Rumänien Herbst 2018 - Kontinuität zahlt sich aus

26.12.2018
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien

Seit einigen Wochen befinde ich mich bereits in Rumänien. Unser Einsatz in Slatina läuft bestens, alles ist gut organisiert und unsere Operationstage sind stets ausgebucht. Es ist eingetreten, was ich noch letztes Jahr nicht zu träumen gewagt hätte: Die Leute kommen von sich aus auf uns zu, ohne dass wir besonders viel Werbung machen müssen. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir selbst die Hunde einfangen mussten, um genug Arbeit zu haben. Irgendetwas hat sich in Gang gesetzt, der Knoten ist geplatzt.

Ein großer, blinder Hund ist in ein Loch gefallen. Er sitzt nun in dem Loch, alles andere als kooperationsbereit und man ist ratlos, was nun zu tun ist. Ich rücke also an, einige Leute warten bereits. Der Hund ist wirklich sehr groß, dazu eben blind, sehr verängstigt und deshalb angriffsbereit. Es ist offensichtlich, dass man eine Art professionelles Hundefängereinsatzkommando erwartet hat, aber sicherlich kein kleines, schmächtiges weibliches Wesen wie mich. Umso größer die Verwunderung, als sich der Hund keine fünf Minuten später in einer Transportbox befindet. Nina Schöllhorn

Die Nachfrage ist so groß, dass ich gebeten werde zu verlängern. Dies kann ich natürlich schlecht ablehnen: Jedes kastrierte Tier ist wichtig und ich möchte keines zurückweisen müssen. Organisatorisch ist dies nicht einfach, denn da Rebekka nicht länger bleiben kann, muss auf die Schnelle eine andere Assistentin gefunden werden. Materialnachschub muss bestellt werden. Doch schließlich bekommen wir alles geregelt. Ich freue mich, noch länger zu bleiben, denn ich habe das Gefühl, inzwischen sehr effizient arbeiten zu können.

Mein Bleiben hat aber einen Nachteil: Der Abgabetermin für meinen Bericht für den Jahresreport kollidiert mit meinem Einsatz. Nun sind die von Gregor gesetzten Deadlines von uns allen ohnehin nicht sehr geliebt, auch wenn wir deren Notwendigkeit natürlich einsehen. Schließlich wollen Sie alle über unsere Arbeit lesen und dazu sind Abgabetermine für unsere Berichte einzuhalten...

Während des Einsatzes einen Bericht zu schreiben ist tatsächlich fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Tage sind voll gestopft mit Dingen, die zu erledigen sind. Von früh bis spät sind wir in Bewegung und abends so erschöpft, dass trotz gutem Willen kein vernünftiger Satz mehr zu formulieren ist. Mit Schrecken fällt mir zudem ein, dass ich gar nicht weiß, worauf ich diese Sätze überhaupt schreiben soll: Ich befinde mich in einer WLAN-freien Zone, bin somit ohne Laptop unterwegs. Den Bericht also aufs Handy tippen? Oder wieder zu Blatt Papier und Stift greifen? Man kommt sich bei diesem Gedanken schon fast vor wie ins vorletzte Jahrhundert versetzt. Erschreckend eigentlich.

Ich habe nach vier Wochen Einsatz einen freien Tag und dieser soll nun dazu dienen, den Bericht zu schreiben. Ich erwache voll Zuversicht, dieses Vorhaben bewältigen zu können. Da klingelt das Telefon. Einem Hund geht es sehr schlecht, er benötigt Hilfe. Schnell raffe ich einige Dinge zusammen, auch etwas Essbares, denn man weiß ja nie, wie lange man unterwegs ist. Ich fahre also zu unserem Klinikraum, da sehe ich schon von weitem einen Hund, der vor einigen Tagen vor der Kastration aus seiner Box entkommen war und seitdem vermisst wird. Zunächst führt mich mein Weg allerdings zu dem Hund, dem es nicht gut geht. Im Anschluss an seine Behandlung mache ich mich daran, den abgängigen Hund einzufangen, was schließlich mit List und Tücke gelingt.

