Nordgriechenland - Agia und Veria 2018

07.01.2019
Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Seit 2016 führen wir zusammen mit "Tierinsel Umut Evi e.V." Kastrationen in verschiedenen Gemeinden in Nordgriechenland durch. Dieses Mal führte der Einsatz uns nach Veria und Agia. Manchmal ist es ein Gefühl wie nach Hause zu kommen. Die Einsatzorte sind nicht mehr neu, die Teamzusammensetzung bekannt. Wir freuen uns darauf, einander wieder zu treffen und gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen. Denke ich an die früheren Einsätze zurück, war jeder Tag wie ein kleiner "Ausnahmezustand".

Was uns jedoch am meisten berührt, ist, dass ein Wille für Veränderung, für Verbesserung, für die Übernahme von Verantwortung entstanden ist. Die gesäten Pflänzchen sind noch sehr zart und bedürfen einer großen Unterstützung unsererseits. Jedoch sind die wichtigsten Grundsteine gelegt und wir hoffen, dass wir die Projekte mit Ihrer Unterstützung weiterführen und ausbauen können.Dr. Melanie Stehle

Täglich gab es neue Herausforderungen, die bewältigt werden mussten. Täglich arbeiteten wir wie besessen daran, die harten Lebensbedingungen für die Tiere ein wenig zum Guten zu wenden. Täglich gaben wir mehr, als unseren Körpern eigentlich gut getan hätte, aber das spielte keine Rolle. Bei keinem von uns. Was sind schon Schlafmangel und Augenringe im Vergleich zu Welpen, die gerade tot in einer Mülltonne entdeckt wurden? Deren Schreien langsam erstarb, ehe sie gefunden werden konnten? Unsere physischen Befindlichkeiten sind banal, wenn wir sie gegen unsere Empathie abwägen würden.

Mit dem guten Vorsatz, entspannt und voller Energie in den ersten Arbeitstag zu starten, reisten wir von den unterschiedlichsten Orten an, um uns in Nordgriechenland zu treffen. Wir alle hatten geplant, bis zum Abendessen in Agia/Larissa zu sein und gingen selbstverständlich davon aus, dass unser Plan auch so funktionieren würde. Aber weit gefehlt: Während ich bereits in Thessaloniki gelandet war und auf Verena, Alexandra und Joachim wartete, schrieb mir Doris, dass ihre Fähre mit 4 Stunden Verspätung Griechenland erreichen wird. Mit einem leisen Schmunzeln las ich diese Zeilen und wunderte mich nicht, dass wir uns bereits auf dem Weg zum Ausnahmezustandsmodus befanden.

"Kein Problem, dachte ich mir" und sah aus dem Fenster des Flughafens. Die schöne Bergkulisse des griechischen Festlandes war zu diesem Zeitpunkt bereits in Gewitterwolken verschwunden. Alexandra und Joachim schafften es gerade noch, trockenen Fußes in die Empfangshalle des Flughafens zu kommen. Doch wo blieb Verena, die mit der Maschine aus Stuttgart ankommen sollte? Unruhe breitete sich aus. Hektische Durchsagen drangen durch die Hallen. "Die Maschine aus Stuttgart musste leider ihren Landeanflug abbrechen und wird nach Athen umgeleitet". Wir schauten uns mit großen Augen an.

Das hieß, auch wir werden Thessaloniki nicht rechtzeitig verlassen können, denn es wird eine Weile dauern, bis Verena von Athen nach Thessaloniki zurück fliegen kann. Wir entschieden uns, den Mietwagen schon abzuholen, da wir bei einem nahegelegenen Tierheim noch eine Spende von Halsbändern einsammeln mussten. Niemand ahnte, dass auch wir nach 30 Minuten abrupt ausgebremst wurden, nachdem unser Mietwagen ein Vorderrad verloren hatte...

