Rumänien - April 2017

12.05.2017
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien vom 21.06.2016

Es ist schon seltsam, wie man an einem Land hängen bleiben kann, welches es einem kaum schwerer machen könnte zu helfen. Immer wieder zurückzukehren, Tiefschläge in Kauf zu nehmen und gegen Windmühlen anzukämpfen. Immer wieder den Transporter voll zu laden und all diese vielen Kilometer zu bezwingen, um überhaupt erst vor Ort anzukommen. Sich immer wieder all dem Elend auszusetzen, wohl wissend, dass man oft die Augen vor dem was man sieht verschließen muss, weil die Zahl der Notleidenden einfach zu groß ist.

Für mich ist daher ein bodenständiger Tierschutz wichtig, der sich an die Gegebenheiten vor Ort anpasst. Ich möchte eine Anlaufstelle bieten, natürlich in erster Stelle für die Kastration möglichst vieler Tiere, aber gerne auch für Fragen und Problemfälle. Ich erkläre immer und immer wieder, dass es nicht die Lösung sein kann, all die überflüssigen Hunde nach Deutschland zu bringen, sondern dass unsere Aufgabe ist, zu verhindern, dass es überhaupt derart viele Hunde gibt.Nina Schöllhorn

Rumänieneinsätze gehören zu den härtesten, schon immer. Ich muss gut überlegen, wem ich diese Einsätze zumuten kann, denn nicht jeder kommt mit dem zurecht, was einen dort erwartet. Es ist nicht nur die harte Arbeit an sich, sondern viel mehr das Leid, welches einen von früh bis spät umgibt. Das es einem schwer macht, nach Feierabend abzuschalten, irgendwann einmal Ruhe und Entspannung zu finden. Denn selbst direkt vor dem Hotel begegnen einem Straßenhunde, deren Zustand Wegsehen schwierig macht. Selbst nachts hört man Hundegebell und Wimmern. Schon auf dem Weg zur Arbeit begegnen einem Hunde mit gebrochenen Beinen, ausgesetzte Welpen und dergleichen mehr. Ich stehe während der gesamten Dauer eines solchen Einsatzes unter Strom. Trotzdem finde ich mich immer und immer wieder in Rumänien wieder. Es ist das Wissen um die Not, die einen immer wieder zurückzieht.

Dieses Mal macht sich erneut Rebekka mit mir auf den Weg. Schon kurz hinter der rumänischen Grenze muss man sich an den Anblick der Straßenhunde an jeder Ecke, in jedem Winkel gewöhnen. Kaum steigt man an einer Tankstelle aus, blickt man in ein hungriges Augenpaar. Man versucht dies alles möglichst auszublenden, da es nichts bringt, sich mit dem zu belasten, was man nicht zu ändern vermag. Leider hatte ich schon immer besondere Sensoren, die mich aus dem Augenwinkel schon so viel erkennen lassen, was ich lieber nicht sehen würde. So sind es meine Beifahrer gewöhnt, hin und wieder tiefe Seufzer von mir zu vernehmen. Und ganz plötzlich findet man sich in einer Situation wieder, in der man nicht mehr wegsehen kann: Ein kleiner Pekinese irrt völlig orientierungslos auf der stark befahrenen Hauptstraße umher. In Panik läuft er zwischen den vorbeirauschenden Autos vor und zurück. Wir wenden, halten an und erblicken einen zweiten Pekinesen, der ebenso wirr auf der Straße umher läuft. Wir versuchen die beiden anzulocken, doch sie starren uns nur mit aufgerissenen Augen an und ergreifen die Flucht. Wir haben keine Chance - und die beiden somit auch nicht. Es ist offensichtlich - die beiden wurden vor kurzem ausgesetzt, sie kennen nichts, wissen nicht wo sie sind. Vermutlich haben sie ihr Leben in einem Hinterhof verbracht, nie ein Auto gesehen und sehen sich jetzt mit den Gefahren dieser Welt konfrontiert. Wir sind machtlos, können nichts tun und setzen schweigend unseren Weg fort - wohlwissend, dass die beiden den Tag nicht überleben werden. Da sind wir also, Rumänien hat uns wieder.

