Kapverden - November 2018 Teil 1

29.11.2018
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Der eine jung, der andere alt. Der Jüngere ist sportlich, ein Kraft- und Ausdauerpaket. Der Alte ist zwar keine Couchpotato, aber die besten Zeiten liegen hinter ihm. Dafür ist er nicht mehr so neugierig, die Welt kennenzulernen, er hat schon viel von ihr gesehen. Den Jungspund hingegen zieht es in ferne Länder. Er sucht spannende Abenteuer, die der Zweiundfünfzigjährige nicht mehr braucht. Er hat in seinem Beruf genug Abenteuer erlebt. Was der Jüngere später machen möchte, weiß er noch nicht. Wer allerdings genauer hinschaut, sieht, dass die beiden sich doch gar nicht so unähnlich sind. Sie verbindet die schönste Sache der Welt. Es sind Vater und Sohn.

Früher war es Neugier und Abenteuerlust, die mich begleitete. Heute ist es eher? "Angst" ist das falsche Wort, aber sagen wir es so: "Ich bin immer wieder froh, wenn es vorbei ist und alle heil und gesund geblieben sind."Thomas Busch

So begeben sich Dante und Thomas am 08.November 2018 auf eine Reise, die in Erinnerung bleiben wird. Eine Reise in ein armes Land. In ein sehr armes Land. Der Vater möchte seinem Sohn zeigen, was es außerhalb des heimischen Ortsschildes "Bornhöved", ohne iPhone und integriertem Navi zu finden gibt. Er möchte ihn eintauchen lassen in fremde Kulturen, schwer zu verstehende Mentalitäten und vor allem in eine Armut, die den Blick auf das eigene Wohlergehen verändern wird.

Auch werden die Beiden herausfinden, ob sie zusammen arbeiten können. In einem schwierigen Umfeld, an der Front sozusagen. Nur mal für kurze Zeit. Für sechs Wochen. Dante kennt den Beruf seines Vaters seit Kindesbeinen, wahrscheinlich ist deshalb der Wunsch, ebenfalls Mediziner zu werden, nicht allzu groß. Uninteressant findet er die Arbeit, so wie der Tierärztepool sich aufgestellt hat, aber nicht. Kreta war immer spannend und wurde im Laufe der Jahre seine zweite Heimat. Die Erzählungen von Afrika faszinierten ihn schon immer. Jetzt endlich darf er mit. Er hat keine Angst vor dem Elend. Noch nicht. Er will später sowieso etwas anderes machen, umso ehrenhafter, dass er als Helfer mitgekommen ist.
Thomas ist glücklich, als sich die Türen der Portugal Airline Maschine schließen. Nicht nur, weil die Vorbereitungen auf diesen Einsatz endlich abgeschlossen sind. Weil die beiden 54 kg alleine nur als Handgepäck in den Flieger "schmuggeln" konnten. Weil sie dem trostlosen Wetter in Holstein adieu sagen, sondern weil es sie weiter zusammenschweißen wird. So oder so.
Nun werden beide von ihren Vorstellungen, Erwartungen, Eindrücken und Erlebnissen berichten. Parallel und unbeobachtet voneinander. Und nach sechs Wochen werden sie sehen, ob sich ihre Sicht auf die Dinge angepasst oder voneinander entfernt hat.

