Kapverden November 2006

10.11.2006

Ein Bericht von Dr. Herwig Zach Mit acht Stunden Verspätung komme ich um drei Uhr Früh in Praia an. Obwohl Dona Francisca, die mich seit Jahren kennt, ein Zimmer im Hotel „Sol Atlantico“ („Atlantische Sonne“, - welch ein Name!) reserviert hat, ist keines frei. Erst als der erste Gast um fünf Uhr das Hotel verlässt - vermutlich um seinen Flug auf die Nachbarinsel Fogo zu erreichen - kann ich mich kurz hinlegen.Seit mittlerweile fast sieben Jahren begleitet mich bereits das Projekt des Vereins „Bons Amigos“, der sich um die Straßenhunde in Ponta d' Agua, einem Bezirk von Praia, der Hauptstadt der kapverdischen Inseln, kümmert und mit seiner Hilfe für die Tiere einen nachhaltig positiven Einfluss auf die Gesundheit der Menschen ausübt.Die Kapverden - 4000 km² groß - fünfzehn kleine Inseln mitten im Atlantik - waren 500 Jahre lang eine portugiesische Kolonie und sind seit nunmehr über 30 Jahren ein selbstständiger Staat, der die Mitgliedschaft in der EU anstrebt.Lange Zeit bevor ich das erste Mal Cabo Verde besuchte, kannte ich eines ihrer besten Exportgüter, die kapverdische Musik: Lebhaft wie ein brasilianisches Fest, rhythmisch wie afrikanische Trommeln und emotional wie der portugiesische Fado erzählt sie von der Verlassenheit in der Welt und der Härte des Schicksals, der Freude im Trotzdem und von der Unmittelbarkeit des Lebens.Ich freue mich, wieder hier zu sein.

In der Erinnerung verschwimmen diese immer ähnlich ablaufenden Arbeitstage zu einem großen, langen, arbeits- und ereignisreichen Tag, und nur wenn ich mir Einzelheiten in Erinnerung rufe, merke ich, dass es viel zu viele für einen einzelnen Tag sind.Dr. Herwig Zach
  • konzentriertes-Arbeiten unter erschwerten Bedingungen
  • extremer Raeudebefall

11./12.11.2006

Die nächsten zwei Tage dienen dazu, unser Material zu sichten und zu ordnen: chirurgisches Besteck, ein Autoklav, Nahtmaterial, Narkosemittel, Antibiotika, Operationshandschuhe, Abdecktücher, Nadeln, Spritzen, Medikamente. Die ersten Tage werden wir mit diesen Resten des letzten Einsatzes auskommen müssen, denn unser neues Material hängt beim Zoll fest.

Unser neues Domizil ist sehr schön. Es besteht aus dem Erdgeschoß eines der größten Häuser des Vorortes Ponta d' Agua, das am Rande eines Abhanges steht - mit freiem Blick auf die Stadt und das dahinter liegende Meer. Hier werden wir unsere Arbeit fortsetzen. Ausblick aus unserem neuen Domizil auf die Stadt PraiaUnsere Arbeit besteht darin, die vielen auf der Straße lebenden Hunde zu kastrieren und gegen Parasiten zu behandeln. Damit wirken wir der ungezügelten Vermehrung dieser Tiere und den durch sie auch auf den Menschen übertragenen - vor allem parasitären - Erkrankungen entgegen. Da, wo wir arbeiten, sind nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen gesünder, und darauf sind wir sehr stolz!Hier in Ponta d' Agua treffe ich auch diejenigen, die in den nächsten Wochen mit mir arbeiten werden: - die zwei jungen portugiesischen Tierärztinnen Inês und Ana, die das Projekt kennen lernen, viel praktische Erfahrung als Tierärztinnen sammeln, ihre ersten Operationen durchführen und als Dolmetscherinnen tätig sein werden, Ana Ines– Henriette Wirtl, die von der Idee der „Bons Amigos“ wie sie selber sagt besessene Initiatorin des Vereines, die auch für diesen Einsatz wieder viel Vorarbeit und Organisation geleistet hat und uns jeden Tag mit Kaffee, Tee, frisch gewaschenen Tüchern für die Tiere und den neu aufgetretenen Problemen und Fragestellungen versorgen wird.

Henriette Wirtl– Dona Cesaltina, die Seele der permanenten Arbeit der „Bons Amigos“ auf den Kapverden, die das ganze Jahr über die Behandlungen gegen die Parasiten und auch die Versorgung von Notfällen durchführt (Die in ihrem Hauptberuf als Krankenschwester im Gesundheitsstützpunkt von Ponta d' Agua tätige Frau arbeitet in ihrer Freizeit für die Tiere und bringt neben Engagement und Verlässlichkeit auch jede Menge medizinische Erfahrung in ihre Tätigkeit für die Tiere ein. Außerdem wurde sie von mir in der Behandlung der wichtigsten Krankheiten der Hunde und Katzen geschult. Sie wird diesmal auch ihre ersten Kastrationen durchführen), Cesaltina– die HelferInnen Madueno, Gandi und Luzia, drei junge Leute aus Ponta d' Agua, die den Verein mit ihrer Arbeit unterstützen und so wie Dona Cesaltina ein wenig Geld damit verdienen

Luzia, Gandi, Madueno– Dona Maria Olivia, die Hausbesitzerin, die mit ihrer Familie im oberen Stockwerk wohnt und uns jeden Tag zu Mittag bekochen wird. Maria Olivia im weißen Hemd mit Gandi in der Küche

An diesen verschiedenen Positionen und Rollen in unserer Arbeit merkt man, dass die Arbeit des Vereines „Bons Amigos“ mittlerweile schon ziemlich konsolidiert ist. Ganz anders als in unserer Pionierphase arbeitet der Verein ganzjährig. Unabhängig von den - vor allem den Operationen gewidmeten - Einsätzen von TierärztInnen finden hier regelmäßige „Deparasitações“ (Deparasitierungen), Wundversorgungen und Notfallbehandlungen statt - dank Cesaltina, Madueno, Gandi und Luzia und dank der finanziellen Unterstützung dieser Arbeit durch unsere SpenderInnen. Mit den Spenden können wir Medikamente kaufen und diese nach Praia senden sowie eine kleine Aufwandsentschädigung bezahlen. Ein bis zwei Mal im Jahr versuchen wir, im Rahmen eines Einsatzes alle neu hinzugekommenen Straßenhunde zu kastrieren - seit mittlerweile 1½ Jahren vor allem mit Unterstützung durch die großartige Arbeit von Ines Leeuw und Thomas Busch, die übermorgen ankommen werden.Neben unseren Aufräumarbeiten erhalten wir viel Besuch alter Bekannter und führen die ersten Behandlungen erkrankter Tiere durch. Am Nachmittag bricht Dona Cesaltina auf, um in einem Nachbarbezirk Hunde gegen Parasiten zu behandeln. Als sie abends zurückkehrt, sind über 50 Tiere von ihr behandelt worden.Es ist heiß, stickig und staubig. Sogar für kapverdische Verhältnisse - und diese Inseln liegen nahe dem Äquator - ist dieser November zu heiß. Glücklicherweise weht immer wieder der wie eine Wohltat wirkende Wind über das Land.

