Kapverden - November 2018 Teil 6

03.01.2019
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Einen sechsten Teil von ihrer Kapverden-Reise haben Thomas und Dante nach ihrer Rückkehr und zwischen den Feiertagen doch noch für Sie geschrieben, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.

Diese letzten Zeilen über eine Inselgruppe auf den Kapverden schreibe ich Ihnen von Kreta aus. Gestern operierten wie in Kalyves, einem kleinen Küstenort auf Kreta. Im Vorfeld wurde uns mitgeteilt, dass eine Anwältin und auch die Bürgermeisterin anwesend sein würden, man rechnet mit einer Kontrolle seitens der Polizei oder der Veterinärbehörde. Und außerdem dürfen wir nur sieben Hunde operieren. Diese Tiere müssen zur Nachsorge zu einem ortsansässigen Tierarzt gebracht werden und dieser hat nur sieben Käfige. Finde den Fehler... Thomas Busch

Thomas Die dritte Insel, die wir besuchen, ist Santiago, die Hauptinsel mit ihrer Hauptstadt Praia. Schon am Flughafen kenne ich mich nicht mehr aus. Alles neu. Die Zufahrt zur Stadt war bei meinem letzten Besuch noch ein gestückeltes Kopfsteinpflaster. Jetzt rollen wir über glatten Asphalt zwischen Industriegebäuden hindurch, die vor drei Jahren noch nicht hier standen. Dafür liefen grasende Kühe über den Mittelstreifen. Am Kreisel, an dem es einst nur rechts runter in die Stadt ging, biegt unser Taxi nach links ab. Überall wird gebaut. Noch einmal scharf links und schon erkenne ich das Gebäude von Bons Amigos. Eine große Mauer mit einem Stahltor umgibt einen Säulenkomplex, der mir schlicht und ergreifend die Sprache verschlägt. Na das ist mal eine Klinik!

Aus meiner Starre löst mich ein junger Mann, der auf mich losgestürmt kommt und mich mehrmals umarmt und drückt, als sei ich ein aus dem Krieg zurückgekehrter Vater. Ich gebe zu, das sind sehr emotionale Momente und die Bilder der Vergangenheit holen mich ein. Er war einst eine kleine Pissbacke aus den Slums von Ponta d`Agua, der neugierig zuschaute und wahrscheinlich nicht ansatzweise davon träumte, einst eine Tierklinik zu leiten. Wir lösen unsere Umarmung und ich schaue in das strahlend, stolze Gesicht dieses kleinen Jungen. Madueno heißt uns mit einem breiten, stolzen Lachen herzlich willkommen.

Er kann es kaum erwarten uns rumzuführen. Wie vor ein paar Tagen Marga in dem Refugium von Nathalie und Spartaco alle Türen aufriss, so läuft Madueno voraus und erklärt mir in gebrochenem Englisch jeden einzelnen Raum. Und davon gibt es viele. Einen Eingangsbereich mit Wartezimmer, einen Aufwachraum, einen Behandlungsraum, einen OP-Raum mit zwei Tischen, einen Quarantäne Bereich. Alles super sauber und aufgeräumt. In der Kürze der Zeit kann ich gar nicht alles aufnehmen, spüre aber, wie viel Arbeit hier investiert wurde. Herwig, wenn Henriette sehen könnte, was Du mit Deinem Team hier aus dem trockenen Boden gestampft habt, ich bin mir sicher, sie würde zur Einweihungparty kommen. Egal wie.

Henriette, die Gründerin von Bons Amigos starb vor langer Zeit und nahm meinem geschätzten Kollegen Dr. Herwig Zach das Versprechen ab, ihr Projekt "Bons Amigos" weiterzuführen. Herwig, mit dieser Klinik hast Du ihr nachträglich ein Denkmal gesetzt! Unsere Besichtigung fällt leider nur sehr kurz aus, da das Taxi noch im Hof wartet, denn wir starten unverzüglich eine Kastrationskampagne in einem der 25 Bezirke Praias.

