Rumänien - April 2011

01.04.2011
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien

ein Bericht von von Constanze Haag (Freundeskreis Bruno Pet e.V.)
"Welche Werte verbinden wir mit Tierschutzarbeit?" - diese Frage diskutierten wir bei einem Treffen mit Tierschutzkollegen. Alle Anwesenden arbeiten bereits seit vielen Jahren in diesem Bereich. Wir alle stellen im Gespräch fest, dass sich im Laufe der Zeit und mit jeder neuen Erfahrung unsere Ansprüche an Tierschutzarbeit gewandelt haben. Je länger ich mit der Not und dem Elend von Tieren konfrontiert werde, desto stärker tritt für mich neben dem Lindern dieses Leids die Bedeutung des Verhinderns von Leid hervor. Lindern und Verhindern. Worin liegt der Unterschied? Während bei der Linderung von Leid eben jenes Leid zwangsläufig erst einmal vorhanden sein muss, zielen Bestrebungen zum Verhindern von Leid darauf ab, Leid gar nicht erst entstehen zu lassen. Ein bloßes Wortspiel? Keineswegs! Wer sich tagtäglich mit dem Lindern von Leid beschäftigt, stellt eines sehr schnell fest. Kaum hat man es dank der Unterstützung vieler Tierfreunde geschafft, einer armen Kreatur ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, drängen sich die Gesichter der unzählbaren Wesen in den Vordergrund, die nach wie vor in unerträglichen Umständen ausharren müssen oder endgültig deren Opfer werden. Ihr Strom reißt nicht ab. Wie eine endlose Schlange reihen sie sich vor meinem inneren Auge aneinander, Leib an Leib – Leid an Leid...

Sogleich ist nicht mehr an Entspannung zu denken. Machtlosigkeit, Mitleid und große Sorge um diese Hunde kreisen in unseren Köpfen. Wir sind nun schon oft in Rumänien gewesen, doch gewöhnen kann man sich an diesen Anblick nie und er versetzt einem immer aufs Neue einen Stich. Wir sind hier um zu helfen. Doch niemals werden wir allen helfen können. Wir müssen also damit leben, regelmäßig die Augen zu verschließen, was keinem von uns jemals leicht fällt und für eine immer irgendwo in uns bestehende Traurigkeit sorgen wird.Nina Schöllhorn

Das Bedürfnis, dieses Bild einfach zu durchtrennen, den Fluss der Schlange abreißen zu lassen – dieses Bedürfnis wurde im Laufe der Zeit immer größer und ist auf meiner persönlichen Werteskala in Sachen Tierschutzarbeit zweifellos ganz oben wiederzufinden. Leider lässt sich dieses Bild in der Realität nicht einfach von einem Moment auf den nächsten durchtrennen. Dennoch existieren Möglichkeiten, den Strom irgendwann, irgendwann in der Zukunft einmal versiegen zu lassen. Kastrationsprogramme! Sie sind der Weg, um diesem Ziel nach und nach näher zu kommen. Wir befinden uns daher im regelmäßigen Austausch mit den zuständigen Behörden an den jeweiligen Einsatzorten, um Genehmigungen und offizielle Unterstützung für diese Programme zu erhalten und aufrecht zu erhalten. Mehrmals im Jahr organisieren wir Kastrationseinsätze, bei welchen nicht nur Tiere in Tierheimen und Straßentiere unfruchtbar gemacht werden, sondern bei denen auch Privatmenschen, die sich eine Operation ihres Tieres normalerweise nicht leisten könnten, die Gelegenheit erhalten, ihr Tier kastrieren zu lassen.

Der Tierärztepool ist uns bei Umsetzung unserer Bemühungen ein verlässlicher und wertvoller Tierschutzpartner geworden. Und so treten Anja Horch und ich zur Kastrationsaktion 4/2011 den Weg nach Miercurea Ciuc auch diesmal mit dem Wissen an, dass wir dort eine produktive und erfolgreiche Zeit verbringen werden. Anstrengend wird es werden – wissen wir doch, dass das Team des Tierärztepools in Sachen Kastrationszahlen immer wieder Rekorde aufstellt. Doch wir freuen uns auf diese anstrengende Zeit, da uns in Nina Schöllhorn und Melanie Stehle zwei routinierte und äußerst kompetente Tierärztinnen zur Seite stehen werden. Ein Aspekt, der für uns immense Wichtigkeit erhalten hat, da wir früher bereits leidvolle Erfahrungen mit schwerwiegenden Komplikationen bei unsachgemäß operierten Hunden machen mussten. Bei den Ärzten des Tierärztepools wissen wir, dass wir uns auf eine optimale medizinische Versorgung der Tiere verlassen können und uns keine Sorgen machen müssen. So bringen Anja und ich die rund 2000km Autofahrt bis zum Einsatzort entspannt hinter uns.