13.11.2006

m Vormittag werde ich zusammen mit den portugiesischen Tierärztinnen langsam mit den Vorbereitungsarbeiten fertig. Der OP ist eingerichtet, der Autoklav betriebsbereit und das OP-Besteck geputzt. Die Medikamente sind auf ihrem Platz, und ich freue mich, dass genug von allem da ist.Wir haben uns bereits um ein paar Sorgenkinder zu kümmern, unter anderem um eine kleine, ca. fünf Monate alte Hündin und einen ausgewachsenen Rüden mit alten offenen Frakturen (Knochenbrüchen).Es hat sich auch schon herumgesprochen, dass wir wieder da sind, und es besuchen uns viele Leute - vor allem Kinder - mit ihren Tieren zur Parasitenbehandlung und um uns zu begrüßen. Einige von ihnen kennen wir schon viele Jahre.Überhaupt sind die Kinder, die uns mit ihren Tieren, an denen sie sehr hängen, aufsuchen, einer der vielen Faktoren, die am Gelingen und Bestehen des Projektes beteiligt sind. Daneben sind sie auch die ersten Nutznießer unserer Arbeit. Sie leiden weniger an Hautkrankheiten und Parasiten als die Kinder anderer Bezirke Praias. Zusätzlich haben sie die Möglichkeit, mit uns und wir die Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Zwei Welten begegnen sich und gehen - so glaube ich - beide bereichert daraus hervor. Gandi hat eine lange Liste an Operationen zusammengestellt, die wir in den nächsten Tagen durchführen sollen. Über 200 Tiere sind von ihren Besitzern bei uns zur Kastration angemeldet worden.Ich nenne die Menschen, die mit den Hunden, die in ihrer Umgebung leben, zu uns kommen, der Einfachheit halber deren Besitzer. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie Besitzer in unserem Sinn des Wortes sind. Die Leute selbst würden das wahrscheinlich nicht alle so sehen. Oft besteht nur ein sehr lockerer Kontakt zwischen Mensch und Tier, und die Hunde leben die meiste Zeit sich selbst überlassen auf der Straße. Seit wir aber das Angebot machen, diesen Tieren zu helfen und sie zu behandeln, findet sich fast ausnahmslos für jeden Hund ein Mensch, der das Tier zu uns bringt.

Richtige Straßenhunde, die ohne jeden menschlichen Bezug leben, gibt es nur sehr wenige. Um diese zu erreichen, müssen wir sie mit kleinen Futtergaben anlocken und einfangen. Diese Arbeit erledigen regelmäßig die kapverdischen „Bons Amigos“.Für den Nachmittag bestelle ich die ersten fünf Rüden zur Kastration, um die Arbeit zu beginnen und die geplanten Abläufe im OP einer Prüfung zu unterziehen. Alle Tiere werden verlässlich gebracht und von mir kastriert - vier normale Rüden und ein Kryptorchide. Kleine Änderungen im Ablauf der Vorbereitungsarbeiten bespreche ich mit den beiden portugiesischen Tierärztinnen, die leider noch ganz wenig Erfahrung haben. Trotzdem sind wir gut gerüstet für morgen, den ersten Tag unserer intensiven Operationstätigkeit zusammen mit Ines Leeuw und Thomas Busch.

14.11.2006

Als ich um 9.00 in unserer kleinen Klinik erscheine, sind Thomas und Ines bereits da und haben sich auch schon in unserem OP eingerichtet. Für heute sind an die zwanzig Hunde und Hündinnen bestellt, und nach kurzer Besprechung der gemeinsamen Vorgangsweise stürzen wir uns in die Arbeit.Ines und Thomas sind ein erfahrenes und gut eingespieltes Team, und in einem von mir noch nicht gekannten Tempo wird ein Tier nach dem anderen operiert. Wir verbrauchen nur noch zum Teil etwas mehr Material wie etwa Spritzen und Nadeln als unbedingt nötig und arbeiten noch nicht ganz flüssig zusammen. Bei trotzdem guter Stimmung beschließen wir unseren ersten Operationstag mit 18 Operationen und unzähligen daneben von den portugiesischen Tierärztinnen durchgeführten Behandlungen.

15.11.2006

Am Morgen holen mich Thomas und Ines mit dem Taxi von meinem Hotel ab. Ihres ist noch ein wenig weiter von Ponta d' Agua entfernt als meines, und sie fahren auf ihrem Weg dahin bei mir vorbei.Auf der gemeinsamen Fahrt in unsere „Klinik“ besprechen wir Verbesserungen im Arbeitsablauf, und Thomas kann mich dafür gewinnen, einen Bericht über den Einsatz zu verfassen. Mir graut zwar vor der vielen Arbeit, schreibe aber trotzdem - so wie jetzt - abends im Hotel daran.Auch dieser Tag ist voll Arbeit, und langsam komme auch ich, der ich doch in den letzten zwei Jahren sehr wenig operiert habe, wieder in Schwung, und am Ende des Tages sind über 20 Tiere operiert.Am Nachmittag stößt die kapverdische Tierärztin Dra. Maria de Faytma Santos von der Insel Sal zu uns, die die nächsten Tage bei uns mitarbeiten wird und in die ich viele Hoffnungen im Hinblick auf unsere zukünftige Arbeit setze. Dra. Fatyma ist sehr engagiert und tierlieb, eine Mischung, die ich bei den hiesigen, v.a. als AmtstierärztInnen arbeitenden TierärztInnen in all den Jahren bislang noch nicht gefunden habe. Die letzten Operationen müssen wir bei Kerzenlicht beenden, da wieder einmal - wie so oft in den letzten Tagen - um ca. 19.00 der Strom ausgefallen ist und es um diese Zeit auf den äquatornahen kapverdischen Inseln schon stockdunkel ist.Als Thomas und Ines nach acht Uhr abends nach Hause aufbrechen, geht ein sehr anstrengender Tag zu Ende - denke ich.Während ich - noch immer bei Kerzenschein - hungrig, schmutzig und müde mein Operationsbesteck reinige, höre ich plötzlich lautes und aufgeregtes Reden am Eingang. Kurz darauf steht ein Mann mit seinem kleinwüchsigen schwarzen Hund vor mir: das linke Hinterbein und das rechte Vorderbein weisen tiefe, blutende und stark verschmutzte - wie mit Sand panierte - Wunden auf. Angeblich ist das Tier von einem Auto angefahren worden. Der kleine Hund ist in einem jämmerlichen Zustand.Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll, denn es sind große Wunden, es herrschen grauenhafte Lichtverhältnisse, und natürlich habe ich bei Stromausfall kein steriles Operationsbesteck zur Verfügung. Wir legen das arme Tier in Narkose und reinigen die Wunden, so gut wir können - zuerst mit normalem Wasser und anschließend mit milden Desinfektionsmitteln. Danach gehe ich daran, die Wunden chirurgisch zu versorgen. An einer Stelle muss ich sogar eine Hauttransplantation durchführen. Als ich mit dem ersten Bein fertig bin, haben wir glücklicherweise plötzlich wieder Strom. Mit sehr warmem, dafür aber sterilem Operationsbesteck kann ich das zweite Bein in Angriff nehmen.Es dauert bis nach elf Uhr abends, bis ich mit der Operation fertig bin. Wir alle sind zum Umfallen müde. Ich hoffe, dass der arme kleine Hund mit seinen Verletzungen und der Infektion zurechtkommen wird.