Diesmal fahren wir am Kreisel rechts runter, in die Stadt, die niemals schläft. Einiges erkenne ich wieder und Madueno zeigt mir die Bezirke, die unter Kontrolle sind. Und tatsächlich, dort sind weniger Hunde unterwegs. "Bleiben die in ihrem Bezirk?" möchte ich wissen und Madueno nickt. Offensichtlich, denn als wir am nächsten Kreisverkehr erneut abbiegen, ändert sich die Situation. Hunde über Hunde. SO hatte ich das Straßenbild in Erinnerung. Warum sollten die kastrierten Tiere auch noch wandern? Madueno könnte Recht behalten. Sie haben oft Besitzer, leben in ihrem angestammten Bereich und nichts treibt sie mehr unruhig durch die Straßen. Außerdem fällt auch hier einem Blinden auf, dass die Tiere schlechter aussehen. Räudig und dünn. Ein sicheres Zeichen, ein unkastriertes Tier vor Augen zu haben.

Nach meiner Rückkehr telefoniere ich ausgiebig mit Dr. Zach. Er begeistert mich für die Idee, die einzelnen Stadtteile von Praia systematisch durchzukämmen. Immer dann, wenn ein Bezirk "fertig" ist, wechselt das Team zum nächsten. Mit Hilfe der eingesetzten Ohrmarken wird es einfach sein, unkastrierte Tiere ausfindig zu machen, die neu einwandern. Diese Neuzugänge möchte Herwig mit Hilfe der Bevölkerung ausfindig machen und eine Telefonnummer an tierschutzinteressierte Menschen ausgeben, die, sobald sie ein unkastriertes Tier in einem der "fertigen" Bezirke entdecken, dort anrufen. Der Neuzugang wird dann unverzüglich abgeholt und in der Klink kastriert. So ist auch auf einen langen Zeitraum gesichert, dass die "fertigen" Bezirke "sauber" bleiben.

Um einen weiteren Bezirk in Herwigs Kastrationslandkarte "weiß" zu machen, sind wir hier. Eine alte Schule ist unser Ziel und Arbeitsstätte für die kommende Woche. Alle sind da. Gilson, Alex, Edson, Lucia und einige neue Gesichter. Wir umarmen uns und ich fühle mich fast heimisch. In mitten diesem Dreck. Um den wegzuschaffen, dafür sind wir hier. Vor vier Stunden standen wir noch vor der Propellermaschine auf Sal. Es folgte der Flug, die kurze Klinikbesichtigung und die Fahrt zur Schule. Jetzt streift Marga sich die OP-Handschuhe über und beginnt ihr Werk.

Gilson und Madueno beziehen an dem Tisch vor ihr Stellung. Was diese Räume im täglichen Gebrauch für eine Schulfunktion haben, weiß ich nicht, es ist mir aber auch egal. Ein Klassenzimmer ist der OP, das andere der Vorbereitungsraum. Gilson hat seine Ausbildung zum Tiertechniker erfolgreich abgeschlossen. Er ist ein cleveres Kerlchen und ihn umgibt eine faszinierende Ruhe. Alles was er macht erscheint genau durchdacht. Er darf auf den Kapverden mit dieser Ausbildung operieren. Und er kann es, dass ist für mich das Wichtigste. Alles, was hier geschieht, hat vor über 13 Jahren mit Ines und mir begonnen. Wir optimierten die Arbeitsweise, die bis heute bei all unseren Projekten gleich ist. Die Spritzen sind mit den typischen Kürzeln beschriftet, die Narkose ist die Selbe, die Technik sowieso. Dante, der erst in diesen Wochen so richtig tief in unsere Arbeit eingetaucht ist, findet sich unverzüglich zurecht. Alles ist synchronisiert und das ist gut so. Somit ist jeder von uns überall und jederzeit einsetzbar oder ersetzbar. Jeder weiß genau, was wann zu tun ist. Egal ob in Rumänien, auf Kreta, Rhodos oder jetzt hier in Praia.

