Kapverden - August 2005

01.08.2005
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Während die Stars dieser Welt mit ihren Live-Aid Konzerten versuchen, auf die Not in der dritten Welt aufmerksam zu machen, packen wir die Koffer und vor allem das Equipment, um auf den, von der übrigen Welt - so hat es fast den Anschein - vergessenen Kapverdischen Inseln, westlich von Afrika, sowohl Straßentieren, aber auch den Menschen das zu geben, was Nena eben noch inhaltslos durch die Sender schickte: " ... Wunder geschehen ..." Wir, zwei deutsche Tierärzte, haben uns bereit erklärt, ein Projekt zu begleiten, was zusätzlich zu dem tiermedizinischen Aspekt auch gleichzeitig eine humanitäre Hilfestellung bietet.Bereits am Flughafen in Hamburg beginnt das Abenteuer, indem wir versuchen 100 kg dringend benötigtes medizinisches Hilfsmaterial ohne große Kosten in den Flieger der Lufthansa bzw. der kapverdischen Airline zu bekommen. Dank des sehr netten Bodenpersonals gelingt dies und 15 Stunden später, verbunden mit langweiligen Zwischenlandungen, erreichen wir Praia, die Hauptstadt der Kapverdischen Inseln.

18 Tiere sollen es heute werden und unsere Portugiesen schwitzen vor Hitze und Stress. Ich übrigens auch. Nur Ines bleibt locker, denn erstens läuft sie erst bei einer Betriebstemperatur über 30 Grad auf Volldampf und zweitens ist sie im ersten Leben ein OP-Raum gewesen.Thomas Busch
Hamburg, den 20. August 2005

Wie wichtig das transportierte Hilfsmaterial ist, erfahren wir dort von der Organisatorin, Frau Henriette Wirtl, denn ihre, sicherheitshalber bereits vor Wochen von Österreich geschickten Spendenlieferungen hängen im Senegal fest und keiner weiß, wann sie hier ankommen. So gestattet uns unser Gepäck den Beginn einer, auch für uns zur Herausforderung gewordenen, Kastrationsaktion. Henriette WirtlEndlich hat sich die Chance geboten, all den Tierschutzkritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, deren dümmliche Fragen "warum helft ihr nicht den Kindern dieser Erde" als Ausrede vor dem eigenen Nichtstun, immer wieder unsere Arbeit in Frage stellen. Die Realität unseres Einsatzortes und vor allem die Armut der Menschen übertrifft unsere Vorstellung. Gott sei Dank sind wir erfahren und haben eigentlich schon überall gearbeitet. Auch die vorangegangenen Weltreisen in Drittweltländer helfen, mit dem was wir vorfinden, auszukommen.Vorsichtsmaßnahmen, den eigenen Körper betreffend, sind bereits in Deutschland mit entsprechenden Impfungen begonnen worden und enden Vorort damit, dass zum Beispiel kein Leitungswasser den Mund berühren darf, dass nur geschältes Obst gegessen werden darf, nichts Ungekochtes, nichts Scharfes usw. Magenverstimmungen, die uns eine Woche lang außer Gefecht setzten könnten, können und wollen wir uns nicht leisten.

Praia, den 21. August 2005
Drei portugiesische Kollegen, Ana, Jose und Ricardo, sind extra wegen uns angereist, um unsere Operationstechnik zu erlernen. Die drei wollen unseren ersten, gemeinsamen Tag damit beginnen, alles vorzubereiten und zu besprechen. „"Das können wir auch während der OP“", entgegnen wir, mit dem Versuch, nicht arrogant zu wirken. Doch das Resultat kann sich sehen lassen. Neben der „Besprechung“ und der „Vorbereitung“ sind am ersten Abend 17 Hunde unfruchtbar gemacht worden. Leider haben die drei kaum chirurgische Erfahrung und die Geduld von Ines, meiner Kollegin, wird mal wieder extrem beansprucht. Aber die drei sind nett und bereit, in den nächsten Wochen fleißig mitzuarbeiten.

Während der „Unterrichtsstunden“ nehme ich mir die Zeit und erkunde die nähere Umgebung.Überall bittere Armut. Es gibt so gut wie keine Straßen. In dem gesamten Viertel nicht. Die Pfade bestehen aus Lehmboden, der zur Regenzeit zu einer glitschigen Masse wird. Die Menschen spielen, andere halten ihre Kinder auf dem Arm, wieder andere versuchen irgendwelches Obst, Zigaretten oder Dosen zu verkaufen. Eine Gruppe Jugendlicher spielt Fußball nach eigenen Regeln. Der Gestank ist unerträglich. Ich eile gierig jeder Wegbiegung entgegen, in der Hoffnung, der Wind haucht mir ein bisschen Frischluft unter die Nase.In diesem Viertel kennt man Frau Wirtl und ihre "„brancos",– die Weißen. Halbverhungerte Hunde schleichen ebenfalls wie ich, um die baufälligen Hütten. Sie versuchen aber nicht ihre Neugier zu stillen, sondern ihren immer wahrhaftigen Hunger. Die Menschen ignorieren die Vierbeiner. Sie behandeln sie neutral, obwohl Frau Wirtl meint, dass auch sehr oft sehr brutal gegen sie vorgegangen wird. Die Kinder sind Frau Wirtls Hoffnung, denn bei einer extrem hohen Arbeitslosenrate (70%) und dem Glück, zur Zeit der Schulferien hier zu sein, ist der Wunsch, in der Nähe der brancos zu sein, sehr hoch.

So ist es wie in einem Film: unser „Wartezimmer -– der Vorhof des Hauses in dem wir arbeiten - ist jeden Tag brechend voll. Jeder möchte die Weißen sehen, schnappt sich einen Hund und wartet unter freiem Himmel. Es gibt auch sehr viele Menschen, die einen eigenen Hund besitzen und ihn gerne kastrieren lassen möchten.Es existiert eine endlos lange Warteliste, die von Cesaltina, der guten Seele, abtelefoniert wird und mit dem Bringen mindestens einem zu operierenden Hund beantwortet wird. Ist eine weitere Behandlung nach der OP nötig, können wir sicher sein, dass unser Wunsch, den Hund morgen noch einmal vorgestellt zu bekommen, auch erfüllt wird. Je näher man sich am Äquator befindet, desto schneller wird es dunkel. Uns reicht das heutige Pensum, welches sich in den nächsten Tagen ja auch noch steigern soll. Frau Wirtl schläft mit den portugiesischen Tierärzten auf einfachen Matratzen in dem Haus, in welchem operiert wird. Die OP-Tische werden an die Seite geschoben und die Matratzen ausgebreitet. Duschen ist schwierig. Hier in diesem Viertel gibt es wenig Haushalte mit fließendem Wasser. Üblicherweise wird das Wasser von Frauen in riesigen 20 Liter Eimern von einem öffentlichen Brunnen, überaus geschickt auf dem Kopf balanciert, in den Vorraum zum OP getragen und in ein altes Fass gefüllt. Daraus entnehmen wir es mit einer Kanne und spülen zum Beispiel das blutige OP-Besteck ab. Immer auf der Hut, dass kein Tropfen davon in unseren Körper gelangt. So ähnlich waschen sich auch unsere Kollegen. Wir hingegen hatten gebeten, in einem Hotel wohnen zu dürfen, was zwar mit der Vorstellung eines Hotels nach europäischem Standard nicht viel Vergleichbares hat – außer dem Preis - aber wir schätzen die Dusche mit fast immer fließendem Wasser.