16.11.2006

Pünktlich um neun Uhr fangen wir am Morgen zu arbeiten an. Wieder sind bereits viele Menschen mit ihren Hunden in unserem als Wartezimmer dienenden Vorhof versammelt, als wir eintreffen. Unser stets gefülltes „Wartezimmer“Dem kleinen Hund von gestern geht es erstaunlich gut, was mich natürlich ganz besonders freut. Nur der Besitzer, der am Vorabend sehr besorgt gewirkt hatte, wird sich in den nächsten Tagen nicht blicken lassen.Sehr irritiert durch dieses Verhalten werden wir uns gegen Ende unseres Aufenthaltes überlegen, einen neuen Besitzer für den rekonvaleszenten Hund zu suchen. Wie sich aber kurz vor meiner Abreise herausstellen wird, musste er sich unerwartet in Spitalsbehandlung begeben und konnte sich deshalb nicht melden. Heute führen wir wieder viele Operationen durch. Unter anderem muss dem Rüden mit dem offenen Bruch das Bein abgenommen werden. Den Knochen sägen wir - das hat schon Tradition, wie ich erfahre - in Ermangelung einer Knochensäge mit dem „Leatherman“ von Thomas durch. Am späten Abend zeigt sich der Hund, als wäre nie etwas gewesen! Nur Ines wirkt etwas müde. Dra. Fatyma ist von unserer Arbeit und den Methoden sehr beeindruckt. Vor allem die schnelle und mit einem minimalen Bauchschnitt durchführbare Kastrationsmethode für Hündinnen, mit der man ohne Assistenz operieren kann, die Ines anwendet und die ich mir in diesen Tagen aneigne, hat es ihr besonders angetan.Das Bestellsystem für die zu kastrierenden Hunde, das Gandi fest im Griff hat, funktioniert ausgezeichnet. Es sind immer genug, aber auch nicht zu viele Tiere zu unserer Verfügung. So operieren wir am laufenden Band und können uns am Abend über mehr als zwanzig erfolgreich durchgeführte Operationen freuen.Aber nicht nur Straßenhunde werden uns gebracht, eine seit einigen Jahren auf Santiago (das ist die Insel, auf der wir uns befinden) lebende Deutsche hat nur darauf gewartet, dass wir endlich wieder operieren, um von uns die Katzen kastrieren zu lassen, die sie in Pflege hat. Sie lädt uns auch in ihr Haus und an ihren Strand in der Nähe von Praia ein, aber dafür haben wir leider keine Zeit. Wir wollen die kostbaren Arbeitstage, die wir als gesamtes Team zur Verfügung haben, so gut wie möglich nützen.

17. - 19.11.2006

In der Erinnerung verschwimmen diese immer ähnlich ablaufenden Arbeitstage zu einem großen, langen, arbeits- und ereignisreichen Tag, und nur wenn ich mir Einzelheiten in Erinnerung rufe, merke ich, dass es viel zu viele für einen einzelnen Tag sind. Jeden Morgen fahren Ines, Thomas und ich mit dem Taxi von Praia in unsere „Klinik“. Gleich nach der Abzweigung von der Hauptstraße in Richtung Ponta d' Agua ändert sich das Erscheinungsbild, und vieles weist darauf hin, dass wir uns in einem armen Stadtteil befinden: Der glatte Asphalt der Hauptstraße wird von schwarzem Basaltsteinpflaster mit vielen Beschädigungen und Schlaglöchern abgelöst, und es fängt zu rumpeln und zu stauben an. Es gibt zwar auch anderswo in Praia diese Pflasterstraßen, aber die Straße durch Ponta d' Agua ist besonders uneben und staubig. Gehsteige gibt es nur in Ansätzen, und dort, wo sie vorhanden sind, hat sich der Sand der Umgebung bis zur Bordsteinkante angesammelt. Es gibt zwar mehrere Müllcontainer, aber mindestens ebenso viel Abfall liegt auf der Straße. Im Müll laufen Ziegen, Hühner und Hunde umher. Katzen sehe ich in Ponta d' Agua hingegen nur sehr wenige. Ich glaube, dass viele junge Katzen als Hundemahlzeit enden. Die Häuser sind aus billigen, bröseligen Ziegeln aus Beton und Kies, so genannten „Blocos“, erbaut und in den allerseltensten Fällen verputzt. Nicht alle Fenster haben Scheiben, und viele Böden in den Häusern bestehen aus gestampfter Erde. Es gibt aber auch schmucke, mehrstöckige und mit Balkonen und Pflanzen verzierte, bunt gestrichene Häuser hier.Impressionen: Suchspiel: wer findet den Hund?Das Haus, in dem wir arbeiten, ist eines von diesen besseren, und das ganz Besondere daran ist die wunderbare Aussicht auf die Altstadt und das dahinter liegende Meer. Wann immer die Arbeit oder die vielen anwesenden Menschen in und um das Haus mir zu viel werden, kann ich den Blick dorthin schweifen lassen. Um nur diese Schönheiten der Landschaft zu sehen, bedarf es allerdings eines gewissen Hanges zur Romantisierung oder zur Schwachsichtigkeit. Denn die sich zwischen Ponta d' Agua und der auf einem Hochplateau liegenden Altstadt hinziehende „Ribeira“ - ein ausgetrocknetes Flussbett - ist eine große Abfalldeponie und der Abhang dorthin ist nicht minder schmutzig.Zwischen den staubgrauen Häusern und vielen rotbraunen Steinen und Felsbrocken wachsen ein paar verstaubte Akazien. Ansonsten ist die Erde hier übersät mit Müll, vor allem Plastik und Altmetall. Die freien Stellen zwischen den Häusern werden als öffentliche Toiletten benützt. Hinzu kommt, dass zwar fast jedes Haus eine „Fossa“ - eine Sickergrube - besitzt, in die aber alle Abwässer, die Putz- oder Waschmittel enthalten, nicht hineingeleert werden, um die Bakterien in der „Fossa“, die die Exkremente zersetzen sollen, nicht abzutöten. Deshalb landet jegliches Putz- und Waschwasser in hohem Bogen auf der Straße oder am Abhang unter dem Haus, ruhig auch vor der Türe des Nachbarn.Wenn ich aber am Abend vor unserer Klinik unter der täglich größer werdenden Mondsichel und dem meist klaren Sternenhimmel im kühlen Abendwind sitze und auf die Lichter der Stadt, der vorbeifahrenden riesigen Schiffe und der in der Ferne landenden Flugzeuge, die von den anderen Inseln kommen, schaue, müde und zufrieden nach einem gelungenen Arbeitstag, kann ich mir kaum einen schöneren Ort vorstellen. Romantik oder Schwachsichtigkeit?