Unsere Jungs haben all das übernommen und so beginnt vier Stunden und zehn Minuten nach unserem Abflug von Sal, der Kastrationseinsatz. Die Rezeptionisten haben am Eingang Stellung bezogen. Sie protokollieren jedes gebrachte Tier. Adresse und die Telefonnummer wird aufgeschrieben und begleitet das Tier mit einer Nummer, die mit Klebeband auf den Kopf geklebt wird. Der "kleine" Gilson ist neu dabei. Er hat zuvor beim Militär gearbeitet und anschließend irgendwie zu Bons Amigos gefunden. Er imponiert mir. Die Katheter sitzen, er geht gut mit den Patienten um und rennt ständig zwischen OP- und Vorbereitungsraum hin und her. Meistens mit einem Tier auf dem Arm. Die anderen Helfer sorgen sich um die aufwachenden Tiere, sie ziehen, wenn das Tier zu sich kommt, die Katheter und übergeben es später den Besitzern. Hier erbricht einer, hier muss Narkose nachgegeben werden, wieder einer hat sich in die Hose gemacht und beschwert sich lauthals über den Dreck in seiner Box. Ein Gewusel wie auf dem Hamburger Fischmarkt. Die Lautstärke ist ähnlich. Die drei Chirurgen stehen hintereinander in Reih und Glied, jeder an seinem eigenen Tisch. Die Verbissenheit und der Ehrgeiz sind fast fühlbar. Jeder möchte eine erstklassige Operation vorweisen und von dem Elend einen großen Teil wegschaffen.

Dante No Stress. Dass ist das Motto, dem sich jeder auf den Kapverden annimmt. Es funktioniert nichts, aber irgendwie doch alles. Also warum sollte es bei uns anders sein? Bei den letzten Einsatzorten gab es meistens keinen Strom, kein Wasser und den Vergleich mit deutschen OP-Räumen wollen wir gar nicht erst anstellen. Trotzdem bekommen wir es hin, absolut steril zu arbeiten. Rund um die Chirurgen ist Chaos, aber ihr OP-Feld, abgedeckt von einem sterilen Abdecktuch, die Hände geschützt unter sterilen Handschuhen, sterilisiertes Besteck, sterile Tupfer, lassen auch einen Laien erkennen, dass die Verantwortung ernst genommen wird. Sehr ernst, wie auch ich lernen musste. Ob klein, ob groß, ob dick, ob dünn, alles wird kastriert und wir versuchen jedem Tier eine zweite Chance auf ein besseres Leben zu geben. Jedoch kommt es vor, dass Patienten eine längere Behandlung benötigen. Früher war dies schwierig, wie Papa mir erklärt. Wohin mit dem Tier? Mehr als die Flugbboxen gab es nicht. Wer behandelt mit welchen Medikamenten, erst recht, wenn die Tierärzte wieder abgereist waren? Es war lange nicht alles da, was gebraucht wurde. Und vor allem: wo klaute man die Zeit, die diese Behandlungen oder gar Operationen den Kastrationen wegnahmen?

Heute ist das alles anders. Heute können wir uns nahezu komplett auf das Kastrieren von Hunden und Katzen konzentrieren, denn jedes Tier, das mehr Hilfe benötigt, bekommt sie in der neu gebauten Tierklinik.  Inmitten von Dreck, Müll und no stress hat es der Verein Bons Amigos geschafft, eine Klinik zu erschaffen, die ihrem Namen alle Ehre zukommen lässt. Ich bin völlig geflasht, als wir dort ankommen. Mit allem hätte ich gerechnet, jedoch nicht mit einer richtigen Klinik. Papa auch nicht, das erkenne ich an seinen fast feuchten Augen bei der nicht enden wollenden Umarmung von Madueno. Endlich lerne ich ihn kennen, das junge Talent aus den Slums von Point d`Agua. Die Geschichten, die ihn umgeben, kenne ich seit Jahren. Jetzt schüttelt er mir die Hand. Ein bewegender Moment.

Auf dem Gelände steht ein zweistöckiges, mit roten Säulen verziertes Gebäude und ihm gegenüber ein im Rohbau befindlicher Bereich, in dem später einzelne Zwinger errichtet werden sollen, um kranke Langzeitpatienten besser unterbringen zu können. Auf der zweiten Etage sollen Wohnungen für die Helfer entstehen, die Klinik bildet den unteren Teil. 

