Rhodos - Dezember 2017

30.12.2017
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Laut atmet sie aus und unterbricht meine Gedanken. Ich hebe meinen Kopf und sehe von dem offenen Bauch vor mir auf und blicke sie an. Mit hochrotem Kopf und dem "Ich glaube das jetzt nicht"-Blick in ihren Augen schafft sie es gerade so, einen Satz loszuwerden: "Meine Güte, ich verstehe das nicht. Wo kommen die ganzen Katzen her?" Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappt sich Christina die Spritze und verschwindet in den Vorraum, um die vierundvierzigste Katze an diesem Tag in Narkose zu legen. "Sieben noch", ruft sie mir von draussen zu.

Die Uhr auf der Wand zeigt 19.00. Wieder. Wir sind auf Rhodos. Wieder. Dieses Mal ist das Projekt auf eine Laufzeit von 38 Tagen angelegt. Aber der heutige Tag wird nicht der einzige gewesen sein, an dem sich Christina über die Katzenschwemme wundert.

Am letzten Tag schliesse ich vorsichtig eine Kunststoffkiste. Sie enthält 1917 Skalpellklingen. 1917 mal geholfen. In Bruchteilen einer Sekunde verfliegt unsere Erschöpfung. Ein um wie viel besseres Leben werden die Strassentiere nach unserem Eingriff haben? Und in diesem Moment wissen wir, dass wir es trotz allem immer wieder machen werden. Genauso, wie wir es seit so vielen Jahren tun. Jahr für Jahr setzen wir unsere Projekte fort und die Situation verbessert sich. Jahr für Jahr zeigt sich die Veränderung.Antonia Xatzidiakou
  • Diese Katze fiel auf einer Baustelle in ungeloeschten Kalk und veraetzte sich den ganzen Koerper
  • Blindheit sehen wirsehr haeufig bei Katzenwelpen - Impfungen gegen das Herpesvirus erreichen die Strassenkatzen nicht
  • Jede Skalpellklinge zeugt von einer erfolgreichen Kastration - ein Eimer voll effektivem Tierschutz

Jeden einzelnen dieser 103 Tage erwartet uns ein Flur voller Katzenboxen. Katzen, Kater, weisse, rote, getigerte, junge, ältere, gesunde, kranke. Aber um einen Flur mit Katzenboxen zu füllen, muss eine Abfolge von Ereignissen perfekt funktionieren. Eine Abfolge, die schlussendlich die Struktur schafft, die unsere Kastrationsaktionen so erfolgreich macht.

Ein typischer Tag

Blicken wir auf einen typischen Tag, so sehen wir das Folgende:
Eine Dame in Hammersbach in Deutschland sitzt vor ihrem Computer und vereinbart Termine, um jeden Tag der Aktion perfekt zu füllen und unsere Kapazitäten möglichst effektiv auszunutzen.
Eine andere Dame in Frankfurt versucht gleichzeitig herauszufinden, wer die fehlenden Katzenboxen im Moment hat, damit die Fänger genügend Boxen für den nächsten Tag haben.
Eine blonde Dame aus Russland schneidet auf Rhodos Inkontinenzunterlagen auf die passende Grösse zu, sodass sie nach der OP als Polster in den Boxen dienen kann.
Währenddessen machen sich unterschiedlichste Menschen auf der Insel auf den Weg (nachdem sie um fünf Uhr morgens von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen wurden) und ziehen bewaffnet mit Fallen, Futter und Transportboxen (die die Dame in Frankfurt tatsächlich auftreiben konnte) los und beginnen auf der ganzen Insel verteilt Katzen für die Kastration zu fangen.

Die Kosten explodieren

Und während all das parallel passiert, stecken wir schon mitten in unserer Tagesroutine.
Eine Katze erbricht sich alle zehn Minuten. Die Papierhandtücher sind uns ausgegangen, ein älterer Herr hat keinen Namen auf seiner Katzenbox hinterlassen und kann die Katze, die er gefangen hatte nicht mehr wiederfinden. Zwei kleine Katzenbabies ohne Mutter wurden in einem Mülleimer gefunden und ein Hund mit einem gebrochenen Bein kommt gleichzeitig mit einer blinden Katze, die nahe dem Hungertod aufgefunden wurde. Um all diese Tiere unterzubringen fehlen uns die Kapazitäten. Eine blonde Dame in Hamburg versucht ganz ruhig zu bleiben, als sie erfährt, dass aus Kapazitätsgründen all die oben genannten Notfälle an andere Tierärzte weitergeleitet wurden und die Ausgaben dadurch durch die Decke gehen.

