Rhodos - April 2019: Zwischen zwei Welten

04.05.2019
Ein Bericht von:
Julia Gruhn
Schriftführerin

Mir gegenüber sitzt ein kleines Hündchen, jung, mager, von brauner Farbe. Es schaut mich skeptisch durch seine Kulleraugen an, über sein Gesicht läuft ein Floh. Es hat Angst. Wo bin ich hier, was geschieht und was wollen diese Leute von mir? Ich sehe ihm den Fluchtgedanken an, doch es entscheidet sich zu bleiben und sich vertrauensvoll, dem was hier passieren soll, zu fügen. Sanft schiebe ich ihm seinen Venenkatheter. Die Narkose wirkt rasch, sodass es die nächste halbe Stunde in friedvollem Schlaf nichts von dem was passiert mitbekommt.

Noch vor wenigen Tagen saß ich auf der anderen Seite und schaute nervös meinem Gegenüber, dem Prüfer meiner letzten mündlichen Prüfung in die Augen. Hoffentlich meint er es gut mit mir und gibt mir die Chance zu präsentieren was ich kann. Im Tiermedizinstudium hat man etliche Prüfungen zu bestehen doch zur einfachen Routine werden sie nie. Auch ich entschied mich gegen eine Flucht und stellte mich dem, was in der nächsten halben Stunde geschieht. Zum Glück! Die Prüfung verlief super, bringt mich einen Schritt näher an meinen Abschluss und entlässt mich freudig in die Semesterferien, die ich im Einsatz auf Rhodos verbringen werde.

In besonderer Erinnerung bleibt mir ein griechischer Opi. Es ist nicht ein Tag vergangen, an dem er nicht mit seinen beiden Transportboxen in der Tür stand. Beharrlich hat er täglich zwei Straßenkatzen eigens eingefangen und zu uns gebracht. Er hat die gesamten sechs Wochen durchgehalten! Es ist toll zu sehen, wie unsere Hilfe auch von Einheimischen dankbar angenommen wird.Julia Gruhn

Auch unser vierbeiniger Patient erwacht mit einem ersten zaghaften Schwanzwedeln nach seiner vermeintlichen Henkersmahlzeit. Die Operation verlief rasch und ohne Zwischenfälle. Nun gilt es lediglich noch kurz den Narkoserausch auf der Decke auszuschlafen und dann in eine sicherere Zukunft zu starten. Denn was für uns eine halbe Stunde Arbeit bedeutet, ist für sie das ganze Leben. Auszehrung durch Trächtigkeiten, unzählige Nachkommen, denen ein Leben voller Entbehrungen und Leid bevorsteht, durch Geschlechtsverkehr übertragene Krankheiten und rigorose Revierkämpfe sind nur einige der Schicksale, vor denen wir die Hunde und Katzen mittels ihrer Kastration bewahren möchten.

Lasse ich im Projekt die Umgebung auf mich wirken, überwältigt mich der riesige Kontrast zwischen den Gegebenheiten meines Alltags in Deutschland und der Arbeit hier. Von sterilen hochmodernen Klinikräumen und weißen Kitteln, versetzt in einen kleinen dürftigen OP inmitten eines dreckigen, überfüllten Tierheims, umzingelt von Zwingern mit bellenden, einsamen Seelen.

Ich denke an Vorlesungen über chirurgische Eingriffe bei qualgezüchteten Rassen, um deren zuchtbedingten Defekte gerade zu bügeln, Diskussionen bei denen die wirtschaftlichen Aspekte von Behandlungen über das Wohl des Tieres gestellt werden und Kurse, in denen das Leben des Tieres sowieso nicht mehr zählt, weil es bereits als Scheibe Wurst unterm Mikroskop liegt. Hier erlebe ich einen Alltag, wo chirurgische Eingriffe, im Akkord durchgeführt werden, um die unkontrollierte Vermehrung der Straßentieren zu reduzieren, anstatt sie durch Zucht weiter zu produzieren; wo Wirtschaftlichkeit gegen Empathie eingetauscht wird und wo sich auf dem Frühstückstisch mit Sicherheit keine Wurst finden lässt.

Die Arbeitstage hier sind lang, aber es kehrt schnell eine Routine ein. Unser allmorgendliches Eintreffen im Tierheim wird durch lautstarkes Bellen der Tierheimhunde begleitet. Ein Bellen welches leider bis zum Abend niemals verebbt und unsere angestrengten Nerven zusätzlich strapaziert. Es ist ein Bellen als Hilferuf, als Ausdruck der Langenweile, der kummervollen Klage oder der unausbleiblichen, dummen Angewohnheit nach vielen Jahren in dieser trostlosen Umgebung.