Zuerst zeigt Madueno uns das große und mit Patienten und Besitzern gefüllte Wartezimmer. Mehr muss ich von der Klinik gar nicht sehen, denn schon dieser Raum ist für das, was ich bisher von den Kapverden gesehen habe, eigentlich untypisch. Er ist sauber (auf den Kapverden sehr untypisch), alles funktioniert (mindestens genauso untypisch), es gibt fließend Wasser und Strom (wie typisch das ist, können sie sich denken) und das Wichtigste von allem, in den Gesichtern der Patientenbesitzer erkenne ich Freude, da es nun einen Ort gibt, durch den sie Hoffnung schöpfen, ihren vierbeinigen Schätzen helfen zu können. 

Ich denke kurz an den OP-Container in den Slums von Santa Cruz, dem windigen OP-Zelt in Espargos oder dem winzigen und staubigen Raum in Terra Boa. Nein, dass hier ist eine wirkliche Klinik! Wir gehen durch das Wartezimmer weiter den Flur entlang und bleiben zuerst an dem Behandlungsraum stehen. Dieser ist mindestens genauso sauber, zwar klein, erfüllt aber voll und ganz seinen Zweck.  Weiter kommen wir zum Operationsraum. Gedanklich ist meine eine Gehirnhälfte immer noch in den Slums, wo sich Müllhalden und Wüsten gepaart haben. Dagegen wirkt dieser Bereich wie ein Raumschiff aus der Zukunft. In ihm stehen medizinische Geräte, die ich nicht kenne, die aber sehr modern aussehen. 

Nun macht der Flur einen Knick, dem wir folgen und endet in einem Röntgen-Raum, der (noch) mehr Raum als Röntgen ist und der Quarantäne. Auch diese ist sehr ordentlich und abgegrenzt von dem Rest der Klinik und selbst Papa findet nichts an dem er was zu kritisieren hat. Ich glaube, er steht noch irgendwie neben sich.

  

Thomas Meine Begeisterung kennt kein Ende. Aber kleine Einschränkungen sind mir trotzdem erlaubt. Hier ist ein Projekt entstanden, welches vor vielen Jahren undenkbar erschien. Menschen sind ins Boot geholt worden, deren Zukunft nicht gerade rosig aussah. Ihnen wurde eine Perspektive geboten, die sie nutzten. Sie verdienen Geld, sind sehr angesehen und haben sich in unendlich vielen Stunden des Unterrichtes ein Wissen angeeignet, welches unzähligen Tieren das Leben rettete. Unterstützung kam immer wieder aus Deutschland, Österreich und Portugal von Tierärzten, die die Trainingseinheiten abhielten. Trotzdem sind es keine Tierärzte, sie besitzen die landestypische Ruhe (um es vorsichtig zu formulieren) und sie sind jung und damit in ihrem verantwortlichen Denken noch unreif. Das erkennt man im Umgang mit den Dingen die tagtäglich eingesetzt werden. Immer mal wieder ist was kaputt, das Auto sieht aus als wäre es ein schlecht gepflegter Oldtimer, Dinge fehlen, werden vergessen. Auch die einhundertste Aufforderung, etwas zu ändern, wird gekonnt ignoriert. Trotzdem ist alles tausendfach besser als nichts zu haben. Die Menschen von außerhalb, die ich sprechen konnte, reden begeistert von der Klinik und fühlen sich dort erstklassig behandelt und betreut.

Ein leitender Arzt wird über kurz oder lang aber die Führung übernehmen müssen. Leider hat die bis vor Kurzem hier arbeitende Tierärztin die Kapverden verlassen. Der neue Kollege wird internistisch noch einiges aufzuarbeiten haben, chirurgisch eher weniger. Madueno und Gilson beherrschen die wichtigsten Operationen im Schlaf. Dazu gehören selbstredend die Kastrationen, die Amputationen, das Entfernen von Augen, Tumoren oder Verletzungen. Innere Erkrankungen sind schon eher ein Problem, denn weiterführende Untersuchungen sind noch nicht immer möglich. Noch nicht! Ein Röntgengerät ist auf dem Weg, bei Blutuntersuchungen können fast alle Parameter bestimmt werden, ein Ultraschallgerät existiert. Die Erfahrungen mit diesen Geräten sind aber nicht ausreichend. Für die Übergangszeit bietet Marga an, egal wo sie sich gerade befindet, Kontakt zu ihr aufzunehmen, um Gilson oder Madueno telefonisch durch die Probleme zu begleiten.

