Rhodos - Interview mit Andrea Wegner

06.10.2015
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Antonia Chazidiakou, Tierärztin vom Tierärztepool und auf Rhodos beheimatet, hat im Oktober 2015 eine Kastrationsaktion auf "ihrer" Insel für den Verein "flying cats e.V." unter der Leitung von Andrea Wegner durchgeführt. Dabei konnten 581 Tiere operiert werden. Unser Interview entstand in dieser Zeit.

Andrea, seit wann arbeitet Flying Cats e.V. auf Rhodos? Wir sind seit ca. sechs Jahren aktiv.

Wie waren die Anfänge? Eigentlich hatte ich mich "nur" als Flugpatin gemeldet, als ich vor neun Jahren zum ersten Mal auf die Insel flog. Wir machten zu der Zeit schon aktiven Katzentierschutz auf Fuerteventura und es war klar, dass ich auch immer jede Menge Sachspenden mitnehmen würde, egal wohin ich flog. Eine private Organisation meldete sich irgendwann bei mir und bat mich, eine Hundebox auf meinem Flug nach Rhodos zurückzubringen. So fuhr ich das erste Mal in ein privates Tierheim mit damals ca. 120 Hunden im Süden der Insel und übergab meine Spenden und die Box. So entstand der erste sehr nette Kontakt zu einer deutschen Tierschützerin, die schon 20 Jahre dort lebte.
Es beeindruckte mich sehr, wie sie damals schon fast alles allein bewältigte und wir blieben in Kontakt. Wir halfen, die Hunde zu versorgen und brachten noch Futter vorbei. Viel mehr war zu der Zeit nicht zu tun. Da ich und eine Freundin uns auf Anhieb in die Insel verliebt hatten, kamen wir Jahr für Jahr und natürlich entstanden immer mehr Kontakte zu den Tierschützern vor Ort. Trotzdem war es schwierig, dort aktiv im Tierschutz Fuß zu fassen, denn schon viele Privatleute und auch Vereine aus dem Ausland hatten immer wieder Hilfe versprochen, aber mehr als Futterspenden oder die Vermittlung von ein paar Tieren kam dabei nicht heraus. Nach und nach merkten die Tierschützer jedoch, dass wir es ernst meinten und mehr vorhatten, als nur ein oder zwei Tierschützer auf der Insel zu unterstützen. In welcher Form, das war uns damals schon klar, aber wie wir unsere Pläne in die Tat umsetzen könnten, wussten wir nicht. Wir wollten keine Spenden in ein neues Tierheim investieren oder einer Person helfen, die sich um Streuner kümmert. Wir wollten die ganze Insel zu einem besseren Ort für Streuner machen. Große Pläne.... aber für uns der einzig richtige Weg, um allen zu helfen. Es wurde zu dieser Zeit auch schon von dem einheimischen Tierschutzverein kastriert. Nur bedeutete es eine große finanzielle Herausforderung, die Tiere bei "normalen" Tierärzten kastrieren zu lassen und so machten wir Pläne, Tierärzte zu finden, die das in größerem Rahmen machen könnten. Wir informierten uns über Kastrationsaktionen.

Was hat sich im Laufe der Jahre verändert/verbessert? In den letzten fünf Jahren wurden vor Ort viele Tierschutzvereine gegründet, die sich um Streuner und ausgesetzte Tiere kümmern. Dadurch ist natürlich auch ein anderes Straßenbild entstanden, denn es sind viel weniger herrenlose Hunde zu sehen. Allerdings arbeiten diese Vereine auch ständig an ihren Grenzen und sind kaum in der Lage, alle zu versorgen, geschweige denn kastrieren zu lassen. Durch die Kastrationsaktionen sind mittlerweile aber auch alle bekannten Hunderudel, die in der Nähe von Supermärkten oder an anderen Orten frei leben, kastriert und es gibt Gegenden, in denen man immer mehr Katzen mit einer Kerbe im Ohr (als Zeichen für "ich bin kastriert") sieht. Es sind immer Ortschaften, in denen einheimische Tierschützer leben und unsere Kastrationsaktionen gern nutzen, um Tiere einzufangen, zu bringen und danach wieder an dem angestammten Platz freizulassen.