Ein Blick aufs Handy verrät mir nun, dass es einen Notfall gibt, ein großer, blinder Hund ist in ein Loch gefallen. Er sitzt in dem Loch, alles andere als kooperationsbereit und man ist ratlos, was zu tun ist. Ich rücke also an, einige Leute warten bereits. Der Hund ist wirklich sehr groß, dazu eben blind, sehr verängstigt und deshalb angriffsbereit. Es ist offensichtlich, dass man eine Art professionelles Hundefängereinsatzkommando erwartet hat, aber sicherlich kein kleines, schmächtiges weibliches Wesen wie mich. Umso größer die Verwunderung, als sich der Hund keine fünf Minuten später in einer Transportbox befindet.

Ich sitze wieder im Transporter, will gerade einen Bissen vom eingepackten Essen des Vortages nehmen, da klingelt das Handy. Besitzer eines vor kurzem kastrierten Hundes sind besorgt, etwas scheint nicht zu stimmen. Also, wieder zurück zur Klinik. Es erwarten mich sehr freundliche Hundebesitzer und ein sehr freundlicher Rüde, der etwas zu viel an seinem jetzt leeren Hodensack geschleckt hat. Zwei Spritzen und einige Tipps später ist auch dies geschafft. Ich mache mich auf den Weg zu einem kleinen privaten Tierheim, wo einige Hunde untergebracht sind, die ich aus der Tötung übernommen habe.

Diese müssen regelmäßig kontrolliert und das eine oder andere Problem behandelt werden. Zudem habe ich eine Interessentin für einen älteren Hund. Dieser muss allerdings leinenführig sein. Es folgt also eine etwas lustige Präsentation verschiedener Langzeitinsassen dieses Tierheims, die noch niemals zuvor in einem Brustgeschirr gesteckt haben und deren Verhalten an der Leine daher auch mehr oder weniger professionell aussieht. Der Sieger ist erstaunlicher Weise ein sehr unscheinbarer Kandidat, auf den niemand gesetzt hatte. Umso mehr freue ich mich aber, dass auf ihn nun ein glückliches Leben in Deutschland wartet - nach 10 Jahren Tierheim. Die Zeit verfliegt wie im Flug und ich mache mich auf den Heimweg. Mein Blick klebt immer am Straßenrand wenn ich in Rumänien unterwegs bin. Nicht ohne Grund. Und tatsächlich. Ich kann es kaum glauben und bringe den Transporter bei der nächsten Möglichkeit zum Stehen und laufe das Stück am Straßenrand zurück. Man hatte zwei Welpen in einem Sack entsorgt. Wie so oft. Zum Glück hatten die beiden sich befreien können, so dass ich sie überhaupt sehen konnte. Wie schon viele Male zuvor in einer solchen Situation versuche ich mir das Gesicht der Person vorzustellen, die den Sack vielleicht sogar aus dem fahrenden Fahrzeug geschmissen hat. Was ging in diesem Menschen vor? Hat er sich wenigsten einen kurzen Moment überlegt, wie qualvoll die Kleinen verenden werden? Wie lange es dauert, bis sie tot sind? Ist ihm klar, wie verzweifelt die Mutter ihre Welpen suchen wird und dass sie dass sie durch einen Milchstau große gesundheitliche Probleme bekommen könnte?

Einen kurzen Moment ertappe ich mich beim Gedanken, dass ich an diesem Tag lieber kastriert hätte, um dieses Welpenelend gar nich erst sehen zu müssen!
Aber es muss ja ab und an auch Zeit sein, sich zu erholen und Kraft zu tanken. Oder eben zwei am Straßenrand gefundenen Welpen Nassfutter einzuflößen, was wegen ihres Alters noch nicht so recht klappen mag. Ich organisiere also, dass die beiden möglichst schnell Fläschchen und Milch bekommen. Als ich abends wieder in unserer Unterkunft ankomme, warten dort noch unsere Notfälle die versorgt werden müssen. Müde und hungrig sitze ich da und bin froh, dass bald Julia als Verstärkung kommt. Sie wird mir die nächsten zwei Wochen als Assistentin zur Seite stehen. Gott sein dank kann dann wieder operiert werden. So ein freier Tag ist irgendwie anstrengender als ein OP- Tag. So kommt es mir zumindest in diesem Moment vor. Ach ja, da war noch was: Ich wollte einen Bericht schreiben...