Wir haben es also mit einer Situation zu tun, die meiner Meinung nach alle Konzentration auf die Kastrationen richten sollte. Kampagnen müssten so schnell wie möglich hintereinander stattfinden, damit erst einmal eine Populations-Basis geschaffen werden kann, die einen Überblick zulässt. Da Geld nicht im Überfluss zur Verfügung steht, sind wir mal wieder beim Konjunktiv. Wir sollten... Wir müssten... Wenn aber kein Geld zur Verfügung steht, können die engagiertesten Tierschützer nur in der Nase bohren.

Erst wenn in den restlichen Bezirken die Population im Griff ist, kann man sich vermehrt um die Diagnostik von Einzelschicksalen kümmern. Da aber beides eh nicht in wenigen Wochen erreicht werden kann, laufen diese Entwicklungen parallel nebeneinander her und das finde ich auch gut. Trotzdem: jeder Cent muss zuerst in die Kastrationskampagnen fließen.

In Gesprächen mit Gilson erklärt er, dass es sehr schwierig ist, einen Ist-Zustand der Hunde- und erst recht der Katzenpopulation zu erheben. Praia wächst rasant schnell. In den Armutsvierteln, die immer weiter ins Umland hineinwachsen, ist die Hundezahl hoch, aber kaum zählbar. In anderen, etwas niveauvolleren Gegenden sind die Menschen soweit informiert, dass sie sich unverzüglich melden, wenn ein neuer, unkastrierter Hund auftaucht. Gilson schätzt, dass 30-40% der Tiere in Praia bereits unfruchtbar sind. Er hält die Gesamtzahl von 25.000 Hunden aber für zu hoch. Ich jongliere sehr ungern mit unbekannten, nicht statistisch erhobenen Zahlen, aber mehr Informationen gibt es einfach nicht. Es wäre zwar schön, Exakteres zu wissen, aber ändern wird sich dadurch nicht viel.

Das Ziel von Bons Amigos und dem Tierärztepool muss es sein, die Zahl der unkastrierten Tiere so schnell wie möglich zu senken und ich bin optimistisch, dass wir das schaffen werden. Als Errungenschaft, die wir leider erst jetzt einführen, ist das Einsetzen eines Clips in die Hundeohren von unermesslichem Wert. Von weitem erkennt jeder, welches Tier bereits durch unsere Hände ging. Das schützt die Tiere, es macht die Suche einfacher und es informiert die Bevölkerung, dass etwas getan wird. Und Sie glauben gar nicht, wie dies einschlägt! Auch diejenigen, die ihr Tier bereits zu einer der vorangegangenen Kampagnen brachten, stehen in der Tür und wollen einen Chip für ihren Hund. Auch für uns und das Team ist dies ein Motivationsschub, denn es lässt optisch erkennen, was wir geleistet haben. Telefonisch bespreche ich nach meiner Rückkehr mit Dr. Herwig Zach Folgendes: 1. Die Suche nach einem neuen Tierarzt, der die Klinik betreuen wird, wird intensiviert. Vor allem im portugiesischem Sprachraum.
2. Je nach finanziellen Möglichkeiten werden 3-6 Kastrationskampagnen in weiteren Bezirken von Praia stattfinden. Mit chirurgischer Vollbesetzung und dem Tierärztepool. Vorwiegend Marga.
3. Wir werden von Bezirk zu Bezirk die Arbeit ausdehnen. Die Bezirke, die unter Kontrolle sind, werden nachbetreut.
4. Die Klinik von Bons Amigos ist einzigartig auf den Kapverden. Sie muss jede Unterstützung erhalten, die möglich ist. Die letzten Bauarbeiten müssen fertig gestellt und die Einrichtung vervollständigt werden. Sie bietet beste Möglichkeiten der Behandlung und der Diagnostik.
5. Wir alle sollten Dr. Herwig Zach überreden auf die Kapverden zu ziehen, um die Leitung vor Ort zu übernehmen ;-)

Die anschließenden Tage sind wie immer: Arbeiten bis spät abends, Umschiffen von unendlichen Hürden, Lehr- und Lernstunden, das Freuen über das Erreichte, aber auch das Ärgern über Kleinigkeiten und am Ende folgt eine Verabschiedung, die den Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen mit dem melancholischen Wort Sodade nicht besser ausdrücken könnte. Sodade heißt Sehnsucht.