Praia, den 22. August 2005

Die Eindrücke der Busfahrt vom Hotel zu dem Viertel, in welchem wir arbeiten, lassen sich nicht beschreiben. Man muss es erleben. Man muss mitten drin sein in einem Leben, was in den meisten Köpfen unserer nordeuropäischen Mitmenschen nicht existiert. Nicht existieren kann! Rasenmähen, Zäune streichen, Einkaufsbummel mit der Maßgabe nichts Nötiges zu kaufen, sondern nur des Kaufens wegen, selbst gemachter Sinnlosstress, all diese Dinge verblassen hier und beleidigen diese Menschen. Der Stress in diesen Armenvierteln beschränkt sich auf das Überleben. Wie es zu erwarten war, platzt unser Wartezimmer unter freiem Himmel aus allen Nähten. Behandlungen gegen Parasiten werden das ganze Jahr über von Frau Wirtl und ihrem Team angeboten. Die Bevölkerung darf jederzeit kommen und ihr Tier behandeln lassen. Von diesem Angebot machen viele Gebrauch. Am Samstag, so erzählt man uns, war der kleine Platz vor unserem OP-Haus überfüllt mit mindestens 200 Menschen inklusive Hunden. Frau Wirtl vermutet, es war der vorauseilende Ruf der brancos

Während wir die ersten Operationen beginnen, erzählt Frau Wirtl uns von einem Hund, der mit einem halb verwesten Bein schon einige Tage hier herumläuft. Der hat einen Besitzer und dieser hat versprochen, heute zur Amputation zu kommen. Es interessiert niemanden, dass wir als einzige Säge nur die an meinem Taschenmesser haben. Gegen Nachmittag kommt Hektik auf. Ein Hund wird zu uns gebracht. Es ist nicht der mit dreieinhalb Beinen, sondern ein kleiner Süßer, der angeblich Gift gefressen hat. Ines kennt die Symptomatik und damit das Gift von ihrer jahrelangen Tierschutzarbeit in Griechenland und hat unverzüglich alle Gegenmittel parat. Es steht schlecht um den kleinen Kerl und seine Besitzerin weint bitterlich. Wie wir erst später erfahren, hat sie unter ihren Herd Rattengift gelegt, aber nicht damit gerechnet, dass ihr Hund dies frisst. Nicht sonderlich schlau, finden wir. Während auf dem Fußboden ein kleines Etwas zitternd und völlig apathisch mit seinem Leben kämpft, gehen oben an den Tischen die Operationen weiter. Immer wieder, wenn wir hinaus ins „Wartezimmer“ gehen, um den nächsten Hund zu sedieren, begleiten uns mindestens 10 Augenpaare, manchmal sogar über 30. Überwiegend Kinder.

18 Tiere sollen es heute werden und unsere Portugiesen schwitzen vor Hitze und Stress. Ich übrigens auch. Nur Ines bleibt locker, denn erstens läuft sie erst bei einer Betriebstemperatur über 30 Grad auf Volldampf und zweitens ist sie im ersten Leben ein OP-Raum gewesen. Gegen Nachmittag wird es dunkel. Da Zeit in unserem OP-Raum nach der Anzahl der Kastrationen berechnet wird, merken wir nicht, dass es nicht die hereinbrechende Nacht ist, sondern gigantische Wolken. Sie ziehen sich immer mehr zu, und kleine Regenschauer regen unsere afrikanischen Mitmenschen zu wahren Freudentänzen an.Uns fasziniert Regen eher weniger, haben wir im kühlen Norden Schleswig-Holsteins doch reichlich davon. Um die Freude allerdings zu verstehen muss man wissen, dass es auf den Kapverdischen Inseln so gut wie nie regnet. Drei Mal hintereinander muss pro Jahr Regen fallen, dann ist die Ernte gesichert.Es gab bereits eine im wahrsten Sinne des Wortes „Durststrecke“ von vielen Jahren, bei der 1948 Tausende Menschen den Tod fanden. So versuchen wir zum einen die Freude nachzuvollziehen, aber gleichzeitig auch nach unserer getanen Arbeit ein Taxi zu bekommen. Immer wieder fielen am Nachmittag kleinere Tropfen vom Himmel, was aber jetzt fällt sind ausgeschüttete Eimer Wasser. Das Taxi schleicht. Auch wenn es inzwischen die Hauptstraße erreicht hat – es ist weder mit einem Taxi in Deutschland zu vergleichen, noch ist die Hauptstraße eine Hauptstraße wie die meisten von Ihnen sich eine Hauptstraße vorstellen. –Die Wassermassen haben den schlammigen Boden in Lawinen verwandelt. Das Wasser- / Dreck-Gemisch wabbt so ca. 20cm über dem normalen Grund oder schießt wasserfallartig die Straße entlang. Da es ins Taxi hineinregnet, sind die Scheiben völlig beschlagen und weder ich noch unser Fahrer sehen etwas. Die Fahrt ist ein pures Abenteuer, zumal immer wieder Menschen tanzend oder sich durch den Matsch rettend, vor das Auto springen. Unten in der Stadt ist das völlig ausgetrocknete und mit Müll fast zu gefüllte Flussbett innerhalb weniger Minuten zu einem reißenden Fluss geworden. Beim Aussteigen lässt es sich nicht vermeiden, in diese wabbelnde Flüssigkeit zu treten und damit die eh unter Wasser stehenden Hotelzimmer vollends zu fluten.

Praia, den 23. August 2005

Immer wieder ist es faszinierend, die bunt gekleideten Afrikaner mit ihren Hunden auf uns warten zu sehen. Auch wenn sie mehrere Stunden in Kauf nehmen müssen, ehe ihr Hund an der Reihe ist, sie harren aus.Unser erster Blick gilt dem Vergiftungskandidaten, der aber von Frau Wirtl bereits an die frische Luft versetzt wurde, damit er seine Heulattacken ausleben darf. Es ging ihm schon in der Nacht viel besser, so dass er unbedingt raus aus seinem Käfig wollte und dies jedem zu nachtschlafender Zeit erzählte, der es nicht hören wollte. Wir sind überglücklich und wieder höre ich in weiter Ferne Nena`s Lied " ... Wunder geschehen – ich hab`s gesehen ... " Die Besitzerin, die bereits informiert ist, kommt herbei und wir sind sicher, dass dieses kleine Wunder noch viel, viel mehr Publikum in unser Open-Air-Wartezimmer kommen lässt. Die Operationen laufen gut - bisher keine Komplikationen. Frau Wirtl erzählt uns, dass gestern in den Wassermassen zwei Menschen ertrunken sind. Der Umgang der Einheimischen mit uns ausländischen Ärzten hält keinem Vergleich zu Süd-Europa stand, wo wir immer wieder gegen Machogehabe anreden müssen, um den Rüden dann doch nicht zur Kastration zu bekommen. Es ist ja gegen die Natur... Hier auf den Kapverden läuft das völlig anders und in einem Stil, den wir noch nirgendwo erleben konnten. Man bittet uns, das Tier zu kastrieren.

Und dann steht er plötzlich da. Mit verbundenem Hinterbein, dessen Verband eher an einen uralten Stofflappen erinnert. Der Hund ist fast schwarz. Und hübsch. Ein Rüde. Zuerst verhält er sich wie ein ganz normaler Hund, der sich aus irgendeinem Grund nicht hinsetzen kann. Dann sehen wir es. Sein Knochen ragt aus der fleischigen Wunde. Er hatte einen Unfall, der den Knochen aus der Wunde herausstehen ließ. Als dann noch Maden in die Wunde gelangten, hat der Besitzer das baumelnde Bein kurzerhand abgehackt. Obwohl Frau Wirtl diese Geschichte nicht glaubt, zieht sich bei uns der Magen zusammen. Jetzt wird es ernster im OP. Wir werden den Stumpen amputieren, mit der Säge an meinem Taschenmesser. Es ist unsere zweite Operation mit dieser Technik. Aber ein „Hin und Her“ oder „Wenn und Aber“ gibt es nicht, es existiert im Umkreis von mehreren Tausenden Kilometern keine bessere Alternative. Wir wussten, auf was wir uns einlassen und jetzt heißt es Konzentration und durch. Ana, die portugiesische Kollegin assistiert Ines, die gekonnt die ersten Schnitte macht. Ich halte mich mit der, so gut es geht, sterilen Säge meines Messers bereit. Es ist ein sehr komisches Gefühl, einen noch lebenden Knochen zu zersägen, aber die Konzentration lässt solchen Gedanken nur wenig Raum. Und außerdem retten wir Leben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und kurze Zeit nach der Operation scheint unser Patient irgendwie erleichtert. Man könnte meinen, er hat uns nichts übel genommen. 21 Tiere kastrieren wir am heutigen Tag.