Thomas:
Früher war es Neugier und Abenteuerlust, die mich begleitete. Heute ist es eher? "Angst" ist das falsche Wort, aber sagen wir es so: "ich bin immer wieder froh, wenn es vorbei ist und alle heil und gesund geblieben sind. Fremde, oft wilde Straßentiere, können in einem unvorsichtigen Moment ziemlich weh tun, erst recht, wenn man etwas von ihnen will. Krankheitserreger, vor oder nach der Regenzeit, richten im eigenen, nicht an dieses Keimmilieu angepassten Körper, Unheil an. Die Kriminalität, gerade in Praia oder den Slums außerhalb der Touristenzentren, ist nicht ohne und über den Zustand der Straßen und über den Straßenverkehr schreibe ich besser nichts. Und tausend andere Dinge kreisen durch meinen Kopf. Die Verantwortung für das Team ist bereits hoch genug, da senkt der eigene Sohn die Messlatte nicht nach unten. Die Kapverden kenne ich gut. Seit 10 Jahren begleite ich die Kastrationsaktionen und glaube, über alles einen ordentlichen Überblick zu haben. Allerdings war ich jetzt auch schon länger nicht mehr dort und bin neugierig, wie sich "unsere Jungs", die wir damals ausbildeten, entwickelt haben. Madueno, Gilson, Edson, Alex. Aus den Kindern und Jugendlichen sind bestimmt tüchtige Männer geworden. Ich freue mich, dass sie Dante kennenlernen werden, denn erzählt habe ich beiden Seiten viel voneinander. Dann bin ich auf die Situation auf Sal gespannt. Die ersten zehn Tage verbringen wir auf der Insel der Wassersportler. Fast alle Hunde sind kastriert. Meine geschätzte Kollegin Dr. Marga Keyl ist bereits vorgeflogen und gewinnt einen Behördengang nach dem anderen für sich und unsere Arbeit. Kein Vergleich zu Kreta! Erkenne ich den einen oder anderen Hund wieder? Lebt überhaupt noch einer von damals? Der Räudige, der inzwischen hoffentlich aussieht wie ein ganz normaler Hund? Oder die Kleine, die damals in Seitenlage zu uns kam und die schwere OP überlebte. Ist sie seit dem Unfall vorsichtiger? Anschließend fliegen wir nach Boa Vista. Dort war ich bisher noch nie. Aber Marga ist schon öfter rübergeflogen und schätzt, dass 800 Hunde auf uns warten. Einige hat sie bereits kastriert. Marga wird uns, kurz nach Mitternacht, am Flughafen auf Sal abholen. Im Gepäck habe ich eine Überraschung. Ich möchte sie überreden, öfter oder länger auf den Kapverden zu sein/bleiben. Mal schauen, wie sie reagiert, denn ihr Herz schlägt für die Inselgruppe im Atlantik, das weiß ich. Anschließend führt uns unsere Arbeit auf die Hauptinsel Santiago mit ihrer Hauptstadt Praia. Wie mag die neue Klinik aussehen, die Dr. Herwig Zach von "bons amigos" erbaut hat? Fotos sah ich bereits, aber live vor Ort zu sein, ist immer was anderes. Und was habe ich außer Tupfern, Venenkathetern, sterilen Handschuhen und Vielem mehr noch im Gepäck? Wünsche? Erwartungen? Durchaus. Sollte ich mit Marga eine Vereinbarung finden, dass sie mehrere Monate im Jahr auf den Kapverden bleibt, müssten wir die Kastrationszahlen weiter steigern können. Auch wäre eine permanente tierärztliche Betreuung von Seiten des Tierärztepools einzigartig. Gerade im Hinblick auf Notfälle und schwere Erkrankungen. Außerdem habe ich uns auf Kreta unabsichtlich ein Ei gelegt, welches die Sicht auf das, was wir tun, verschleiert. Es ist schwer zu erklären, aber als Ines Leeuw und ich vor vielen Jahren das erste Mal nach Afrika flogen, einzig und allein gelenkt von unserem Willen, den Ärmsten der Armen zu helfen, da waren wir stolz und glücklich und niemand hätte uns davon abhalten können. Trotz irrsinniger Entbehrungen. Es interessierte uns nicht, dass