Als wir nach etwa 24 Stunden Fahrt am späten Nachmittag in Miercurea Ciuc ankommen, treffen wir die Tierärztinnen auf dem Parkplatz vor der Pension an. Sie waren bereits am Morgen eingetroffen und anstatt sich erst einmal ein wenig von der langen Fahrt zu erholen, sind sie gleich ins Tierheim durchgestartet, um sich einen Überblick über die anstehenden Dinge zu verschaffen. "Zizi werden wir am Auge operieren...einige Zahn-OPs stehen an...vier Hunde haben wir gesehen, von denen wir eine Hautprobe mitnehmen werden...Hesses Bein muss unbedingt geröngt werden...Kini hat ein kleines Mammatumor-Rezidiv, das muss raus...und in welcher Box steckt eigentlich Suma, ich habe sie noch gar nicht gesehen..." ; Nina und Melanie sprudeln vor Tatendrang und niemand käme auf die Idee, dass auch die Beiden gerade erst eine Fahrt von über 20 Stunden hinter sich gebracht haben. ; Leise breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. Genau DAS ist für mich wertvolle Tierschutzarbeit. Nina und Melanie sind gekommen, um uns dabei zu helfen, Leid durch Kastrationen zu verhindern. Dennoch haben sie das Lindern dabei nicht aus den Augen verloren. Schon jetzt kann ich mir sicher sein, dass sie jede freie Minute zwischen den Kastrationen nutzen werden, um all die anderen medizinischen Probleme anzugehen, die ihnen begegnen werden und dass sie das Tierheim nicht eher verlassen werden, bevor all dies erledigt ist. Sie kennen viele der Hunde bereits mit Namen, können sich an die einzelnen Charaktere erinnern und so spüren wir, dass nicht nur ihre fachliche Kompetenz in Miercurea Ciuc eingetroffen ist, sondern auch ihr Herz...

Bericht von Tierärztin Nina Schöllhorn
Rumänien ist für mich das Land der Gegensätze. Sie begegnen einem auf Schritt und Tritt, auch auf unserer langen Fahrt, die jedem unserer Einsätze zwangsläufig voraus geht. Zum einen die beeindruckende Schönheit des Landes, die Weite und friedvolle Ruhe der einsamen Landstriche, die einen selbst kurz innehalten und Luft holen lassen. Man hat das Gefühl, hier endlich wieder Kraft tanken zu können, zur Ruhe zu kommen und spielt schon fast mit dem Gedanken, ob es nicht möglich wäre, hier noch etwas länger zu verweilen.Doch plötzlich wird man sehr unsanft aus seinen Gedanken gerissen: Am Straßenrand eine Gruppe von Hunden, sie alle sind sehr dünn und suchen verzweifelt nach Futter, eine Hündin offensichtlich hochtragend.