Wann kamen die Tierärzte des Tierärztepools und die Idee, mit dem TP gemeinsame Sache zu machen, hinzu? Ich bin Mitglied der Arche Noah Kreta seit dem Jahr 2000. Im Frühsommer 2012 kam von einem befreundeten Tierschützer die Idee, mal beim TP anzufragen, ob sie bereit wären, auf Rhodos zu kastrieren. Wir fanden die Idee gut und so entstand der Kontakt zu Thomas Busch. Ziemlich spontan kam dann die Info: Ok, wir kommen in zwei Wochen und kastrieren? Besorgt die Einladung vom Bürgermeister und organisiert einen genehmigten Raum? Ines kommt und es müssen mindestens 25 Tiere am Tag auf dem OP Tisch liegen? Na, das war eine Herausforderung... Ich werde das nie vergessen. Es war August, Hauptsaison und 40 Grad im Schatten. Ich saß nur noch am Telefon und am PC, um von hier aus alles in die Wege zu leiten. Schließlich sollte das die erste offiziell genehmigte Kastrationsaktion mit deutschen Tierärzten in Griechenland werden. Undenkbar, wenn der Ablauf da nicht klappen würde und ich war so dankbar für die Hilfe des TP, dass ich Ines auf keinen Fall enttäuschen wollte.

Antonia, was sagst du zu der Entwicklung auf Rhodos? Was kann ich noch sagen, außer: Durchhalten, wir sind auf einem guten Weg. Ich kann mich nur auf meine Kindheitserinnerungen berufen, aber ich sehe auf jeden Fall einen Unterschied zu damals. Man konnte früher keine noch so kurze Strecke fahren, ohne überall auf Hunderudel zu stoßen oder magere Welpen in irgendwelchen Ecken zu finden. Vor circa fünf Jahren fing ich an, die Veränderungen deutlich wahrzunehmen. Ich fragte mich, wo all die Hunde geblieben waren, welche seltsame Krankheit sie befallen hatte. Es war die Kastrations-Epidemie. Natürlich bedeutet das nicht, dass es keine Streuner mehr gibt, aber ich als Einheimische stelle fest, dass sich im Laufe der Jahre im Zuge der Kastrationsprojekte auch einiges in den Köpfen der Menschen geändert hat. Zumindest kümmern sie sich heute ein wenig mehr um das Thema Straßentiere. Wie Andrea bereits sagte, sind in den vergangenen Jahren einige Organisationen entstanden, die einen tollen Job machen und ich glaube, dass es noch mehr Veränderungen geben wird.

Wie ist das Verhältnis von zu kastrierenden Straßenhunden zu Besitzertieren? Schwer zu sagen. Das Problem ist, dass wir den Begriff Streuner nicht klar definieren können. Für viele Leute hier bedeutet ein Besitzertier, dass es im Haus lebt. Wenn ein Hund auf einem Feld oder außerhalb des Hauses gehalten wird, sagen die Leute, er ist ein Streuner, um sich der Verantwortung zu entziehen. Daher ist das schwer zu sagen. Es ist aber erkennbar, dass eine große Anzahl von Besitzertieren als Streuner "getarnt" werden. Vielleicht 70% zu 30%, wenn nicht sogar 65 % zu 35 % ist nah an der Realität, wenn es um Hunde geht. Bei Katzen ist es viel einfacher. Die große Mehrheit, also 85 - 90 % sind Streuner. Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass der Grund für das Streunerproblem die Würfe der Besitzerhunde sind. Die Streuner können wir kontrollieren, die privaten Tiere und ihre Besitzer nicht. Wenn sich ihre Haltung gegenüber der Notwendigkeit von Kastrationen nicht ändert, wird es schwer werden, die Situation zu verbessern.

Wie viele Tiere konnten in der Region in den letzten Jahren kastriert werden? Man kann sagen, dass jährlich ca. 1.500 Tiere kastriert wurden.

