Kapverden Herbst 2015 / Teil 3 von 8

09.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Der Andrang am ersten Tag ist unbeschreiblich. Die Menschen der Hauptstadt strömen zu der provisorischen Klinik, die Herwig in einem anderen Stadtteil, in dem bisher relativ wenig kastriert wurde, errichtet hat, als würde es kein Morgen geben. Teilweise müssen wir die Tore zudrücken, weil einfach nicht mehr Tiere in dem großen Innenhof behandelt werden können. Die Bänke, auf denen die Besitzer Platz nehmen, die sich zur Kastration ihrer Tiere angemeldet haben, quellen über. Der Lautstärkepegel befindet sich permanent am oberen Limit. Die Narkose wird in einem großen Raum durchgeführt, der leider nur durch eine Treppe mit dem OP im ersten Stock verbunden ist. Nehmen wir das Hoch- und Runtertragen der narkotisierten Tiere als sportliche Herausforderung und ignorieren die 34 Grad!

Eine kleine schwarze Hündin wurde uns gestern mit 40 Grad Fieber gebracht. Wir diagnostizierten eine Gebärmutterentzündung und lagen richtig. Die Kleine wäre in den nächsten Tagen gestorben. Am späten Abend erfolgte die Not-OP und heute Morgen wackelt immerhin ihr Schwänzchen. Aber die Gefahr ist noch nicht vollständig gebannt. Wir sind skeptisch.Thomas Busch

Am Abend sind 80 Tiere kastriert, eine neue Rekordleistung für den Tierärztepool. Aber wie heißt es? Man wächst mit den Herausforderungen! Aus Rhodos erreicht mich am Abend eine Mail von Antonia, die mir mitteilt, dass es bei ihr "läuft". 35 hat sie geschafft und ist damit auch in der Oberliga angekommen. "Glückwunsch", antworte ich ihr und freue mich, dass der Tierärztepool an einem Tag 115 Tiere unfruchtbar gemacht hat. Die müden Gesichter aller sind am Abend unübersehbar, jedoch sind die Augen gefüllt mit Stolz und dem Willen, nicht eher zu ruhen, bis wir die 1000er Marke auf den Kapverden geknackt haben.

Gustavo geht es leider noch nicht besser, und er hat sogar noch eine Leidensgenossin hinzubekommen. In diesem Tumult fehlt allen Beteiligten die Zeit, den Fotoapparat zu nehmen, aber wir versprechen, das in den nächsten Tagen nachzuholen. Heute, am zweiten Tag, sind es 69 Kastrationen geworden. Morgen werde ich Ihnen die inzwischen stationär aufgenommenen Intensivpatienten vorstellen, jetzt wollen wir alle nur noch was essen und ab ins Bett. Außerdem nerven die Mücken und zwingen uns zu vergessen, dass wir ja eigentlich Tierschützer sind...

Gustavo und seiner Leidensgenossin Gustava (G&G) geht es heute Morgen immer noch nicht besser. Sie hängen an Dauerinfusionen. Bewegungsunfähig. Gastava schafft es immerhin, ein wenig den Mund zu bewegen und ein paar Brocken Futter zu sich zu nehmen. Eine kleine schwarze Hündin wurde uns gestern mit 40 Grad Fieber gebracht. Wir diagnostizierten eine Gebärmutterentzündung und lagen richtig. Die Kleine wäre in den nächsten Tagen gestorben. Am späten Abend erfolgte die Not-OP und heute Morgen wackelt immerhin ihr Schwänzchen. Aber die Gefahr ist noch nicht vollständig gebannt. Wir sind skeptisch.

Ein Pekinesen-Mix hat sich mit einem Pitbull angelegt und den aussichtslosen Kampf verloren. Seine Wunden werden versorgt. Ein anderer hat sich einen Stock oder ähnliches in die Brust gerammt, und sein Besitzer ist sichtlich nervös. Die Wunde reicht 10 cm tief in den Körper, und das Tier hat mehr als einen Schutzengel gehabt. Kein lebenswichtiges Gefäß ist verletzt, das Herz nicht getroffen und die Lunge nicht perforiert. Melanie übernimmt die OP.

Der Andrang legt sich ein bisschen, denn unter der Woche müssen die meisten Menschen arbeiten. Somit machen sich die Fänger auf den Weg und suchen Arbeit für uns, was ihnen offensichtlich nicht schwerfällt.
Immer wieder laden sie Boxen mit mindestens fünf Hunden aus. Das Viertel scheint voll von Hunden zu sein. Ich renne zwischen all dem Gewusel hin und her und versuche, so viele Fotos wie möglich zu machen. Aber ich möchte nicht nur die schönen Dinge festhalten. All die Problemtiere, die (endlich!) den Weg zu uns finden, verdienen Aufmerksamkeit und kein Weggucken. Wir werden überall auf der Welt mit dermaßen viel Elend konfrontiert, warum sollten wir dies nicht zeigen? Schauen Sie an den Bildern vorbei, wenn Sie sie nicht ertragen können, aber schauen Sie nicht weg. Außerdem kann ich Ihnen helfen, das Elend zu ertragen, indem ich Ihnen sage, dass wir es beseitigen. Warum? Weil wir es können, weil wir hier sind und weil Sie es uns mit Ihrer Hilfe ermöglichen. Und ich verspreche Ihnen, dass es allen Tieren nach dem Eintreffen bei uns besser geht. Selbst wenn wir hin und wieder einschläfern müssen.

Das ist doch ein schöner Trost - für die Tiere, für uns und auch für Sie. Und genau mit Hilfe dieser Bilder möchte ich einen Plan entwickeln, den wir auf Kreta bereits nahezu perfekt umgesetzt haben. Dort haben wir es in den letzten zehn Jahren geschafft, dass stets eine unserer sechs fest angestellten Tierärztinnen an nahezu 365 Tagen 24 Stunden in Bereitschaft ist, um sich genau um diese Verletzten zu kümmern. Und es funktioniert. Alle Partner auf Kreta wissen, dass wir da sind, sie wissen, wo wir sind, und sie finden uns.
Gibt es irgendeinen Grund, warum wir diesen Plan nicht auch auf den Kapverden verfolgen sollten? 365 Tage im Jahr einen Arzt hier stationiert zu haben, der Notfälle behandelt, der kastriert, der auf alles ein Auge hat und der die Kampagnen ausweitet. Verrückt genug sind wir für solche Ideen!
Als ich zwischen Tür und Angel Herwig davon erzähle, erkenne ich kurz ein Leuchten in seinen Augen. Aber davon später...

Sie lesen Teil 3 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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