Sogleich ist nicht mehr an Entspannung zu denken. Machtlosigkeit, Mitleid und große Sorge um diese Hunde kreisen in unseren Köpfen. Wir sind nun schon oft in Rumänien gewesen, doch gewöhnen kann man sich an diesen Anblick nie und er versetzt einem immer aufs Neue einen Stich. Wir sind hier um zu helfen. Doch niemals werden wir allen helfen können. Wir müssen also damit leben, regelmäßig die Augen zu verschließen, was keinem von uns jemals leicht fällt und für eine immer irgendwo in uns bestehende Traurigkeit sorgen wird. Diesmal begleitet mich Dr. Melanie Stehle, die als Tierärztin den Tierärztepool seit längerer Zeit unterstützt. Wir sind auf dem Weg nach Miercurea Ciuc, in das vom Freundeskreis Bruno Pet e.V. unterstützte Tierheim der Fundatia Pro Animalia. Es wird unser zweiter gemeinsamer Einsatz dort sein. Foto: Ingrid WeidigSchon beim letzten Mal hatten wir begonnen, auch Privat- und Straßentiere zu kastrieren. Diesmal wurde nun die Kastrationsaktion öffentlich angekündigt, da wir nun endlich die offizielle Genehmigung des Bürgermeisters vorliegen haben und man sich auch von Seiten der Veterinärbehörden über unser Kommen freut. Wir sind sehr glücklich über diese Wandlung, war man doch von offizieller Seite her bisher wenig einsichtig. Den einzigen Gedanken, den man dort hegte, war, alle Hunde möglichst schnell von der Straße zu bekommen, indem sie eingefangen und im Tierheim entsorgt wurden. Nun zeigte man sich zum ersten Mal offen für die Anliegen des Tierschutzes, was ganz sicher auf die hartnäckige Vorarbeit von Bruno Pet zurückzuführen ist.

Bei unserer Ankunft treffen wir auf Ingrid, die für zwei Monate im Tierheim lebt und alles in ihrer Macht stehende tut, um den Hunden zu helfen.Kaum angekommen warten schon die ersten dringenden Fälle auf uns, die untersucht werden müssen. Zwar besucht der rumänische Tierarzt Tibi das Tierheim regelmäßig und wird auch von seiner Kollegin Beata unterstützt, doch sind bei dieser großen Anzahl von Hunden - zur Zeit etwa 350 - die anfallenden Aufgaben für die beiden Ärzte kaum zu bewältigen. Im Laufe der vergangenen Einsätze hat sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns aufgebaut. Die beiden heißen uns herzlich willkommen und freuen sich sehr über unsere Unterstützung. Besonders schön ist, dass es sich wirklich ausgezahlt hat, dass wir Tibi in unsere Operationsmethode eingearbeitet haben. Natürlich habe ich sofort einen Blick auf die Hunde geworfen, die er in letzter Zeit kastriert hat und sie alle sehen sehr gut aus. Kleiner Schnitt, schöne Narbe - toll! Zudem ist er sehr bemüht zu lernen und ist dankbar für jeden Ratschlag. Ich operiere die erste HündinAm Abend treffen wir auf Conny, Emily und Anja von Bruno Pet. Wir alle sind voller Tatendrang und Ideen und hoffen natürlich vor allem, dass die Kastrationsaktion ein Erfolg wird. Denn wir alle sind Verfechter des präventiven Tierschutzes und sehen daher den Sinneswandel des Bürgermeisters als große Chance. Doch gleichzeitig kennen wir alle Rumänien und wissen, wie nah Freude und Enttäuschung in diesem Land beisammen liegen können.

Der nächste Tag verläuft planmäßig, es kommen reichlich Tiere von außerhalb und wir sind gut beschäftigt. So gehen auch die darauf folgenden Tage dahin, wir operieren am Fließband, sobald der Nachschub von außerhalb stockt, nehmen wir uns Tierheimhunde vor, die noch nicht kastriert sind. Auch sonst ist im Tierheim viel zu tun, natürlich gibt es diverse Bissverletzungen, Lahmheiten, Hautprobleme und vieles mehr. Foto: Ingrid Weidig Melanie bei der Kastartion eines Rüden Es werden erstaunlich viele Katzen gebracht Foto: Ingrid Weidig Erleichtert nehmen die Menschen die tiere nach der OP in Empfang.Es ist nun genau zwei Jahre her, dass ich das erste Mal im Tierheim von Miercurea Ciuc war und es hat sich viel geändert. Viele bauliche Maßnahmen wurden durchgeführt, Zwinger deutlich vergrößert, die Hundegruppen besser zusammengestellt und es existieren inzwischen Karteikarten zu jedem Hund. Auch die medizinische Versorgung hat sich sehr verbessert, wozu der neue Tierarzt Tibi entscheidend beigetragen hat und auch der Umgang der Tierpfleger mit den Hunden hat sich deutlich verändert.