Um die Geschichte abzukürzen: Gegen Mitternacht waren wir alle unbeschadet und glücklich in unseren Unterkünften in Agia angekommen. Evi, die Tierschützerin und Organisatorin vor Ort, holte uns am nächsten Morgen ab und stattete uns mit den wichtigsten Informationen aus. Wir bauten unseren OP und den Nachsorgebereich auf und begannen umgehend mit den Kastrationen. Jetzt ging alles seinen gewohnten Gang. Tier für Tier. Wir waren, als ob keine Zeit zwischen den Einsätzen vergangen wäre, ein eingespieltes Team.

Mich bewegt dieser Teamgeist immer wieder. Es ist keine Selbstverständlichkeit auf Menschen zu treffen, die aus ihrem normalen Alltag in die Tierschutzwelt abtauchen. Die ihren Urlaub verwenden, um anderen zu helfen. Die zwei Wochen "Ausnahmezustand" auf sich nehmen, egal ob er schöne oder traurige Erlebnisse mit sich bringen wird. Bei der Menge an Tieren, die uns in dieser Zeit durch die Hände gehen wird, wird nahezu jede emotionale Facette durchlebt. Immer wieder schien es in der Vergangenheit Vergiftungsaktionen in der Region Agia gegeben zu haben. Wir und die Tierschützer vor Ort hoffen, den Menschen die Option aufzeigen zu können, dass wir durch Kastrationen eine ethisch vertretbare Lösung für die Überpopulation von Straßentieren bieten zu können. Straßentiere zu töten oder in Tierheimen wegzusperren verringert die Anzahl der Straßentiere nicht dauerhaft und ist deshalb keine Lösung. Ganz abgesehen davon, dass das Töten von gesunden Tieren nach europäischer Rechtslage (Verträge von Lissabon) nicht erlaubt ist.

Wir beobachten, dass zunehmend auch Geistliche Tiere zur Operation bringen. Dies wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Wir freuen uns, dass ein Umdenken stattfindet und auch Vertreter der Kirche den humanen Weg der Reduzierung der Streunerpopulation unterstützen. Leider ist in den Köpfen vieler religiöser Menschen die Kastration ein zu großer Eingriff in die Schöpfung Gottes. Zeitgleich sehen wir, dass genau diese Menschen die Neugeborenen im Nirgendwo ohne deren Mutter aussetzen. Nicht selten begründen die bei diesen Taten ertappten Menschen ihre Handlung damit: "Gott wird darüber entscheiden, ob sie überleben oder nicht". Nach vier arbeitsreichen Tagen ziehen wir weiter in die historische Stadt Veria, die 60 Kilometer von Thessaloniki entfernt in einer sehr fruchtbaren Region liegt. Idyllisch inmitten von Nektarinenplantagen am Fuße der Stadt befindet das kleine städtische Tierheim. Mehr und mehr versuchen die Verantwortlichen der Stadt, die Organisation der großen Kastrationsaktionen zu optimieren.

Dass dies eine logistische Herausforderung ist, sehen wir an vielen Orten. Immer führt es zu Konflikten, wer Tiere zur Kastration bringen darf. Immer fühlen sich Menschen unfair behandelt. Immer gibt es Streit, wer zuerst an der Reihe ist und wer wie viele Tiere bringen darf. Immer entsteht ein Gefühl der Machtlosigkeit bei uns, nicht genügend helfen zu können. Und immer wieder ist bei allen Beteiligten die Verzweiflung darüber zu spüren, nicht zu wissen, wie sie mit all dem Tierelend umgehen sollen und wie das Problem dauerhaft gelöst werden kann. Auch wir beobachten machtlos, dass wir nicht allen und jedem gerecht werden können. Es sind einfach zu viele Tiere, die operiert werden sollten. Wir müssten mehr Tierärzte sein, die, am Besten dauerhaft, täglich Kastrationen durchführen. Wir müssten mehr Kollegen schulen, um die schonende Operationstechnik weitergeben zu können. Wir müssten mehr Geld zur Verfügung haben, um den Tieren und den verzweifelten Menschen helfen zu können. Manchmal sehe ich mir traurig Schilder von Bauprojekten an. Hier werden von Land und EU Millionen zur Verfügung gestellt. Was könnten wir mit nur einem Bruchteil des Geldes erreichen...

