Kapverden - November 2018 Teil 2

07.12.2018
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Dante Die kleinen schwarzen Kinder.
Ich selbst sehe farblich aus wie ein Glas Milch. Mit viel Sonneneinstrahlung schaffe ich es auch bis zum Erdbeershake, aber zum Kakao reicht es nie. Wie sehr beneide ich die Kapverdianer ihrer braunen Haut wegen. In meinem Heimatdorf gibt es sehr wenig braune Menschen, schon gar keine von den Kapverden. Und ich darf ehrlich sein, wenn ich einen dunkelhäutigen Menschen sehe, gucke ich mehrmals und länger hin. Wahrscheinlich aus Neugier, Neid oder der Exotik wegen. Meiner Meinung nach sehen solche Menschen einfach besser aus, als Bleichgesichter aus dem Norden. Mit dieser Erkenntnis, ohne wirklich darüber nachzudenken, flog ich also auf die Kapverden. Und kaum bin ich aus dem Flughafen raus, sind nicht mehr die anderen die anderen, sondern ich der andere. Nicht mehr ich guckte allen hinterher, sondern sie mir. Total witzig.
Nun begann die Kampagne und überall nur gebräunte Menschen. Haben Sie schonmal ein kleines schwarzes Kind gesehen? Mit diesen niedlichen Locken? Eigentlich müsste man es sofort einpacken und mit nach Hause nehmen. Da haben selbst die Welpen keine Chance. Und von diesen Kleinen laufen schier endlos rum. Ein Kindergarten voll dunkelhäutiger Kinder, sowas sieht man nicht alle Tage. Doch mit der Zeit wurde mein Blick normaler und normaler. Ich bin zwar erst wenige Tage hier, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als wäre ich schon ewig in Afrika unterwegs und sehe jeden Tag vor dem Fenster die Kleinen spielen. Mit Autoreifen, Spielzeugresten oder dem kleineren Geschwisterkind. Alles was nicht bei drei auf dem Baum ist, wird zum Spielen oder Basteln verwendet. Es macht wirklich Spaß Ihnen zuzugucken, bei all ihren Aktivitäten. Deswegen umso trauriger, wenn man eins oder zwei sieht, die zu ihrem, für ein deutsches Kind unvorstellbaren Schicksal, auch noch krank sind. Doch auch damit scheinen diese kleinen Kraftpakete super klar zu kommen. So nach dem Motto: kommt von allein, geht von allein. 
Papa regt an, dass zwei von ihnen im Krankenhaus behandelt werden.

Es sieht alles so einfach aus, wenn die Fachleute am Werk sind, aber gewiss, das ist es nicht. Nachdem mir mein Vater etliche Male, mit einem, auf seinen Arm geklebten Strohhalm, in den ich einen benutzten Katheter stechen musste, gezeigt hat, wie man theoretisch einen Katheter zu schieben hat, stehe ich nun in einem durchlöcherten Militärzelt umringt von Hunderten Menschen und Hunden. Sie spielen, sie streiten, sie lachen, sie weinen, sie reden, sie bellen und ich soll mich konzentrieren?Dante Mull

Thomas Ich erkenne alles wieder. Der Raum der Gemeinde war vor einigen Jahren unser OP. Dort brachen wir einen Kastrationsrekord nach dem anderen. Madueno und Carina Bercht halfen damals mit. Hier verteilte ich über 100 Teddybären an Schulklassen, hier veränderten wir das zukünftige Straßenbild von Espargos nachhaltig.

Heute sind wir wieder hier. Nur ist der Raum belegt und wir weichen auf ein Zelt des Militärs aus. Das Problem an diesem Morgen: Es ist nicht da. Wir warten also, eine Disziplin, die ich bis heute nicht beherrsche. Aber irgendwann rollt der Pick-up an, "hoch motivierte" Soldaten klettern von der Ladefläche und bauen auf, womit garantiert keine kriegerische Auseinandersetzung mehr gewonnen werden kann. Aber die Touristen an ihrem üppigen Buffett sind satt und damit ruhig und liegen bräsig am Strand. Gegen wen sollte man also kämpfen? Außer mit der Temperatur, dem widerspenstigen Gestänge des Zeltes und mit dem Wind. Vielleicht noch mit einem Thomas, dem alles zu langsam geht, aber auch der hält sich zurück.