wir in absoluter Hitze operierten und von morgens bis abends improvisieren mussten. Es gab kein fließendes Wasser und ob Strom da war oder nicht, war ein Lotteriespiel. Wir bekamen kein Geld, dafür Durchfall, nichts anständiges zu Essen, dafür Krankheiten. Wir waren nach jedem Einsatz platt wie eine Flunder, aber zutiefst zufrieden. Wir waren und lebten den Tierärztepool und je schlechter es unseren Patienten ging, desto eifriger arbeiteten wir. Ohne Rücksicht auf das eigene Befinden. Diesem tief verankerten Willen folgten Nina, Melanie und Marga. Sie alle sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Melden sich heute Kollegen bei uns, kann es sein, dass sie "nur mal schauen wollen", was wir so machen. Sie haben gehört, der Tierärztepool sei ein tolles Projekt. Nur mal ein bisschen reinschnuppern, ob unsere Arbeit auch was für sie sein könnte. Sie wollen die Kastrationstechnik lernen und eventuell später auch mal Tierschutz betreiben. Alles keine Schande, nur brauchen wir Leute, die für unsere Idee brennen. Keine "mal gucken" sondern "ich will"! Es erwartet sie dann auf Kreta eine top eingerichtete Station und eine Vereins- und Organisationsstruktur, die wir im Laufe der Jahre, an vielen Stellen optimiert haben. Davon können die Kapverden und viele andere Länder nur träumen. Aber die Kapverden sind nicht Kreta. Die Komfortzone definiert sich hier anders. Kollegen, die sich für unsere Arbeit interessieren sollten nach Möglichkeit aus dem gleichen Holz geschnitzt sein, wie wir alle bei der Arche. Deshalb glaube ich besser herausfinden zu können, ob sie zu uns passen, wenn sie zuerst in den Slums von Afrika arbeiten. Hier übersteht man einen Einsatz nur, wenn man es auch wirklich Ernst meint. Marga könnte, wenn sie wollte, so eine Art "Ausbildungsstätte" einrichten, denn die schwachsinnige Behördenwillkür wie in Griechenland existiert hier nicht. Mal schauen, was sie von dieser Idee hält. Die fünf Stunden Wartezeit in Lissabon sind rum. In wenigen Minuten steigen wir in das nächste Flugzeug, welches uns in dreieinhalb Stunden nach Sal bringt.

Dante:
Hab ich überhaupt genug Datenvolumen für die ganzen sechs Wochen? Zu welcher Ländergruppe der Telekom gehören die kapverdischen Inseln eigentlich? Ist das mit in meinem Vertrag? Ich glaube nicht. Verdammt. Kein Internet auf so einem langen Zeitraum! Hoffentlich finde ich irgendwo ein WLAN! Oh man, telefonieren kann ich ja auch nicht... Und jetzt liegt so ein langer Flug mit fünf Stunden Aufenthalt in Lissabon vor uns. Ein bisschen aufgeregt bin zwar schon, lass es mir aber nicht anmerken. Vor meinem Vater schon gar nicht :-) Hoffentlich reichen meine runtergeladenen Filme aus, damit die beiden Flüge schnell vergehen. Wenn nicht, dann nerve ich Papa eben ein bisschen. Aber was erwarte ich von den Inseln? Ich schätze mal sehr viel Armut, schöne Natur und durchgehend am OP-Tisch stehende Ärzte. Und mitten drin, ICH. Was werde ich wohl für Aufgaben bekommen, soll ich viel arbeiten oder haben wir auch mal frei? Vielleicht ist es wie auf Kreta, dorthin ist eine Reise wie ein Nachhausekommen. Aber die Kapverden sind halt etwas Neues. Auf die Menschen und vor allem die Kinder freue mich ganz besonders. Ihr Leben ist, wenn ich Papas Erzählungen gelauscht habe, ein völlig anders, als ich es gewohnt bin. Was wird die Armut in den Slums wohl in mir verändern? Wie sehen Slums überhaupt aus? Ich habe eine Menge Spielsachen zusammengesammelt und eingepackt, Dinge, die kein Mensch mehr braucht. Papa sieht das anders und versuchte, neben den Koffern voll