T

rotz allem bleibt ein Tierheim dieser Größenordnung, in einem Land wie Rumänien, eine große Herausforderung. So hat Bruno Pet auch weiterhin zu kämpfen, die Bedingungen dort so zu gestalten, dass die Hunde Lebensqualität bekommen. Foto: Ingrid Weidig Loretta mit Conny Aissatou mit AnjaDass ein Tierheim niemals eine Lösung für die Gesamtproblematik der Straßenhunde sein kann, das wissen alle Beteiligten. Doch schließlich hat man eine Verantwortung gegenüber den Tieren, die sich nun mal jetzt dort befinden. Gleichzeitig werden aber alle Anstrengungen unternommen, um zu verhindern, dass neue Hunde überhaupt aufgenommen werden müssen. Von besonderer Wichtigkeit war in diesem Zusammenhang auch das während dieser Aktion stattfindende Treffen mit dem Bürgermeister von Miercurea Ciuc, bei dem es darum ging zu besprechen, welche Art der Zusammenarbeit zwischen dem Freundeskreis Bruno Pet e.V. und der Stadt in Zukunft möglich sein wird. Conny Haag, Anja Horch von Bruno Pet und Eva Orendi vom rumänischen Verein Fundatia Pro Animalia machten sich also mit gemischten Gefühlen auf den Weg zu ihm, ging es doch um viel. Denn alle Pläne sind doch leider immer abhängig von seiner Zustimmung. An diesem Tag waren dementsprechend alle etwas nervös. Doch dann kam die gute Nachricht: Der Bürgermeister wird auch in Zukunft kooperationsbereit sein und ist an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert. Wir werden also weiterhin Genehmigungen für unsere Kastrationsaktionen bekommen und er sieht nun auch die Wichtigkeit der Kastration der Privattiere und möchte sich hier für eine offizielle Lösung einsetzen, die uns ermöglicht, auch Hunde und Katzen zu kastrieren, die einen Besitzer haben.

Einziger, leider nicht zu übersehender, Wehmutstropfen des Gespräches: Er möchte nicht, dass Straßenhunde im großen Stil kastriert, mit Ohrmarken versehen und an den ursprünglichen Platz zurückgesetzt werden. Leider existiert auch bei ihm, wie bei fast allen Offiziellen Rumäniens die Idealvorstellung eines von Hunden komplett gereinigten Straßenbildes. Dass dies so niemals existieren kann, ist denjenigen schwer klar zu machen. Doch wir sind uns alle einig, man kann in einem Land wie Rumänien nicht mit der Tür ins Haus fallen und erwarten, dass unsere Vorstellungen genauso umgesetzt werden, wie wir uns das wünschen. Wir sind auf Kooperation angewiesen, dazu gehören Kompromisse von beiden Seiten. Wir sehen das Treffen also insgesamt als positiv und denken, dass wir einen großen Schritt voran gekommen sind.

Etwa eine Stunde von Miercurea Ciuc entfernt befindet sich eine Stadt namens Gheorgheni, welche vor zwei Jahren durch eine großangelegte, grausame Einfangaktion von über 90 Hunden bekannt wurde. Damals kamen unzählige Hunde ums Leben und der Rest von ihnen konnte durch engagiertes Eingreifen der Tierschützer vor Ort gerettet werden. Da ein Großteil dieser Hunde damals in Miercurea Ciuc untergebracht wurde, entstand ein engerer Kontakt zwischen den Tierschutzgruppen. Da sich im Tierheim von Gheorgheni eine größere Anzahl unkastrierter Hunde angesammelt hat, entschließen Melanie und ich uns dort hinzufahren um auch diese Hunde zu operieren. Wir werden vor Ort sehr herzlich empfangen und beginnen sofort mit unserer Arbeit. Wir arbeiten hier unter sehr einfachen Bedingungen und es ist sehr kalt. Da es keine Heizung gibt, wird ein Feuer entfacht. Noch nie sind unsere frisch operierten Hunde in so romantischer Umgebung aufgewacht.

