Kapverden Herbst 2015 / Teil 5 von 8

11.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

G&G sind nun wieder beieinander. Nur nicht mehr bei uns.
Gustava haben wir in letzter Sekunde eingeschläfert, ihr Zustand war nur noch Quälerei. Vielleicht haben wir ein paar Stunden zu lange damit gewartet, aber wir sind leider nur Tierärzte und keine Hellseher oder die viel beschworenen Götter in Weiß. Und klar ist leider auch, dass nach der Todesspritze nichts mehr zu korrigieren ist...
Gustavo ist in der Nacht verstorben. Sein toter Körper ist schon beseitigt und wir sind unseren Helfern dankbar dafür, dass wir einen sauberen Vorbereitungsraum betreten können. Die Gesichter sind eh schon lang genug. Die Hündin, die einen tennisballgroßen Abszess am Hals hatte und nach der gestrigen Kastration ebenfalls sterben wollte, liegt in ihrer Box und ist immer noch extrem platt.

G&G sind nun wieder beieinander. Nur nicht mehr bei uns. Gustava haben wir in letzter Sekunde eingeschläfert, ihr Zustand war nur noch Quälerei. Gustavo ist in der Nacht verstorben.Thomas Busch

Wir meinen, dass das Glück bei uns nun endlich Einzug halten könnte. Trotz dieser Niederlagen zeigt sich am sechsten Tag eine schöne Bilanz. Die Zahl ist durch unsere Rezeptionisten zwar noch nicht verglichen und abgesegnet, aber die ersten 350 Tiere sind sterilisiert. Zusätzlich konnte unser Team unendlich viel Leid beseitigen und Behandlungen durchführen. Es ist unglaublich, wie viele Tiere allein in dieser kurzen Zeit zu uns gebracht wurden, deren Problem zu einem siechenden Tod geführt hätte. Ein Beinbruch kommt und wird gegipst.

Eine Katze mit einem großen Geschwür wird uns von einem kleinen Jungen in einem Plastiksack gebracht. In der Narkose stellt sich heraus, dass das Zwerchfell gerissen ist und der Knubbel, der in Höhe ihres Herzens zu spüren war, ihre Milz ist. Marga übernimmt diesen extrem komplizierten Fall, denn wir arbeiten in Lungennähe und diese kann kollabieren. Melanie operiert ein Stickersarkom bei einer Hündin.

Bei dem Welpen, den wir schon seit drei Tagen zur Beobachtung bei uns haben, muss heute eine Entscheidung fallen. Er hat ein Problem an seinem Becken, aber ohne Röntgengerät gelingt uns keine hundertprozentige Diagnose. Bevor wir in irgendetwas hineinschneiden und nicht wissen, was uns erwartet, nehmen wir von einer OP Abstand. Lediglich die Kastration muss er über sich ergehen lassen.
Die Fänger kommen zurück mit einer üppigen Ausbeute. Langweilig wird uns definitiv nicht, obwohl der Menschenstrom deutlich abnimmt. Aber ein Tempo wie am ersten Tag hätten wir wahrscheinlich auch nicht über lange Zeit ausgehalten.
Die komplette Mannschaft von mindestens 12 Menschen ist ständig in Bewegung. Keiner von uns gönnt sich eine Pause. Keiner von uns kann sich eine Pause gönnen!

Wir arbeiten immer noch. Oder: immer wieder.
Jeder Tag ist gleich. Ein paar Menschen gegen das Tierelend auf der Straße. Gegen eine gigantische Masse aus Fleisch und Blut. Da sitzen sie, eingefangen und eingesperrt. Ihre Blicke bestehen aus purer Angst. Ich kann ihnen nicht erklären, dass alles gut wird. Sie verstehen mich nicht. Und Zeit, es ihnen zu zeigen, bleibt keine. Wir arbeiten gegen eine gigantische Flut, Einzelschicksale können wir nicht an uns heranlassen. Und doch.