Merkt man einen Rückgang der Tierpopulation? Partiell auf jeden Fall, aber aufgrund der hohen Anfangspopulation kann man nicht wirklich sagen, dass man das flächendeckend merkt.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zu den Bürokraten? Erkennt man hier die positive Entwicklung? Auch das ist sehr gemischt. Einerseits begrüßt man die Einsätze, anderseits habe ich immer noch das Gefühl, dass dem Ganzen nicht genug Aufmerksamkeit seitens der Behörden beigemessen wird. Manchmal glaube ich, sie nehmen uns nicht wirklich ernst und verstehen einfach nicht, warum eine Horde Tierschutzverrückter so einen Aufwand betreibt.

Gibt es Förderungshilfen? Nein, in keiner Weise.

Arbeitet ihr mit einheimischen Tierärzten außer Antonia zusammen? Ja, es gibt ein paar einheimische Ärzte, mit denen wir und die anderen Tierschützer gut zusammenarbeiten. Das Jahr ist lang und wir können ja nicht warten, bis der nächste Kastrationseinsatz kommt. So werden die Tiere, die in der Obhut von Menschen sind, von einheimischen Ärzten kastriert. Außerdem gibt es ja ständig verletzte und verunfallte Tiere, die Hilfe brauchen. Haben die einheimischen Tierärzten in der Vergangenheit geholfen, das Problem zu lösen?
Ein paar helfen, in dem sie für die Tierschützer Sonderpreise für Kastrationen berechnen, was aber immer noch viel Geld ist, wenn man bedenkt, dass es sich ja eigentlich um Tiere handelt, die keine Besitzer haben, und den Tierschützern fehlt bei der Menge, die sie im Jahr aufnehmen müssen, einfach das Geld dafür.

Andrea, was hältst du von der Idee, weitere Tierärzte auszubilden? Vielleicht sogar Einheimische? JaGroßartige Idee, ich würde mich sowieso über mehr Zusammenarbeit mit euch und ein paar einheimischen Ärzten freuen. Ich habe durch Gespräche mit einigen den Eindruck, dass sie ein ganz falsches Bild von euch haben und denke, wenn man ins Gespräch käme, würde sich da einiges ändern. Einladungen von eurer Seite, die Möglichkeit, euch vielleicht mal kurz bei eurer Arbeit über die Schulter zu schauen, könnte man (wenn möglich) mal vorschlagen.

Woran scheiterte die Idee bisher? Wahrscheinlich an den oben genannten Gründen, oder am falschen Stolz, aber auch am Desinteresse. Nicht zu vergessen die Meinung einiger, dass die ausländischen Ärzte ihnen die "Kunden" wegnehmen. Einer sagte mir: "Stell dir vor, wir würden nach Deutschland kommen und das machen, da würden sich eure Tierärzte auch beschweren." Ganz ehrlich, was soll man dazu noch sagen?

Antonia, bist du bereit, auch auf Rhodos zu arbeiten? Siehst du Probleme? Ich bin immer bereit. Das einzige Problem, abgesehen von der Bürokratie, mit der ich zum Glück nichts zu tun habe, ist, dass manchmal der Druck von einigen griechischen Kollegen enorm ist. "Warum hilfst du diesen Leuten, uns die Arbeit wegzunehmen? Du handelst gegen die Berufsethik. Dahinter stecken keine guten Absichten, das ist nur ein Geschäft. Du wirst dich nie weiterentwickeln. Du wirst für den Rest deines Lebens nur Eierstöcke entfernen, wenn die Deutschen dich nicht rausschmeißen. Und was willst du dann machen?" Es ist unglaublich, was ich manchmal zu hören bekomme, und ich wette, es wird sich verdoppeln, wenn ich auf derselben Insel arbeite, auf der die meisten Tierärzte, die ich kenne, tätig sind. Es wäre perfekt, einfach legal meiner Arbeit an irgendeinem Ort nachzugehen, ohne mich dafür entschuldigen zu müssen, was ich tue und ohne mich darüber mit Menschen auseinandersetzen zu müssen.

