Kapverden Herbst 2015 / Teil 1 von 8

07.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

"Bong!"
Für einen kurzen Moment hatte Juao nicht aufgepasst. Die alte Gummipelle traf ihn frontal am Kopf. Normalerweise hätte er aus dieser Flanke ein Tor geschossen, aber er hatte im Augenwinkel etwas gesehen, was ihn ablenkte.
Gustavo, der Hund, den er schon seit einiger Zeit heimlich mit Futterresten versorgte, denn seine Eltern wollten kein Tier im Haus, hatte offensichtlich auch nicht aufgepasst. Ein Auto erfasste seinen vierbeinigen Freund und schleuderte ihn an den Straßenrand. Eine Sekunde brauchte Juao, um sich von seinem eigenen Treffer zu erholen und um die ganze Tragik seines Freundes zu begreifen. Dann schoss er los. Er rannte über den Fußballplatz in einem Tempo, das einen Stürmer hätte erblassen lassen, und kniete wenige Augenblicke später neben Gustavo im Graben. Blut strömte aus dessen Maul und Juao hatte schon wieder das Gefühl, von etwas getroffen worden zu sein. Nur diesmal war es kein platter Gummiball, sondern ein Schock wie eine Kanonenkugel.

In der Schule hatte Cesaltina vor kurzem einen Vortrag gehalten. Sie arbeitete für den Verein Bons Amigos, einen Tierschutzverein, der oben in Point d`agua eine Klinik betrieb. Sie erklärte den Kindern, dass Tiere genauso empfinden wie Menschen, ähnliche Gefühle haben und hungern und dürsten wie jedes Lebewesen. Cesaltina hatte Juao die Augen geöffnet. Er spürte schon längst eine Verbindung zu den Tieren, aber er traute sich nicht, das offen zuzugeben. Thomas Busch

Was sollte er machen? Er war ein Kind, vor Panik fast ohnmächtig und allein. In der Schule hatte Cesaltina vor kurzem einen Vortrag gehalten. Sie arbeitete für den Verein Bons Amigos, einen Tierschutzverein, der oben in Point d`agua eine Klinik betrieb. Sie erklärte den Kindern, dass Tiere genauso empfinden wie Menschen, ähnliche Gefühle haben und hungern und dürsten wie jedes Lebewesen. Cesaltina hatte Juao die Augen geöffnet. Er spürte schon längst eine Verbindung zu den Tieren, aber er traute sich nicht, das offen zuzugeben. An dem Abend, als Cesaltina von der Liebe und der Fürsorge für die Tiere in seiner Schule sprach, schlich er sich weit nach Sonnenuntergang aus dem Haus und teilte mit Gustavo ein kleines Stück Fisch, das er beim Abendessen heimlich in seiner Tasche verschwinden ließ.
Nun lag Gustavo ohnmächtig in seinem Arm. Weiteres Blut schoss aus seinem Maul. Es hörte nicht auf zu fließen. Inzwischen waren seine Kumpels auch bei ihm und seinem Freund angekommen. Aber keiner konnte helfen.

