Peloponnes - Oktober 2014

01.11.2014
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Unsere Aufgabe auf dem Peloponnes war die gleiche wie immer: So vielen Tieren wie möglich zu helfen. Wir hatten nur 5 Tage, also war keine Zeit zu verlieren. Melanie kam vom Flughafen, ich kam von der Busstation.
Wir trafen uns an dem Ort, der die nächsten Tage unser Zuhause sein würde. Nach 5 Stunden Schlaf fuhren wir zu einem wirklich hübschen kleinen Haus inmitten von Olivenbaumfeldern, um dort unser Projekt zu starten. Wir packten unsere Ausrüstung aus und bevor wir richtig wach waren, lag der erste Hund vor uns auf dem OP-Tisch. Es war das zweite Mal, dass hier eine Kastrationskampagne stattfinden würde, daher war alles sehr gut vorbereitet.

Unsere Routine war die übliche: Kastrationen, Bisswunden, Gebärmuttervereiterungen, Hautprobleme, Tumorentfernungen, Zahnextraktionen, Augeninfektionen. Alles Dinge, mit denen Streuner leben müssen, trotz Schmerzen oder anderen Beschwerden. Der Fluch derer, die allein auf der Straße leben müssen.

Unsere Routine war die übliche: Kastrationen, Bisswunden, Gebärmuttervereiterungen, Hautprobleme, Tumorentfernungen, Zahnextraktionen, Augeninfektionen. Alles Dinge, mit denen Streuner leben müssen, trotz Schmerzen oder anderen Beschwerden. Der Fluch derer, die allein auf der Straße leben müssen.Antonia

Am zweiten Tag begann mein Rücken Schwierigkeiten zu machen. Ich begriff, dass es auf dem Peloponnes eine seltene Krankheit gibt, die Hunde über 25 kg verursachen. Normalerweise mag ich gern große Hunde, aber irgendwann begannen wir an eine Verschwörung zu glauben. Aber egal, was getan werden muss, muss getan werden. Wir ignorierten also die Beschwerden unserer Muskulatur und machten weiter. Einer nach dem anderen, alle Hunde wurden behandelt. Tag für Tag, mehr und mehr. Einige schwanger, einige nicht, einige wurden nur kastriert, einige hatten Hernien... und ein zerstörtes Auge und ein gebrochenes Bein und waren voller Räude. Doch von Zeit zu Zeit gab es Fälle, die unsere Stimmung sinken ließen . Wie immer. Die Kriegsopfer. Eine der typischen Sachen auf so einer Reise ist, dass man alle Facetten des menschlichen Charakters aus erster Hand kennenlernt. Zum einen die Freundlichkeit, die alle Freiwilligen den Tieren gegenüber zeigen, die Mühe und Zeit, die sie ihnen widmen, aber zum anderen eben auch, wie böse Menschen sein können.

Ich habe immer das Gefühl, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten und jede Minute kann es passieren, dass man uns ein schwerverletztes Tier bringt. Auch dieses Mal gab es keine Ausnahme. Unter den normalen? Streunern gab es etliche angeschossene und verbrannte Tiere, Tiere, die absichtlich oder nicht, vom Auto angefahren worden waren, Tiere mit in den Hals eingewachsenen Metallschlingen. Es ist immer wieder erstaunlich und enttäuschend zu sehen, wie viel Mühe Menschen sich machen, um Tiere zu quälen. Und noch enttäuschender ist es, wenn Menschen die Hoffnung für einen Hund verlieren. Das passierte mit SIE Ihre Geschichte ist kurz.

Es begann an einem Morgen, als wir einen Telefonanruf von einer Helferin bekamen, die uns mitteilte, dass sie einen furchtbar aussehenden Hund gefunden hatte, der so krank war, dass er wahrscheinlich eingeschläfert werden müsste. Ich (und ich bin sicher, Melanie auch) dachte an amputierte Beine oder innere Blutungen oder einen gelähmten Körper, aber nichts dergleichen.