Dante Um meine anfangs gestellte Frage zu beantworten, nein, ich hatte sechs Wochen lang kein Datenvolumen. Und das WLAN war entweder langsamer als eine Schnecke oder genauso vorhanden wie Menschen auf dem Mars.  Trotzdem habe ich es überlebt. Und eigentlich war es gar nicht so schlimm.
Natürlich gibt es sehr viel Armut auf den Kapverden, darüber muss man sich nicht streiten, jedoch dachte ich, dass wir nur in Slums arbeiten, schlafen und auch essen würden. Gut, ich muss zugeben, dass ich bei unserer Ankunft, mitten in der Nacht, nicht wirklich viel gesehen habe. Dafür wurden mir am ersten Tag die Augen geöffnet.  In Santa Maria, einem sehr kuscheligen, kleinen Örtchen wohnten wir in einem netten Hotel. Gegessen haben wir in Restaurants, die es reichlich dort gibt. Santa Maria ist die Stadt, die vom Tourismus lebt und demnach auch auf europäische Zungen eingestellt ist. Trotzdem könnte man an dem einen oder anderen Haus ein paar Verbesserungsarbeiten vornehmen oder es gar abreißen, aber wem das nicht gefällt, der sollte zuhause bleiben. Die Fahrten in die Slums waren anders. Dort spürte ich wirkliche Armut. Die Menschen haben NICHTS, aber trotzdem wirken sie lebensfroh und wahrlich nicht depressiv. Genauso wenig wie die Verkäufer von Santa Maria, die mich mit ihrem aufdringlichen Gelaber schon ein bisschen genervt haben. Sie haben es immer wieder versucht, mich in ihren Shop zu locken, als würde dort der Himmel auf mich warten. Und ich habe nachguckt, es ist definitiv nicht der Himmel. 

Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an alles und selbst die riesigen Hotelanlagen, in denen wir uns auch bewegten um Susana zu treffen oder Tiere zu fangen, rückten in ein anderes Licht. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich überall richtig heimisch und ich wollte nach den ersten 10 Tagen gar nicht auf die anderen Inseln fliegen. Trotzdem bin ich froh, dass wir es gemacht haben. Nicht nur, weil wir dort wieder einen Schritt in die richtige Richtung gegangen sind und weitere 793 Tiere operiert haben, sondern vor allem, weil ich die Menschen dort kennenlernen durfte. Zu Beginn waren wir uns überall fremd, doch egal wie dick das Eis ist, es schmilzt. So habe ich viele neue Menschen erlebt. Ihre Art zu leben, ihre Gedanken, ihre Einstellung zu vielen Dingen, ihren Mut, ihre Weisheiten und ihren Umgang mit den Dingen, die für mich entweder keine oder eben doch eine Selbstverständlichkeit sind. Einige sind zu Freunden geworden, die ich wahrscheinlich sehr, sehr lange nicht mehr wiedersehe, die aber immer in meinem Herzen bleiben werden.

  Es war eine lange Zeit, die wie im Flug verging. Aber jetzt freue mich sehr auf zu Hause. Die Weihnachtsstimmung, Freunde und Familie wieder in den Arm nehmen, ja selbst auf die Kälte freue ich mich ein bisschen. Aber trotzdem vermisse ich die Inseln, obwohl ich gerade mal ein paar Stunden von dort weg bin. Und das liegt mit Sicherheit nicht an der Natur, denn wegen unendlich vielen Steinen, Sandkörnern und drei Bäumen, lohnt es sich nicht, so eine lange Reise zu unternehmen. Was lockt sind das Klima, das no stress Leben, die lockere Atmosphäre, die die Menschen ausstrahlen, die traumhaften Strände und das Meer. Im Winter noch im Atlantik schwimmen zu gehen, dass ist schon richtig cool.