Und während wir warten und aufbauen und warten und aufbauen und warten..., tauchen Menschen mit ihren Tieren auf. Es wirkt, als würden sie von irgendetwas angelockt werden. Und tatsächlich, die Gemeinde von Espargos hat auf ihrer Internetseite, im Radio und mit einem rollenden Lautsprecher für die entsprechende Information gesorgt. Schwer beeindruckt bin ich von der Zusammenarbeit mit der Camera Municipal. Marga kennt sie alle und alle kennen Marga. Das Verhältnis ist kein Vergleich zu der Hexenjagd, die auf Kreta immer wieder stattfindet. Es ist eine wirkliche ZUSAMMENARBEIT, bei der beide Seiten EIN Ziel verfolgen. Die Verbesserung der Umstände der Tiere und damit auch der Menschen. Die Gemeinde ist offen für Vorschläge, stellt Arbeiter ab, gibt uns das Gemeindeauto und öffnet Räume (oder das Militärzelt) ohne die wir nicht operieren könnten. Und was mich fast umgehauen hat: Sie hat Mirkochips für Besitzertiere besorgt, die wir auch fleißig einsetzen. Über ein Register für die Archivierung werden wir gemeinsam beraten. Die Vorgesetzten kommen und gehen, helfen mit, sprechen mit der Bevölkerung und ich fühle und sehe keinerlei Schatten eines Damoklesschwertes, wie es seit Jahrzehnten über Griechenland oder dem allgemeinen Kastrationsdenken unserer hinkenden EU-Tierschutzverordnung kreist. Eine fortschrittliche EU? Achja...

 

Dante Hund festhalten, rasieren, Katheter schieben, spritzen, das wars. Nein, ganz so simpel ist die Vorbereitung für eine Operation nun doch nicht. Angefangen habe ich mit Zugucken. Und das schon vor über 18 Jahren.

Es sieht alles so einfach aus, wenn die Fachleute am Werk sind, aber gewiss, das ist es nicht. Nachdem mir mein Vater etliche Male, mit einem, auf seinen Arm geklebten Strohhalm, in den ich einen benutzten Katheter stechen musste, gezeigt hat, wie man theoretisch einen Katheter zu schieben hat, stehe ich nun in einem durchlöcherten Militärzelt umringt von Hunderten Menschen und Hunden. Sie spielen, sie streiten, sie lachen, sie weinen, sie reden, sie bellen und ich soll mich  konzentrieren?
Nun gut, ich raufe meine wirren Gedanken zusammen und knie mich tapfer vor die, im Wind mir fast ins Gesicht wehende Zelttür, um den ersten Patienten zu empfangen.

Vor mir taucht ein ungefähr 100 Kilogramm schwerer, einem Bison ähnelnder Rottweiler auf. Ich versinke immer weiter im Boden, bei dem Anblick, wie selbst mein Vater sich schwer tut, solch einen Bullen in das OP Zelt zu hieven. Bei genauerem Hinsehen fällt mir aber auf, dass der ängstlich um sich schauende Riese nicht böser Natur sein kann. Der arme Junge hat Angst. Das erkennt selbst ein Blinder. Den Stummelschwanz bis zum Anschlag herabgesenkt, und sich ständig übers Gesicht lecken. Das sind die eindeutigsten Anzeichen von Beschwichtigung, wie ich als erstes lernen durfte.
Einen kurzen Augenblick verpufft meine Nervosität, da ich nicht der einzige zu sein scheine, der vor der bevorstehenden Prüfung Angst hat. Nur wage ich zu bezweifeln, dass es bei solch einem ängstlichen Tier einfacher sein wird, seine Gefäße zu treffen.