Unser Ziel ist Slatina. Hier hat es Gratiela Ristea dank ihrer Hartnäckigkeit geschafft, die Grundsteine zu legen, die ein funktionierendes Kastrationsprojekt braucht. Die Arbeitsbedingungen in dem sich auf dem Tierheimgelände befindenden OP-Container sind sehr gut. Die Arbeiter und Helfer sind inzwischen routiniert was die Abläufe angeht, der Terminkalender voll, denn die Aktion wurde schon Wochen zuvor angekündigt. So fängt die Aktion an, ohne dass es zu Verzögerungen oder unvorhergesehenen Problemen kommt - keine Selbstverständlichkeit. Bereits am zweiten Tag werden wir gefragt, ob es nicht möglich wäre, länger zu bleiben, denn alle Termine seien vergeben und das Telefon steht noch immer nicht still. Diese Bitte abzulehnen ist nicht einfach, denn genau das wollen wir schließlich immer erreichen, dass die Leute mit ihren Tieren von sich aus zu uns kommen. Also setzen wir einige Hebel in Bewegung, verschieben das ein oder andere und machen es schließlich möglich, um eine ganze Woche zu verlängern.
Der Kontakt zur Bevölkerung ist sehr nett. Es gibt viele Menschen, die ihre Tiere offensichtlich sehr mögen und erleichtert sind, hier ihr Tier kastrieren lassen zu können, um sich nicht dem Problem des ungewollten Nachwuchses gegenüber zu sehen. Aber auch die gesundheitlichen Vorteile haben sich herumgesprochen. Oftmals können wir Hilfestellung geben in Gesundheitsfragen, Parasitenbehandlung etc.
Auch zum städtischen Auffanglager haben wir Kontakt, es werden uns Hunde zur Kastration gebracht und auch Fälle besonderer Erkrankungen vorgestellt mit der Bitte um Hilfe.

Immer wieder melden sich Leute mit fünf, zehn oder sogar mehr Hunden auf dem eigenen Grundstück. Wer in diesem Land Tiere mag, läuft natürlich Gefahr, immer wieder nicht wegsehen zu können und so mehr Tiere aufzunehmen als geplant war. Ganz schnell ist dann aber eine Situation erreicht, die für Mensch und Tier untragbar ist. Zu viele Hunde auf engem Raum geraten in Stress, es folgen Auseinandersetzungen und Beißereien. Aus Langeweile bellen die Hunde extrem viel, Stress mit den Nachbarn ist vorprogrammiert. Allein die Beschaffung ausreichender Mengen an Futter stellt ein finanzielles Problem dar. Ganz zu schweigen von Parasitenprophylaxe, welche schlicht weg unbezahlbar ist für die meisten Leute. Zecken übertragen aber gerade in Südrumänien nicht zu unterschätzende Krankheiten. Wird ein Hund krank, kann man sich den Tierarzt nicht leisten. Wenn dann noch dazu kommt, dass sich die Hunde weitervermehren, eskaliert die Situation in kürzester Zeit. So wenden sich immer wieder verzweifelte Menschen an uns, ob wir nicht einige Hunde übernehmen können. Natürlich hat sich herum gesprochen, dass Hunde in Deutschland ein besseres Leben haben. Es kursieren Fotos von Hunden auf Sofas und in Betten, umgeben von Spielzeug und ausgestattet mit schönsten Halsbändern. Gut nachvollziehbar, dass sich diese Menschen dies auch für ihre Schützlinge wünschen. Oftmals habe ich das Gefühl, sie selbst würden am liebsten mit eben diesen Hunden tauschen. Und manches Mal komme ich mir direkt ein wenig unwohl vor, wenn ich die ungläubigen Blicke sehe, wenn ich bestätige, dass die meisten Hunde in Deutschland so ein Leben führen. Die Realität in Rumänien ist eine völlig andere. Wenn es den Menschen an so vielem fehlt, kann man nicht verlangen, dass sie ihren Hunden dasselbe bieten können wie wir. Wir sollten uns hüten zu schnell zu urteilen, wenn ein Hund von Flöhen übersät ist oder eine Fraktur nicht ordnungsgemäß versorgt wurde. Wir sollten immer erst die Hintergründe betrachten. Zudem geschieht sehr vieles aus Unwissenheit, nicht aus böser Absicht.