mit medizinischem Zeug, so viele Kinderspielsachen wie möglich an dem Boardingpersonal vorbei, ins Flugzeug zu bringen. Sein System ist cool, aber ich verrate nicht, wie er das macht. Auch alte Klamotten habe ich eingepackt und natürlich kamen Erinnerungen hoch, wie ich oder mein Bruder das vor einigen Jahren noch getragen haben. Und jetzt können wir vielleicht einem Kind aus Afrika eine Freude bereiten, welches nicht so viel Glück hat wie wir. Endlich werde ich die Leute treffen, von denen Papa und alle anderen vom Tierärztepool schon seit Jahrzehnten sprechen. Das sind bestimmt nette Chaoten. Cool und immer gut drauf. Und tanzen sollen sie können. Aber das müssen Sie mir erstmal beweisen. Ob ich Angst habe, hat Papa mich gefragt. Nö. Mir geht es gut. Wegen Krankheiten? Vielleicht ein bisschen aber ich würde es nicht Angst neben, sondern einfach den nötigen Respekt, den man immer haben sollte, wenn man in ein anderes Land fliegt. Sonst bin ich aber voller Vorfreude. Natürlich begleiten mich die Fragen, ob alles gut gehen wird: während des Fluges, am Zoll und mit dem Abholen vor Ort. Aber da vertraue ich voll und ganz auf Papa und sein Team. Nur ob ich mit dem Essen klar komme, dass steht noch in den Sternen. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen krisch, also kompliziert. Als Vegetarier, der kein Salat mag, ist es nicht immer einfach, doch in Deutschland kriege ich es gut hin. Aber auf den Kapverden? Zur Not nehme ich ab, schadet auch nichts. Ich war erst einmal in Afrika, im Norden, genauer gesagt in Ägypten. Der Kontrast zwischen arm und reich war extrem groß. Riesige Hotels neben Autobahnen, die von Menschen mit ihren Eseln überquert wurden oder Flüsse in denen mehr Müll und Dreck schwammen als Wasser. Ob das auf den Inseln auch so ist? Kann sein. Zumindest habe ich von viel Müll gehört, aber auch von wunderschönen all-inclusive Hotelanlagen. Meine Neugier steigt.

Thomas:
Es ist die schönste Aussicht, die ich je gesehen habe. Vor nicht ganz zehn Jahren stand ich auf genau der selben Straße, wo Marga mir gleich das große Tor öffnen wird. Vor zehn Jahren wimmelte es hier vor Hunden. In jeder größeren Straße mindestens 30. Ines Leeuw und ich fingen vor fast einem Jahrzehnt an und operierten während des ersten, jemals auf Sal stattgefunden Einsatzes 189 Tiere. Für 100 hatten wir Equipment von Santiago mitgenommen. Drei Tage arbeiteten wir damals nahezu durch. Noch nie hatten wir unser Equipment so ausgepresst wie in dieser Zeit. Es war der Beginn einer Entwicklung, deren Ergebnis ich nun vor mir sehe. Beziehungsweise nicht mehr sehe. Zwei Hunde spielen in einer Schar von Kindern. Sonst finde ich keine. Egal wie sehr ich suche. Und diese beiden sehen gut aus! Keine räudigen Gestalten, die abgemagert durch die Gassen ziehen. Noch nie habe ich den Erfolg unserer Arbeit so nah erlebt, wie jetzt. "Ob es mir gut geht"? fragt Dante, der seine Gefühle auch erst ein bisschen sortieren muss. Vor wenigen Stunden war seine Welt noch in Ordnung, jetzt kniet er vor einer Hündin, deren fauliger Geruch ihres Hinterbeins den ganzen Raum eingenommen hat. Das hier ist also Margas kleines Paradies. Ein fensterloser Raum mitten in Santa Maria, der Stadt im Süden von Sal. Der Raum gehört einer Dame, die den ersten Tierschutzverein auf Sal gründete und die Marga die leerstehende Räumlichkeit kostenlos zur Verfügung stellt. Aus irgendeinem Grund gibt es diesen Verein nicht mehr und Marga verhandelte mit der Gemeinde. Ohne größere Probleme willigte diese ein und bis auf den fehlenden Strom, ist