Nun heißt es also volle Konzentration. Die Vorstellung, dass dieser Riese meinen Arm durchlöchert, wie ein Locher ein Stück Papier, kann ich jetzt nicht gebrauchen.  Endlich hat es Papa geschafft das Tier in eine für mich treffsichere Stellung zu bringen, damit ich mit meiner Arbeit beginnen kann. Vor lauter Stress habe ich nur leider vergessen, was zu tun ist und blicke mit großen Augen auf das braun schwarze, sabbernde Gesicht vor mir. 
Bis ich mit einem "willst du nicht den Rasierer nehmen und anfangen, der Hund wird nicht leichter!" aus meiner Starre geholt werde. Sofort gehen meine Lichter wieder an und ich greife zu dem Rasierer. In dieser Sekunde zeigte mir der Rottweiler, dass ruckartige Bewegungen in solch einer angespannten Situation nicht gerade hilfreich sind.

Der Bulle reißt sich aus dem festen Griff von Papa und schnappt nach seiner Hand. Dieser aber weiß mit solchen Tieren umzugehen, zieht seine Hand blitzschnell zurück, hält ihn mit der anderen weiter fest und drückt sein gesamtes Körpergewicht auf den Hund, umwickelt sein Maul mit der Leine, die an seinem Halsband hängt und schaut zu mir rüber. 
Einen Außenstehenden hätte diese Aktion vielleicht an den Film Avatar erinnert, in dem Jake Sully sich als Endprüfung einen Drachen aussuchen muss. Nur mit dem Rottweiler weggeflogen ist Papa nicht, das hätte noch gefehlt. 

Und was habe ich in dieser Zeit auf die Beine gestellt? Nicht einmal mich. Ich hätte gerne so reagiert wie die meisten anderen Hunde: Schwanz einziehen und verschwinden. Jedoch kann ich Papa nicht allein lassen. Nicht jetzt. 

Langsam und vorsichtig, damit mein Patient sich nicht noch einmal erschrickt, hebe ich also den Rasierer wieder vom Boden, den ich während der Attacke vor lauter Schreck in die andere Ecke des Zeltes schleuderte und beginne mit der Rasur. Das wäre geschafft. Nun noch Alkohol auf die rasierte Stelle sprühen, abwischen und rein mit dem Katheter. Leichter gesagt als getan. Mittlerweile hat sich nämlich ein Tumult von Menschen gebildet, die dem Spektakel unbedingt beiwohnen müssen. Und das ausgerechnet bei meinem ersten Hund.

Außerdem finde ich zu meinem Glück keine Vene. Das ist jetzt aber wirklich zu viel. Bei jedem Hund auf dieser Erde gibt es eine gut zu sehende Vene, nur bei diesem nicht. Irgendjemand versucht mich ganz offensichtlich aus dem Nirvana zu bestrafen. Dass Papa sagt:" Die ist so dick wie ein praller Wasserschlauch", hilft mir auch nicht wirklich weiter. Was also machen? In die höchste Stelle stechen. Zumindest hat Papa das immer gesagt. Augen zu und durch. Das erschien mir in dieser Situation als die einzige, sinnvolle Methode. Ich schiebe den Katheter in die meiner Meinung nach höchste Stelle und... Blut.

  Voller Freude vergesse ich die Situation und hätte am liebsten Luftsprünge durch das ganze Zelt gemacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach, wäre ich vorher jedoch von dem Rottweiler gefressen worden.

Nun habe ich Blut geleckt. Natürlich nicht wörtlich. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Der Hund oder ich. Für mich steht es fest. Ich bringe den Sieg nach Hause. Ein Griff in die Nierenschale mit den Narkosespritzen und schon pumpe ich gefühlt einen Liter Narkose- und Schmerzmittel in das Tier.

Kennen Sie das? Bekamen Sie schonmal ein Narkosemittel? Bis zehn zu zählen gehört dann schon zu den schwierigeren Aufgaben. Und glücklicherweise erging es unserem Patienten ganz genauso. Es dauert, wenn überhaupt zehn Sekunden und schon liegt dieses riesige Tier, wie ein schlummerndes Kätzchen, in Papas Armen. Ich sacke schweißgebadet auf dem Boden zusammen und kann es nahezu fühlen, wie die Zuschauer applaudieren. 

