Kapverden Herbst 2015 / Teil 8 von 8

28.11.2015
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

709 Operationen in 12 Tagen sind schon mal ein schönes Ergebnis. Fürs erste...! Es hätten noch ein paar mehr mehr sein können, aber wir verloren nahezu zwei Tage, weil ein Feiertag dazwischenkam, den wir nicht auf dem Zettel hatten. Die Caboverdeanos dagegen schon! Die Tierschutzarbeit in der Hauptstadt ist wichtig. Die Tierschutzarbeit auf den anderen Inseln, in anderen Dörfern und Städten aber auch. Das hat folgende Gründe:

Der Traum von vielen Tierärzten, die mit ihrem Herzen und mit fachlicher Kompetenz in der Lage sind, sich gegen das unendliche Tierelend zu stellen, hat an seiner Brisanz nichts verloren. Im Gegenteil!Thomas Busch
  • Noch ein bisschen muede von der OP
  • Sehr viele Kinder kamen mit ihren Tieren zu uns
  • Die Hauptstadt Praia hat über 130.000 Einwohner, und wir schätzen die Hundepopulation auf 25.000 Tiere. Bis sich hier ein flächendeckender Erfolg abzeichnet, wird einige Zeit vergehen.
  • Geld spielt bei den Kastrationsaktionen eine entscheidende Rolle. Die Bevölkerung in den Slumregionen, in denen wir gearbeitet haben, ist kaum in der Lage, größere Spenden zu entrichten.
  • Die Ausweitung unserer Arbeit auf Inseln oder Regionen, in denen der Tourismus blüht, verleiht unser eher die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zu bekommen.
  • Die Chance, einen schnellen Erfolg und Populationsrückgang festzustellen, ist in überschaubaren Orten oder Inseln größer als in der Hauptstadt.
  • Geographisch orientierte Spenden sind keine Seltenheit. "Ich möchte, dass Sie da und dort kastrieren..."

Somit hatten im Vorfeld unserer Reise diverse Mailkontakte die Möglichkeit eröffnet, in Tarrafal im Norden der Insel zu arbeiten. Wir packten also einen Taxi-Minibus bis unters Dach voll mit Equipment, und standen dann bedröppelt vor dem Auto, da die OP-Tische nirgendwo mehr reingepasst hätten. Aber die Kapverdier wären nicht die Kapverdier, wenn nicht das Dach noch genutzt werden könnte... Madueno, Gilson, Veronica, Edinio, Marga, Melanie und ich quetschten uns zwischen die Kisten und Koffer und durften im Vorbeifahren zum ersten Mal seit 14 Tagen die Schönheit der Insel bewundern. Es hatte in der letzten Zeit viel geregnet, was die Natur aufblühen ließ und uns klarmachte, warum diese Inselgruppe "Kapverden - grüne Inseln" heißt.

Sabina war sichtlich nervös und hatte es bis zu unserer Ankunft nicht für möglich gehalten, dass in ihrer Wahlheimat nun endlich mal was für die Tiere getan werden sollte. Sie hatte die Aktion akribisch vorbereitet, für unsere Unterkunft im King Fish Hotel und im Appartement Casa Strela freies Wohnen organisiert und dem Bürgermeister das alte und stillgelegte Kino des Ortes zum Operieren abgeluchst. An dieser Stelle viiielen herzlichen Dank für die tolle Vorbereitung! Unbeschreiblich die Gesichter unserer Helfer, als sie die gepflegte und schicke Hotelanlage betraten. Für kapverdianische Verhältnisse unmöglich, hier zu wohnen. Für Madueno, Gilson und Edinio aber schon.

