Rumänien Brasov 2009

13.01.2009
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Das tief verschneite Tierheim in Brasov erwartet unseren Besuch, denn die dort angestellten Tierärzte kommen mit den Kastrationen nicht nach. So ganz verstehen wir und der Vorstand des Bmt (Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.) dies nicht, denn erstens sind dort zwei Tierärzte angestellt und zweitens waren wir doch bereits vor einem Jahr hier und haben alle Tiere kastriert. Aber man erklärt uns, dass aus der Tötungsanstalt, nicht weit entfernt, regelmäßig Hunde geholt werden, die dadurch definitiv am Leben bleiben, aber natürlich unkastriert sind. Dies sollen wir ändern.

Wer im Februar nach Rumänien reist, darf farbenblind sein. Grau ist das Wetter, grau sind die Häuser, grau sind die Industriegebäude und selbstverständlich auch der aus ihnen austretende Schornsteinqualm. Grau wirkt die Kleidung der Menschen und auch unser roter Leihwagen passt sich in dem Matsch nach wenigen Kilometern dem nicht existierenden Farbenspiel an.Hin und wieder versucht Neuschnee die Öde weiß abzudecken, aber es gelingt ihm nur kurz.Thomas Busch

Begeisterung schlägt uns nicht entgegen, war mein verfasster Bericht von damals vielleicht doch ein wenig zu undiplomatisch? Aber Schwachstellen aufzudecken und vor allem zu beseitigen, zählt mit zu dem Aufgabenbereich, den die Tierärzte des Tierärztepools abzudecken haben und Diplomatie ist unserer Ansicht fehl am Platz, wenn durch massive Fehler Tierleben ernsthaft bedroht sind. Über die Fütterung von Zwiebeln und Zitrusfrüchten als Bestandteil der Nahrungsbrühe kann man vielleicht noch hinwegsehen, nicht aber über den Bereich „steriles operieren“ oder „Quarantäne“, der lediglich Ahnungslose begeisternd mit dem Kopf nicken lässt. Der genauere Blick zu den Händen der Arbeiterin, die die Fütterung inne hat, zeigt nämlich gnadenlos auf, dass auf dem Schild „Quarantäne“ auch „Durchgangszimmer“ stehen könnte. Sie langt mit bloßen Händen in einen großen, mit Futterbrühe gefüllten Eimer, verteilt diese Pampe in jeden Hundenapf der Einzelboxen, streichelt kurz über die ihr entgegengestreckte Schnauze eines jeden, vor sich hin hustenden Hundes, wischt sich an ihrer Schürze die Hände ab und füttert anschließend die Hunde, die nicht in der Quarantäne sitzen.Solche Dinge haben wir damals schriftlich festgehalten.

Petra Zipp, Vorstand des Bmt (http://www.bmt-tierschutz.de/) bat um einen ehrlichen Bericht und hat in der Zwischenzeit viele Mängel beseitigt.So empfinden wir große Freude darüber, dass die Tieranzahl deutlich abgebaut werden konnte. Genau dieses Phänomen ist nämlich in den meisten Tierheimen der größte Casus Knacktus, denn oftmals wird aufgenommen und aufgenommen, während niemand die Kosten im Blick behält und plötzlich ist nicht mal mehr Geld für Futter vorhanden. Hier in Brasov ist die Tieranzahl mit vielen Transporten nach Deutschland deutlich zurückgegangen. An dieser Stelle auch einmal von uns ein riesengroßes Dankeschön an alle Tierheime, die Tiere aufgenommen und vermittelt haben! Weiterhin erfreut uns, dass keine Hunde mehr an der Kette hängen, sondern alle in Rudeln freie Bewegung haben. Lediglich unser tauber Freund und einige nicht sozialisierbare Hunde sind angebunden. Aber ihre Hütten sind dick mit Stroh eingestreut, so dass selbst rumänische Minustemperaturen – und das können schnell mal minus 30 Grad werden – den Tieren nichts anhaben können. Durch dichtes Fell und dick eingestreute Hütten kann ihnen die Kälte nichts anhaben.

Habe ich gerade unseren tauben Freund erwähnt? Jeder Einsatz birgt die latente Gefahr, dass es Tiere gibt, die sich auf brutalste und gemeinste Weise den Weg mitten ins Herz bahnen. Eigentlich ist das nicht erlaubt, aber auch wir sind „nur“ Tierschützer, die zwar im Laufe der Jahre eine Betonmauer um eben dieses Organ gebaut haben, aber...
So hat unser Riese die Kastration gut überstanden, leckt aber an seiner Wunde. Wir verpassen ihm einen Halskragen, den er hasst und beleidigt liegt er in seiner kargen Hütte. Besuchen wir ihn, schläft er tief und fest und hört nicht einen, unserer im Schnee knirschenden Schritte. Aber in dem Moment, an dem wir an seine Hütte klopfen, springt er wie ein Flummi hoch und freut sich überschwänglich und haut uns fast rücklings in den Schnee. Er ist ein gutmütiger Riese und wie gerne würden wir ihn von der Kette nehmen. Aber Platz für einen tauben Hund ist leider nirgends und er bleibt angebunden. Wenige Wochen später telefoniere ich mit einem Tierheim in Süddeutschland und höre zufällig, dass sie einen tauben Riesen aus Rumänien aufgenommen hatten, der ruck zuck vermittelt war. Sie können sich vorstellen, wie schön solche Nachrichten sind!