Kennst du andere griechische Tierärzte, die mithelfen würden? Es kommt darauf an, zu welchen Bedingungen. Ich kenne viele junge Tierärzte, die definitiv helfen würden, schon um Erfahrungen im Bereich der Chirurgie zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass es da draußen viele gibt, die ebenfalls für das Thema Straßentiere sensibilisiert sind, die aber einfach noch nicht den Weg zu uns gefunden haben, entweder, weil sie noch nichts von unserer Arbeit gehört haben oder aber, weil sie - wie ich manchmal - Angst haben, dass sie Schwierigkeiten mit den Kontrahenten bekommen.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, wie viele Tiere könnten hier täglich kastriert werden? Nach meiner Kenntnis gibt es 12 Tierärzte auf dieser relativ kleinen Insel. Wenn du meinst, wie viele man täglich mit ihnen kastrieren könnte, dann wären das vielleicht 60 am Tag, wenn jeder 4-6 Tiere schaffen würde. Wenn du mit euch meinst, könnte man sicher täglich 20-30 machen, aber das hängt ja auch davon ab, wie viele Tiere überhaupt gefangen und gebracht werden können. Das ist ja auch immer ein großes logistisches Problem.

Könntet ihr das finanziell stemmen? Nein, das ist nicht machbar, da müssten sich schon alle Tierschutzvereine an den Kosten beteiligen und ich weiß ja, dass wir in den letzten Jahren 90 % der Kosten für solche Einsätze allein aufbringen mussten, weil wir von keiner der anderen Organisationen - bis auf zwei, die uns unterstützen - Spenden für diese Einsätze bekommen.

Wie wird sich die Arbeit/Zusammenarbeit von FC und TP in der Zukunft entwickeln? Warte, ich schaue mal in meine Glaskugel ;). Nein, im Ernst, ich weiß es nicht, aber ich hoffe natürlich, dass wir weiter mit euch arbeiten können und dadurch ja irgendwie auch Kreta und Rhodos verbinden. Schließlich haben wir das gleiche Ziel. Leid lindern, Leid verhindern, das ist es doch, woran wir alle gemeinsam arbeiten, und wir sehen diese Arbeit mit euch als den einzigen Weg, das Ziel zu erreichen.

Welche Wünsche können wir euch entlocken? Ohhh, wo soll ich anfangen? Eigentlich "nur" zwei große Wünsche. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages auch eine genehmigte winzige Klinik auf Rhodos haben, zu der alle Tierschützer ihre Tiere bringen können, die verletzt oder krank sind und wir dort mit Antonia kastrieren können, wann wir wollen. Ähnlich wie es der Förderverein nach all den harten Jahren auf Kreta geschafft hat. Eine mobile Praxis für Antonia wäre eine Alternative und würde es endlich erlauben, Katzen in den Dörfern zu kastrieren, die niemand bringen kann, wenn Kastrationsaktionen stattfinden. Der dritte Wunsch ergibt sich dann daraus. Mal nach Rhodos zu kommen und einfach diese wunderschöne Insel genießen zu können, ohne tägliche Hilferufe und ohne die mit Katzenwelpen gefüllten Kartons zu finden, die geboren wurden, um zu sterben. Nicht mehr in müde, oft hoffnungslose Augen der Menschen zu schauen, die täglich um das Überleben dieser hilflosen Wesen kämpfen und doch oft verlieren.
Mein Wunsch ist es, dass ihr weiterhin Hilfe in der Art leistet, wie ihr es bereits tut und dass ihr helft, weitere Mitstreiter zu finden.
Jedes Mal, wenn ich wieder ein verletztes Tier finde, ist der erste Gedanke: "Oh, nicht schon wieder." Weil ich vom ersten Moment an weiß, was folgt. Diagnose, Behandlung, Versorgung, Dokumente, Vermittlung, Ende. Die ganze Prozedur kostet Zeit, Geld und erfordert viele kleine persönliche Opfer. Mein Wunsch ist es, dass Einrichtungen und Menschen zusammenarbeiten, um dies zu vereinfachen. Eine einzige Person kann das nicht bewerkstelligen, aber gemeinsam ist es möglich. Mein Wunsch ist es, den Satz "Oh nein, nicht schon wieder" in "Okay, packen wir´s an" zu ändern und dazu auch wirklich in der Lage zu sein.

Danke für das Gespräch!
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin



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