Beim Öffnen der Pforten erwarten uns bereits ganze Berge gestapelter Transportboxen mit Katzen, welche die vielen Unterstützer des Projekts für uns einfangen, bringen und am nächsten Morgen, wenn sie wieder fit für das wilde Leben sind, abholen und in die Freiheit entlassen. Man könnte meinen, die Redewendung "ein Berg an Arbeit" erfuhr hier ihren Ursprung. Es ist immer wieder spannend, was der Blick in eine Box für einen bereithält. Wilde Tiger, einer schöner als der andere, gezeichnet vom Leben und dem Kampf ums Überleben: alte Verletzungen, eitrige Bisswunden, Abmagerung, verfilztes Fell. Ohrmilben, Flöhe, Zecken und Würmer, in ihrem gesamten Spektrum, wie ich sie aus den Lehrbüchern der Parasitologie kenne, sind überall zu finden. Auch diverse andere, wir nennen es beschönigend "Überraschungen" erwarten uns in den Boxen. Dazu gehören vielfältigste kulinarische Hilfsmittel, um ein wildes Tier zu überreden sich in eine kleine Plastikbox zu begeben. Neben Katzenfutter in allen Formen und Farben gehören abgenagte, rohe Fischköpfe glücklicherweise eher zur seltener genutzten Delikatesse. Das alles auch oftmals in bereits verdauter und halbverdauter Form. "Bist du dir wirklich sicher, dass dir diese Arbeit Spaß macht?", fragt mich Marga lachend, als ich nach einem kleinen Malheur mit einem riesigen Fleck Sch.. am Oberschenkel vor ihr stehe. Natürlich sind dies nicht die Momente die mein Herz aufgehen lassen. Sondern die, in denen wir anschließend das untersuchte, gesäuberte, entwurmte und frisch kastrierte Tier zurück in seine frische Box legen und ausgestattet mit dieser Art von Lebensversicherung, mit einem guten Gefühl in eine bessere Zukunft entlässt.

Es ist befriedigend im Laufe des Tages zu beobachten, wie sich der Berg an Arbeit allmählich abträgt. Doch in der Regel ist es eher so, dass fortlaufend Tiere gebracht werden und man das Gefühl hat, es nimmt einfach kein Ende. Aber das ist auch gut so, denn das Wichtigste für uns ist es, so vielen wie möglich zu helfen.

In besonderer Erinnerung bleibt mir ein griechischer Opi. Es ist nicht ein Tag vergangen, an dem er nicht mit seinen beiden Transportboxen in der Tür stand. Beharrlich hat er täglich zwei Straßenkatzen eigens eingefangen und zu uns gebracht. Er hat die gesamten sechs Wochen durchgehalten! Es ist toll zu sehen, wie unsere Hilfe auch von Einheimischen dankbar angenommen wird. Auch zahlreiche Hunde werden zwischendurch angemeldet und werden umgehend in unseren OP-Plan integriert.

Von allen Tieren werden wir zunächst kritisch beäugt. Sie sind in einem unbekannten Umfeld und fürchten sich dementsprechend. Manche zeigen uns ihre Skepsis, andere fügen sich ihrem Schicksal. Doch eines fällt mir auf, wir gewinnen ihr Vertrauen. So erleben wir es nicht selten, dass auch diejenigen, die bei Ankunft durch Knurren und um sich beißen ihren Unmut kundtun, am Ende des Tages versuchen sich bei jeder Gelegenheit durch den Türspalt zu mogeln, um sich einen Ehrenplatz unter dem OP-Tisch zu ergattern. Sie suchen unsere Nähe und spüren in kürzester Zeit, dass ihnen hier nur Gutes geschieht. Faszinierend! Aber das Leben auf der Straße lehrt den Tieren diese "Menschenkenntnis", dessen bin ich mir ganz sicher. So ist unsere Einsatzzeit auch eine willkommene Abwechslung für die beiden Hunde im Zwinger vor unserem OP-Fenster. Hier wird in diesen Tagen ein bisschen Entertainment geboten, welches sie ständig ihre neugierigen Nasen durchs Fenster schieben lässt.

Wir sind erschöpft aber zufrieden, wenn der letzte Nadelstich des Tages gesetzt ist und endlich das Feierabendlied ertönt. Bei Dämmerung, wenn der Himmel von Rhodos im schönsten rot erstrahlt, steigen wir in unser Auto und folgen dem Schotterweg zwischen den vielen Zwingern aus dem Tierheim hinaus. Die gleichen Hunde, die uns morgens begrüßten, verabschieden uns nun. Das letzte Bellen für heute geht durch Mark und Seele und wird allmählich leiser. Zuhause wartet ein liebevoll gekochtes Abendessen auf uns, bei dem unser besonderes Highlight erfolgt. Wir zählen alle Operationen des Tages zusammen. Die Zahlen lassen unsere Augen strahlen. Mit diesem Strahlen gehen wir zu Bett, um uns für den nächsten anstrengenden Arbeitstag zu erholen.

So schnell wie jeder einzelne Tag, ist auch meine gesamte Einsatzzeit im Fluge vergangen. Das ewige Bellen hallt noch nachträglich in meinen Ohren, aber ich hoffe, dass es in Zukunft allmählich leiser wird, denn darum kämpfen wir! Ich verabschiede mich und tauche nun zurück in die andere Welt, die zuhause wartet - aber natürlich nur bis zum nächsten Einsatz.
Julia

Ein Bericht von:
Julia Gruhn
Schriftführerin

Infos

  • Hündinnen: 173
  • Rüden: 123
  • Katzen: 697
  • Kater: 436
  • Gesamt: 1339
  • Ansprechpartner: griechenland@tieraerztepool.de
  • Info: Dieser Einsatz wurde organisiert und finanziert vom Verein "Flying Cats e.V."



Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
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    BIC: COBADEFFXXX
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