Limnos Oktober 2016

03.12.2016
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

"Hast Du Lust mitzukommen?", frage ich Marga.
"Klar", sagt sie. Gut.
Ziel der Reise: Limnos.

Unsere Koffer werden nicht mit den typischen - Mädchen fliegen im Sommer auf eine Insel - Dingen gefüllt sein. Anstelle von Badeanzug und Cocktailkleid werden wir Skalpelle, Narkose- und Entwurmungsmittel, Nahtmaterial und ähnliches dabei haben.
Es fängt an wie immer. Ein Anruf: "Bitte kommt und helft uns, unser Tierheim ist überfüllt mit Hunden, unsere Gemeinde tut nichts dagegen und wir selbst haben kein Geld." Wie immer werden wir gebeten, anstelle der unfähigen Regierung, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, zu handeln. Die zuständigen Behörden sind, wie so häufig, abwesend oder gleichgültig.

Wir wissen nicht, ob das nur Worte waren. Wir wissen nicht, ob aus diesen Worten Taten werden. Taten, die zumindest eine kleine Veränderung herbeiführen. Wir können nur hoffen. Hoffen, dass diese Käfige eines Tages leer sein werden und wir dann nur noch Badeanzug und Cocktailkleid in unsere Koffer packen brauchen.Antonia Xatzidiakou
  • Der improvistierte Aufwachraum
  • Alltag im Tierheim
  • Einfachste Huetten
  • Vorbereitungen zu den ersten OPs
  • Bestandskontrolle im Tierheim - viele wichtige Tips konnten gegeben werden

Und es geht weiter wie immer. Es müssen Unmengen an Formularen unterzeichnet werden, Formulare, die diejenigen, die danach fragen, eigentlich unterzeichnen sollten. Tickets werden gebucht, Equipment gepackt, unzählige Stunden am Telefon verbracht, um die Kampagne zu organisieren. "Wie hoch muss der OP-Tisch sein", "Wie viele Tiere dürfen wir pro Tag bringen", "Seid ihr sicher, dass ihr so viele wirklich operieren könnt?"

Am Flughafen kommen wir wie immer mit Übergepäck an und versuchen zu schummeln, indem wir an der Waage den Koffer mit unserem Knie stützen. Wenn wir scheitern, versuchen wir trotzdem die Nachzahlung zu umgehen, denn mit diesem Geld könnten wir vier Tiere zusätzlich kastrieren. An der Handgepäckkontrolle erklären wir, dass dieser seltsame Topf nicht dazu da ist, Hühnersuppe zu kochen, sondern um chirurgische Instrumente steril zu machen.
Limnos ist eine sehr kleine Insel im nördlichen Teil der Ägäis. Obwohl es sich um eine solch kleine Insel handelt, bleibt das Problem gleich. Straßenhunde vermehren sich, die Welpen überleben den Winter nicht, nachdem die Touristen abgereist sind. Und sollten sie es doch tun, werden sie Opfer von Gift, welches meist mit der Entschuldigung ausgelegt wird, dass Schafe und Felder in Gefahr sind. Katzenbabys werden wie Abfall in Plastiktüten entsorgt. Es spielt keine Rolle, wie groß ein Ort ist, das Leid der Tiere bleibt das gleiche.

Als wir Limnos betreten, werden wir vom Präsidenten des einzigen und gerade erst gegründeten Tierschutzvereins vor Ort begrüßt. Mr. Nikos erklärt uns, wie sich die lokalen Behörden davor drücken, in Sachen Überpopulation von Straßentieren aktiv zu werden. Dass sie sogar heimlich Massenvergiftungsaktionen unterstützen, die vor Saisonbeginn stattfinden, um das Image der Insel etwas aufzupolieren. Das Wichtigste überhaupt ist ihnen das Image der Insel und was die Touristen zu Gesicht bekommen. Bis vor kurzem lebten die Streuner frei, doch seit neuestem werden sie von den Behörden eingefangen und am anderen Ende der Insel ausgesetzt, wo niemand lebt, so dass sie zu einem langsamen Tod durch Verhungern verdammt sind.

Das Endresultat ist, dass Hunde eingesammelt werden, um sie zu retten und in das "shelter" gesteckt werden. Shelter steht eigentlich für: Ein Platz, an dem du ohne Angst in Sicherheit leben kannst. Nun, das ist hier nicht der Fall. Das Tierheim, in dem unser 4-tägiger Einsatz stattfindet, besteht aus einem Feld mit sechs Zwingern, in die jeweils 10-12 Hunde gequetscht werden, sowie zahlreichen Hunden, die in alle Ecken verteilt an ein Meter langen Ketten hängen. Geld ist knapp, zu knapp, um Hundehütten zu kaufen. Alte Mülltonnen dienen als Schutz vor Regen. In alten Körben schwimmt eine Mischung aus Wasser und Moskitos. 40 Grad, die Sonne verbrennt fast unsere Haut und diese Tiere an der Kette haben keine Chance, ihr zu entkommen.

Unser Ziel ist gewöhnlich, so viele Tiere wie möglich zu kastrieren. Dieses Mal ist es offensichtlich, dass die Menschen vor Ort zusätzliche Hilfestellung benötigen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. So mussten wir ihnen deutlich machen, dass es keine Lösung darstellt, immer mehr Hunde an einem solchen Ort zusammenzupferchen. Mehr als 80 % der Hunde hier, wenn nicht mehr, haben keine Chance auf Vermittlung und erwarten ein Leben in Gefangenschaft. Kastrieren und wieder Freilassen ist die Idee, die wir in die Köpfe gepflanzt haben, mit der Betonung darauf, dass ein Leben an der Kette keine Option ist. Auch wenn es gut gemeint ist, sie vor Gift und Autos zu schützen, ist es trotzdem nicht fair, sie dauerhaft ihrer Freiheit zu berauben.

Während unseres Aufenthalts kastrierten wir alle Tiere im Tierheim sowie einige, die noch in der Umgebung streunten. Wir behandelten die Kranken und versuchten einen Plan zu erstellen, wie Tiere vernünftig versorgt werden können. Am letzten Tag vor unserer Abreise, gaben uns die vier Volontäre ein Versprechen, um ihre Bereitschaft zur Veränderung zu demonstrieren: "Das Einsammeln von Hunden gehört der Vergangenheit an. Die Lebensbedingungen derer, die sich im Tierheim befinden, werden wir verbessern. Fälle von Misshandlungen werden angezeigt. Der Druck auf die Gemeinde und die Polizei wird erhöht, um diese dazu zu bewegen, ihre Aufgaben zu erledigen."
Wir wissen nicht, ob das nur Worte waren. Wir wissen nicht, ob aus diesen Worten Taten werden. Taten, die zumindest eine kleine Veränderung herbeiführen. Wir können nur hoffen. Hoffen, dass diese Käfige eines Tages leer sein werden und wir dann nur noch Badeanzug und Cocktailkleid in unsere Koffer packen brauchen.

Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

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