Nach circa drei Stunden sah ich SIE das erste Mal. Ich sah aus dem Fenster und konnte sehen, dass SIE ein mittelgroßer weiß-brauner Hund war, der nicht an der Leine gehen wollte. Ich konnte sehen, dass da etwas nicht in Ordnung war mit ihrer Haut, aber sah das ganze Ausmaß erst, als man sie hereinbrachte. SIE, da gibt es keine Hoffnung, dachte ich mir. Geschwüre am ganzen Körper, Räude, Fieber, geschwollene Pfoten, 3,5 cm lange Fußnägel. Sie sah entsetzlich aus und hatte möglicherweise viele Krankheiten. Wir legten sie auf ein Tuch und narkotisierten sie. Während wir darüber nachdachten, was wir tun sollten, wurde der Gedanke an Euthanasie immer stärker. Es ist nicht einfach, für so viele Tiere zu sorgen, wie es die Freiwilligen tun, und manchmal verlieren selbst die Stärksten unter ihnen ihren Glauben. Manchmal möchte man einfach dem Schmerz ein Ende setzen und dann ist Sterbehilfe die einzige Lösung für den Schmerz. Aber als wir in SIEs Augen sahen, konnten wir sehen, dass sie noch nicht gehen wollte. Sie brauchte nur Hilfe. Daher beschlossen wir, dass sie noch nicht gehen sollte. Nicht mit unserer Erlaubnis. Wir hatten einen Plan.

Alles, was wir bräuchten, wären einige Bluttests, eine Pflegestelle, jemanden, der sie alle zwei Tage antiseptisch behandeln würde, Medikamente für drei Wochen, Injektionen jede Woche für acht bis zehn Wochen und dann wäre sie geheilt. Gut, es war nicht einfach. Es ist schon nicht einfach für gesunde Hunde, so war es dreimal so schwer für so schlimm aussehende Hunde wie SIE. Ja... wir fanden niemanden. Über Nacht nahmen wir sie zu uns, bis wir einen besseren Plan hätten. An unserem vierten Projekttag war klar, dass sie entweder wieder auf die Straße zurückkehren oder aber dass ein anderer Tierarzt sie einschläfern müsste, würden wir sie nicht mitnehmen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde ich. Das ist nicht fair. Da ich wusste, dass Melanie schon so viele Tiere bei sich zu Hause hat und zudem noch ein kleines Kind versorgen muss, war klar, dass ich sie nehme. Und das tat ich.

Innerhalb eines Tages machten wir ihre Papiere in Ordnung, sie bekam einen Mikrochip, eine Transportbox, ein Ticket und los ging es. In ihrer mit einem Handtuch bedeckten Box, damit man uns am Flughafen nicht anhielt, schafften wir es bis Rhodos. Das war'. Das ist IHRE Geschichte.

Eine Geschichte darüber, niemals ein Buch nach seinem Umschlag zu beurteilen. Niemals aufzugeben, was auch immer die Welt dazu sagt, aufzustehen für die, die unsere Stimme brauchen und die eigenen Überzeugungen nicht von Zweifeln oder den Umständen beeinflussen zu lassen. IHR geht es besser. Ihre Bluttests sind in Ordnung und mit jedem Tag normalisiert sich ihr Aussehen wieder. Ihre Pfoten sind nicht mehr geschwollen und sie kann wieder laufen.

Sie weigert sich immer noch, an der Leine zu laufen, aber auf magische Weise, obwohl sie nicht drauf trainiert ist, weicht sie nicht von meiner Seite. Sie ist jetzt der neue Boss meiner vierbeinigen Familie, aber auf die zärtlichste und beste Art. Ich glaube, sie ist glücklich, dass wir an sie geglaubt haben. Heute heißt sie Dharma, das ist Sanskrit und heißt: die Macht, die Ordnung der Welt wiederherzustellen und alles an seinen richtigen Platz zu bringen. Die Macht, die den Glauben an die Menschheit zurückbringt. Ein Symbol für das Verlieren und Wiederfinden von Hoffnung...

Ihre Antonia­
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Infos

  • Einsatzdauer: 5 Tage
  • Hündinnen: 77
  • Rüden: 48
  • Katzen: 14
  • Kater: 4
  • andere Operationen: 11
  • Gesamt: 154 Operationen
  • Ansprechpartner: griechenland@tieraerztepool.de



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