per Mail bitte an: chef@archenoah-kreta.com

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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