"Bons Amigos... die machen doch in Tira Chapeu eine Aktion mit Tieren", rief einer seiner Freunde ihm zu. Er hatte eines der Plakate gesehen, die darauf hinwiesen, dass Hunde und Katzen unfruchtbar gemacht werden sollten, um die vielen Welpen nicht mehr "entsorgen" zu müssen.
"Ich weiß, wo das ist", rief ein anderer Juao zu, der Gustavo bereits auf seine dünnen Arme gepackt hatte. Der bewusstlose Hund war schwer, aber Juao merkte nichts davon. Auch nicht, dass sich sein T-Shirt rot färbte und das Blut langsam an seinen Beinen hinunter in seine Sandalen lief. Ein Pulk von Kindern begleitete den "Krankentransport", und als Juao endlich mit Gustavo vor dem großen grünen Tor stand, war er einem völligen Zusammenbruch sehr nahe. Aber was seine erschöpften Augen wahrnahmen, ließ ihn augenblicklich wieder zu Kräften kommen. Das ganze Dorf schien auf den Beinen zu sein und versuchte unentwegt, das grüne Tor zu stürmen. Hunde und Katzen wuselten überall herum. Sie befanden sich zwischen den Beinen, auf den Armen, an Kabel angebunden oder in Tüten. Jeder, der ein Tier hochhielt, wollte rein in das Tor. Als die Kinder von den Erwachsenen bemerkt wurden und die energische Stimme vom Innenhof für eine Gasse sorgte, durfte Juao mit seinem Gustavo an allen vorbei und auf einer Bank ausruhen. Eine weiche Decke lag bereit, und darauf bettete er seinen vierbeinigen Freund. Das Wort "schnell" hat auf den Kapverden eine andere Bedeutung als in europäischen Ländern, aber kaum hatte Juao sich völlig erschöpft neben die Bank zu Gustavo gesetzt, kam eine weißhäutige Tierärztin angelaufen. Juao verstand von all dem, was jetzt stattfand, nicht das Geringste, aber er wusste, dass das hier die einzige Chance für seinen Freund war. Die vielen anderen Menschen, die im Hof auf die Operation ihres Tieres warteten, nahm Juao nicht wahr. Auch nicht, als sich ein Pulk um ihn, Gustavo und die Tierärztin, die mehrere Medikamente in den bewusstlosen Körper spritzte, gebildet hatte. Anschließend wurde Juao übersetzt, dass sein Freund einige Zähne verloren hat, was für die Blutungen gesorgt habe, was aber nicht schlimm sei. Die Bewusstlosigkeit allerdings machte Sorgen, denn eine ernste Verletzung des Kopfes oder des Rückenmarks konnte nicht ausgeschlossen werden.
"Gustavo bleibt erst einmal hier, aber Du kannst ihn jederzeit besuchen."

Damit endet eine Geschichte, die so oder ähnlich zu unserem Tagesgeschäft gehört. Und schon sind wir mittendrin in einer Kampagne, die die Kapverdischen Inseln bisher in dieser Dimension noch nie erlebt haben. Und wir auch nicht! Die monatelange Vorbereitung sollte zum Ziel haben, mit einem zeitlich versetzten, fünfköpfigen Tierärzteteam auf den Kapverden über 1000 Tiere unfruchtbar zu machen. Für die Organisation sind zwei Vereine verantwortlich. Bons Amigos, vertreten durch Dr. Herwig Zach, und der Tierärztepool des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V..

Die Planung:

    12 Tage in Praia

  • Zwei Chirurginnen (Dr. Margarethe Keyl, Dr. Melanie Stehle) des Tierärztepools plus Madueno an den OP-Tischen, ein Anästhesist (Thomas Busch) des Tierärztepools für die Narkose, eine portugiesische Kollegin (Veronica Cabral) für die Behandlungen und Dr. Herwig Zach als Springer und Mädchen für alles
  • Anschließend 3 Tage Tarrafal im Norden der Insel Zwei Chirurginnen (Dr. Margarethe Keyl, Dr. Melanie Stehle) des Tierärztepools plus Madueno an den OP-Tischen, ein Anästhesist (Thomas Busch) des Tierärztepools für die Narkose und die portugiesische Kollegin (Veronica Cabral)
  • Dr. Margarethe Keyl bleibt bis Ende Dezember auf der Insel und bildet Veronica weiter aus. In dieser Zeit reisen die beiden mit zwei ausgebildeten Fängern auf die Insel Sal (für eine Woche), nach Maio und, wenn bis dahin die Zusage kommt, nach Boa Vista.

Soweit die Theorie...

Sie lesen Teil 1 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Infos

  • Projektdauer: 12 Tage
  • Hündinnen: 300
  • Rüden: 274
  • Katzen: 41
  • Kater: 21
  • andere Operationen: 74
  • Gesamt: 710
  • Ansprechpartner: chef@archenoah-kreta.com



Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Einsatzberichte

Kapverden Herbst 2015 / Teil 6 von 8

Die Bons Amigos-Familie Halten Sie sich, bei meiner eingangs geschilderten Begeisterung für die Angestellten, vor Augen, dass in weiten Teilen der Hauptstadt die pure Armut herrscht. Die provisorisch zusammengenagelten Häuser, die ...


mehr lesen

Kapverden 2010 - Für Dich Henriette

Update: Juli 2012: Ein Brief von Susanne Augusta, Henriettes Tochter, finden Sie am Ende dieses Artikels. Acht mal werden wir das Verkehrsmittel wechseln. Einhundert Kilo lebensnotwendiges Equipment müssen wir irgendwie transportieren ...


mehr lesen