alles da, was man braucht. Natürlich muss man Abstriche machen und ich versuche den Vergleich mit unserem NLR auf Kreta gar nicht erst aufkommen zu lassen. Seit Jahrzehnten versuche ich der Welt außerhalb eines OP-Raumes klar zu machen, dass NICHT die gefliesten Wände, der elektrisch rauf- und runter fahrende Edelstahl OP-Tisch und auch nicht die OP-Haube ausschlaggebend sind. Die chirurgischen Fähigkeiten unserer Tierärzte sind entscheidend. Sie sind die Grundmauern unserer Arbeit. Das Training unter improvisierten Bedingungen. Marga beweist mir, während meiner kreisenden Gedanken, ihr Können. Ohne auch nur eine Sekunde hektisch zu wirken, legt sie das arme Tier in Narkose und bereitet alles für den Eingriff vor. Ich stehe gedankenversunken daneben. Die Eindrücke der ersten Stunden an der Front lassen mich durch den Sucher meiner Kamera das Geschehen beobachten, als sei ich ein durchs Schlüsselloch guckender Spion. Die Fotos, die ich mitbringen werde, entstehen nicht in einem deutschen OP. Sie entstehen auf einer Insel, auf der vor zehn Jahren das Wort Tierschutz nicht existent war. Auf der NIEMAND auch nur ansatzweise eine Idee hatte, wie man der Situation Herr werden könnte. Auf der KEIN einziger Cent vorhanden war um ihn ins Elend zu investieren. Hunde, Hunde, Hunde gab es, sonst nichts. Aber zwei Tierärzte, die von einer Österreicherin eingeladen wurden und unter einfachsten Bedingungen loslegten. Immer weiter fraßen sie und ihre nachfolgenden Kollegen, sich in die Population, deren Vermehrung dadurch massiv entgegengewirkt wurde. Über 95% der Tiere in Santa Maria sind unfruchtbar. Bis auf wenige Privattiere, die Marga alle kennt, findet keine ungewollte Vermehrung mehr statt. Das einzige Problem: es kann sich kaum einer mehr daran erinnern, wie es damals war. Für die Einwohner ein schleichender Prozess, für unsere Leser kaum vorstellbar und für die neu ankommenden Touristen eine Selbstverständlichkeit. Nur ich scheine die beiden Bilder übereinander legen zu können. Die Straße von einst mit endlos vielen Tieren und der Straße von heute mit zwei, am Rand tobenden Hunden. "Halt mal das Bein", holen mich Marga und Dante in den OP-Raum zurück. Die Rückkehr in die Gegenwart gelingt mir nur schwer. Auch wenn Margas Geschick das wertvollste ist, was wir hier lassen könnten, so wäre ein optisch und funktional eingerichteter Raum doch etwas sehr schönes. In Gedanken organisiere den Transport des rauf- und runterfahrenden OP-Tischs, schraube in den kleinen Raum hinter dem Großen Regale an die Wand, baue vorne eine riesige Scheibe ein? "Höher", sagt Marga und wickelt das Bein in ein steriles Tuch. Sie operiert das Tier auf einem Holztisch. Wo sonst? Es gibt einfach keinen Edelstahltisch! "Unverantwortlich", würden deutsche Chirurgen sagen und haben damit auch recht. Sie vergessen aber, dass wir ohne eine erstklassig ausgebildete Tierärztin zuschauen könnten, wie dieses Tier jämmerlich an seiner Blutvergiftung verrecken würde. NIEMAND auf der gesamten Insel könnte helfen. Ist es da nicht scheiß egal, aus was der OP-Tisch besteht? Und wenn es eine Bar, eine Tischtennisplatte oder eine alte Palette wäre, die flehenden Augen des Tieres signalisieren nur eins: Bitte helft mir so gut ihr könnt. Und genau das tut Marga. Auf dem halben Quadratmeter vor ihr ist alles steril. Darauf legt Marga höchsten Wert. Die Holzfüße des Tisches interessieren in diesem Moment weder Chirurg, noch Patient. Nur mich, der die Verantwortung dieses Projektes trägt. Und der gerne eine einhundertprozentige Arbeitet abliefert.