Wenn wir uns unserer Klinik nähern, werden wir von den Menschen auf der Straße freundlich begrüßt.Vor dem Haus warten dann bereits mehrere zur Operation angemeldete Hunde mit ihren Besitzern.Zuerst behandeln wir unsere eingestellten Tiere. Wir haben immer mehrere kranke Tiere da. Im Laufe der Zeit werden wir - teils nacheinander, teils gleichzeitig - folgende Tiere stationär bei uns behandeln: ;- den kleinen schwarzen Hund mit den Beinverletzungen;- die kleine Hündin „Dita“ mit einer alten offenen Fraktur. Aus der Wunde rinnt übel riechendes Sekret, und das Bein ist sehr schmerzhaft. Aber die Behandlung hilft, und nach der Entfernung zweier Knochensequester (abgestorbene Knochenbruchstücke) kann das Bein abheilen. Ines entfernt die Knochenstücke- zwei hochgradig an „Sarna“, der Räude erkrankte Hunde, die kein Fell und kaum noch Haut auf ihren klapperdürren, wunden Körpern haben.- die schöne Hündin „Fofa“, die bereits vor einem Jahr von uns kastriert wurde, aber trotzdem ein Stickersarkom (durch Geschlechtsverkehr übertragener, ansteckender Genitaltumor) entwickelt hat.- zwei Welpen mit parvoähnlichem Durchfall und Erbrechen (die Parvovirose ist eine auch als „Katzenseuche“ bekannte sehr aggressive, blutige Entzündung des Magens und des Darmes);- ein Welpe mit Pneumonie und hochgradiger Anämie (Blutarmut); Um ihn zu retten, erhält er eine Bluttransfusion. Als Blutspender muss ein gesunder und kräftiger Hund, der schon länger in unserem Haus lebt, herhalten.- die schöne elfenbeinfarbene Hündin „Nala“, deren deformierte Pfote von einer Serienfraktur der Metacarpi (Mittelhandknochen) herrühren dürfte.Bis auf die Welpen mit der hämorrhagischen Gastroenteritis (blutigen Magen - Darmentzündung) überleben alle.Nach einer kurzen Besprechung starten wir die Operationen und operieren ohne Pause bis zum Mittagessen. Anfangs operieren vor allem Ines und ich, doch bald lassen wir auch Fatyma, Cesaltina und die beiden Portugiesinnen Ana und Inês ihre ersten Tiere unter Anleitung kastrieren.Zu Mittag gibt es jeden Tag eine andere kapverdische Köstlichkeit, die von unserer Vermieterin, Dona Maria Olivia, zubereitet wird. Deutsch - Österreichische Zusammenarbeit Ein schönes Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können!Nach einer kurzen Pause operieren wir bis zum Einbruch der Dunkelheit, und wenn wir durch aufwändige Behandlungen oder Notfälle aufgehalten werden auch länger. Madueno darf auch einmal nähen und ist stolz wie Oskar. Er ist 15 Jahre alt.

Wenn dann die abendlichen Behandlungen unserer stationären Patienten und die Vorbereitungsarbeiten für den nächsten Tag erledigt sind, ist es meist nach neun Uhr abends. Danach plaudern wir noch ein wenig und entspannen uns bei einem Bier oder gehen noch etwas essen.Manchmal schaue ich dann noch ins Internet - Café, um zu erfahren, was es zu Hause Neues gibt, aber meist bin ich dafür schon zu müde.Am Samstag, den 18.11. gehen wir alle zusammen abends ins „Quintal da Musica“, einem von einer Kulturkooperative betriebenen Innenhoflokal, wo fast täglich Live - Musik gespielt wird. Es ist sehr laut hier und für meine - andere Eindrücke gewöhnte - Augen sehr unkapverdisch, weil mindestens die Hälfte der Gäste hier Touristen sind. Wir alle fühlen uns ein bisschen deplaziert

20.11.2006

Heute ist Montag und wir sind mit unserem Material nun mehr fast ganz am Ende. Wenn wir nicht bald unsere Sachen aus dem Zoll bekommen, müssen wir vorzeitig aufhören zu operieren.Deshalb begebe ich mich morgens um neun Uhr zum "Despachante" (dispatcher) Senhor Modesto, der uns von Bekannten, den Besitzern des Lebensmittel- und Haushaltswarengroßhandelsunternehmens "Adega", empfohlen wurde und der sich bemühen wird, die Angelegenheit zu beschleunigen. Die ganze letzte Woche hat sich nämlich nichts getan, da der für uns zuständige Direktor des Zolls am Flughafen einen Todesfall in der Familie hatte. Bei solchen Ereignissen pflegen die Menschen auf Cabo Verde ihre Arbeitsstellen unangekündigt und ohne die Nennung einer Vertretung zu verlassen. Offensichtlich kommen sie erst nach der Beerdigung wieder zurück.Senhor Modesto und ich fahren zum Flughafen. Der Direktor des Zolls ist schon wieder nicht da, und wir werden auf den Nachmittag vertröstet. Als wir am Nachmittag wiederkommen und sich nach mehreren Stunden Wartezeit letztlich die Türen des Zoll - Lagers für uns öffnen, ist das ein Augenblick unglaublicher Erleichterung.Und als wir - Cesaltina und ich - mit den fünfzehn Kisten voller Material in Ponta d' Agua eintreffen, ist der Jubel groß.Wir kommen keine Minute zu früh. Wenn es heute auch nicht geklappt hätte, hätten wir morgen nicht mehr arbeiten können. Ich habe an diesem Tag so gut wie nichts operiert, aber trotzdem bin ich sehr zufrieden mit der Leistung des heutigen Tages, auch wenn sie zum größten Teil aus höflichem Grüßen und stundenlangem Warten bestanden hat.

21. bis 30.11.2006

Mit unserem neuen Material und viel Elan legen wir zwei weitere Operationstage hin. Und wir müssen dabei auch eine Erfahrung mit der kapverdischen Realität machen. Nur weil wir beschließen, am 21.11. um acht Uhr morgens mit den Operationen beginnen zu wollen, heißt das noch lange nicht, dass uns das auch gelingt. - Henriette hat Recht gehabt: Erstens sind es die Leute nicht gewohnt, dass wir um acht Uhr anfangen, und zweitens kommt um diese Uhrzeit ohnehin sicher noch niemand. So haben wir an diesem Tag einen sehr ruhigen Beginn. Fünf arbeitswillige OperateurInnen warten auf den ersten Hund, und beinahe müssen wir darum losen, wer beginnen darf.In diesen Tagen arbeiten wir nun regelmäßig an drei OP - Tischen gleichzeitig und die Zahl der operierten Tiere - jeden Tag um die 30 - kann sich sehen lassen. Auch wenn die Mehrzahl davon auf das Konto von Ines geht, sind wir alle stolz auf diese Leistung. Inzwischen habe ich erkannt, warum sie die „Queen of kastration“ genannt wird.