Um 16:00 Uhr hatten wir das Kino zu einem einigermaßen akzeptablen Operationssaal umgebaut, und was macht man mit so einem angebrochenen Nachmittag? Richtig, bis 20 Uhr hatten die ersten 25 Tiere ihre Fruchtbarkeit verloren.
Die Bedingungen in dem alten Kino waren platzmäßig mehr als üppig, dafür waren die Lichtverhältnisse eine Katastrophe.
Eine Alternative gab es aber nicht. Also Augen auf und durch. Weit auf! Sabina und auch wir hatten keine Ahnung, wie die Menschen von Tarrafal diese Aktion annehmen würden. Ich darf die Spannung vorwegnehmen, von 18.000 Einwohnern waren drei (ganz recht: 3!) dagegen, dass wir ihr Tier kastrieren würden. Was nicht heißt, dass 18.000 vor unserer Tür standen, aber der Andrang war wie am ersten Tag in Praia und sollte bis zum Ende nicht abreißen.
Am frühen Morgen machten sich Madueno, Gilson und Edinio auf den Weg, um mit dem alten Auto einige Tiere einzufangen. Schnell zeigten sie ihre Geschicklichkeit: 12 Hunde in einer knappen halben Stunde. Danach verwandelten sich die Hundefänger in Chirurgen bzw. Anästhesisten.

Zu Beginn der Aktion hatten wir uns zum Ziel gesetzt, die gigantische Zahl von 1.000 Tieren zu operieren. Das Ergebnis mit Praia nach 16 Tagen: 1.002 Operationen. Wie wir diese Zahl so präzise getroffen haben? Das kam so: Am letzten Tag addierte Melanie die Zahlen und warf beim Abendessen in den Raum, dass noch 53 Operationen fehlen würden, um unser Ziel zu erreichen.
Alle guckten auf, und es war offensichtlich, dass alle den gleichen Gedanken hatten. Denn nach dem letzten Tag gibt es ja noch den Abflugtag, also den Tag, an dem ausgeschlafen wird, das Equipment abgebaut und verstaut wird, der OP-Raum wieder die Form eines verlassenen Kinos annimmt, alles geputzt und gereinigt wird, die Nachbehandlungen gemacht und schnelle Fotos eines schönen Strandes geschossen werden, als Beweis, dass wir überhaupt hier waren. Melanies und mein Flug ging um Mitternacht, von Praia aus. Damit wäre der Einsatz in Tarrafal beendet. Zwei Stunden eher am Flughafen sein, zwei Stunden von Tarrafal über die Berge nach Praia und eine Stunde Reserve.

Also hatten wir noch den Vormittag und den halben Nachmittag. Als sich unsere Blicke beim Abendessen trafen, war allen klar: die 53 kriegen wir noch hin. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, aber sämtliche Operationen verliefen ohne Komplikationen. Außerdem war das Team von Tag zu Tag immer besser geworden, und die Koordination zwischen Chirurgen und Anästhesisten hatte sich mehr und mehr perfektioniert. Als wir bei 998 waren, saß kein Kapverdier mehr vor dem Kino, denn es hatte sich herumgesprochen, dass wir heute abreisen würden und eigentlich gar nicht mehr arbeiten, sondern wenigstens den letzten Tag am Strand verbringen wollten. Es war 15:00 Uhr. Am nahegelegenen Strand konnte ich recht schnell unsere 999ste Kandidatin überreden, mit mir zu kommen, und als ich am Kino ankam, saß tatsächlich die 1.000ste OP vor der Tür. Mit einer Zusatzaufgabe, nämlich der Entfernung eines gestielten Tumors am Bauch. Also 1.001. Auf dem Rückweg nach Praia kam dann von der hinteren Sitzreihe zwischen verstauten OP-Lampen und zwei Notfallpatienten Melanies Stimme:

Ich habe mich verzählt, es sind 1.002.

Meine persönlichen Gedanken während des Rückfluges: Es war einmal... So fangen doch immer die schönen Geschichten an. Es war vor ziemlich genau 10 Jahren, da beeindruckten Ines und ich die Österreicherin Henriette Wirtl mit täglich 25-30 Operationen unter primitivsten Bedingungen. Das war die Geburtsstunde eines wundervollen gemeinsamen Traums. Ines und ich waren in vielerlei Hinsicht von dem Projekt begeistert, Henriette wollte nur noch uns, also die Tierärzte des Tierärztepools, den es in der heutigen Konstellation nicht einmal ansatzweise gab. Leider verstarb Henriette an einem Krebsleiden, aber sie schaffte es, ihrem Wegbegleiter, Dr. Herwig Zach, das Versprechen abzuringen, sich um "ihre Bons Amigos" zu kümmern. Die Arbeit wurde mehr, der Bekanntheitsgrad von Bons Amigos und dem Tierärztepool auf den Kapverden wuchs und eroberte auch die Insel Sal. Hier wurden bisher mehr als 3.300 Tiere kastriert. Herwig baute die Klinik in Praia aus, und gemeinsam übernahmen wir die Ausbildung der Menschen, die uns als Kinder neugierig beobachtet hatten.

