Kapverden Herbst 2015 / Teil 2 von 8

08.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Beginnen wir aber von vorne und zwar mit dem Gepäck. Die Dimension des Equipments können Sie sich vielleicht vorstellen, nicht aber, wie das mit ein paar wenigen Fluggästen die Insel erreichen soll. Wir auch nicht! Somit wurden die Koffer bis an ihre Belastungsgrenzen gestopft. Das Handgepäck überschritt die offizielle Erlaubnis um das Fünffache, und die Fluggesellschaften antworteten auf unsere Anfrage nach kostenlosem Transport des Übergepäcks mit einem Achselzucken. Schade. Somit stand der komplette Einsatz bis zum Abheben des Fliegers auf wackeligen Beinen und war vom Wohlwollen der Eincheckdamen am Schalter abhängig. In München ging alles glatt, obwohl uns die skeptischen Blicke sämtlicher Reisebegleiter treu blieben. Wir wurden auch gefragt, ob wir umziehen... Aber das sind wir gewohnt. In Hamburg hatte Marga weniger Glück und musste ? 200,- nachzahlen. Wegen 20 kg! Grrr... Herwig und ein paar ehrenamtliche Helfer reisten bereits ein paar Tage vorher an und bereiteten die Kampagne vor. Was hier in wenigen Sätzen zu lesen ist, ist eine gigantische Aufgabe, ähnlich einem Tross, der Konzerttribünen aufbaut, nur dass es hier weder Musik noch Stars und schon gar kein Konzert gibt. Obwohl...

Das Team, welches Herwig mit uns in den letzten 10 Jahren formte, ist ein Klinikbetrieb geworden, der ungeahnte Professionalität an jeder Stelle erkennen lässt. Bitte vergessen Sie nicht, dass es vor 10 Jahren NICHTS gab, was auch nur ansatzweise den Tieren geholfen hätte. Heute sprechen wir mit Recht von einer KLINIK!Thomas Busch

Ich darf ein bisschen persönlich werden und die Begrüßung nach vier Jahren Abwesenheit einfach weglassen. Aber Sie werden verstehen, dass es bewegende Momente sind, das komplette Team immer noch voll motiviert wiederzusehen. Groß sind unsere Mädels und Jungs geworden, reif und sehr selbstbewusst.

Diese Liste führt mit Abstand Madueno, unser ?Kleiner?, der im zarten Alter von 13 Jahren die ersten Tätowierungen in die Ohren der kastrierten Tiere machen durfte. Er war ehrgeizig und begabt und trainierte seine Fähigkeiten bei jedem Einsatz bis zur völligen Erschöpfung. Das ist nun ungefähr 11 Jahre her. Ich erzählte in den vergangenen Berichten immer wieder von seinen Fortschritten in der Chirurgie, bis er an seinem 18. Geburtstag einem Hund das Bein amputierte. Dieser Hund heißt Neko, lebt noch immer in der Klinik und erfreut sich bester Gesundheit.

Jetzt ist Madueno 24 Jahre alt und niemand würde glauben, dass dieser junge Mann nie eine Uni besucht hat. Am OP ist er ein Virtuose geworden und führt das Skalpell wie ein erfahrener Chirurg. Stolz zeigt er mir die Bilder von den Tieren, die mit komplizierten Leiden zu ihm kamen und denen er mit einer Operation das Leben rettete. Ein völlig zerfetztes Auge, ein Tumor am Fuß, bei dem er eine Zehe amputieren musste und vieles mehr. Die unendlich vielen Kastrationen sind für ihn Normalität und Routine geworden. Aber glauben Sie nicht, dass das alles ist. Madueno hat, kraft seiner offiziell nicht existierenden Kompetenz, angefangen, weitere Kapverdianer aus seinem engeren Umfeld auszubilden. Ich fühle mich wie in einem Film, als sich ein Freund von ihm, der im ?richtigen Leben? Polizist in hoher Stellung ist, die Handschuhe anzieht und eine Hündin kastriert. Ich glaube, ich träume. Fehlerfrei, natürlich noch nicht so schnell wie der Meister selber, aber beachtlich sicher und konzentriert. Ich bin völlig verdattert. Ich habe mit einigem gerechnet, aber dass das diese Dimension erreicht hat, sprengt jeglichen Verstand. Hier hat Bons Amigos ein Umfeld geschaffen, welches die einfachsten Menschen aus dem Slum der Hauptstadt heraussuchte und sie zu einer der wichtigsten Institutionen im Umkreis von mehreren hundert Kilometern formte. Wem eine bessere Entwicklungshilfe einfällt, der mag sich bei mir melden.

Neben all diesen Eindrücken wundert es mich überhaupt nicht mehr, dass Maduenos Bruder Edson und sein Freund Alex die Anästhesie beherrschen, so dass ich mich frage, was wir hier eigentlich sollen. Die zwei waren vor ein paar Jahren noch zehnjährige Hosenscheißer, die verstohlen jeden Handgriff von uns beobachteten. Heute zeigen die beiden der portugiesischen Kollegin, wie man einen Katheter schiebt, ohne auch nur einmal daneben zu stechen. Zu mir schauen sie stolz auf, und ich bin mehr als gerührt. Sentimentalität hat in unserem Job keinen Platz, aber ich muss mich konzentrieren, um vor Glück und ein bisschen Stolz nicht feuchte Augen zu bekommen.

Das Team, welches Herwig mit uns in den letzten 10 Jahren formte, ist ein Klinikbetrieb geworden, der ungeahnte Professionalität an jeder Stelle erkennen lässt. Bitte vergessen Sie nicht, dass es vor 10 Jahren NICHTS gab, was auch nur ansatzweise den Tieren geholfen hätte. Heute sprechen wir mit Recht von einer KLINIK!

Da ist es für uns eine Ehre, gemeinsam mit diesen Menschen eine Kampagne zu starten, in der in kürzester Zeit 1000 Tiere unfruchtbar gemacht werden sollen, in der gemeinsame Zukunftspläne geschmiedet werden, in der eine portugiesische Kollegin chirurgisch ausgebildet wird und in der so unendlich viel Tierelend beseitigt wird, was ein Tierheim in einhundert Jahren nicht leisten könnte. Auf den Kapverden gibt es kein Tierheim! Und vor allem gilt es, Madueno und sein Team weiter zu schulen, damit sie nicht nur chirurgisch zur Oberklasse zählen, sondern auch in der inneren Medizin weitere Diagnosemöglichkeiten kennenlernen. Nicht mit hochmodernen CT-Bögen, kostspieligen Röntgengeräten oder Blutanalysegeräten, sondern in erster Linie mit ihren Fingern, Nasen, Augen und Ohren.

Sie lesen Teil 2 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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