Da sitzt die trächtige Hündin mit fünf Leidensgenossen in einer großen Box. Alle hecheln. Sie knurrt, wenn ich ihr zu nahekomme. Wie gut ich sie verstehen kann. Rausholen und in eine Einzelbox sperren, kann ich sie nicht, denn das würde wieder Stress für sie bedeuten. Wasser reinstellen hat auch keinen Sinn, denn die Tiere würden es sofort umwerfen. Mehr als die Box aus der Sonne in den Schatten schieben, bleibt mir nicht. Dann treibe ich unsere Mitarbeiter an, schneller zu arbeiten, was auch nicht geht, denn wir sind an unseren Grenzen angelangt.

Vor drei Tagen kam der Abgemagerte. Er sah aus wie ein Zombie, und so heißt er nun auch. Sein Fell war fast weg und die Räude hatte ihn zu einer grausamen Gestalt werden lassen. Sein rechtes Auge ist ausgelaufen. Ich sah ihn im Augenwinkel und freute mich, dass aus ihm in den nächsten Tagen wieder ein Hund werden wird. Cesaltina hatte schon das Wasser angerichtet und ihn abgeduscht. Ich glaube, er war so fertig, dass ihm alles egal war. Er wehrte sich nicht. Jetzt sitzt er vor mir in der Sonne und seine Körperhaltung ist eine komplett andere geworden. Er schaut mich an und unsere Blicke treffen sich. Ich würde ihn am liebsten an mich drücken und ihm erklären, dass wir nur für ihn hier sind, aber a) würde er es mir nicht glauben, denn b) lege ich gerade einen anderen Hund in Narkose. Als ich mich zu ihm runterbeuge, um ihm kurz über den Kopf zu streicheln, haut er ab. Er hat keine Lust auf mich. "Undankbarer Köter", denke ich grinsend und freue mich bereits jetzt auf das Mittagessen, denn dann kommt Zombie immer zu uns geschlichen und glaubt, dass wir seinen Diebstahl nicht bemerken. Alle hier lieben ihn und stecken ihm was zu. Er ist unser Maskottchen. Nur was passiert mit ihm, wenn wir nicht mehr hier sind? Wird er auf uns warten? Oder sind wir ein Ausschnitt aus seinem Leben, mit dem er erinnerungstechnisch schon in ein paar Tagen nichts mehr anfangen kann? Egal, wir haben ihm ein zweites Leben geschenkt und das zählt. Aber sein Schicksal wird uns begleiten und die Fotos von unserem Liebling werden die Erinnerung lebendig halten.

Und schon tauchen wir wieder ab in der Flut von Arbeit. Unzählige Behandlungen warten auf uns. An jeder Ecke ist ein Tier angebunden, Menschen stellen Fragen, Hunde jaulen oder bellen, und aus mancher Tasche miaut es. Wir versuchen, realistisch zu sein und können das auch die meiste Zeit, aber frei von Emotionen sind wir dadurch nicht. Es ist ewiges Auf und Ab. Am Ende aber erfüllt von unermesslichem Reichtum, den nur wenige Menschen erleben dürfen. Wir sind glücklich, in dieser emotionalen Mühle eine rationale Arbeit machen zu können. Ich persönlich glaube aber nach all den Jahren an der Front, dass es extrem wichtig ist, sich psychisch und auch physisch immer wieder von der Arbeit zu distanzieren, sich zu erholen und sich nicht von den Depressionen wegen der vor einem liegenden Unendlichkeit überrollen zu lassen. Das Wissen, Elend weggeschafft zu haben und diesen Planeten ein kleines Stückchen besser zu hinterlassen, als man ihn vorgefunden hat, vermitteln Momente des Glücks und nicht des Leids. Somit möchte ich Zombie in meinen Bericht einbauen und ihm in meiner Erinnerung einen Platz einräumen. "Für ihn" werde ich schreiben und nicht "für seine armen Kameraden".

Sie lesen Teil 5 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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