Praia, den 24. August 2005

Dass der Zustand der meisten Tiere jämmerlich ist, brauche ich sicherlich nicht extra erwähnen. Zecken kleben, oft traubenweise, an fast jedem Hund. Ebenso verhält es sich mit Flöhen. Das Antiparasiten-Programm von Frau Wirtl ist dringend nötig. Leider hat die Gute nur sehr begrenzte finanzielle Möglichkeiten und kann daher noch lange nicht so, wie sie gerne wollte, bzw. wie es hier dringend nötig wäre.Eine klapperdürre Hündin von gestern, bei der die Diskussion, ob man ihr eine Kastration aus Konstitutionsgründen zumuten kann oder nicht, durchaus zu rechtfertigen gewesen wäre, bekommt heute Besuch von ihren beiden Welpen. Damit sind wieder alle Lebensgeister in ihr geweckt und die Bauchschmerzen vergessen. Bei der Reis- mit Fischgabe, müssen wir sehr darauf achten, dass sie uns die Finger nicht mit abbeißt. Nun darf sie nach Hause, nicht ohne dass wir die Besitzer daran erinnern, ihr doch etwas mehr Futter zu geben.Dann fließt plötzlich Blut. Viel Blut. Zeitweise in einem OP-Raum nicht ungewöhnlich, nur diesmal handelt es sich um menschliches Blut, das aus dem Finger von Jose schießt. Ein Hund hat ihn gebissen. Eine tiefe Wunde klafft aus seinem Finger. Dies ist in dieser Gegend nicht ungefährlich und muss unverzüglich versorgt und genäht werden. Also ziehen wir das Lokalanästhetikum auf und suchen die kleinsten Nadeln aus unserem Besteckkasten. Jose muss sich hinlegen, ich halte seinen Arm und unter seinen verkrampften Körperverwindungen näht Ines seinen Finger. Tapfer hält er bis zum letzten Stich durch und steht ein paar Minuten später wieder bereit, den nächsten Hund in Narkose zu legen. Bravo, so soll es sein. man achte auf seinen veränderten Gesichtsausdruck!Auch mich hatte gestern ein Hund gebissen, es ist aber nicht genäht worden und inzwischen auch geschlossen. Aber wir alle beschließen ab jetzt, ein bisschen vorsichtiger zu sein. Keine leichte Aufgabe, den teilweise sind die Tiere super scheu und beißen aus purer Angst.

Dann plötzlich passiert der Ernstfall – Stromausfall! Damit stehen wir im Dunkeln. Erinnerungen an Korfu werden wach, wo Ines mit dem Schein meines Laptopbildschirms eine Hündin zu Ende operieren musste. Vorgewarnt haben wir aber im Vorfeld bereits alle Vorkehrungen getroffen, die auch in diesem Fall ein Weiteroperieren möglich machen. So sind sofort alle Taschenlampen eingeschaltet. Und weiter geht’s. Lediglich das Sterilmachen des OP-Besteckes ist etwas aufwendiger, da unser Zwergensterilisator Strom braucht. Also wird ein Kochtopf über einen Gaskocher gestellt und auch dieses Problem existiert nicht mehr.Und eine Rasur mit der guten alten Rasierklinge ist zwar bei trockenen Hundehaaren etwas aufwendiger, aber auch möglich. Des besseren Lichtes wegen tragen wir einen OP-Tisch in den Vorraum, der von diffusem Tageslicht ein bisschen besser erhellt wir. Als wir alles fertig haben, kommt die gute Nachricht – der Strom ist wieder da! 22 Tiere kastrierten wir heute, machten unendlich viele Nachkontrollen und Behandlungen und kastrierten auch unsere erste Katze – natürlich war sie trächtig. Als am Abend Jose einen Gummihandschuh über seinen Finger zieht und anschließend um ein Übergießen aus der Wassergießkanne bittet, wissen wir unser Hotelzimmer noch viel mehr zu genießen...So schnell wie der Regen kam, so schnell ist er auch schon wieder verschwunden. Es war zwar heute den ganzen Tag bedeckt, aber die Erde erscheint schon wieder pulvertrocken.

Praia, den 25. August 2005

Wenn wir heute 22 Kastrationen schaffen, haben wir in 5 Tagen 100 Tiere unfruchtbar gemacht und hätten damit einen sehr, sehr guten Start hingelegt. Erst recht wenn man bedenkt, dass wir ohne unser Gepäck noch gar nicht hätten anfangen können, da die Kisten von Frau Wirtl immer noch im Senegal sind. Unserem kleinen Vergiftungskandidaten geht es immer besser. Er hustet zwar noch, aber seine Familie kommt ihn mehrmals täglich besuchen. Sogar selbst gekochtes Essen bringen sie ihm mit. So stimmen wir zu, dass es heute nach Hause darf. Wenn all die guten Wünsche eintreffen, mit denen wir von seiner Familie bei der Verabschiedung überschüttet werden, kann uns in den nächsten 20 Jahren garantiert nichts mehr passieren. Aber Glück kann ja nie schaden, erst recht nicht auf den Kapverden und insgeheim sind wir mindestens genauso glücklich über unser kleines „Wunder“.Unsere Mittagspause haben wir täglich auf ca. 14:00 Uhr gelegt. Dann bringt uns eine Köchin das Mittagessen.Sie kocht für uns seit dem wir hier sind. Fleischlos – versteht sich. Das hat einen Vorteil, aber auch einen Nachteil. Der Vorteil ist, dass man auf den Kapverden kein Fleisch essen sollte, weil man nie weiß, ob es frisch ist. Bei Fisch dagegen kann man sich sicher sein. Der Nachteil allerdings besteht darin, dass es fast jeden Mittag das gleiche zu essen gibt. Zwar lecker, aber irgendwann etwas langweilig. Und da die Angst vor einer Magenverstimmung jeden Bissen begleitet, ernähren wir uns den restlichen Tag von Chips, Bounty, Twix, schälbarem Obst oder Erdnüssen. Das war es dann aber auch und ist bald gleichfalls sehr eintönig.Und da Ines sich in Nilson verliebt hat, dürfen er und ein paar andere Zwerge an unserem Tisch Platznehmen. So ist uns ein Lied oder ein Tanz der jungen Truppe immer garantiert und uns schmeckt es gleich viel besser.Es ist schon längst die Nacht über Praia hereingebrochen, als wir das letzte OP-Besteck in den Sterilisator packen, damit es morgen sofort wieder zu benutzen ist. Wir haben unser Ziel sogar um ein Tier übertroffen und liegen bei 101 Kastrationen. Allein 53 Hündinnen – ein schönes Ergebnis.Und so beschließen wir, es am nahenden Wochenende etwas ruhiger angehen zu lassen, wohl wissend, dass zwischen Wunsch und Realität in der Tiermedizin endlos Notfälle liegen können...

Praia, den 26. August 2005

Ines klagt am Frühstückstisch (auf eine Beschreibung des Frühstücks verzichte ich, da Sie ja seit gestern wissen, wie abwechslungsreich unser Mittagessen und unser Abendbrot ist...) über Bauchschmerzen. Im Laufe des Tages merkt sie immer mehr, wie sich ein Unwetter in ihrem Bauch ausbreitet. Auch mir geht es nicht sonderlich gut, ich fühle mich schwach und ein bisschen schwindelig. Die Luft im OP-Raum ist aber auch dermaßen stickig, dass solche Symptome nicht ausbleiben. Jose sehen wir heute den ganzen Tag nicht, ihn hat es auch erwischt. Aber da wir nun schon einmal ins OP-Haus gefahren sind, können wir den mal wieder vor der Tür wartenden Hunden nicht widerstehen und kastrieren ein paar Tiere.Noch vor der Mittagspause gibt Ines auf und muss sich hinlegen. Auch ich genieße die etwas längere Pause. Da Ana und Ricardo sowieso der Meinung sind, sie arbeiten viel zu viel, ist für alle eine Unterbrechung sehr angenehm. Die " Queen of kastrations" - gibt kurzzeitig aufUnsere Unterbrechung wird aber auch leider wieder unterbrochen, denn ein Hund mit einer sehr tiefen Verletzung knapp unter dem Auge bittet um Verarztung. Die Spülung und Präparation zeigt einen älteren Biss bis auf den Schädel.Knochensplitter werden entfernt, Eiter heraus gewaschen. Dass dabei auch gleichzeitig die Männlichkeit amputiert wird, braucht nicht extra erwähnt werden.Gegen frühen Nachmittag schleppen wir uns zum Hotel und versuchen in der Hitze von mindestens 35 Grad auf den Zimmern, etwas Genesung und Erholung zu finden.