Für mich ist daher ein bodenständiger Tierschutz wichtig, der sich an die Gegebenheiten vor Ort anpasst. Ich möchte eine Anlaufstelle bieten, natürlich in erster Stelle für die Kastration möglichst vieler Tiere, aber gerne auch für Fragen und Problemfälle. Ich erkläre immer und immer wieder, dass es nicht die Lösung sein kann, all die überflüssigen Hunde nach Deutschland zu bringen, sondern dass unsere Aufgabe ist, zu verhindern, dass es überhaupt derart viele Hunde gibt. In der Regel wird dies schnell verstanden und die Betroffenen sind zufrieden, dass wir mit Kastration und Parasitenbehandlung weiterhelfen. In einigen Fällen ist die Not jedoch so groß, dass die Tiere unweigerlich untergehen würden ohne sofortige Hilfe. Dann müssen mit den Tierschützern vor Ort Wege gefunden werden, wie diese Tiere doch übernommen werden können. Doch überall sind bereits schon zu viele von ihnen. In den Tierheimen, in den Höfen und Gärten der Tierschützer und wieder dreht sich alles im Kreis. Es sind einfach viel zu viele.

Deshalb versuchen wir alle Energie für unsere Arbeit im OP einzusetzen und für den ein oder anderen Notfall der einige Tage mit uns verbringt. Doch immer brennt sich da ein Schwanzwedeln, ein verstohlener Blick oder eine unterwürfige, hilfesuchende Geste in unsere Köpfe und wir schließen Freundschaft, geben Versprechen und reichen eine Hand, kurz bevor es zu spät ist. Es sind die Einzelnen unter ihnen, die aus der Masse hervortreten, aus welchen Gründen auch immer. Die, die unseren Weg ein Stück mit uns gehen und die wir meist am Ende in ein glückliches, sicheres Leben entlassen können. Sie sind es, die uns zeigen, welch wundervolle, einzigartige Geschöpfe sie sind und warum die Zahl von 329 operierten Tieren am Ende 329 Gesichter sind mit einer eigenen Geschichte. Sie sind es, die uns ermahnen, immer und immer wieder zurück zu kehren.

Die Aktion in Slatina war ein voller Erfolg. Größer als wir zu hoffen gewagt haben - wie sich vor wenigen Tagen herausstellte: Man ist von offizieller Seite an uns heran getreten mit der Bitte, die 4000 sich im Stadtgebiet befindlichen Hunde zu kastrieren. Man möchte ein offizielles Kastrationsprogramm für Straßentiere. Ab jetzt soll systematisch eingefangen, kastriert und wieder ausgesetzt werden. Das Töten oder lebenslängliche Wegsperren soll ein Ende haben in Slatina. Wir wagen es noch kaum zu glauben, aber es scheint der Moment gekommen, auf den wir so viele Jahre gewartet haben. Und natürlich werden wir diese Chance nutzen, denn sie ermöglicht es uns tausendfaches Leid nicht nur zu lindern, sondern zu verhindern.

Es fällt ein kleiner Lichtstrahl auf all die Hunde, die unter trostlosen Bedingungen im städtischen Tierheim sitzen und all jene, die ihnen in den nächsten Monaten und Jahren gefolgt wären. Hoffen Sie mit uns, dass es uns gelingt diese Türe vollständig zu öffnen.

Die Aktion wurde finanziert mit Unterstützung von kids4dogs e.V. und Pfotenfreunde Rumänien e.V.

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

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