In diesen Tagen formuliere ich den Bericht also in meinem Kopf. Während ich operiere oder längere Strecken im Transporter fahre. Ich denke nach, wie alles hier in Südrumänien vor neun Jahren begonnen hat. Ich erinnere mich an unsere erste Aktion in Bals. Dort bin ich auf die Tierfreundin Gratiela Ristea gestoßen, die uns damals half. Wir teilten ein Hotelzimmer. Bis tief in die Nacht lauschte ich ihren Erzählungen über die Situation der Straßenhunde in dieser Region. Sie erzählte über die Tötung in Slatina, über den verzweifelten Kampf ihrer Mutter gegen die Zustände dort. Ich war erschüttert, verstört, gleichzeitig aber wie gebannt und gefesselt. Ich glaube, in diesen Stunden ist etwas Grundlegendes in mir gewachsen: Ein eiserner Wille gegen diese Zustände anzugehen! Dies ist bis heute geblieben. Wann immer sich unsere Wege kreuzen, wir miteinander zu tun haben, noch immer ist dort dieses unausgesprochene Einvernehmen zwischen uns, für diese Hunde alles zu geben.

Wenige Tage nach Gratielas Erzählungen hatte ich damals Slatina besucht. Ich war zutiefst erschüttert über die Zustände dort. Nirgendwo anders in Rumänien waren mir so viele Hunde auf der Straße begegnet. Wohin ich meinen Blick auch wendete, überall hungrige, verzweifelte Hundegesichter. Viele ausgesetzte Welpen, verletzte Tiere, überall Elend. Zu dieser Zeit bot ich Gratiela an, zum Kastrieren zu kommen, wenn sie die Voraussetzungen dafür schaffen würde.

Hätte ich damals gewusst, wo wir heute stehen, ich hätte Freudentränen vergossen! Wir haben es geschafft, ausgerechnet in dieser Stadt, wo das Elend so geballt, so extrem groß war, ein positives Beispiel für unsere Arbeit aufzubauen. Unsere Kastrationsaktionen sind zur festen Einrichtung geworden. Die Idee, durch Kastrationen der Flut an ungewollten Hunden zu begegnen, ist in vielen Köpfen angekommen. Das Thema ist in aller Munde.

Schon sehr lange bin ich der Überzeugung, dass es am sinnvollsten ist, sich in einer Region festzusetzen und dort möglichst präsent zu sein. Nur so gelingt es, dort einen großen Prozentsatz der Tiere zu kastrieren. Aber auch das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Gemeinsam mit den Einheimischen ein Projekt zu entwickeln, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Gemeinsam für die Tiere, aber auch für die Menschen. Ich finde, wir haben sehr viel erreicht. Wenn ich jetzt auf Slatina blicke, dann sehe ich es in einem anderen Licht. Noch immer gibt es sehr viel Elend. Es gibt jetzt aber auch viel Positives und viel Hoffnung. Und als ich nach sieben Wochen zurück nach Deutschland fahre, merke ich, dass ich ein kleines Stück von mir in Slatina lasse. Ich fühle mich dort ein kleines bisschen Zuhause. Dass ich mich mit dieser Stadt je verbunden fühlen würde - wer hätte das gedacht? Nun, es hat sich viel geändert in den letzten neun Jahren. Auch meine Sicht über dieses Land und über die Menschen dort weg. Vieles sehe ich inzwischen mit ganz anderen Augen. Nur wer viel Zeit an einem Ort verbringt, wird auch irgendwann das nötige Verständnis für die Gegebenheiten aufbringen. Nur so, denke ich, kann ein auf die Dauer erfolgreiches Projekt entstehen. Vielleicht ist dies ja Stoff für den nächsten Bericht? Eins kann ich schonmal verraten: Nächstes Jahr werden wir unseren Radius um Slatina vergrößern. Ich bin schon sehr gespannt! Übrigens tippe ich diese Zeilen wenige Stunden nach meiner Rückkehr dann doch Zuhause in den Computer. Ich hoffe, sie schaffen es noch rechtzeitig vor dem Drucktermin in den Report.
Ihre Nina Schöllhorn

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin



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