Praia, den 27. August 2005

Das Hoteltelefon klingelt. Man bittet mich an den Apparat. „Könnt ihr schnell kommen, einer gestern operierten Katze hängt was aus dem Bauch raus.“ Zehn Minuten später sind wir da und operieren die Katze ein zweites Mal. Es hatte sich tatsächlich die Naht gelöst und Fettgewebe hängt aus ihrem Bauch heraus. Sie übersteht die zweite OP bestens.Um 11:00 Uhr hat Frau Wirtl einen Termin bei einer sehr wohlhabenden Familie, die sie unterstützen wollen. Da diese Familie zwei alte Hunde besitzt, die Umfangsvermehrungen unter dem Bauch haben, bittet sie uns mitzukommen. Die Fahrt führt uns heraus aus Praia. Diese Familie betreibt Handel mit Lebensmitteln aus Europa und so stehen sehr viele riesige Container auf dem großen Gelände. Die beiden sind sehr nett und freuen sich, dass ihnen ein fachmännischer Rat in Bezug auf ihre Hunde erteilt werden kann. Sie versprechen auch, Frau Wirtl weiterhin zu helfen. Wieder im OP-Raum zurück kastrieren wir noch schnell zwei Hündinnen und einen Rüden, um der nächsten Aktion entspannt entgegenblicken zu können. Unser Gesundheitszustand lässt noch keine Besserung aufkommen, allerdings werden wir in den nächsten 4 Stunden keine Zeit haben, darüber nachzudenken. Der Jeep wird mit Ekto- und Endoparasitika bepackt und jeder der einigermaßen fit ist, nimmt Platz auf den schmalen Sitzbänken im Open-Air-Heck. Cesaltina übernimmt die Führung. Sie ist Krankenschwester und wohl eine der besten auf den Kapverdischen Inseln. Ihr Name erzeugt überall Ehrfurcht, denn sie hat schon unzähligen Menschen das Leben gerettet. Sie ist auch diejenige, die alles behandelt, egal ob Zwei- oder Vierbeiner. Während wir von einem Schlagloch zum nächsten hüpfen schallt es immer wieder von den Menschen am Straßenrand zu unserer Ladefläche hinüber: „Cesaltina “ Sie antwortet stets mit einem netten Spruch, zwinkert uns aber zu, dass sie sich an die meisten Menschen gar nicht mehr erinnern kann, die sie gerettet hat, da es einfach zu viele sind.Frau Wirtl hat dafür gesorgt, dass Celestina in Österreich ein Intensivprogramm in tiermedizinischer Arbeit bekam, was sich doppelt und dreifach ausgezahlt hat. Celestina ist ein Schatz!Für eine Übersetzung ist dank der Portugiesen natürlich jederzeit gesorgt. Dann sind wir am Ziel. Von Woche zu Woche wird jedes Mal eine andere Slumregion besucht und der Bevölkerung ein Parasitenbekämpfungsprogramm angeboten.

Wir verlassen den Jeep, bepackt mit allem was wir brauchen und laufen entlang der Häuser einer Stelle entgegen, wo augenscheinlich gerade mal drei Hunde mit ihren Besitzern warten. ob das so richtig ist?Na prima, denke ich, das war es dann wohl, aber im Minutentakt tauchen Kapverdianer, überwiegend Kinder, mit ihren Hunden auf. Es ist unglaublich, ich kann gar nicht verfolgen, von wo sie überall heranströmen, aber innerhalb kürzester Zeit ist der kleine Platz zwischen den zwei Gassen restlos überfüllt. Cesaltina versucht Ordnung in das heillose Chaos zu bringen, was ihr zeitweise auch gelingt. Alles andere pudert, sprüht oder spritzt die Parasitenbekämpfungsmittel auf die Hunde, dass man denken könnte, wir würden pro Stück bezahlt. Immer wieder versuchen sich Kinder mit ihren Hunden vorzumogeln, was nach einiger Zeit Ricardo zu einer Schreiattacke verleitet. Zumal er auch gerade noch einen Kampf mit einem unkooperativen Hund geführt hatte, sind seine Nerven äußerst gespannt. Aber es nützt alles nichts, das Gewusel bleibt. Ein Junge hat sich verletzt – Ines ist sofort zur Stelle. Die Hunde sind zwar zweifelsohne meistenteils sehr eingeschüchtert, gehorchen den Kindern aber erstaunlich gut. Wobei „Gehorchen“ das falsche Wort ist. Es ist eher „"Dich kenn ich, vor Dir habe ich weniger Angst als vor den Weißen“". Und so laufen zwar alle an der Leine, bzw. irgendwelchen Schnüren, bekommen aber auch durchweg mal einen Klapps mit dem Schlappen oder werden an dem Vorderbein regelrecht zu uns geschliffen. Wenn es ihnen gelingt, sich von der Leine zu befreien, laufen sie aber anschließend nicht weg, sondern lassen sich von ihrem „Kinderherrchen“ anstandslos wieder einfangen.

Schätzungsweise 100 Hunde werden von uns behandelt. Wer in solch einer Region so etwas auf die Beine stellt, verdient unsere Hochachtung. Wieder auf der Ladefläche merken wir erst, wie schlecht es uns selbst eigentlich geht. Aber Frau Wirtl hat noch eine Sticker-Sarkom Hündin bestellt, die jeden Moment eintrudeln soll und uns garantiert wieder ablenkt. Ein Sticker-Sarkom ist ein halbbösartiger Tumor an Geschlechtsorganen und wird beim Geschlechtsakt übertragen. Die befallenen Geschlechtsteile sind je nach Befall, gar nicht mehr als solche zu identifizieren und benötigen zusätzlich zur OP auch eine Chemotherapie. Auf die Frage ob das Tier kastriert sei, bekommen wir die, leider immer wieder zu hörende Antwort: „ja, aber läufig wird sie trotzdem noch“. Das bedeutet für uns, dass der Kollege, der die Kastration vorgenommen hat, lediglich die Gebärmutter entfernt hat, die Eierstöcke aber im Tier gelassen hat. (Diese zu entfernen ist der schwierigere Teil der OP). Dadurch produziert die Hündin aber noch Hormone, wird läufig und damit für Rüden interessant. Und mit dem Deckakt überträgt sich das Sticker-Sarkom. Ich möchte niemanden mit Fachchinesisch langweilen, aber so etwas erleben wir immer wieder. Es ist ein arger Kunstfehler, der letztendlich dem Tier nur schadet. Diesen Schaden beheben wir in den nächsten zweieinhalb Stunden. Total fertig verlassen wir unser OP-Haus und denken gerade darüber nach ob wir das Taxi vor dem Tor nehmen sollen, als ein lebloser Körper aus dem Taxi raus und an uns vorbei getragen wird. Da wir unseren portugiesischen Kollegen noch nicht allzu viel zutrauen – dies ist überhaupt nicht böse gemeint, schließlich waren wir alle mal Anfänger – rennen wir dem Menschenauflauf und dem leblosen Hundekörper hinterher. Alle Versuche, wieder Leben in dieses Tier zu hauchen sind zwecklos, die Kleine ist tot. Wir alle hassen solche Momente. Da steht man einem erwachsenen Mann gegenüber, der mit seinen Tränen kämpft und muss versuchen, ihm zu erklären, dass die Todesursache nichts mit der vor zwei Tagen von uns durchgeführten Kastration zu tun hat. Laut seiner Aussage lag die Hündin im Flur, sprang auf und brach tot zusammen. Wir bieten ihm an, das Tier zu obduzieren, letztendlich auch, um unser Gewissen zu beruhigen. Er willigt ein, unsere ekelhafte Arbeit bleibt aber ohne Ergebnis. Die Ligaturen sitzen, keine Blutungen, nichts pathologisches. Aber auch Herz und alle anderen Organe sind unauffällig. Das Gehirn obduzieren wir nicht, da das Werkzeug fehlt, die Todesursache liegt aber höchstwahrscheinlich in diesem Bereich begraben. Gehirnschlag? Wir werden es nie erfahren.Welcher Todesursache die Kleine nun zum Opfer fiel, ist nicht herauszufinden, macht sie aber auch nicht mehr lebendig und uns auf keinen Fall glücklicher. Wie geprügelte Hunde, krank und schlecht gelaunt, verlassen wir kurz vor Mitternacht das OP-Haus.

Sonntag, den 28.August 2005

Trotz des gestrigen Tiefschlags erstelle ich heute eine sehr erfolgreiche Bilanz, die unsere bisherigen Kastrationseinsätze alle in den Schatten stellt.: 114 kastrierte Tiere und ungefähr 1000 Behandlungen!

Praia, den 29. August 2005

Vom heutigen Tage gibt es nicht viel zu berichten. Von 9:00 Uhr bis 21:00 Uhr kastrieren wir 27 Tiere und brechen erneut alle Rekorde. Inzwischen ist aber zumindest Ricardo ein bisschen besser geworden, so dass wir nicht ständig neben ihm stehen müssen. Ana kümmert sich lieber um die Behandlungen im Wartezimmer und Jose um seinen Finger und seine Magenprobleme.Mittags wird ein kleiner Hund gebracht, der querschnittsgelähmt ist.Normalerweise ist dies nicht heilbar und somit ein Todesurteil, aber da dieses Krankheitsbild nicht schmerzhaft ist, therapieren wir ihn so gut wir können und einigen uns, dass er seine Chance bekommen soll. Wenn sich sein Zustand in den nächsten Tagen nicht bessert, können wir ihn immer noch einschläfern. Macht man das nämlich zu früh, ist der Kleine ein Leben lang tot. Und wer weiß, vielleicht geschieht ja auch diesmal ein Wunder... Diesmal warten wir vergebens auf ein Wunder.