Leider ist dies nicht der Fall, aber auch nicht wichtig, denn es war ein sehr schönes und erfüllendes Gefühl meine Aufgabe mit Bravour gemeistert zu haben.
Als ich aufschaue und in das zufriedene Gesicht meines Vaters schaue, löst sich meine Anspannung und der ängstliche Rotteiler ist zu einem netten Mischling geschrumpft, der mir nicht ein einziges Haar hätte krümmen wollen. Nun schläft er friedlich vor mir und ich mache das, was nach der Gabe der Narkose das Wichtigste ist: Ich überprüfe seine Atmung und seinen Herzschlag.

Man, geht es mir gerade gut!
Den nächsten Hund übernimmt Papa, denn ich brauche eine kleine Pause. Als hätte ich es geahnt, kommt, wie ein Betrunkener, durch die Tür getorkelt, ein kleiner, süßer, beigefarbener Welpe.  Danke Schicksal...

   

Thomas Zé kommt herangefahren und stopp kurz vor meinen Füßen Ich sehe ihm in die Augen. Er grinst über beide Ohren. Zuerst verstehe ich nicht warum, aber dann doch: Er hat den Motor ausgemacht :-)

   

Dante Inzwischen ist Routine eingekehrt. Nach wenigen Tagen ist die anfängliche Angst und Nervosität verschwunden. In fast jedes Bein bekomme ich die Katheter. Und die Hunde kann ich auch besser einordnen. Es gibt alle Kategorien: Ängstliche, liebe, aggressive...

Papa hat mir alles erklärt und gezeigt. Er passt immer auf, dass mir keine Fehler passieren und ich mich nicht verletze. Darauf achtet er bei allen Helfern. Leider ist die Kommunikation aufgrund der Sprachbarriere schwierig. Erklären Sie mal auf Kreol die Beschwichtigungssignale eines Hundes. Ein Arbeiter lässt sich hierauf leider auch nicht ein und... wird gebissen. Ansonsten ist der Umgang mit den Tieren absolut perfekt und wir achten stets darauf, es den Patienten so angenehm wie eben möglich zu machen. Immer unter der Prämisse, uns selbst nie in Gefahr zu bringen.

 

Thomas Die Kleine ist traurig und weint. Ihre Apfelsine ist ihr aus der Hand gefallen und rollt wie eine Billardkugel über den verstaubten Boden. Dante hat das Szenario beobachtet und eilt mit einer Flasche Wasser herbei, um den Dreck abzuwaschen. Der Blick des barfüßigen Mädchens hellt sich auf, weiß sie doch, dass Wasser hier den gleichen Wert hat, wie eine Apfelsine.
Wir sind von den besten Hotels aus Sal morgens und abends eingeladen, an ihrem üppigen Buffett zu essen. Sie unterstützen auf diese sehr nette Weise die Arbeit des Tierärztepools. Danke an RUI und die Melia-Gruppe! Die Auswahl ist gigantisch. In Metern würde ich sagen:"mehrere Hundert!". Es gibt alles, einfach alles ? fokussiert auf europäisch, sensible Zungen.<

Einer Dame, die der Völlerei offensichtlich zugetan ist, geschieht ein Missgeschick. Sie verliert beim Beladen ihres Tellers ein Stück Käse, was klebenderweise vor ihr auf dem Boden landet. Sie glaubt sich unbeobachtet und schiebt den Käse unter den Schrank vor ihr und geht zum nächsten Stand. Auf ihrem Teller häufen sich die Köstlichkeiten.

Als wir das Restaurant verlassen, sehe ich in der kurz offen stehenden Tür zur Küche, die Teller mit den Resten, die nicht geschmeckt haben.

In einer halben Stunde werde ich aus dem Auto steigen. Mitten in den entlegenen Armutsvierteln, durch die einige Touristen im Laufe des Tages im klimatisierten Bus fahren werden. Die Kinder, die ich inzwischen alle kenne und die mir zulachen, mir zuwinken oder mir etwas über ihren Hund erzählen wollen, was ich leider nicht verstehe, sind dünn. Bisher habe ich noch kein einziges dickes Kind gesehen. "Haben die auch Hunger?" frage ich in die Runde, aber niemand antwortet.