Fehler oberhalb des Holztisches, die Marga tunlichst vermeiden wird, können Leben kosten. Fehler, die die Besitzer und eine andere Tierärztin bereits reichlich produzierten. Ansonsten müsste Marga jetzt nicht amputieren. "Schon viel zu spät", schimpft sie und zieht sich den Mundschutz über die Nase. "Hätten die auf mich gehört und sich besser um die Kleine gekümmert, dürfte sie ihr Bein behalten." Wer Marga jetzt beobachtet, der sieht, dass sie genau weiß, was sie tut. Trotz einer entspannten Stimmung ist sie hochkonzentriert. Von der Ankunft der kleinen Hündin bis zu dem Moment, als sie das Skalpell ansetzt sind nur wenige Minuten vergangen. Wissen Sie, wie viele Leute sich in einer deutschen Klinik bewegen, wenn eine Amputation ansteht? Was für ein Aufwand betrieben wird? Alles völlig in Ordnung, wichtig und ohne Wenn und Aber auch richtig! Aber diesen Aufwand können wir hier einfach nicht erfüllen. Schon gar nicht Marga alleine. Noch nicht... Sie muss sich selbst helfen können denn eine Alternative gibt es nicht. Außer Dante, der tapfer die Tupfer anreicht und Gott sei Dank nicht den Eindruck hinterlässt, dass er gleich umfällt. Es hat eben auch Vorteile, einem Ärztehaushalt zu entstammen?

Dante:
Es ist in vielerlei Hinsicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Sal ist eine trockene, sandige und staubige Insel, die an vielen Stellen unbesiedelt ist. In den drei Städten ist das anders. Viele Menschen sehe ich auf den Straßen, aber erst ab dem späten Nachmittag. Die Temperaturen lassen eine Betriebsamkeit tagsüber nur schwer zu. Einige verstaubte Palmen, hauptsächlich kaputte Häuser säumen die Straßen oder die Zufahrten in die entlegenen Dörfer, in denen die Armut extrem hoch ist. Letzteres ist jedoch der Punkt, den ich mir schlimmer vorgestellt hatte. Einige Kapverdianer sehen sehr schick aus, gut gepflegt mit eleganter Kleidung. Ich frage ich, wie die das machen? Überall Staub und Dreck und manch einer läuft in weißen Klamotten rum. Mir wurde gesagt, dass der Tourismus auf der Insel Sal stärker ist als auf den anderen Inseln, somit ist klar, dass hier ein bisschen mehr Geld fließt. In den Slums spielen die kleinen Kinder jedoch trotzdem in, schon seit Generationen getragenen, Schuhen oder Kleidung. Irgendwelche Hölzer oder Pappkartons dienen als Spielzeug. Es sieht aber immer aus, als hätten sie sehr viel Spaß dabei und es freut mich jedes Mal, wenn ich einer Gruppe von Babyrockern zusehe. Naja, ich meine so ein kleines, dunkelhäutiges Kind oder sogar Baby ist auch extrem süß! Meine Bedenken wegen unserer Verpflegung waren unberechtigt. Natürlich kann man das eigentlich noch nicht am ersten Tag sagen, aber bis jetzt bin ich voll zufrieden. Im Hinblick auf die Sonne und die heißen Temperaturen ist es auch genau so, wie ich es dachte. Viel Sonne und sehr warm. Nur der Wind ist ein bisschen nervig, aber das ist wohl auf einer Insel im Atlantik so. Und ich bin froh, dass ich mit Tieren großgeworden bin. Auch mit kranken, da meine Eltern beide Tierärzte sind. Deshalb bin ich bei der Amputation auch nicht umgefallen, obwohl das schon echt heftig war.