Praia, den 30. August 2005

23 Tiere kastrieren wir am heutigen Tag und es fällt mir schwer, aus dieser mit der Zeit doch recht monotonen Arbeit eine spannende Tagebuchgeschichte zu schreiben.Unser gut gepflegtes Dreibein darf heute nach Hause und kaum hat der eine uns glücklich verlassen, steht der nächste vor der Tür. Manchmal haben wir das Gefühl, dass alle 120.000 Menschen dieser Stadt wissen, dass wir hier sind. Der eine geht... ...der andere kommt.Der Bruch, der uns jetzt vorgestellt wird, ist aber noch etwas komplizierter, als der der gerade gegangen ist, denn dieses Tier hat über 40 Grad Fieber. Die Pfote ist doppelt so dick wie die andere und Knochensplitter bedecken die riesige Wunde. Aber auch hier bleibt nur die Amputation, nach einer Alternative suchen wir erst gar nicht.Leider sackt die Körpertemperatur unseres Patienten nach der OP unter 35 Grad und sein Zustand bleibt trotz Wärmeflaschen kritisch.Ach ja, fast hätte ich es vergessen: vor einigen Tagen hatte sich ein Fernsehsender angekündigt. Wir wurden im OP gefilmt während Frau Wirtl ein Interview gab. Abends um 20:00 Uhr wurde das in den Nachrichten gesendet.Diesen Bericht sah Herr Fitz, ein auf die Nachbarinsel ausgewanderter Deutscher und setzte alle Hebel in Bewegung, mit Frau Wirtl Kontakt aufzunehmen. Er ist im Besitz von zwei Straßenhunden und würde sie gerne kastrieren lassen. Ob wir denn auch nach Maio kommen könnten. Und da Ines und mir eine Pause nicht schaden kann, willigten wir dem Flug am Mittwochmorgen um 6:00 Uhr zu. Hinzu kommt noch, dass wir in unserem Hotel vor ein paar Tagen einen Herrn kennen lernten, der sich freuen würde, wenn wir seine beiden Rüden auch kastrieren würden. Er wohnt auf Maio.

Maio, den 31. August 2005

Aus Angst, nicht rechtzeitig wach zu werden, mache ich fast kein Auge zu. Es lohnt sich eh nicht, denn der letzte Abend war lang. Um 4:00 Uhr sollten wir vom Hotelpersonal geweckt werden, aber das klappt natürlich nicht. Ebenso wenig wartet vor dem Hotel das um 4:30 Uhr bestellte Taxi. War ja klar. Aber halt, wer kommt denn da? Na bitte, mit sechsminütiger Verspätung bremst unser Taxi exakt vor unseren Füssen. Ich nehme alles zurück. Am Flughafen gähnende Leere. Unser Flug ist verschoben und geht sowieso erst um 7:15 Uhr. Warum wir uns denn so beeilt haben?Nun gut, wir sind in Afrika. Ich rege mich nicht auf!10 Minuten sind wir in der Luft, dann landen wir auch schon auf der kleinen Nachbarinsel Maio. Herr Fitz holt uns ab und fährt uns zu seinem am Strand gelegenen super schönen Haus.Seine Frau erwartet uns mit einem köstlichen Frühstück, was die Monotonie des Hotelessens auf schmackhafte Weise unterbricht. Die Hündin ist die erste und hätte in einigen Tagen zwei Welpen auf die Welt gebracht. Sichtlich erleichtert, diese zwei Sorgen nicht tragen zu müssen, schwindet bei Familie Fitz auch die Nervosität. Sie wussten ja nicht auf wen sie sich einlassen, sind nach der zweiten Operation an ihrem Rüden aber heil froh.Kapverden-Tagebuch - zum 2. Teil Ines operiert auf dem AteliertischDer Herr, den wir in unserem Hotel in Praia kennen gelernt hatten, und der gleichfalls um die Kastration seiner Rüden bat, wohnt direkt gegenüber. Leider verstehen sich die beiden deutschen Nachbarn nicht mehr wirklich gut, aber der Tierschutz muss hier alte Reibereien vergessen lassen. Wir beziehen ausschließlich Stellung für die Tiere und dies wird von beiden Nachbarn ohne Widerstand akzeptiert.So wechseln wir das Haus und den OP-Tisch und sind nach einer weiteren Stunde fertig mit unserer Arbeit auf Maio. Da der Rückflug erst am Freitag möglich ist, wollen wir die eineinhalb Tage FREI genießen. Herr Fitz hatte uns eine wirklich sehr schöne Hotelanlage am Meer empfohlen und als wir die Taschen an der Rezeption abstellen, halte ich meine Kopfschmerzen nicht mehr aus. Mit starken Schmerzmitteln lege ich mich hin und erleide einen Fieberanfall, der den Kurzurlaub komplett streicht.Aber wenigstens kann sich Ines ein wenig am einsamen Strand ausruhen und lässt sich von dem Wellenspiel vollends begeistern.

Maio, den 01. September.2005

Leider kann ich diesen Tag nicht genießen. Ines schleift mich zwar zweimal zum Strand (wahrscheinlich nur, damit ich Fotos machen kann) ansonsten sehe und höre ich sie aber nicht. Hier das Ergebnis:Maio, den 02. September 2005Ich lebe noch. Zwar voll gepumpt mit Antibiotika und Schmerzmitteln, aber immerhin. Und da sich Herr Fitz angeboten hat, uns über die Insel zu fahren um uns die schönsten Plätze zu zeigen, darf ich ja nicht mehr krank sein. So starten wir in Richtung Süden um anschließend an der Ostseite Richtung Norden zu fahren. Die Straßen sind teilweise gar nicht vorhanden und sein Jeep erweist sich als die richtige Wahl. Es ist toll mit einem fast einheimischen Führer die geheimsten Ecken gezeigt zu bekommen und wir Danken an dieser Stelle noch einmal für dieses schöne Erlebnis!Leider müssen wir uns sputen, denn um 15:40 Uhr startet unser Flieger zurück nach Praia. Telefonisch haben wir mitgeteilt bekommen, dass wir am Abend noch ein Fohlen anschauen sollen, es hat sich angeblich ein Bein gebrochen. So ist unsere Erholung schon wieder verbraucht als wir mitten in einer Slumregion vor einer festliegenden Kuh stehen. Sie kann nicht mehr aufstehen, krank scheint sie aber nicht zu sein. Mal wieder begleiten uns unzählige Augen.Ein Kind wird auf der Straße gewaschen, direkt gegenüber der Kuh. Alltag eben.Die Kinder sind fasziniert von Ines Haaren. Sie dürfen anfassen.Aber wo ist denn nun das Fohlen? Es wird geholt, deutet man uns an. Wie hier in dieser Gegend ein Pferd und eine Kuh sowieso älter als ein paar Tage werden ist, uns ein Rätsel. Aber man lernt ja nie aus. Auch nicht, was die Uneinsichtigkeit diverser Menschen angeht, die keinerlei medizinisches Verständnis haben und sich trotzdem gegen die Entscheidung von Fachleuten stellen. Das Fohlen hat ein gebrochenes Bein. Dick und entzündet baumelt es locker herum. Die Schmerzen, die das Tier erleidet kann sich sein bornierter Besitzer wohl kaum vorstellen. Alles Reden nützt nichts, wir dürfen es nicht erlösen und fahren total sauer wieder zum Hotel zurück. Das war es dann endgültig mit der Erholung!

Praia, den 03. September 2005

Heute erscheint uns alles noch viel schmutziger als in der ersten Woche. Nach der schönen Insel Maio können wir den ewigen Gestank kaum mehr ertragen. Unten suchen die Hunde nach essbaren Überresten. Kinder spielen ebenfalls in diesem Müll. Bei uns macht sich der Kapverdenkoller breit.Im OP-Raum ist es auch stickiger als sonst und die verseuchten, verpilzten oder räudigen Hunde erscheinen heute noch viel kläglicher. Wir stürzten uns in die Arbeit um die Rundumsicht zu ersticken. Es gelingt. Wir haben uns vorgenommen, bis Montag noch einmal richtig rein zu klotzen, um in den letzten Tagen a) die Insel auf der wir jetzt seit zwei Wochen arbeiten und von der wir noch nichts gesehen haben, zu erkunden und b) um kein Tier dem Risiko auszusetzen, nach unserer Abwesenheit Probleme mit der Kastration zu bekommen. So können wir die letzten Tage genießen, sind aber immer in Rufbereitschaft, falls doch mal eine Naht aufgeht, sich eine Wunde entzündet oder ein Notfall kommt.Die Ausbildung der Portugiesen führte zwar zu einer Verbesserung ihrer chirurgischen Fähigkeiten, allerdings ist es bis zur Kastration einer Hündin noch ein weiter Weg. Leider hat sich das Verhältnis zwischen den drei Tierärzten und Frau Wirtl sehr verhärtet und eine Kommunikation ist fast nicht mehr möglich.Die gute Nachricht ist aber die, dass es unserem zweiten Dreibein richtig gut geht. Die Temperatur ist normal, die Wunde sieht gut aus und gefressen hat er auch. Na bitte.