Aber zurück nach Brasov. Eine Tierärztin von damals arbeitet noch hier, während ihr Kollege nicht mehr anwesend ist. Dafür gibt es eine neue Ärztin... Gutes Personal zu finden ist eben auch in Rumänien nicht einfach.Gemeinsam operieren die beiden eine Hündin. Die Handgriffe der Kollegin, die wir bereits kennen, sind deutlich sicherer geworden, aber unseren Vortrag über steriles Arbeiten hätten wir uns vor Monaten sparen können. Leider werden wir das Gefühl nicht los, dass hier des Berufes wegen gearbeitet wird. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man einen Job im Tierschutz annimmt, weil es der Beruf oder die Berufung bestimmen. Letzteres steht nämlich immer dann im Wege, wenn es um Geld verdienen, Feierabend, Freizeit oder ähnliches geht. Unsere Kolleginnen arbeiten beruflich hier! Sie machen ihren Dienst und um 16:00 Uhr Feierabend. Bei der vielen Arbeit, die hier liegengeblieben ist, werden wir in den nächsten Tagen das Tempo um einige Gänge erhöhen.Die Kastrationen der 50 Hunde, die aus der Tötungsanstalt ausgesucht worden sind, haben wir in zwei Tagen erledigt, aber Petra bittet uns eindringlich, den gesamten Tierbestand zu untersuchen.Wir reden von ungefähr 450 Hunden!

Fast alle Tiere leiden an massiven Zahnproblemen, die seit Jahren nicht behandelt wurden. Unser Rekord ist die Extraktion von 26 Zähnen bei einem Tier.Ebenfalls finden wir Tiere, deren Kastration bereits Jahre zurück liegt, die aber mit nichtresorbierbarem Nahtmaterial genäht wurden. Die Fäden lösten sich nicht auf und bildeten teilweise eine wunderschöne Eintrittspforte für Keime, welche diese auch gnadenlos ausnutzen, um entzündete Wunden entstehen zu lassen. Und das seit so langer Zeit. Eine regelmäßige Untersuchung wäre mehr als angebracht gewesen. Hier müssen wir erneut operierenWährend wir ein Tier nach dem anderen in Narkose legen und mehr Zahnärzte als Tierärzte sind, fliegt die Tür auf und eine Arbeiterin steht mit einem Hund auf dem Arm im OP, dessen verfaultes Bein entsetzlich stinkt. Was ihm passiert ist, werden wir wohl nie erfahren, spielt aber auch eigentlich keine Rolle.Die entscheidende Frage ist vielmehr, hat ein beinamputiertes Tier hier eine Chance oder sollen wir die Euthanasie vorziehen? In einem Tierheim dieser Größenordnung begrüße ich rationales und wirtschaftliches Denken, also akzeptiere ich den Gedanken an eine Euthanasie.Da wir aber als „Tierärztepool“ glücklicherweise kein großes Tierheim besitzen und uns die Rettung jedes Einzelschicksales – wie oben bereits beschrieben - als Berufung auferlegt wurde, haben wir die Möglichkeit, den Gedanken an eine Euthanasie eben nicht zu akzeptieren!

So feiert Mr. Waage, wie wir ihn nennen unter dem großen OP-Tuch und dem malmenden Geräusch der Knochensäge seinen zweiten Geburtstag. Wir amputieren!Der Platz im Operations- und Behandlungszimmer ist mit mehreren Ärzten sehr begrenzt, da wir Mr. Waage aber vor immer mal wieder aufflammenden Viruserkrankungen schützen wollen, darf er den einzigen freien Platz belegen; die Waage. Dort darf er auch nachts liegen und als wir am nächsten Morgen eintreffen, hat sich Mr. Waage nicht einen Zentimeter bewegt. Er ist super schüchtern, aber als ich ihn auf den Arm nehme um mit ihm ein kleines Stück außerhalb des Tierheimes zu gehen, sieht er dankbar aus und entleert sich mit einem Blick, der seinen nächtlichen Druck unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Dieses Ritual gewöhnen wir beide uns an (denn auch ich muss hin und wieder mal) und anschließend liegt Mr. Waage wieder auf seinem, ihm zu seinem Namen verholfenen Platz. Er ist also stubenrein und ein außergewöhnlich liebes Tier. Sein Futter nimmt er vorsichtig, akzeptiert jeden Hund, der sich vor der Narkose in seine Richtung verirrt und bewegt sich kein Stück. Mr. Waage, einen Tag nach seiner OperationInzwischen haben wir über 100 Tiere in Narkose gelegt, um der Zahnprobleme Herr zu werden.