Um Konfliktpotenzial aus der logistischen Organisation zu nehmen, wurde in Veria ein sehr vielversprechendes System eingeführt: Die Tierpfleger des Tierheims fahren selbst los, um die Ärmsten der Armen auf der Straße einzufangen, im Tierheim aufzupäppeln und für die Kastrationsaktion zu beherbergen. Nach der Aktion müssen sie nach ein paar Tagen der Überwachung und einer Ausgangskontrolle wieder auf die Straße - ihr Zuhause - zurück. Unser Weg zwischen Tierheim und Unterkunft dauert nur etwa 10 Minuten. Ich habe aufgehört, die hinkenden Hunde zu zählen. Viele von ihnen erfahren im Laufe ihres Lebens Kollisionen mit Autos. Die Glücklichen von ihnen überleben mit ein paar Hautabschürfungen. Für einige endet ihr hartes Leben auf der Straße mit einem dumpfen Aufprall innerhalb von wenigen Sekunden. Doch was passiert mit den Schwerverletzten? Wer übernimmt die Verantwortung für sie? Wer übernimmt die Kosten für Röntgenaufnahmen und eine stationäre Betreuung, wenn es eine Chance auf Heilung geben sollte? Fast täglich werden uns verunfallte Hunde mit der Bitte um Beurteilung gebracht. Laut Gesetz ist es mir als ehrenamtlich für die Stadt arbeitende Tierärztin nur erlaubt, Kastrationen durchzuführen. Mir ist nicht erlaubt, bei einer wilden Katzen ein ausgelaufenes Auge oder einen unter Eiter stehenden Zahn zu entfernen, geschweige denn, eine andere Behandlung durchzuführen. Hierzu müssten die Straßentiere zu den lokalen Tierärzten gebracht und die Rechnung von der Stadt übernommen werden.

Die Jahresbudgets für Straßentiere der Stadtverwaltung, welche die offizielle Verantwortung für Straßentiere trägt, sind innerhalb weniger Monate aufgebraucht. Und spätestens jetzt beginnt der große emotionale Konflikt zwischen der Stadt und den Tierschützern. Die Verzweiflung von beiden Seiten ist immens. In Veria haben wir das große Glück, dass der zuständige Vizebürgermeister und sein Team sich für eine Lösung der Problematik einsetzen. Sie wollen den Tieren helfen und den Bitten der Bevölkerung nachkommen, so gut es eben in Zeiten von finanziellen Engpässen möglich ist.

Was uns jedoch am meisten berührt, ist, dass ein Wille für Veränderung, für Verbesserung, für die Übernahme von Verantwortung entstanden ist. Die gesäten Pflänzchen sind noch sehr zart und bedürfen einer großen Unterstützung unsererseits. Jedoch sind die wichtigsten Grundsteine gelegt und wir hoffen, dass wir die Projekte mit Ihrer Unterstützung weiterführen und ausbauen können. Herzlichen Dank dafür,
Ihre Melanie Stehle

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin


Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Einsatzberichte

Limnos - Oktober 2016

"Hast Du Lust mitzukommen?", frage ich Marga. "Klar", sagt sie. Gut. Ziel der Reise: Limnos. Unsere Koffer werden nicht mit den typischen - Mädchen fliegen im Sommer auf eine Insel - Dingen gefüllt sein. Anstelle von Badeanzug und ...


mehr lesen

Xanthi - Juni 2014

Es begann wie immer: "Bitte helfen Sie uns, wir sind verzweifelt. In der nordgriechischen Stadt Xanthi und der Umgebung leben schätzungsweise 6000 Straßenhunde, deren Zukunft mehr als ungewiss ist, wenn wir nicht so schnell wie möglich ...


mehr lesen