Thomas:
Terra Boa. Wer glaubt, dass es eine Eingewöhnungszeit gibt, ein Ankommen oder eine Rücksicht auf einen langen Flug, der kennt Marga nicht. "Schon am nächsten Tag arbeiten wir in Terra Boa, nach drei Tagen in Alto Santa Cruz und nach weiteren drei Tagen in Afrika 70", sagt Marga und belädt den kleinen Mietwagen mit Equipment. Der Holztisch, die Boxen, die Quetschbox und Vieles mehr, sind gestern mit dem Pick-up der Gemeinde in den ersten Slum gebracht worden. Heute folgen wir und beginnen mit einer Kastrationskampagne in einem der Außenbezirke von Espargos. Viele Tiere sind hier bereits vom Tierärztepool in den letzten Jahren kastriert worden und ich dachte, dass irgendwann einmal alle Tiere unfruchtbar sind. Hierzu darf ich mich anhand eines kleinen Rechenbeispiels äußern und folgendes korrigieren: Nehmen wir an, es gibt auf Sal 100 Hunde. Wir kastrieren 2. Wie viele sind dann noch unkastriert? Klar 98. Das ist aber nicht unbedingt richtig, denn wir haben den Zeitfaktor nicht mit in diese Rechnung einbezogen. Es kann nämlich sein, dass, während wir operieren, unter irgendeinem Busch eine Hündin ihre 13 Welpen zur Welt bringt. Und jetzt frage ich Sie erneut: Wie viele Tiere sind noch unkastriert? Es sind 111 und damit mehr als zuvor. Jetzt verstehen Sie auch, warum wir bei einer Anzahl von 3500 Tieren, die schätzungsweise hier leben, bereits über 4500 kastriert haben. Und Sie verstehen auch, warum wir darauf brennen, an einem Ort so schnell und so viele Tiere wie möglich unfruchtbar zu machen. Der südliche Ort von Sal, Santa Maria, ist voll unter Kontrolle, Espargos im Zentrum sieht auch gut aus, aber die Außenbezirke noch nicht ganz. Wir klettern also ins Auto und fahren über staubige Pisten mitten rein in die Armut, die sich kaum einer vorstellen kann. Vorsichtig müssen wir sein, die Kriminalität ist hoch. Aber im Laufe der Zeit kennt und akzeptiert man uns. Wir bewegen uns völlig ohne Angst in unserem Umfeld. Außerdem passen unsere kapverdischen Helfer gut auf uns auf. Zé, dem ich vor vier Jahren meinen Rasierapparat schenkte, guckt bei der Begrüßung ins Auto, in dem ich auf dem Beifahrersitz eingeklemmt zwischen Taschen und Boxen hocke, guckt nochmal, grinst und reibt sich über seine Wange. Er hat mich sofort erkannt. Nun stelle ich ihm meinen Sohn vor und brauche keine Angst mehr haben, dass Dante etwas passieren könnte. Mit unseren Helfern sind wir in diesen Slums so sicher wie in Abrahams Schoss.

Dante:
Jetzt weiß ich, warum mein Vater mich mitgenommen hat. Ich muss arbeiten, damit Papa mehr Freizeit hat und an den Strand kann. Nein, Scherz beiseite, ich helfe mit, weil es mir wirklich Spaß macht. Am Anfang war einfach alles schwierig, aber im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an den Rhythmus. Der Dreck, die verschieden (Tier-) Persönlichkeiten, das Blut, der Urin - damit habe ich in Deutschland nicht allzu viel zu tun. Aber irgendwie verblasst der Ekel. Die Handgriffe sind natürlich schwierig, mit den kapverdischen Helfern kann ich kaum kommunizieren, die Hunde habe ich zuvor nie gesehen. Es ist eine Arbeit, bei der ich auf Kreta oder in der Praxis meiner Mutter zwar schon gefühlte eine Millionen Male zugeschaut, es jedoch noch nie selber gemacht habe. Haben sie schonmal einen Katheter geschoben? Es ist wie bei allem, es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Und deswegen üben, üben und noch mehr üben. Wenn man das nicht bei meinem Vater kann, wo denn dann?   Margas und Papas Geduld versuche ich nicht überzustrapazieren, obwohl ich manches Mal das Gefühl nicht loswerden, die beiden wollen mich an einem einzigen Tag zu einem perfekten Tierarzthelfer ausbilden.