Die meisten Hunde sind super fett, da die Futterzusammensetzung alles andere als gut ist. Durch diese massive Fettleibigkeit verlieren wir eine Hündin in der Narkose. Wir sind uns bei dem Tier einig, keine Wiederbelebungsversuche zu starten, da sie bereits sehr alt ist.Genau diese Probleme bei fast allen Tieren in Summe (Übergewicht, hohes Alter) drücken auf unsere Stimmung. Macht die Arbeit hier Sinn? Lohnt es sich, diese alten Hunde aus der Narkose aufwachen zu lassen? Die meisten von ihnen haben mehr als 10 Zähne gezogen bekommen. Jeder von Ihnen, liebe Leser, der Zahnarztbesuche kennt, weiß von den anschließenden Schmerzen zu berichten. Macht es Sinn, diesen Tieren die Schmerzen zuzufügen, sie aus der Narkose aufwachen zu lassen, damit sie dann noch vielleicht ein halbes Jahr zu leben haben? Eine Vermittlung nach Deutschland gelingt bei alten Tieren auch so gut wie nie, denn wer möchte schon einen alten Hund haben? Unsere Gedanken sind genauso trüb wie das Wetter, denn viele der Tiere sind äußerst lieb.Selbstverständlich schläfern wir kein gesundes Tier ein, aber die Versorgung dieser hier sitzenden Hunde kostet Geld – viel Geld! Und der Gedanke, dass sie niemals eine Chance bekommen, dieses Tierheim zu verlassen, macht uns traurig. Gerade deshalb, weil sich nicht weit von hier eine Tötungsanstalt befindet, in der jeden zweiten Freitag 150 Hunde durch den grauen Schornstein geschickt werden.

Mal wieder wird uns schmerzhaft klar, dass es so etwas wie Gerechtigkeit auf unserer Welt anscheinend nicht gibt. Allerdings sind wir nicht hier, um der Ungerechtigkeit unserer Erde hinterher zu trauern, sondern wir sollen etwas verändern und verbessern. So entwickeln wir in vielen Gesprächen mit Petra Zipp die Idee, den Schwerpunkt der Arbeit in die umliegenden Dörfer zu verlagern. Da der ortsansässige Hundefänger durch seinen Job ein reicher Mann geworden ist und Reichtum auch immer mit Einfluss kombiniert ist, sucht Petra das Gespräch mit ihm und der Gemeinde. Ein guter Plan, denn Widerstand kann bei unserer Idee niemand gebrauchen. Petra erfährt, dass der Hundefänger in Brasov und in den umliegenden Dörfern mehr als genug zu tun hat und die Tierschützer nicht als Konkurrenz ansieht. Im Gegenteil, Petras Plan beinhaltet die Hilfe des Hundefängers mit dem eklatanten Unterschied, dass die Tiere nicht umgebracht, sondern kastriert wieder freigelassen werden. Der Hundefänger signalisiert Interesse an einer solchen Zusammenarbeit, da er, wie bereits erwähnt, lange nicht alle Dörfer „bedienen“ kann.

Der Fuss in der Tür - egal wie es dahinter aussieht - ist allemal besser als die Konfrontation. Petras wichtigste Aufgabe wird es also in naher Zukunft sein, Bürgermeister zu finden, die in ihrem Dorf eine Kastrationsaktion akzeptieren und gleichfalls einräumen, auch die Tiere von Privatleuten zur Kastration bringen zu dürfen.Parallel dazu wird der Tierbestand im Tierheim weiter reduziert. Dies ist sehr schwer, denn, wie gesagt, die meisten der Insassen sind alt, dick und unattraktiv. Aber wenn als Substitution immer mal wieder Tiere aus der Tötung geholt und auf die Ausreise vorbereitet werden und dadurch auch immer mal wieder Tiere des eigenen Bestandes mitgeschickt werden können, ist dies eine runde Sache.Es gibt noch viel zu tun. Viel Arbeit liegt vor dem Bmt um aus dem einst übervollen Tierheim ein Konzept zu entwickeln, was die eingesetzten Gelder effizienter umsetzt und das Elend nicht aufnimmt, sondern nicht entstehen lässt. Wir sind optimistisch, dass dieser Schritt gelingen kann und wir wünschen Petra Zipp viel, viel Glück.

Als wir am letzten Tag aufbrechen, verlässt Mr. Waage zum ersten Mal seit drei Tagen seinen Liegeplatz auf der Waage und geht, vorsichtig mit dem Schwanz wedelnd, ein paar Schritte auf uns zu. Er hat mit seinem Charme die ganze Belegschaft verzaubert, was dazu führt, dass er Wochen später im hohen Norden Deutschlands einen Ehrenplatz im Büro eines Tierheimes bekommt.Alleine für das Leben von Mr. Waage hat sich unser Besuch gelohnt und der Tierärztepool würde sich freuen, die ersten Kastrationsschritte in den umliegenden Dörfern anschieben und begleiten zu dürfen. Solange wir können, werden wir versuchen, die oftmals fehlende Gerechtigkeit auf unserer Erde zu verändern!Viel Kraft und Erfolg wünschen wir der Mannschaft des Bmt die dieses Ziel auch verfolgt!
Thomas Busch

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