Kapverden Herbst 2015 / Teil 4 von 8

10.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

G&G geht es nicht besser. Im Gegenteil. Gustava wollte uns soeben verlassen. Dank der wachsamen Augen unserer fleißigen und unersetzbaren Helfer fällt sofort auf, dass unser Sorgenkind das Atmen eingestellt hat. Und nun brennt die Luft und das Wort "schnell" hält doch Einzug in den kapverdischen Klinikbetrieb. Die Handgriffe sitzen, denn solche Sachen übt man nicht WÄHREND eines Notfalls.
Wir können Gustava bei uns behalten, aber ihr Zustand ist immer noch extrem kritisch. Wir entscheiden uns, sie bei einem zweiten Atemstillstand nicht wiederzubeleben. Ihr Zustand hält sich bis zum Mittag, allerdings kommen uns Zweifel, ob wir das Ziel des Tierschutzes nicht verfehlen. Die Überlegung, ob wir dem Leid aktiv ein Ende bereiten, nimmt Formen an.

Der Tumor hat den kompletten Oberkiefer verschoben und jeder weitere Tag würde entsetzliche Schmerzen bedeuten und wäre nichts als Quälerei. Wir ertragen viel. Das Elend auf der Straße ist anonym. Schlimm genug, aber anonym. Mit Besitzern, die schluchzend zusammenbrechen, ist es mit der Anonymität aber vorbei. Dann rattert es im Kopf, es tauchen Bilder auf, Erinnerungen kommen hoch, man spürt die eigenen Tränen, die zu Tausenden herabfielen, die Beine werden weich.Thomas Busch

Die kleine Hündin mit der Gebärmutterentzündung hat es ebenfalls nicht geschafft. Zu viele Schäden haben die Toxine in ihrem Körper angerichtet. Die Stimmung fällt. Außerdem ist es der dritte Tag, und der ist erfahrungsgemäß einer der schlimmsten. Am dritten Tag lässt in der Regel die Kondition nach. Was nützt es uns? Wir sind Profis und wissen, dass nach einem Notfall vor einem Notfall ist und operieren weiter. Die Konzentration auf das nächste Lebewesen lenkt ab und tatsächlich steigt das Stimmungsbarometer wieder leicht an. Aber nur leicht.

Bis zu dem Rüden, der mit einem riesigen Tumor am Oberkiefer in die Klinik kommt. Der Tumor ist schlimm genug, und in meinen Erinnerungen taucht meine letzte eigene Hündin auf, die ich 2007 wegen eines Oberkiefertumors einschläfern musste. Danach wollte ich keinen eigenen Hund mehr, denn ich bin viel zu oft unterwegs und habe keine Zeit, mich um ein Tier zu kümmern. Außerdem finden so die anfallenden Notfälle immer ein Plätzchen in Deutschland... Jetzt aber ist 2007 ganz nah und ich hoffe, dass dieser Krug an mir vorbeigeht. Geht er nicht und zu allem Übel begleiten die treuen Besitzer ihren Liebling voller Vertrauen auf eine Heilung. Leider können wir ihnen diesen sehnlichsten Wunsch nicht erfüllen.

Der Tumor hat den kompletten Oberkiefer verschoben und jeder weitere Tag würde entsetzliche Schmerzen bedeuten und wäre nichts als Quälerei. Wir ertragen viel. Das Elend auf der Straße ist anonym. Schlimm genug, aber anonym. Mit Besitzern, die schluchzend zusammenbrechen, ist es mit der Anonymität aber vorbei. Dann rattert es im Kopf, es tauchen Bilder auf, Erinnerungen kommen hoch, man spürt die eigenen Tränen, die zu Tausenden herabfielen, die Beine werden weich.

Ich schaue in die Augen meiner Kollegen und weiß, dass es uns in diesem Moment allen gleich schlecht geht. Dann laufe ich runter und vertiefe mich in die Arbeit, die draußen wartet und einfach nicht abreißen will. Ein Hund wacht aus der Narkose auf und jault wie ein Schlosshund. Ich könnte ihn küssen, denn mit seinem Generve lenkt er uns ab. Auch im OP geht es weiter. Muss ja.

Das Auto steht mit laufendem Motor vor der Tür. Hunde sollen eingesammelt werden. "Thomas, wenn Du mit willst, beeil Dich!" Und ob ich will! Im Moment ist in der Klinik nicht sehr viel los, und Alex weiß eh, wie man einen Hund in Narkose legt. Ich kann mich auf meine Vertretung voll verlassen. Also kann ich die heiligen Hallen der Klinik für ein paar Minuten verlassen.