Finanziell beteiligte sich der Tierärztepool nicht an den Einsätzen, da unser Verein viel zu klein war und auf Kreta der Tierschutz noch lange nicht da war, wo wir ihn sehen wollten. Heute ist das anders. Während des Einsatzes auf den Kapverden erhielt ich die positive Nachricht aus Kreta, dass der Bürgermeister von Platanias den endgültigen Vertrag mit uns unterschrieben hat und wir damit nun in der vierten Gemeinde legal arbeiten können. Antonia, die mich von Rhodos aus mit einer dortigen tollen Aktion einmal mehr beeindruckt hat, wird noch in diesem Jahr in Platanias anfangen. Sie ist gerade in Agios Nikolaos und hat sich zwischen dem Einsatz auf Rhodos und Kreta nicht mal einen Tag Pause gegönnt. Außerdem gibt es immer mehr Spender, die als Verwendungszweck "Kapverden" oder "Tierärztepool" auf ihre Überweisung schreiben, denen es also offensichtlich egal ist, wo wir helfen, Hauptsache, wir helfen! Mich persönlich stimmt das glücklich und optimistisch, denn ich sehe das genauso. Der Unterschied der einzelnen Länder ist am OP-Tisch sowieso nicht zu erkennen.

Ich traue es mir, unserem Vorstand, unseren Tierärzten/Helfern und unserem Verein zu, dass wir unsere Hilfe auf Kreta auf dem jetzigen Niveau halten, bzw. weiter ausbauen können. Geplant sind 3.000 bis 5.000 legale Kastrationen pro Jahr, weitere Vertragsunterzeichnungen mit Gemeinden, eine Notfallversorgung auf höchstem medizinischen Niveau rund um die Uhr, eine Station für Notfälle (unser New Life Resort) und eine Futterversorgung von 20 bis 80 Tonnen Futter pro Jahr. Tendenz steigend. Wie immer. Außerdem die Unterstützung von Aktionen, die in Griechenland, aber außerhalb von Kreta liegen. Spricht eigentlich irgendwas dagegen, die Aktivitäten des Tierärztepools nicht nur gelegentlich, sondern dauerhaft geografisch auszuweiten? Ich schwöre Ihnen, dass die Tiere auf den Kapverden, in Rumänien oder sonstwo auf dieser Welt die gleichen Schmerzen erleiden müssen wie die Tiere auf Kreta. Die ArcheNoah Kreta als Keimzelle einer Idee, die immer weitere Kreise zieht.

Sechs Tierärzte arbeiten inzwischen im Tierärztepool und brennen darauf, unsere Idee der humanen Reduzierung von Straßentieren weiter in die Welt hinauszutragen. So wie einer unserer sechs Tierärzte permanent auf Kreta ist, könnte parallel dazu auch einer auf den Kapverden stationiert sein. Marga bleibt bis zum 23.12. und wird Veronica ausbilden. Einer von uns könnte permanent auf den Kapverden bleiben und zwar so lange, bis der erste Tierarzt von uns ausgebildet wurde, offiziell seine Genehmigung erhält und unserem Standard entspricht. Wir würden es schaffen, auch Dank der großzügigen Spenden mit dem Kennwort "Kapverden" oder "Tierärztepool", einen Teil des Equipments mitzutragen. Als ich vor vielen Jahren anfing, für den Tierschutz zu arbeiten, wurde mir schnell klar, dass zwei oder vier Hände, egal wie perfekt und schnell sie in der Chirurgie sein würden, niemals ausreichen würden, um gegen diese hohe Zahl von verwahrlosten und ungewollten Tieren anzukämpfen. Es war mir klar, dass wir mehr Tierärzte bräuchten.

Der Traum von vielen Tierärzten, die mit ihrem Herzen und mit fachlicher Kompetenz in der Lage sind, sich gegen das unendliche Tierelend zu stellen, hat an seiner Brisanz nichts verloren. Im Gegenteil!

Sie lesen Teil 8 von 8 einer umfassenden Reportage aus den Kapverden.

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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