Wir werden auch mit interessanten nichtchirurgischen Fällen konfrontiert: Am Montag wird der erste Hund mit einer plötzlichen schlaffen Lähmung aller vier Extremitäten zu uns gebracht. Obwohl keine Anzeichen eines Traumas zu finden sind, gehen wir davon aus, dass dieses Tier entweder vom Dach gefallen - hier werden viele Hunde, aber auch Schweine, Ziegen und Geflügel auf den Flachdächern der Häuser gehalten - oder von einem Auto angefahren worden ist.Als wir allerdings bis zum Abend des 22.11. zwei weitere solche Fälle haben, glauben wir nicht mehr an die Traumatheorie. Wir behandeln diese Tiere so gut wir können, und bald stellt sich heraus, dass sich ihr Zustand unter unserer Therapie bessert. Ein Telefonat mit einem Veterinär - Neurologen in Lissabon mehrere Tage später bestätigt unseren Verdacht, dass es sich um eine infektiöse Ursache handeln könnte. Ferndiagnostisch hält er diese Erkrankungsfälle für eine auch in Portugal vorkommende Sonderform der nervalen Staupe. Er ermutigt uns, weiter zu therapieren, und am Ende der Woche kann der erste dieser Hunde bereits wieder - wenn auch nur wackelig und für kurze Strecken - gehen. Aber vor allem wenn es ums Futter geht, kann er eine nicht für möglich gehaltene Geschwindigkeit entwickeln. Wir freuen uns sehr darüber.Nachsatz: Zur Bestätigung der Verdachtsdiagnose nehmen wir von diesen Patienten Blut zur Bestimmung des Staupetiters (Staupe - Blutwert) ab. Wochen später erfahre ich das Ergebnis. Die serologische Untersuchung auf Staupe fiel negativ aus. Somit sind diese Fälle weiterhin ungeklärt. Und alle drei Hunde haben sich mittlerweile - was bei der nervalen Staupe so gut wie nicht vorkommt - vollkommen erholt. Jeder Leser/jede Leserin dieses Berichtes, der/die eine Idee zu diesen Erkrankungsfällen hat, ist herzlich eingeladen, uns seinen/ihren Kommentar zu schicken!

23.11.2006

Heute ist der letzte Operationstag zusammen mit Ines und Thomas, und da wir ohnehin „gut im Rennen liegen“ - wir haben über 220 Tiere operiert - beschließen wir, den OP mittags zu schließen und nach dem Mittagessen eine gemeinsame Jause zu veranstalten. Für den Abend laden Ines, Thomas und ich die ganze Crew in das Restaurant „O Poeta“ in der Achada do Santo Antonio - einem der besseren Bezirke Praias - ein. Außerdem haben Cesaltina, Fatyma und ich am Nachmittag einen Termin bei Dra. Edith Santos, der Direktorin der Farmácia Geral („Generalapotheke“) im Gesundheitsministerium. Sie hatte sich sehr über unsere Auflistung der gesendeten Materialien geärgert, da die „internationalen Namen“, also die Wirkstoffe der Arzneimittel, nicht angeführt waren. Es ist mit ihr „Verdienst“, dass wir erst so spät zu unseren Sachen gekommen sind. Von ihrer Unterschrift ist der Import von medizinischen Waren und Medikamenten nach Cabo Verde abhängig, und wir bemühen uns sehr, sie wieder freundlicher zu stimmen, was uns letztlich sehr gut gelingt. Das Versprechen, beim nächsten Mal mit unseren Medikamenten eine bessere Liste mit zu senden, ein netter Bericht über den Erfolg unserer Arbeit und ein bisschen auch eine Schachtel Mozartkugeln lassen das Gespräch gut verlaufen. Ich denke, dass wir in Zukunft mit ihrer Unterstützung rechnen können, wenn wir uns an die vereinbarte Art der Auflistung unseres Materials halten.Fast die ganze Crew - Thomas und Ines, die beiden Portugiesinnen Inês und Ana, Luzia, Gandi, Cesaltina, Fatyma und ihr kleiner Sohn Rafael, Maria Olivia und Madueno, der von Ines immer liebevoll als „Tatoo - Man“ begrüßt wird, da er die kastrierten Hunde im Ohr mittels einer Tätowierung kennzeichnet, und ich lassen den Abend im Restaurant „O Poeta“ in guter Stimmung ausklingen, während Henriette zu Hause bei den Tieren bleibt. Beim Nachhausegehen verabschieden wir uns schweren Herzens von Thomas und Ines, die morgen zeitig in der Früh abreisen werden.

24.11.2006

Nachdem Ines und Thomas heute Früh nach Lissabon abgeflogen sind, ist die Stimmung hier plötzlich ganz anders. Es ist viel ruhiger, und mir gehen die Gespräche und Scherze mit den beiden ganz besonders ab. Da unser Abschied aus Ponta d' Agua nun auch nicht mehr weit ist und ich alle operierten Tiere auch nachkontrollieren möchte, beschließe ich, noch zwei Tage lang zu kastrieren und danach nur mehr Notfälle zu operieren. Nebenbei soll Ordnung in unser Lager gebracht werden und jeden Tag eine Stunde Schulung für „unsere“ kapverdischen MitarbeiterInnen Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno stattfinden. Außerdem wollen Henriette und ich in der kommenden knappen Woche noch möglichst viele einflussreiche und für unser Projekt interessante Personen - hauptsächlich PolitikerInnen - treffen.Für heute setzen Dra. Fatyma und ich uns das Ziel, noch möglichst viele Tiere gemeinsam zu operieren, da sie uns heute Abend ebenfalls verlassen muss. Ihre Verpflichtungen auf der Insel Sal verlangen es, dass sie zurückkehrt. Sie hat in den letzten Tagen bei uns viele neue Anregungen erhalten und operationstechnisch auch einiges dazugelernt. Wie bereits erwähnt findet sie vor allem die Operationstechnik von Ines bei der OH (Ovariohysterektomie = Kastration) der Hündin sehr faszinierend, weil man so ohne Assistenz eine Hündin kastrieren kann. Das ist für sie deshalb wichtig, weil sie auf Sal meist ganz auf sich allein gestellt praktizieren muss. Auch die Narkose wird sie von uns übernehmen, weil damit die Narkosedauer gut verlängert werden kann.Fatyma ist meines Wissens die einzige Tierärztin in Cabo Verde, die ernsthaft Hunde und Katzen behandelt. Nachdem sie auch Interesse an unserem Projekt hat, ist in den letzten Tagen die Vision entstanden, dass sie in Zukunft vielleicht einmal in regelmäßigen Abständen nach Praia kommen wird, um notwendige Operationen durchzuführen. Für sie wäre das ein brauchbarer Nebenverdienst, und für die „Bons Amigos“ würde das eine deutliche Verbesserung der Situation vor Ort und eine weitere Verankerung unseres Projektes im Land selbst bedeuten. Dona Cesaltina und Dra. Fatyma dürften sich auch ganz gut verstehen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt Am Abend statten wir Fatyma noch mit Material aus unserem Fundus aus, das sie in ihrer Praxis noch nicht hat und verabschieden sie und ihren kleinen Sohn Rafael, der auch in diesen Tagen bei uns war und dessen liebenswürdige und heitere Art wir alle sehr genossen haben. Die beiden fliegen nach Hause auf die Insel Sal. Wir werden sie vermissen.