Ich greife zum Fotoapparat und springe auf die Ladefläche des kleinen Transporters. Madueno fährt, Gilson, ein weiterer Helfer, sitzt neben ihm. Die alten Herren, Herwig und ich, hinten drin. Wir beide schauen uns an und denken das Gleiche: Wir sind froh, die Tour ohne fremde Hilfe und ohne Rollator mitmachen zu dürfen. Keine dreihundert Meter sind wir gekommen, da tritt Madueno zum ersten Mal auf die Bremse. Gilson springt raus, und noch bevor die alten Herren ihre Fotoapparate greifen können, ist der erste Hund gefangen. Weiter geht´s.

Die beiden sind Profis. Gilson operiert zwar nicht, aber sein Umgang mit Hunden imponiert mir. Er scheint vor nichts Angst zu haben. Zwar haben die Menschen von Bons Amigos alles, was man im Umgang mit Hunden und Katzen wissen muss, von uns gelernt, dennoch bleibt die Arbeit gefährlich. Und wie!
Ein am Straßenrand schlafender Rüde wird von Gilson gepackt und in seiner Panik versucht er, mit aller Kraft zuzubeißen. Gilson weiß, dass er nicht loslassen darf, egal, was passiert, ansonsten sieht es schlecht für seine Finger und Arme aus. Er hält das sich windende, schreiende und Zähne fletschende Tier fest in seinem Griff und schafft es bis zum Auto. Madueno ist ebenfalls herausgesprungen und versucht den Hund, der bereits in der Box sitzt, am Ausreißen zu hindern, während beide den von Gilson umklammerten Hund ebenfalls hineinschieben. Das alles sieht sehr ruppig aus und wer die Bilder falsch deuten möchte, dem geht der Tierschutzgedanke hierbei wahrscheinlich durch die Lappen. Aber den Hund mit freundlichen Worten bitten, im Auto Platz zu nehmen, funktioniert leider nicht.

Die anderen Hunde, die unseren Weg kreuzen (der immer noch nicht weiter als vielleicht 600 Meter von der Klinik entfernt ist) werden mit einem riesigen Netz eingefangen. Auch hier sind Gilson und Madueno flink wie Wiesel und ruckzuck sind fünf weitere Hunde im Wagen. Trotzdem bleibt das Fangen auf diesem Weg mehr als riskant und die alten Herren werden sich noch einmal zusammensetzen und überlegen, ob sie das Ganze nicht risikoloser für die Fänger gestalten können.

Noch ein Wort zu der Gegend, in der wir arbeiten: Die Klinik befindet sich in einem Stadtteil von Praia, welcher nicht gerade durch gepflegte Vorgärten, polierte Autos und schneeweiße Marmorsäulen vor den Haustüren von sich reden macht. Das Wort Slum würde es besser treffen. Kanalisation: nicht wirklich. Frischwasser (kein Trinkwasser!): kommt mit dem Tankwagen. Frischluft: eher selten, meistens Gestank. Straßen: Fehlanzeige, eher aneinandergereihte Schlaglöcher. Häuser: nun ja... Wenn wir am späten Abend in unsere Unterkunft fahren, müssen wir zirka 300 Meter bis zur Hauptstraße laufen. JEDER hat uns abgeraten, dies zu tun. Jungendgangs treiben hier ihr Unwesen, und die Gefahr, dass wir überfallen werden, ist groß. So bringt uns der Tiertransporter, eingepfercht zwischen Hundeboxen und Fangnetzen, jeden Abend zur beleuchteten Hauptstraße. Von dort finden wir ein Taxi.

Als ich am Nachmittag Maduenos Bitte Folge leiste und ihm sämtliche Fotos der letzten 10 Jahre auf seinen Computer überspiele, schaut er sie sich am Abend an. Sein Lachen lockt uns alle zu ihm und in Kombination mit frischen Fidjos (eine köstliche einheimische Leckerei) lachen wir über unsere eigenen Gesichter, die heute leider 10 Jahre älter sind.

Bei einem Foto stutzt Madueno. Es ist ein Foto, oben an der Klinik aufgenommen, als ich vor zehn Jahren mit Ines Leeuw auf den Bus warte. Sofort hatte sich eine Kindertraube um uns geschart und wollte mit aufs Foto. Madueno zeigt auf das Bild und erklärt uns, dass die meisten dieser Gesichter inzwischen im Gefängnis sitzen. Sie sind zu Kriminellen geworden. Einer ist sogar tot. Erschossen. "Was für ein Glück, dass du bei Bons Amigos bist, nicht wahr?", frage ich ihn. Seine Antwort lautet mit einem sehr ernsten Gesicht, "Bons Amigos ist meine Familie!" Ich glaube es ihm und spüre, dass dieser junge Mann erwachsen geworden ist.

Sie lesen Teil 4 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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