"Machen wir einen Test", raunt Dante mir leise zu. Ab jetzt haben wir morgens immer was dabei. Eier, Kekse, Obst, Käse und kein einziges Kind hat bisher irgendetwas abgelehnt.  Kein "ich mag nicht", kein "da ist aber ne Delle am Apfel", kein"iihh".
Wir fühlen uns ein bisschen durchgerührt.

 

Dante Wir waren uns fremd. Ich weiß, sie braun. Ich spreche Deutsch und Englisch, sie Portugiesisch und Kreol. Sie leben in Armut, ich eher weniger. Obwohl ich mich nie so gesehen habe, bin ich im Vergleich schweinereich. Ich habe alles, sie kaum etwas. Sie haben keine weiterführende Schule besucht, ich habe ein Abi. Meine Zukunft ist für mich in jede Richtung offen, für sie gibt es keine.

Die ersten Schritte zur Annäherung waren schwer. Ich gebe zu, ich fremdle ein bisschen, wenn alles um mich herum wie eine andere Welt erscheint. Man mag es mir verzeihen, aber soo viel war neu, dass ich mich erst einmal sortieren musste. Zwei, drei Tage vergingen aber langsam gewöhnte ich mich an Papas Mitarbeiter. Manchmal kamen sie zu den Einsätzen, manchmal nicht. Aber im Schnitt waren es immer die gleichen Helfer und Fänger mit denen wir arbeiten, was das Kennenlernen und Vertrauen eindeutig leichter machte.

Einen Namen kenne ich schon. Zé. Nicht wirklich spektakulär, dafür einfach zu merken. Er ist sehr hilfsbereit, humorvoll und hat drei Kinder.

Außer Zé helfen uns noch zwei weitere Männer. Unter anderem derjenige von dem ich den Namen nie so richtig verstanden habe, er die Hunde dafür um so besser versteht. Mir wurde erzählt, dass er wie Zé schonmal mitgearbeitet hat und auch im Tierheim hilft. Papa sagt, er und Zé haben ein Händchen für Hunde. Am Spektakulärsten an ihm finde ich, dass er jeden Tag mit Mütze und langer Hose zur Arbeit kommt. Wir arbeiten bei ca. 35°C!

Der dritte Helfer heißt Elvis, zumindest steht der Name auf seinem rechten Arm. Dazu hat er noch drei weitere Namen, die aber kein Mensch aussprechen kann.
Er kann die Sprache der Hunde leider nicht sprechen, was sich auszahlt, indem er gebissen wird.  Nicht sonderlich schlimm, aber am nächsten Tag macht er eine Pause.

Außer den Dreien geistern immer wieder irgendwelche anderen Leute durch unsere Räumlichkeiten, von denen ich aber kaum etwas weiß. Und was draußen los ist, kann ich kaum beschreiben.
José, wie Zé eigentlich heißt, und die anderen beiden sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich jedesmal auf deren Gesellschaft. Wir können uns zwar immer noch nicht verständigen, aber Blicke sagen manchmal mehr als Worte. Also machen wir es wie die Hunde, die auch nicht reden können, aber sich weltweit miteinander verständigen können. Auf schlau heißt das non-verbal und es funktioniert. Und wenn alle Stricke reißen, macht Marga die Dolmetscherin. Wie sie so schnell portugiesisch gelernt hat, beeindruckt mich.

Somit freue ich mich auf jeden neuen Tag, meine "Arbeitskollegen" wiederzusehen. Cool finde ich sie jetzt schon und noch cooler, dass ich mitten unter ihnen einer von ihnen bin!