25.11.2006

Heute ist der letzte Operationstag für unsere mittlerweile schon sehr klein gewordene Crew. Ana und ich operieren noch eine Hündin und einen Rüden, die beide stark blutende Schnittwunden an den Pfoten aufweisen und die wir bei dieser Gelegenheit auch gleich kastrieren, sowie eine Nickhautdrüsenhyperplasie (Vergrößerung einer Augendrüse) bei einem der kleinen Rassehunde, die hier „Caniz“ genannt werden und ein bisschen wie Pekinesen aussehen. Als letzte OP kastrieren wir noch unsere kleine Hündin Dita, die sich nach der Entfernung der zwei Knochensequester und der Gabe des knochengängigen Antibiotikums Clindamycin prächtig von ihrer alten Unterschenkelfraktur erholt hat und wieder ohne Lahmheit laufen kann. Diese auf einer Müllhalde aufgelesene, mittlerweile ca. sechs Monate alte Hündin wird demnächst zu ihrem neuen und - wie ich annehme - ersten Besitzer nach Cidade Velha, der ältesten Ansiedlung auf der Insel Santiago und wahrscheinlich aller kapverdischen Inseln, gebracht werden. Bei der Suche nach Menschen, die sich in Zukunft um einen „unserer“ Hunde kümmern werden, können wir uns getrost auf das Geschick von Cesaltina verlassen. Ihre Wahl hat bis jetzt immer gepasst. Was ihr dabei zugute kommt, ist die Tatsache, dass kastrierte und behandelte Hunde besonders begehrt sind.Da die Operationen mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als ich gedacht hatte, muss ich den für heute geplanten Beginn der Schulung in der Behandlung von verletzten und kranken Tieren und in der Parasitenbekämpfung auf morgen verschieben.26.11.2006Heute ist Sonntag, der mittlerweile dritte Sonntag unserer Arbeit hier in Ponta d' Agua. Es ist schulfrei, und deshalb kommen besonders viele Kinder mit ihren Hunden zur regelmäßigen Deparasitação (Parasitenbekämpfung). Daneben behandeln wir unsere eingestellten Tiere und einige Erkrankungsfälle.In der Zeit, die verbleibt, versuche ich, unseren Lagerstand an Medikamenten und Operationsmaterial fertig zu stellen, damit wir einen Überblick darüber haben, was für unseren nächsten Einsatz hier noch vorhanden ist. Da unser Material erst so spät aus dem Zoll zu bekommen war und wir bis vergangenen Montag von unseren Vorräten zehren mussten, ist unser Lager noch ziemlich gut ausgestattet.

Zur Mittagszeit findet unsere erste Schulungsstunde statt. Wir beschäftigen uns eingehend mit der Parasitenbekämpfung und mit der Behandlung von Frakturen.Am frühen Abend besuchen Henriette, Cesaltina und ich die hier in Praia lebende russische Physiotherapeutin Anna Vicente, die den „Bons Amigos“ bei der Erledigung der finanziellen Angelegenheiten und Transaktionen zwischen Cabo Verde und Österreich behilflich ist. Da sie in der Delegacía de Saúde - der Gesundheitsbehörde der Stadt - arbeitet, kennt sie die gesundheitliche Situation hier in Praia sehr gut und ist auch mit vielen einflussreichen und für uns wichtigen Personen bekannt. Sie steht uns seit Jahren mit Rat und Tat zur Seite.Nach Ponta d' Agua zurückgekehrt erledige ich noch die Behandlungen der bei uns stationär aufgenommenen Hunde, und damit geht ein arbeitsreicher Sonntag zu Ende.27.11.2006Heute haben Henriette Wirtl und ich um 9.30 einen Termin mit dem Advogado (Anwalt) Dr. José Gomes, den derzeitigen Präsidenten der Organisation „Pro Praia“, die eine Vereinigung zur Förderung der Entwicklung von Praia ist. Das interessante und angeregte Gespräch hat zum Ergebnis, dass Dr. Gomes am kommenden Mittwoch, bei der nächsten Sitzung von „Pro Praia“, einen Beschluss anregen wird, der die Arbeit der „Bons Amigos“ gutheißt und auch in anderen Stadtteilen vorschlägt. Darüber hinaus wird „Pro Praia“ wahrscheinlich auch unsere Forderungen an die Gemeinde Praia unterstützen. Wir regen nämlich schon seit längerem zweierlei an:Zum einen könnte die Gemeinde Praia als Unterstützung aus Portugal die für die Parasitenbekämpfung nötigen Medikamente Ivermectin und Praziquantel erbitten bzw. anfordern und damit die materielle Grundlage für eine flächendeckende Parasitenbekämpfung schaffen.Zum anderen wünschen wir uns, dass die Gemeinde die Auslegung von Giftködern für die Straßenhunde in den Medien ankündigt. Das soll dazu dienen, dass die Menschen sich selbst, ihre Kinder und die von ihnen gepflegten Hunde vor den Giftködern schützen können. Als Gift wird nämlich das hochgefährliche Strychnin verwendet.Da „Pro Praia“ sich in Zukunft nicht nur der Anregung und Kritik widmen will, sondern auch vermehrt in die direkte Arbeit in benachteiligten Stadtteilen einsteigen will und das Problem der Straßenhunde kennt, sind unsere Ideen - zumindest bei Dr. Gomes - sehr willkommen. Vielleicht wird aus unserem Gespräch eine gute Zusammenarbeit entstehen.