Dass mein Papa mich als unerfahrenen Türstopper mit auf so eine Reise genommen hat, ist alles andere als selbstverständlich. Zwar war mir klar, dass ich dort keinen Urlaub verbringen würde, dass wir aber nahezu sechs Wochen lang durchgearbeitet haben, hätte ich nie geglaubt. Und erst recht nicht, dass es in keiner Weise nervig, anstrengend oder langweilig war. Zu Beginn stand ich wie ein Fremdkörper neben sämtlichen Aktivitäten, doch habe ich es geschafft mein Fremdkörperdasein ad acta zu legen und Teil des Systems zu werden. Ein Teil der Familie zu werden. Ein riesiges Dankeschön an Marga. Sie ist ein sehr offener, fröhlicher, optimistischer Mensch. Und wenn man einmal ihrem sächsischen Akzent lauschen durfte, den sie sich während ihres Studiums angeeignet hat, will man sie gar nicht mehr gehen lassen. Deshalb hat es tierisch Spaß gemacht mit ihr zusammenzuarbeiten. Danke Marga, für die vielen Dinge, die Du mir über das Tierarztleben beim Tierärztepool, über die Weltmeere und über die Inselgruppe mitten im Atlantik erzählt und beigebracht hast.

Natürlich auch vielen Dank an meinen Papa. Ohne ihn wüsste ich vermutlich nicht einmal wo die Kapverden liegen und jetzt habe ich sie hautnah erlebt. Ich habe eine andere Kultur, verschiedene Mentalitäten und die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt. Ich weiß, er wollte meine Sicht auf Reichtum und auf Armut relativieren gleichzietig aber auch schärfen. Auch wie ich mich gegenüber Hunden zu verhalten habe und was zu tun ist, wenn Hunde ängstlich, aggressiv, lieb oder zutraulich sind, hat er mir gezeigt. Wie viele tausend andere Dinge auch.

Und jetzt sitze ich im Flugzeug, welches sich langsam und sicher dem Hamburger Boden nähert, gucke aus dem Fenster und sehe auf die, sich zu dieser Jahreszeit noch bis zum Horizont erstreckenden grünen Wälder und Felder und auf die perfekt ausgebaute, dreispurige Autobahnen. Aber wo ist der Strand?

Wir setzen auf und plötzlich fehlt mir etwas. Es ist nicht die strahlende Flughafenhalle, nicht die Hektik der heranrauschenden Taxifahrer, nicht der kitschige Weihnachtsmarkt. Auch nicht die Festbeleuchtung auf dem Weg nach Hause.

Ich kann nicht in Worte fassen, was es ist, ich spüre nur einen unbändigen Wunsch: ich möchte noch einmal wiederkommen dürfen.

Thomas Diese letzten Zeilen über eine Inselgruppe auf den Kapverden schreibe ich Ihnen von Kreta aus. Ich war leider nur eine Woche zwischen den Feiertage zuhause und Sie können sich vorstellen, was da so alles liegengeblieben ist. Ich hoffe, Dante und ich konnten Sie mitnehmen auf eine Reise, über die wir sie so objektiv wie möglich, so emotional wie wir es erlebten und so positiv, wie wir an vielen Stellen aufgenommen wurden, berichteten. Es ist unglaublich, wie offen wir empfangen wurden. Die Bürgermeister, die Gemeinden, die Kollegen (sofern es überhaupt welche gibt) die Bevölkerung, die Hotelmanager. Sie alle stehen unserer Idee offen gegenüber. Sie nehmen unsere Hilfe gerne an, die befolgen unsere Ratschläge, entwickeln gemeinsam Ideen und bitten um eine möglichst schnelle Wiederkehr. Man berichtet untereinander stolz über die Erfolge, man versteht die Kastrationen nicht als Griff in die eigene Machohose sondern als Linderung des Elends.

Gestern operierten wie in Kalyves, einem kleinen Küstenort auf Kreta. Im Vorfeld wurde uns mitgeteilt, dass eine Anwältin und auch die Bürgermeisterin anwesend sein würden, man rechnet mit einer Kontrolle seitens der Polizei oder der Veterinärbehörde.

Und außerdem dürfen wir nur sieben Hunde operieren. Diese Tiere müssen zur Nachsorge zu einem ortsansässigen Tierarzt gebracht werden und dieser hat nur sieben Käfige. Finde den Fehler...

Kommen Sie gut ins Neue Jahr
Thomas und Dante

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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