Heute ist im Wartezimmer auch wieder die Hölle los. Es ist Samstag und das Parasitenprogramm läuft auf Hochtouren.Gleichfalls finden sich immer wieder verunfallte Tiere ein, deren Brüche wir lediglich schienen können. So liegt eine, von uns vor wenigen Tagen kastrierte, Hündin vor uns, deren Hinterbein baumelt. Oberschenkelbruch durch einen Autounfall! Wir spüren das malmige Geräusch. Sie bekommt einen Verband und Ruhe verordnet. Mehr können wir nicht tun. Selbstverständlich bekommt sie natürlich alle guten Dinge, die unsere Apotheke hergibt wie z.B. Schmerzmittel.Einen jüngeren Kandidaten hat es ebenfalls bös erwischt. Er hat ein gebrochenes Becken und seine Nerven am Vorderbein sind ebenfalls zerstört. Auch er wird zur Ruhe gezwungen. Wir nennen ihn Benji.Es ist total süß, wie manche Besitzer sich um ihr Tier kümmern. So bekommen die meisten mehrmals täglich Besuch und köstliche Leckereien. Es ist im Krankenhaus so üblich, dass auch hier die Patienten von ihrer Familie bekocht und verwöhnt werden, also hat Frau Wirtl das übernommen und in der Praxis funktioniert es ohne Tadel. Benji, noch im vertrauten Kreis seiner FamilieZwei weitere Welpen sind wegen starkem Durchfall eingestellt worden und Ana übernimmt die Pflege. Unser Klinikbetrieb läuft!Gegen Mittag ziehen erneut Wolken auf und tatsächlich es beginnt zu regnen. Kein Vergleich zu dem Guss der letzten Tage, aber immerhin. Unser „Wartezimmer“ flüchtet. Wir beschäftigen uns mit einem erneuten Sticker-Sarkom und freuen uns mit den Kapverdianern, dass die Ernte fast gesichert ist.

Sonntag, den 04. September 2005

Wenn heute nichts Gravierendes dazwischen kommt, sollte es gelingen 200 Tiere unfruchtbar gemacht zu haben.Aber bevor wir dieses Ziel angehen, ziehen wir um. Das neue Domizil ist ein bisschen teuerer, aber um Längen besser.Mit einer kleinen Verspätung erreichen wir das OP-Haus und was glauben Sie, was in unserem Wartezimmer los ist? Richtig, es ist brechend voll. Ein alter Mann ist mit seinem Hund gekommen. In einer Plastiktüte hat er ihn hier her getragen, was dem Kleinen nicht einmal unlieb zu sein schien.Ein Pekinese wartet gleichfalls. Er bzw. sein Auge machen aber nicht so einen glücklichen Eindruck. Es hängt nämlich raus. Ines wird es ausbauen – inklusive Kastration. Das findet der Besitzer zwar nicht so gut, aber da hat er Pech.Noch jemand kommt uns besuchen und zwar ist es der Hund der mit dem Biss knapp unter dem Auge vor ein paar Tagen von uns operiert wurde. Er sieht gut aus, schauen Sie selbst.Der Alltag macht sich breit in unserem stickigen OP-Raum und ich schleiche mich noch einmal davon. Noch ein paar Eindrücke möchte ich abspeichern und endlich einmal den Weg entlanglaufen, der meiner Meinung nach einen schönen Blick über Praia zulässt.Ich gehe zurück zu dem Platz an welchem immer der Bus hält. Hier ist die Endstation, im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine Kirche hat geöffnet und ich darf aufs Dach. Von hier erblicke ich die Aufbauten der Dächer der Häuser, die meistens irgendwelches Viehzeug beherbergen. Ziegen, Schweine, Tauben, Hunde leben hier und ich versuche mir vorzustellen, wie und wo die Ausscheidungen vom Dach kommen...Ein paar Gassen weiter wird auf einem riesigen Platz ein Fußballspiel ausgetragen. Ein wenig gelangweilt laufe ich meinen trägen Gedanken nach in Richtung OP-Raum. Dort hat meinen Platz ein anderer eingenommen. Es ist Nilson, der zwar noch total vertieft mit seinen neuen Lego-Steinen spielt, der aber kurze Zeit später die Handschuhe anhaben wird, um seiner Freundin zu assistieren. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Geduld Ines haben kann, wenn sie verliebt ist...Als wir uns spät in der Nacht auf den Heimweg machen, ist die Chance, den Bus zu bekommen, vor einiger Zeit zum letzten Mal hier heraufgekommen. An der Endstation tobt aber der Bär und aus großen Lautsprechern wird der Platz beschallt. Die Musik dürfte klar sein: Bob Marley, der ja bekanntermaßen bereits auf seinem grünen Gras schläft, gibt hier noch einmal alles. Sein "dont give up the fight" klingt in dieser Gegend aber ein bisschen unfair... Wir bleiben also stehen, bzw. setzen uns an den Bordsteinrand um auf ein Taxi zu warten. Es wimmelt von unzähligen Kindern, die eigentlich schon längst im Bett liegen müssten. Hier aber bewegen sie sich rhythmisch zur Musik, dass man den Eindruck bekommen kann, die Zwerge sind Berufstänzer. Ich möchte das Ganze in einem schönen Foto festhalten und begehe einen großen Fehler. Der Blitz meiner Kamera zieht unweigerlich hunderte Kinderaugen auf mich und schon stürmen sie los, um sich das Foto anzusehen. Jetzt können sie ihre zurückhaltende Neugier nicht mehr verbergen und schleichen sich auch an Ines heran. Ihr Haar ist wieder Mittelpunkt und jede der Zwergendamen darf es anfassen. Jedes weitere Foto ist gefüllt mit mehr und mehr Kindern und anschließend reißen sie mir fast den Fotoapparat aus der Hand, um im Display das gerade gemachte Foto zu sehen und sich selbst wieder zu erkennen.Nach einigen Bildern stecke ich die Kamera weg und werde damit uninteressant. Ines aber bleibt der Star. Ein bisschen komisch ist mir schon, als ich Ines in einem Knäuel von Kindern untergehen sehe, aber ihr Lachen bei jedem Auftauchen verheißt „alles bestens“! Nun stehe ich hier und warte auf ein Taxi. Mitten in einem vor Müll und Abfall triefenden Slumgebiet, in welchem wir als Tierärzte sehr geachtet wurden. Es ist uns nichts gestohlen worden, noch sind wir bedrängt worden. Die Menschen sind super arm und meine Gedanken lassen mich genauso ärmlich, klein und mickrig werden. Da steh ich nun, der Onkel Doktor und kann keinem der Kinder auch nur einen Hauch Zukunft versprechen. Sie tanzen unbeschwert. Noch. Irgendwann wird sie aber die Hoffnungslosigkeit erreichen. Ihr Tanz scheint meine Sinne zu betäuben. Ich sehe einen jungen Mann, der einst vor keinem Problem halt machte. Der die Welt verändern wollte - verbessern wollte. Auf Kreta hat er es in sechs Jahren in Bezug auf den Tierschutz auch ganz gut hingekriegt. Aber hier? Wie viele „meiner“ Leute bräuchte ich hier? Und nicht die theoretischen Laberbacken, sondern die, die anfassen können. Wie viel Geld bräuchte ich? Wie viele Lehrer, wie viele Mediziner sind hier von Nöten? Ein komplett neues Abfallsystem und und und. Gute Leute bräuchte ich, verdammt gute. Und von denen gibt es nicht wirklich viele!Ich bin froh, dass es dunkel ist, denn in diesem Moment könnte ich keinem der Kinder in die Augen schauen und sagen: „ich kann nicht mehr, ich bin erschöpft. Auch ich habe zwei Söhne, die mich brauchen, sorry, ich kann euch nicht helfen. Ich werde am Freitag nach Hause fliegen und euch hoffentlich schnell vergessen.Falls es aber doch irgendwann mal irgendjemanden gibt, der den guten Tierschutzstart in diesem Land ausnutzt, um Schritt für Schritt auch die Lebensbedingungen für die Menschen in diesen Slums zu verbessern, dann werde ich, so gut ich kann, mithelfen – versprochen. Und das hellhäutige Wesen inmitten der dunklen Kinderschar bestimmt auch.Ein vorbei humpelnder Junge reißt mich aus meinen emotionalen Träumen. Wo sind die Humanmediziner, die diesem Jungen helfen könnten? Hat niemand Lust zu helfen oder wissen die vielleicht gar nicht, dass es außerhalb der privaten Krankenversicherung auch Krüppel gibt? Ärzte ohne Grenzen? Man könnte, wenn man nur wollte. Oder will keiner in diesem Dreck arbeiten? Dann lasst uns diesen Dreck doch gemeinsam wegräumen.Das Taxi holt mich endgültig aus meinen Träumen zurück. Ich bin ihm dankbar. Schweigend fahren wir zum Hotel. Ich weiß, dass Ines die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen.