Derart beflügelt versuche ich noch im nebenan gelegenen Koordinationsbüro der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit einen Termin zu bekommen, muss mich allerdings noch bis morgen gedulden, da die Leiterin - Dr. Eva Kohl - derzeit nicht in Praia ist und erst morgen wiederkommen wird.Zurück in unserem kleinen Tierspital entschließe ich mich, noch einen Hund zu operieren. Er hat eine faustgroße Speicheldrüsenzyste am Hals, und die OP dauert über drei Stunden. Während dieser Zeit „erledigt“ Henriette unseren für heute am frühen Nachmittag vereinbarten Termin bei Dr. David Moreira, dem Hygienebeauftragten im Gesundheitsministerium, telefonisch, da wir wegen der langen Operation doch deutlich zu spät kommen würden. Es ist ein sehr angenehmes Gespräch, in dem Dr. Moreira zumindest Interesse an unserer Arbeit bekundet. Nach einem sehr späten Mittagessen sind noch etliche Tiere, die vorbeigebracht werden, zu behandeln, und danach halte ich erschöpft aber zufrieden noch die heutige Schulungsstunde für Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno.Heute verlassen uns die beiden portugiesischen Tierärztinnen Inês und Ana endgültig. Nach Konflikten zwischen ihnen und Henriette haben sie die letzten Tage nicht mehr hier mitgearbeitet. Hoch rechne ich es ihnen aber an, dass sie mich in den Tagen, als wir noch operiert haben, und die anderen OperateurInnen schon abgereist waren, nicht im Stich gelassen haben. Heute Abend holen sie ihr Gepäck und verabschieden sich in ihre wohlverdienten freien Tage, die jetzt für sie anbrechen.Im Haus nebenan geben sie ein kleines Abschiedsfest für die vielen Kinder, die uns täglich besucht haben. Ich feiere noch ein bisschen mit und fahre dann todmüde zurück ins Hotel.

28.11.2006

Nach der morgendlichen Behandlung unserer eingestellten Tiere und einigen OP - Nachkontrollen machen Henriette und ich uns auf den Weg zur „Adega“, einem Großhandelsunternehmen für Lebensmittel und Haushaltsartikel, das von dem Kapverdianer Carlos und seiner aus Irland stammenden Frau Kathrin/Katrina geführt wird. Diese wohlhabenden Leute haben ihren Firmen- und Wohnsitz in der Achada Tras außerhalb von Praia, sind große Tierfreunde und haben unser Projekt bereits mehrfach unterstützt. Unter anderem nehmen sie immer wieder unser Material entgegen, das mit dem Schiff nach Praia gesandt wird, und helfen uns mit den Zollformalitäten. Es war auch ihr Dispatcher bzw. Despachante (für die Zollformalitäten zuständige Person), Senhor Modesto, der uns vergangene Woche am Montag geholfen hat, unsere Medikamente aus dem Zoll am Flughafen zu bekommen.

Dort machen wir einen Großeinkauf an Putzmitteln und Verbrauchsmaterial für die weitere Arbeit der kapverdischen „Bons Amigos“ (also für Cesaltina und ihre HelferInnen) während unserer Abwesenheit. Außerdem bitten mich Carlos und Katrina, ihren schon ziemlich alten Rüden zu untersuchen. Dieser Bitte komme ich gerne nach und verspreche ihnen, sie mit ein paar Medikamenten aus unserem Lager zu versorgen, damit sie eine bessere Hausapotheke für ihren Hund zur Verfügung haben.Wir erzählen den beiden auch von unserer neuen Vision bezüglich einer zukünftigen Zusammenarbeit mit Dra. Fatyma Santos, und sie erklären sich spontan dazu bereit, für Dra. Fatyma drei Flüge zwischen Sal und Praia pro Jahr zu finanzieren. Ich freue mich sehr darüber. Und noch eine Neuigkeit gibt es: Der Schiffscontainer aus Europa, der auch eine Palette mit Material für uns enthält, ist in diesen Tagen angekommen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir die Sachen schon sehr bald geliefert bekommen.Nach diesem erfolgreichen Vormittag kehren wir nach Ponta d' Agua zurück und essen zu Mittag.Den Nachmittag verbringe ich mit Besuchen bei PolitikerInnen. Zuerst versuche ich vergeblich, den Gesundheitsdelegierten der Stadt Praia - Dr. José da Rosa - zu erreichen, der leider heute nicht im Amt ist. Danach gehe ich ins Rathaus ins Büro des Bürgermeisters und informiere die PR - Fachfrau Dona Dilva Goncalves und die Kabinettschefin Dona Elisa Monteiro über die Entwicklung unseres Projektes. Außerdem bitte ich beide um einen Termin beim Bürgermeister. Beide sind sehr freundlich zu mir, bleiben aber in ihren Aussagen unbestimmt. Eventuell werde ich den Bürgermeister nächste Woche, wenn ich nach meinen freien Tagen auf der Insel Fogo noch kurz nach Praia zurückkehren werde, besuchen können, und vielleicht wird sich die Gemeinde Praia unser Projekt einmal genauer ansehen. Das ist nach über sechs Jahren Kontakt mit der Gemeinde keine besonders reiche Ausbeute. Nebenbei erreiche ich telefonisch die Direktorin des österreichischen Büros für die Entwicklungszusammenarbeit mit Cabo Verde - der „Cooperação Austriaca“ - Dr. Eva Kohl. Sie werde ich übermorgen treffen können.Nach Ponta d' Agua zurückgekehrt halte ich noch eine weitere Schulungsstunde für unsere MitarbeiterInnen, und danach behandeln wir noch gemeinsam unsere eingestellten Tiere.