Unterstützung von den Kolleginnen

Ich bin ebenso hungrig wie Christina durstig ist. Ein Hund im Tierheim ist krank und der Leiter bittet uns um Hilfe. Nina, die gerade auf Kreta arbeitet, hat ein Zuhause für einen alten Hund aus dem Tierheim gefunden und wir müssen eine Blutprobe für die Standarduntersuchungen vor der Adoption abnehmen.

Melanie arbeitet parallel zu unserer Aktion an mehreren Orten in Nordgriechenland während Marga mir per SMS antwortet "Alles klar, ich komme". Eben habe ich ich ihr geschrieben "Marga, du musst uns unterstützen kommen, wir ertrinken in Tieren!" Auch Ines macht sich auf den Weg um nach der Babypause erstmals wieder an den OP-Tisch zurückzukehren. Der Einfachheit halber ist ihre Tochter auch mit dabei.

Chaos? Nicht mit uns!

Wir bekommen von einer netten Dame nicht nur köstliche Kekse, sondern auch vier Katzen ohne Termin, da sie nicht wusste, dass ein Termin notwendig ist. Uff...
Da ich hungrig bin, entscheide ich mich sowohl die Kekse als auch die Katzen anzunehmen. Christina ist währenddessen immer noch durstig, da ihr die Zeit zum Trinken fehlt. Überdies wurde sie soeben von meinem nächsten Patienten gebissen. Und weitere 45 Katzen warten um heute noch von uns kastriert zu werden.
Chaos. Jeden Tag. Aber am Ende ordnet sich immer wieder alles auf wunderbare Weise und wir schaffen es. Zum Glück sind wir alle verrückt genug, den jeweils vorherigen Tag zu vergessen und jeden Morgen wieder mit neuem Elan zu starten.

Eine Kiste voller Tierschutz

Am letzten Tag schliesse ich vorsichtig eine Kunststoffkiste. Sie enthält 1917 Skalpellklingen. 1917 mal geholfen. In Bruchteilen einer Sekunde verfliegt unsere Erschöpfung. Ein um wie viel besseres Leben werden die Strassentiere nach unserem Eingriff haben? Und in diesem Moment wissen wir, dass wir es trotz allem immer wieder machen werden. Genauso, wie wir es seit so vielen Jahren tun. Jahr für Jahr setzen wir unsere Projekte fort und die Situation verbessert sich. Jahr für Jahr zeigt sich die Veränderung.
An der Anzahl der Markierungen in den Ohren sehen wir es. An der Anzahl der gesunden Tiere. An der Meinung der lokalen Bevölkerung, die unserem Projekt sehr positiv gegenübersteht. An der Haltung der Behörden. An der Anzahl von Anfragen von Menschen, die in jeder erdenklichen Art helfen wollen. Viele opfern ihren Urlaub und arbeiten mit.

Alle Jahre wieder - wir benötigen Ihre Hilfe!

Jahr für Jahr entsteht aus einer Reihe von Händen eine feste Kette. Eine Kette aus vollkommen unterschiedlichen Menschen, mit unterschiedlichem Hintergrund, unterschiedlichen Lebensläufen. Geeint und fasziniert von einer Idee: Das Elend der Strassentiere effektiv zu bekämpfen. Sie alle tun, was sie müssen, um die Veränderung herbeizuführen.

Wir sind sehr stolz auf alle unsere Kettenglieder. Auf die Kette die sich gebildet hat. Und darauf, dass wir 2017 insgesamt 103 Tage auf Rhodos präsent gewesen sind und 3086 Tiere operiert haben.

Diese Kette darf nicht abreissen. Helfen Sie uns durch Ihre Spende, auch 2018 unsere Projekte auf Rhodos und an unseren anderen Standorten fortzuführen.

Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin



Spenden

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    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
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