Praia, den 05. September 2005

Das Ende der erfolgreichsten Kastrationsaktion, die ich je geleitet habe, steht kurz bevor. 221 Tiere, fast ausschließlich Hunde, sind unfruchtbar gemacht worden. In 14 Tagen!!! Unzählige Leiden konnten wir minimieren oder heilen und tausende Behandlungen wurden durchgeführt.An dieser Stelle darf ich die unermüdliche Arbeit meiner Kollegin hervorheben, die die Operationen fast alle alleine durchführte. Ich habe mich mehr auf die Anästhesie konzentriert und versucht, alles zu koordinieren. Da ich mit der chirurgischen Geschwindigkeit von Ines nicht annähernd mithalten kann, habe ich im direkten Vergleich das Feld wegen fachlicher Inkompetenz gerne geräumt. So ist die gewaltige Liste von Cesaltina abgearbeitet. Davon hätte zu Beginn niemand zu träumen gewagt. Aber die Kooperation mit der durchaus tierlieben Bevölkerung hat vieles vereinfacht. Als Ines mit etwas hängenden Schultern aber einem kleinen Augenzwinkern nach oben kommt und sagt: „es sind nur zwölf heute, mehr sind nicht mehr da“, weiß ich, dass auch sie absolut glücklich ist. Heute haben wir übrigens zum zweiten Mal Mückenlarven in unserem Wasserreservoir gefunden. So werden wir die nächsten Tage nur noch sporadisch dem Tierschutz gewidmet. Wir werden telefonisch zu erreichen sein und entweder morgens oder abends eine Visite anbieten. Die Operationen sind damit beendet. Glaubte ich zumindest...

Praia, den 06. September 2005

Gegen Mittag hatten wir Frau Wirtl versprochen, mit zu einem Treffen der Gemeinde im Gesundheitszentrum zu kommen, wo sie versuchen wird, dem Verantwortlichen für die Vergiftungsaktionen, Dr. Jose da Rosa die Vergiftungsaktionen auszureden und stattdessen die Kastrationsaktionen als DIE LÖSUNG vorzustellen. Frau Wirtl wird von der Professorin Conceicao Peleteiro, aus Portugal begleitet, die sie schon länger kennt und die zufällig gerade auf den Kapverden Urlaub macht. Gerne kommt sie mit, denn sie möchte auch Ines und mich kennen lernen. Nun sitzen wir also im Wartezimmer und lesen in den Broschüren gegen Cholera, Tetanus, Malaria...Dann kommt eine Dame herein, deren Aufgabenbereich die Bestellung von Strychnin umfasst und erzählt uns völlig ungehemmt, dass 1 kg 460,- Euro kostet. So als bestelle sie ein Schulheft für ihre Kinder.Tja, es seinen einfach zu viele Hunde und was sollen sie denn machen? Das gleiche erzählt uns auch der Humanmediziner, der in seinem ordentlichen Büro der Stadt, gleichfalls für die Vergiftungskampagnen zuständig ist. Frau Wirtl und wir geben unser Bestes, um ihn davon abzuhalten, wir wissen aber nicht wie die Entscheidung ausfallen wird. Er ist aber auf jeden Fall absolut begeistert von dem Projekt „bons amigos“ und war ja auch persönlich schon dort, um Ines auf die Finger zu schauen. Sie hat ihn sehr beeindruckt und er will Frau Wirtl in Zukunft auf jeden Fall helfen. Wenn zumindest durch das Radio die Bevölkerung vor dem Giftauslegen gewarnt werden würde, das eigene Tier in dieser Zeit nicht unbeaufsichtigt zu lassen und natürlich auch die Kinder zu schützen, dann haben wir immerhin ein bisschen was erreicht. Um endgültig die Giftaktionen zu beenden, stehen noch ca. 10.000 Kastrationen vor bons amigos... Leider verlässt Ines die Kraft während des Gespräches. Sie übergibt sich im Gesundheitsamt! Da die Professorin Parasitologie an der Uni in Portugal unterrichtet, ist sie aber total neugierig und kann es nicht recht glauben, dass man durch einen 2-3 cm langen Schnitt, Eierstöcke UND Gebärmutter aus einem Hund herausoperieren kann. So versprechen wir, uns zu melden, wenn es Ines besser geht. Vier Stunden später steht Ines, ein bisschen schwankend, im OP und ihr gegenüber eine sehr beeindruckte Professorin. Ob wir denn auch mal nach Portugal kommen könnten, oder ob wir Studenten von ihr auf Kreta ausbilden würden Und da Ines für eine Hündin gar nicht erst anfängt, schon gar nicht wenn ihr speiübel ist, werden es insgesamt 225. Nun ist aber endgültig Schluss – dachten wir. Gegen Ende des Tages lassen wir ein bisschen ausgelassene Stimmung aufkommen. Die Kinder, die uns während unserer Tage ganz schön ans Herz gewachsen sind, dürfen sich verkleiden und auch einmal in ihrem Leben Arzt sein.