29.11.2006

Heute ist der letzte Tag von Henriette hier in Praia. Morgen wird sie nach Lissabon und dann zurück nach Wien fliegen.Wir haben viel zu tun. Neben laufenden Behandlungen und einer kleinen Lidoperation machen wir einen umfassenden Lagerstand unseres Materials, und ich verpacke alles, was wir erst bei unserem nächsten Operationseinsatz wieder brauchen werden. Ich halte auch noch eine abschließende Schulung ab und bespreche mit Cesaltina, Madueno, Luzia und Gandi die weiteren Behandlungsschritte für die wenigen noch bei uns eingestellten Hunde. Im Wesentlichen sind es noch fünf Tiere, die einer weiteren Behandlung bedürfen:- Die drei gelähmten Hunde, von denen der eine schon wieder ziemlich sicher auf den Beinen ist und die anderen zumindest schon passiv sitzen können - und die zwei schwer an Räude erkrankten Rüden, die zwar noch kein einziges Haar am Körper haben, aber deren hochgradige Entzündung der Haut langsam abheilt.Alle fünf sind bei gutem Appetit, und im Rahmen ihrer Möglichkeiten beteiligen sie sich bereits am Geschehen um sie herum.Zwischen unseren Patienten toben - allen Separierungsversuchen zum Trotz und für jeden Epidemiologen ein Gräuel - einige noch nicht abgeholte, aber kerngesunde Hunde wie Nala, Dita oder der kleine Schwarze mit den schweren Beinverletzungen, den wir Bobo getauft haben, und auch die zwei Hunde, die schon seit über einem Jahr in unserem Haus wohnen: die Hündin Tristessa und der dreibeinige Rüde Napoleon. Etliche Wochen später - bereits zurück in Wien - werde ich erfahren, dass alle Patienten entlassen werden konnten - entweder zu ihren alten oder zu ihren ersten Besitzern. Es ist immer wieder schön zu bemerken, dass die meisten Menschen hier die in der Nähe ihrer Häuser umherlaufenden Tiere zwar nicht immer sofort als ihre eigenen ansehen, aber durchaus bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Besonders freut es mich, wie sehr das medizinische Verständnis unserer KollegInnen hier auf Cabo Verde durch meine regelmäßigen Schulungen gestiegen ist. Das merke ich nicht nur an ihrem theoretischen Wissensstand, von dem ich noch vor zwei Jahren nur hätte träumen können, sondern auch an ihren Erzählungen über die von ihnen durchgeführten Behandlungen. Cesaltina, die bekanntlich in ihrem Hauptberuf im Centro de Saúde (Gesundheitsstützpunkt) in Ponta d' Agua arbeitet und dort auch kleine chirurgische Eingriffe an Menschen vornimmt, hat in diesen Tagen bei uns ihre ersten selbstständigen Operationen an Hunden durchgeführt. Sie und Dra. Fatyma könnten einmal ein gutes OP - Team abgeben. Am Nachmittag werden unsere Sachen aus dem Schiffscontainer von der „Adega“ tatsächlich bereits an uns geliefert. Wir sortieren das Material, und Gandi und ich ergänzen den Lagerstand. Jetzt ist bis auf meine morgigen Besuche wirklich alles, was wir uns für diesen Einsatz vorgenommen hatten, erledigt.Am Abend sitzen alle, die noch hier sind, noch einmal vor unserer Klinik zusammen - der Strom ist wieder einmal ausgefallen, und es ist alles dunkel - und nehmen mit Anekdoten und Erinnerungen langsam Abschied.30.11.2006Nachdem Henriette heute in der Früh abgeflogen ist, bin ich der letzte „Branco“ (Weiße), der noch hier ist. Um neun Uhr morgens habe ich einen Termin mit Dr. José Luis de Barros, dem leitenden Amtstierarzt im Ministerio d' Agricultura in São Felipe. São Felipe liegt etwas außerhalb von Praia auf einer erstaunlich grünen Hochebene, und die Gebäude des Ministeriums stehen malerisch in einem parkartigen Gelände. Das Gespräch mit Dr. de Barros läuft in Anbetracht der Schwierigkeiten mit ihm heuer im Mai, als Henriette einen kranken Hund zur Behandlung nach Portugal ausfliegen lassen wollte, erstaunlich gut. Auch die vorhandene Sprachbarriere meistern wir vorzüglich: Nachdem er besser französisch spricht als englisch, bei mir die Sache aber umgekehrt ist und überdies mein Portugiesisch den Anforderungen eines etwas differenzierteren Fachgespräches nicht Stand hält, spricht er zu mir in einem Französisch, das reichlich mit lateinischen und portugiesischen Ausdrücken angereichert ist, und ich antworte ihm in einem ebensolchen Englisch. Bald verstehen wir uns annähernd reibungslos. Er verspricht, uns beim nächsten Mal die begründete Ausfuhr eines Hundes nach Portugal zu einer Behandlung, die wir diesem Tier hier nicht bieten können, zu erleichtern.

Er wird, sobald er die Anforderung der Universitätsklinik in Lissabon und eine Anamnese von mir hat, die erforderlichen Formalitäten mit der Tierärztekammer in Portugal für uns erledigen und die Ausfuhr bewilligen. Ich verspreche ihm im Gegenzug ein paar unserer Medikamente, die er offensichtlich dringend benötigt. Er sagt mir, er brauche sie für die Polizei- und Drogensuchhunde. Bei unserer gemeinsamen Autofahrt nach Praia sprechen wir noch über die Sinnhaftigkeit und Unterstützungswürdigkeit unseres Projektes. Ich hoffe, dass der Kontakt mit den AmtstierärztInnen nun in Zukunft leichter sein wird. Ich habe einen ganz guten Eindruck. Nach einem weiteren erfolglosen Versuch, den Delegado de Saúde (Gesundheitsdelegierten) zu erreichen, fahre ich wieder in unsere Klinik und erledige ein paar Behandlungen. Um 14.30 treffe ich in der „Cooperação Austriaca“ Dr. Eva Kohl zu einem Gespräch über unser Projekt. Sie hört den Bericht über unsere Arbeit mit Interesse und gibt mir einige interessante Hinweise und Hintergrundinformationen zur Rezeption unseres Vereins in der Öffentlichkeit in Praia, bei PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen. Sie verspricht mir, mit dem Bürgermeister über unsere Arbeit zu sprechen und eine in der ganzen Stadt durchgeführte Parasitenbekämpfung anzuregen.Am Abend dieses letzten Tages feiere ich mit Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno den Erfolg dieses Einsatzes mit Cachupa (typisches kapverdisches Eintopfgericht aus Maismehl, Bohnen und Gemüse) und Bier, und dann ist die Zeit des Abschieds gekommen. Bevor ich gehe, bespreche ich mit Cesaltina noch die letzten Details zu den weiteren Behandlungen der Hunde, die sich noch bei uns in der Klinik befinden, denn unsere Arbeit geht weiter.

7.12.2006

Heute bin ich nach einer Woche Urlaub auf den Nachbarinseln Fogo und Brava noch einmal ganz kurz in Praia und besuche natürlich auch meine KollegInnen in Ponta d' Agua.Ich freue mich sehr, dass sich in der letzten Woche alles bestens entwickelt hat. Es gab keine ernsthaften Notfälle, und der Zustand aller kranken Hunde hat sich weiter gebessert. Von den drei gelähmten Hunden können mittlerweile zwei wieder gehen, und der dritte - wir haben die kleine Hündin Amelia getauft - kann mit ein wenig Unterstützung stehen. Die beiden Räudehunde haben eine durchwegs abgeheilte Haut und an einigen Stellen schon einen sanften Haarflaum. Natürlich mache ich Fotos zur Dokumentation unserer Erfolge. Wenn sich alles so gut weiterentwickelt, werden die letzten Patienten nächste Woche nach Hause entlassen werden können.Zufrieden kann ich Praia nun für länger verlassen. Ich weiß, dass die Hunde bei Cesaltina und den anderen „Bons Amigos“ auf Cabo Verde gut aufgehoben sind. Und ich weiß, dass es wieder einen Operationseinsatz geben wird. Und dass ich einmal wiederkommen werde.Nachworte von Thomas BuschNetterweise hat Dr. Herwig Zach die viele Mühe nicht gescheut und einen wunderbaren, lebendigen und interessanten Bericht über den Operationseinsatz auf den Kapverdischen Inseln verfasst. Da ich aber die meisten Fotos machte, habe ich zu Hause am Computer versucht, die Bilder so chronologisch wie möglich, seinen Worten zuzuordnen.Einigen Eindrücken fehlte allerdings der Platz in seinem Bericht, so dass ich diese Bilder hier ohne große Worte „anhängen“ möchte.



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