Natürlich gibt es auch hier neben den Kastrationen eine Vielzahl an anderen medizinischen Problemen, die behoben werden müssen. Dennoch gelingt es uns, dort in 1,5 Tagen 34 Hunde zu kastrieren und 9 andere Operationen durchzuführen. Es entwickelt sich schnell ein vertrauensvolles Verhältnis zu den verantwortlichen Tierschützern, die uns bald ihr Herz ausschütten. Sie sind viel zu wenige, es mangelt an allem, in erster Linie natürlich an Geld. Jede Form der Unterstützung wäre dringend von Nöten. Man fragt vorsichtig nach, ob wir auch in Zukunft wieder kommen würden, nicht nur um die Tierheimtiere zu kastrieren, sondern auch für eine groß angelegte Kastrationsaktion der Privattiere. Hierfür gibt es großen Bedarf und die ortsansässigen Tierärzte hätten nichts dagegen, im Gegenteil, sie würden uns sogar ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Auch der Bürgermeister von Gheorgheni hätte nichts einzuwenden und zwei umliegende Gemeinden hätten ebenfalls großes Interesse bekundet. Diese Worte stoßen bei Melanie und mir natürlich auf offene Ohren, denn so eine Möglichkeit, für die Tiere eine große Veränderung zu bewirken, darf eigentlich nicht ungenutzt bleiben. In meinem Kopf tauchen natürlich sofort die vielen, vielen Straßenhunde auf, die uns in dem großen Industriegebiet, in dem wir arbeiteten, begegnet sind. Auch sie müssten dann unbedingt kastriert werden. Doch hierfür fehlt es neben den finanziellen Mitteln auch an Personen, die die Hunde einfangen und transportieren können, an Ausrüstung, einfach an allem. Da aber der gute Wille vorhanden ist und man uns auch von offizieller Seite keine Steine in den Weg legen würde, hoffe ich sehr, dass sich Wege finden werden, um in Zukunft auch hier helfen zu können. Vor allem auch um dem Bürgermeister Gheorghenis zu demonstrieren, dass grausame Einfangaktionen wie die vor zwei Jahren nicht nur unerwünscht, sondern auch nutzlos sind. Der Abschied fällt hier besonders herzlich und sogar tränenreich aus und man spürt deutlich, wie emotionsgeladen der Tierschutz in Rumänien im Allgemeinen ist, denn hier geht es um alles. Leben oder Tod.

Die verbleibenden Tage vergehen wie im Flug. Hier geht die Arbeit nie aus. Glücklicherweise erhalten wir nachdem Conny, Emily und Anja abgereist sind, neue Verstärkung. Tina und Anke kommen an, um uns zu unterstützen. Denn es gibt auch rund um die eigentlichen Kastrationen unglaublich viel zu tun und man kann eigentlich gar nicht genug Helfer haben. Wir sind ein nettes Team und so macht die harte Arbeit Spaß wie immer. Foto: Ingrid Weidig von li.: Joschka, Tina, ich, Melanie, AnkeAuch Loredana ist wieder eine große Bereicherung, sorgt sie doch dafür, dass wir nie zu früh Feierabend bekommen, indem sie stets zu später Stunde mit den schwierigsten OPs aufwartet. Doch sie ist jederzeit herzlich willkommen! Sie ist wohl die beste, obwohl kleinste, Hundefängerin Rumäniens. Sehr beherzt geht sie selbst mit den größten Hunden um, selten habe ich jemanden so entschlossen handeln sehen. Sie kämpft für ihre Straßenhunde, mit Leib und Seele, Tag für Tag.

Eine von Loredana gebrachte Straßenhündin hat eine durchgebrochene Pyometra = Gebärmuttervereiterung. Dies ist häufig ein Todesurteil. Doch diese Hündin ist sehr stark, sie lässt sich kaum anmerken, wie schwer krank sie ist und nach einigen Tagen Nachbehandlung kann sie auch wieder auf die Straße entlassen werden. Sie ist, wie Loredana uns berichtet, sehr glücklich, als sie wieder zurück zu ihrem angestammten Platz gebracht wird. Die lebt schließlich seit vielen Jahren vor einer Pizzeria, wo offensichtlich einiges für sie abfällt, denn dünn ist sie wirklich nicht. Foto: Ingrid Weidig Die Pizzeria- HündinSehr erfreulich ist, dass uns diesmal auch die benachbarten Roma ihre Hunde zur Kastration bringen, was sie in der Vergangenheit nicht zulassen wollten.