Terrafal, den 07. September 2005

Ein Taxi holt uns um 9:00 Uhr ab und fährt mit uns sechs Stunden zu den schönsten Plätzen von Santiago.Da diese sechs Stunden Teil des Urlaubes sind, den wir eigentlich die letzte Woche machen wollten, werde ich darüber nichts schreiben. Nur soviel, die Insel hat weit mehr zu bieten, als die mit Dreck übersäte Hauptstadt Praia. Und da der Regen in den letzten Tagen reichlich war, erleben wir eine wundervolle grüne Insel.Nach der Tour bringt uns der Fahrer zum OP-Haus, damit wir kurz nach dem Rechten sehen können. Alles bestens, bis auf den Hund, den man gebracht hat. Beide Vorderbeine sind in Gelenksnähe gebrochen. Er schreit wie am Spieß. Eine Narkose muss her und beim Verbinden schauen Ines und ich uns mit wenig Hoffnung an.Kaum sind wir im Hotel angekommen, klingelt das Telefon und Frau Wirtl lässt fragen, ob wir morgen noch 20 Hündinnen vom Hafen kastrieren können?Praia, den 08. September 2005Nein, können wir nicht. Irgendwann einmal ist Schluss. Wir haben unser Equipment zum größten Teil verbraucht. Die Kisten aus dem Senegal kamen zwar in der letzten Woche an, aber da war nicht wirklich viel Brauchbares drin. Ohne unsere 100 kg wäre gar nichts gegangen! Und was ist, wenn nach der OP doch mal eine Naht aufgeht? Wer soll sich dann darum kümmern? Nein, wir sagen ab. „Aber zu dem Hafenkommandanten begeleitet ihr mich doch am Nachmittag?“ So fahren wir nach dem Frühstück zum letzten Mal zum OP-Haus. Mit Cesaltina hatten wir uns nach der Visite verabredet, um dem Gesundheitszentrum einen Besuch abzustatten, in dem Cesaltina normalerweise arbeitet. Von ihrem Chef bekommt sie für die Hunde-Kastrationstage immer frei, wenn ausländische Tierärzte zu diesem Zweck angereist sind.Nun heißt es tapfer sein. Denn auch als Tierschützer bleibt einem das Elend der Menschen in keiner Weise verborgen. Außerdem sind wir hier her gekommen, um vielleicht eine Lösung zu finden, beide Themen zu verknüpfen. Spricht irgendetwas dagegen, auch Kindern zu helfen? So betreten wir die heiligen Hallen, die erbaut wurden, um der armen Bevölkerung eine medizinische Notversorgung zu bieten.Der Besuch in dem Gesundheitszentrum kostet 0,20 Euro. Erleichtert erblicken wir nirgendwo größeres Elend. Ein kleiner Junge wird am Arm versorgt. Er hat sich wohl geschnitten. Cesaltina führt uns herum. Jeder Arzt, dem Cesaltina uns vorstellt, unterbricht die Behandlung und unterhält sich mit uns. Sie alle scheinen begeistert von unserer Arbeit an den Hunden, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass der eine oder andere denkt, „könnt ihr nicht auch was für uns tun?“. Das Gesundheitszentrum ist sauber und aufgeräumt. Die medizinische Ausstattung ist aber spartanisch. Kein Vergleich mit den an einen Science-fiction-Film erinnernden hightech Ultrschall-, Röntgen- oder Lasercomputern einer europäischen Klinik, die schon beim „Guten Tag“ sagen die Blutgruppen bestimmen. Hier beschränkt man sich auf das Nötigste.Wir dürfen Fragen stellen. Wie hoch ist die Aids-Rate? Was passiert mit Kindern, die nicht mehr gewollt werden? Ist es Pflicht, sich und das Kind impfen zu lassen? Gibt es viele Abtreibungen? Woran sterben die meisten Kinder? Was fehlt Ihnen am meisten?Auf keine unserer Fragen bekommen wir eine froh stimmende Antwort. Und Ines wird immer nervöser. So platzt es als letzte Frage aus ihr heraus: „Cesaltina, meinst Du, ich könnte hier auch arbeiten? Morgens kastriere ich Hunde und mittags arbeite ich hier? Joses Finger ist doch auch gut verheilt “ Cesaltina lacht. „Na klar, ich mach es doch auch so“.Auf dem Heimweg begleiten uns schwere Gedanken. Da nützt es auch nichts, dass von überall wieder die Grüße zu Cesaltina herüberschallen. Sie antwortet mit ihrem verschmitzten Lachen, nur diesmal kennt sie wirklich jeden in dieser Region. Dann halten wir bei einer jüngeren Frau, die ungeniert den Rock bis zu ihrem Knie hebt, um Cesaltina ihre Beine zu zeigen. Kein schöner Anblick. Sie sind übersät mit roten Flecken. Ja, das Mittel hat sie auch einmal benutzt, es aber es dann nicht mehr gefunden... „Die ist ja uneinsichtiger als die Patienten der Tiermedizin“, denkt jeder von uns, einschließlich Cesaltina.Aus Pietätgründen machte ich keine Fotos im Gesundheitszentrum. Lediglich die Situation bis kurz vor die Tür möchte ich mit meinen Bildern dokumentieren, damit sich jeder seine eigenen Gedanken über ein funktionierendes Gesundheitssystem machen kann, bzw. über kein funktionierendes Gesundheitssystem...Wieder im OP-Haus warten wir mit Frau Wirtl auf den Sicherheitsbeamten des Hafens. Er verspätet sich um eine Stunde. In perfektem Englisch erklärt er uns kurz die Situation und fährt uns zu seinem Chef. Die schwere Schranke, die das riesige Hafengelände vor Unbefugten schützt, hebt sich, verbunden mit einem kurzen Gruß ihres Bewachers, fast automatisch. Dann stehen wir vor der Bürotür des Hafenkommandanten und erwarten einen alten, mürrisch dreinblickenden Afrikaner. Weit gefehlt, ein gut aussehender groß gewachsener Mann bittet uns Platz zu nehmen und erklärt uns, dass er es leid ist, dass ständig die Welpen auf seinem Gelände umgebracht werden. Er hat von der Aktion von bons amigos gehört und bittet uns, seine ca. 20 Hunde zu kastrieren. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Wie oft saß ich in meinem Leben schon vor ähnlichen Menschen und musste betteln, überhaupt Gehör zu finden. Und dieser Afrikaner bittet uns. Wir sind sprachlos. „Wie viel Tiere schaffen wir mit dem restlichen Equipment noch“? flüstere ich zu Ines rüber, die aber abwinkt. Recht hat sie, zumal der Kommandant fort fährt und fragt, ob wir wieder kommen würden. Und übrigens: er würde sich freuen, wenn in den anderen Häfen von zwei weiteren Inseln, das Problem auf gleiche Art gelöst werden könnte. Sein Einfluss wird ausreichen, um uns dort einen Raum zu verschaffen, um ungestört arbeiten zu können.Was bleibt uns da anderes übrig? Frau Wirtl schaut uns Hilfe suchend an und dieser nette Afrikaner öffnet eine Tür, die in Europa mit einem Hammer nicht zu öffnen wäre. Wir sagen zu! Der Sicherheitsbeamte fährt mit uns noch über das Hafengelände, damit ich mir einen Überblick verschaffen kann. Wenn wir wieder kommen, ist ein Blasrohr von Nöten, denn die Versteckmöglichkeiten zwischen den Containern sind endlos. Wir bitten um die Anfütterung der Tiere.Nun ist es bereits Abend und wir haben noch zu packen und eine wichtige Entscheidung zu treffen.Es geht um Benji, den seine Besitzer, erstaunlicherweise, nicht mehr haben wollen, denn er wird nie wieder richtig laufen können. Und natürlich um Fado (übersetzt: Hoffnung), der mit seinen beiden gebrochenen Vorderbeinen keine Chance hat.Wie oft stand ich schon vor dieser Entscheidung. Einschläfern oder alles versuchen, um den beiden Zwergen, sie sind vielleicht 6 Monate, ein Chance zu bieten. Von Kreta aus klappt dies inzwischen dank einer perfekten Organisation ungefähr 150 Mal im Jahr. Aber hier? Wird es gelingen, dem Amtsarzt von München (dort landen wir) klar zu machen, dass es sich bei den Kleinen um Notfälle handelt und wir deshalb auf aufwendige Titerbestimmungen nicht warten können? Wird es ihm reichen, wenn wir als Tierärzte anbieten, die Tiere in Quarantäne zu halten?Es tut mir leid, aber wenn ich eine Entscheidung zwischen Leben und Bürokratie treffen muss, haben Gesetze keine Chance. So entscheiden wir dreistimmig, dass wir zu viert nach Hause fliegen. Die Ausreispapiere organisiert Frau Wirtl, alles andere wir. Ein befreundeter Knochenspezialist, Dr. Dlouhy aus Lauf a.d.Pegnitz sagt den Operationen sofort zu und für einen Transport von München nach Lauf steht ein Fahrer bereit. Wieder zwei Probleme weniger.

Rückflug, den 09. September 2005

Am Morgen verabreden wir uns mit den Portugiesen zu einem Ausflug in den Nachbarort Cidade Velha. Dieser Ort war die erste von Europäern erbaute Stadt südlich der Sahara. Dies war aber zu einer Zeit, als der Sklavenhandel blühte und ist demnach schon etwas länger her. Die alten Häuser, einschließlich der alten Festung Fortaleza Real de Sao Filipe sehen aber immer noch imponierend aus. Wir saugen die letzten Eindrücke der Kapverdischen Insel auf, um am Nachmittag in aller Ruhe zum Flughafen zu fahren. Da das Einchecken der Hunde lange Zeit in Anspruch nehmen kann, brechen wir zeitig auf.Unsere Maschine soll um 20:00 Uhr starten, verspätet sich aber um 2 Stunden. Dies ist uns egal, denn Benji und Fado liegen in einer gepolsterten Box und sind gerade eingecheckt worden.Über den Wolken kommt, wie immer bei solchen Abschieden, eine melancholische Stimmung auf und irgendwie erscheint mir das Lied von Nena gar nicht mehr so inhaltslos wie zum Beginn unserer Reise und zum Beginn der Live-Aid-Konzerte. Nena hat gar nicht so unrecht: Wunder geschehen, ich war dabei...

Am Flughafen von München geht alles reibungslos. Benji und Fado werden in wenigen Stunden operiert sein.Ines und ich haben bis zum Weiterflug nach Hamburg noch ein bisschen Zeit. So schlendern wir durch die noblen Geschäfte des Flughafens. Vor einem Schaufenster bleibt Ines stehen. „Schau mal, das Ding da, diese Tasche kostet € 1800,-. Das ist ein Dreijahres Gehalt von Cesaltina!“ Willkommen zurück im Paradies, Ines.SchlusswortJetzt ist aus dem persönlichen Tagebuch ein umfassender Bericht geworden, der weit aufwendiger war, als ich ihn am Anfang geplant hatte. Im Laufe unseres Aufenthaltes hat es aber immer mehr Freude gemacht, die Tageserlebnisse zu beschreiben und mit schönen Fotos zu untermalen. Meine Einstellung und meine Gedanken haben sich in diesen drei Wochen gewandelt. Das Tagebuch existiert nicht mehr für die persönliche Erinnerung. Es soll auch etwas tun. Es soll helfen! Es soll auf die Not der Vier- und Zweibeiner auf den Kapverdischen Inseln aufmerksam machen, die kaum ein Leser dieses Tagebuches auf der Weltkarte findet.Ich widme nun diese Zeilen all den Straßenkindern und Straßentieren von Praia in der Hoffnung, dass sich so schnell wie eben möglich ihre Lebensqualität verbessert.
Text & Fotos: Thomas Busch, August/September 2005

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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