   

Thomas Neun Tage liegen bereits hinter uns. Neun Tage, die alle gleich waren und trotzdem bunt wie ein Strauß Blumen. Unsere Mission war und ist klar. So viele Tier wie möglich unfruchtbar zu machen. Am Ende sind es 248 geworden, eine Zahl, auf die wir stolz sind. Mit 23 Sonderoperationen haben wir Schmerzen genommen. Wieder haben wir den Kampf gegen die Zeit, den ich bereits zu Anfang in meinem kleinen fehlerhaften Rechenbeispiel beschrieb, aufgenommen, wissen aber, dass immer noch irgendwo unkastrierte Mütter ihre Welpen zur Welt bringen. Heute Abend werde ich mit Marga sprechen und ihr vorschlagen, dass sie ihr Rückflugticket zerreißt.

Dante macht sich großartig. Er hat in Windeseile alle wichtigen Medikamente auswendig gelernt. Katheter saßen nach drei Tagen, ohne viele zu "verschießen". Das ist nicht unwichtig, denn erstens kosten sie Geld und zweitens ist das Nachschubproblem auf die Kapverden ein kompliziertes. Wir beide sind eingespielt und können uns aufeinander verlassen. Das ist wichtig, denn derjenige, der den Katheter schiebt, muss sicher sein, dass der andere das Tier auch so fixiert, dass er nicht gebissen werden kann.

Die ersten neun Tage ist die Laune nicht einmal in den Keller gesunken. Im Gegenteil, je länger wir mit unserer Crew zusammen sind, desto lustiger wird es. Spaß kann die nie schaden, die Arbeit ist schwer genug.

Gestern kastrierten wir 39 Tiere, unser bisheriger Rekord. Für Sie, liebe Lesenden, ist das eine einfache Zahl, für uns im Militärzelt sind diese Zahlen aber immer verbunden mit ängstlichen Augen, sich wehrenden Tieren, Schicksalen, die nicht wissen, was mit ihnen passiert. Es sind Narkosen, von denen jede einzelne so vorsichtig gefahren wird, wie der Transport einer Kiste roher Eier. Es sind Menschen, die sich um ihr Tier sorgen und es sind wir, die auf ALLES reagieren müssen. Und damit meine ich ALLES. Stromausfall, Windböen, die das ganze Zelt durchrütteln, Kinderaugen, Rangeleien vor der Tür, wer nun als erstes drankommt, Hitze, Durst und Müdigkeit. Eine Frau ist gebissen worden, sie steht blutend im Zelt. Ich versorge und verbinde ihre Wunden, umwickle den Arm. Sollte es anfangen zu pulsieren oder die Schmerzen unerträglich werden, möge sie bitte ins Krankenhaus gehen. Sie soll sich die nächsten Tage schonen. Ich kenne solche Wunden nur zu gut aus eigener Erfahrung und bete jedesmal, dass sie sich nicht entzünden. Schon während ich ihr vorsichtig das Blut abwische merke ich, dass sie aus einem anderen Holz geschnitzt ist. Sie verzieht keine Mine, nimmt mir den Tupfer ab und reibt sich rücksichtslos den Arm ab. Zwei Stunden später steht sie vor der Tür und ob Sie es glauben oder nicht, ihr Arm sieht aus, als wäre nichts gewesen. Sie zieht einen Hund hinter sich her und hat das Wort "schonen" offensichtlich nicht richtig verstanden.

Hin und wieder schleiche ich mich aus dem Zelt und überlasse Dante das Narkosefeld. Er ist mit Marga eingespielt und kommt klar.

Draußen mische ich mich unter die Wartenden. Überwiegend Kinder. Dazwischen die Welpen. Die Hunde sind in der Hierarchie die untersten und müssen eine Menge einstecken. Aber sie sind auch unter sich, spielen, schlafen oder toben mit ihren Besitzern, dass es mir eine Freude ist, zuzugucken. Das Klima ist rauer als wir es kennen, aber es ist eben so. Eine Tracht Prügel gehört hier zum Alltag. Fußball spielt man ohne Schuhe. Einige Füße bluten, aber das stört niemanden. Pflaster kennt und braucht keiner. Härtet all das ab??! Vielleicht.
42 Operationen werden es heute. Um 22:15 sind wir fertig. Im doppelten Sinne.

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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