Besonders die letzten Tage nehmen uns alle dann plötzlich emotional doch sehr mit. Ständig sehen wir uns mit den beschriebenen Gegensätzen Rumäniens konfrontiert. In der einen Minute freuen wir uns über die Genesung eines unserer Patienten, im nächsten Moment wird uns eine todkranke Hündin gebracht, für die jede Hilfe zu spät kommt. Gerade sind wir noch glücklich, da wir ein schönes Zuhause für einen der Hunde in Aussicht haben, da stehen die Hundefänger mit einer "Ladung" vor der Türe. Die Hundefänger geben neue Hunde im Tierheim ab Schließlich werden uns immer wieder Kettenhunde gebracht, die ihr Leben unter den schrecklichsten Bedingungen verbringen müssen. Es fällt schwer, sie wieder dorthin zurück zu geben. Doch wir wissen nur allzu gut, dass es keine andere Lösung gibt. Wenigstens konnten wir dafür sorgen, dass ihr Leben ein ; bisschen erträglicher wird und es zumindest keinen Nachwuchs in diesem schlimmen Umfeld gibt.

Das Ganze gipfelt dann letztlich noch darin dass einer unserer persönlichen Lieblinge in einer Beißerei tödlich verletzt wird. Dies alles hält uns immer wieder schonungslos die Realität dieses Landes vor Augen. Trotz allem sind wir dankbar für jeden Tag, den wir hier verbringen durften und an dem wir gemeinsam so viel für die Tiere erreichen konnten. Wir haben 133 Hunde und 37 Katzen kastriert, 43 weitere Operationen und unzählige andere Behandlungen durchgeführt. ; Kurz vor Fertigstellung dieses Berichtes ereilt mich eine Nachricht, die mir für einige Minuten den Boden unter den Füßen wegzieht und mich ohnmächtig auf die Zeilen und die dazugehörigen Bilder starren lässt: 220 Dogs Killed at the Botosani Public Shelter Romania 11th May 2011
Ein Abschiedsvideo, erstellt von den freiwilligen Helfern des Tierheims, zeigt sie alle, die Opfer dieses grausamen Massenmordes. Link zum Video Kleine, große, alte und junge Hundegesichter - sie alle verschwimmen vor meinen Augen. Da entdecke ich sie, die Ohrclips - fast alle dieser Hunde waren kastriert! Das heißt, es muss ein Projekt für Straßenhunde existiert haben. Alles zerstört, zunichte gemacht, 220 Leben ausgelöscht. Sinnlos, brutal. Da sind sie wieder die Gegensätze Rumäniens. War ich eben noch voller Euphorie, auf Grund des erfolgreich verlaufenen Kastrationsprojektes und der positiv stimmenden Zukunftsaussichten, was unsere weiteren Einsätze vor Ort angeht. Da trifft sie einen wieder schonungslos, die brutale und grausame Seite Rumäniens. Sie macht einen sprachlos und trifft einen so tief im Inneren, dass man sich völlig hilflos fühlt und fragt, was man überhaupt als einzelner Mensch dieser politischen Macht Rumäniens entgegen setzen will.

Doch im selben Moment wird mir klar, dass wir niemals aufgeben dürfen dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit die Stirn zu bieten. Alle Tierfreuende, egal aus welchem Land, Mitglieder egal welches Vereins, sollten sich in diesem Thema einig sein und ihre Stimmen erheben: Wir sind Europa und leben im 21. Jahrhundert. Wir dulden keine solchen Machenschaften. Rumänien kann nicht machen was es will!

Aus bitterster Erfahrung zog ich diese eine und höchste Lehre: Man muss den Zorn in sich aufstauen, und so wie gestaute Wärme in Energie umgesetzt werden kann, so kann unser gestauter Zorn in eine Kraft umgesetzt werden, die die Welt zu bewegen vermag.Mahatma Gandhi

In diesem Sinne möchte ich Sie von Herzen bitten: Schließen Sie sich zum einen jeder Form des politischen Protestes an und unterstützen Sie uns zum anderen weiterhin bei unserer praktischen Tierschutzarbeit vor Ort, um den offiziellen Seiten die Alternativen vorzuleben, aber natürlich auch, um all die Hunde, die in diesem bedrohlichen Umfeld leben, niemals im Stich zu lassen.
Ihre Nina Schöllhorn
Für all die Namenlosen, die wir niemals vergessen werden.

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

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