Thomas:
Staub, überall Staub. Wind weht. Aus Nordosten. Gott sei Dank von uns weg, hinüber zu den Holzhäusern oder im besten Fall Steinhütten, die als Häuser nur schwer zu erkennen sind. Es könnten auch Ställe sein, wie der Geruch nach Schweinen an manchen Stellen vermuten lässt. Auf jeden Fall sind sie optisch nicht immer abgrenzbar. Es ist Mittag, die Sonne steht senkrecht über uns, wird aber in ihrer Intensität von den Wolken zurückgehalten. Trotzdem ist ihre senkrechte Stellung, nicht weit weg vom Äquator, deutlich zu spüren. Hundegestalten schleppen sich über den Platz, an dessen Ende einige Kinder Fussball spielen. Ein Pick-up kommt aus weiter Ferne zügig herangefahren. Seine Staubwolke ist meilenweit zu sehen. Hinten drauf, Boxen mit Hunden. Rückwärts rangiert Zé den Wagen vor unseren keinen Innenhof, steigt aus und beginnt die Boxen abzuladen. Der Motor läuft und bläst uns die Abgase in den OP. Zé wird in den nächsten zwei Tagen etwas ganz Entscheidendes lernen müssen. Auto steht - Auto aus. Wie ich von unzähligen Reisen berichten kann, gilt diese Regel vorwiegend nur in Deutschland. Ich denke an die Stickoxyddiskussionen und an das Verschrotten von Autos, die hier absolute Luxuslimousinen wären? Ob wir damit die Welt retten können? Bei mir regen sich Zweifel. Marga schmunzelt und meint: "das schaffst Du nie". Überall Menschen. Ich habe keine Ahnung, wo die plötzlich alle herkommen. Schnell finden wir die Wichtigen unter ihnen heraus. Es sind die, die hier wohnen und sich um das Haus kümmern, in dem wir gleich arbeiten sollen. Oder nicht? Ich habe keine Ahnung, ich weiß nicht mal, was das hier ist. Ein Haus? "Unser OP-Raum". "Aha". Habe schon ähnlich Schlimmes erlebt, aber das hier ist wirklich grenzwertig. Wir beginnen mit dem Säubern und Einrichten. Gar nicht so einfach, ohne fließendes Wasser. Die deutschen Selbstverständlichkeiten nehmen in Slums ein anderes Verständnis an. Nichts ist hier selbstverständlich. Nicht mal das Essen oder das Fehlen von roher Gewalt in machen Familien. Zu diesem Thema werde ich mich später noch äußern. Jetzt heißt es erst einmal ein Umfeld schaffen, in dem wir bedenkenlos Hundebäuche eröffnen können, ohne auch nur einen einzigen Patienten wegen unsterilem Arbeiten zu verlieren. Würde das passieren, werden wir die Aktion sofort abbrechen. Aber wir müssen auch Realisten bleiben. Erstens sind die Tiere, die zu uns gebracht werden, dieses Keimmilieu gewohnt. Sie sind hart im Nehmen und mit Sicherheit ziemlich robust. Das rechtfertigt nichts, jedoch ist der zweite Punkt der Entscheidendere. Was geschieht, wenn wir die Welpenflut nicht stoppen? Jeder, dem hieran Zweifel wachsen, soll herkommen und die Autounfälle behandeln oder einschläfern, die Bissverletztungen therapieren, die Krankheiten durch Parasiten kennenlernen oder einfach nur die klapperdürren Welpen aufpäppeln. Dann bin ich gerne zu Diskussionen bereit. Also fangen wir an. Marga hält ihren OP-Tisch so steril wie möglich, wir schließen wegen des Windes die Fenster und arbeiten bei 40 Grad. Wir sprühen irgendein Zeug durch die Luft, damit die Fliegen gar nicht erst reinkommen und ich bin mir sicher, dass das auch für uns nicht gesund ist. 65 Hunde und 12 Katzen operieren wir. Tote: keine. Auch nach der Aktion ist alles in Ordnung, wie die Menschen uns Tage später glücklich erzählen. So war es auch bei den Aktionen davor. Keine Toten. So ist es immer beim Tierärztepool: Keine Toten. Bei Komplikationen sind wir erwachsen genug, etwas zu ändern oder abzusagen.

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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