Rumänien September 2009

04.09.2009
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien

Ich sitze in einem typischen Dacia und rolle über Rumäniens inzwischen gar nicht mehr so holprigen Straßen. Drei Stunden wird die Fahrt vom Flughafen nach Balş dauern. Meine Augen haften am Straßenrand, denn dort sind sie wieder: Rumäniens zahllose Straßenhunde. Auf der ständigen Suche nach Fressbarem laufen viele an den stark befahrenen Straßen entlang, leider oft mit verhängnisvollen Folgen. Ich kann nicht mehr mitzählen, an wie vielen überfahrenen Hunden wir vorbeikommen. Sogar kleine Welpen tapsen fröhlich ihrer Mutter hinterher - mir wird mulmig. Es sind einfach zu viele; man fühlt sich erschlagen von der großen Anzahl der Tiere. Ich habe nur einen Gedanken: Sie müssen alle kastriert werden - irgendwie.

Ein Land, in dem es schlicht und einfach zu viele von ihnen gibt. Ein Heer von Einzelschicksalen, von Individuen, die alle das Recht auf Leben haben. Sie scheinen in diesem Land zu einer Masse zu verschmelzen, über die die Behörden mit voller Willkür entscheiden und sie oft zum Spielball ihrer Politik werden lassen.Nina Schöllhorn

Balş

Umso glücklicher bin ich, nach drei Monaten wieder hier zu sein. Die Arbeit in Balş liegt mir ganz besonders am Herzen, denn hier werden neue Wege beschritten - und wie ich finde, die absolut richtigen. Wir wollen hier beweisen, dass die Zukunft des Tierschutzes in der Prävention liegt, d.h. alle Energien dafür eingesetzt werden müssen, durch Kastrationen Tierelend erst gar nicht entstehen zu lassen! Man braucht dafür kein Tierheim, im Gegenteil! Ein Tierheim behindert meist die Arbeit auf der Straße, denn es macht es den Menschen leicht, ihre Tiere dort zu entsorgen. Wozu die Hündin kastrieren lassen, wenn es doch so einfach ist, die Welpen zweimal im Jahr vor dem Tierheim abzuladen? Durch ein Tierheim wird den Menschen häufig ihre Verantwortung abgenommen. Zudem verschlingt es Unmengen an Geldern, die in der Prävention weit effektiver eingesetzt werden könnten. Dass die Hunde häufig auf der Straße besser aufgehoben sind, als in einem überfüllten Auffanglager, wie sie leider in vielen Ländern zu finden sind, haben wir schon oft erwähnt.

Natürlich ist das Leben auf der Straße hart und oftmals nicht sehr lang, die Tiere haben aber Abwechslung, Bewegung und in gewissem Rahmen auch die Möglichkeit sich selbst zu helfen - im Gegensatz zu vielen Tierheiminsassen. Die Arbeit auf der Straße, das heißt die Kastration der Straßentiere, genauso wie die der Privattiere und natürlich deren tierärztliche Versorgung in Notsituationen, gekoppelt mit der immens wichtigen Aufklärungsarbeit, sind der effektivste Weg, einer so großen Anzahl von Straßentieren zu begegnen, wie wir sie hier in Rumänien antreffen! Von dieser Vorgehensweise ist man, zu unserem großen Glück, von öffentlicher Seite aus in Balş auch überzeugt. Der letzte Einsatz war ein großer Erfolg. Die Bevölkerung ist begeistert von unserer Arbeit und es gab nicht eine einzige negative Äußerung dazu. So kann der Bürgermeister dieses Projekt auch zu seinem Vorteil nutzen, denn es eilt ihm nun ein fortschrittlicher Ruf weit über die Grenzen von Balş voraus und bringt ihm viele positive Stimmen aus der Bevölkerung. Näheres zur Projektbeschreibung, die uns von Balş vorgelegt wurde, siehe unten. Das Wiedersehen mit den Verantwortlichen fällt demnach wieder sehr herzlich aus. Die Zahl der erwarteten Privattiere ist noch größer als beim letzen Mal. Zum Glück haben wir diesmal eine ganze Woche für Balş eingeplant.

Leider sitzen Ines und Thomas mit all unserem Equipment noch mit einer Autopanne fest. Ich habe also zunächst einen Tag Zwangsurlaub. Diesen will ich sinnvoll nutzen. Ich mache mich auf die Suche nach den Hunden, die wir vor drei Monaten kastriert haben. Und tatsächlich: Sie sind da! In der ganzen Stadt verteilt sind sie zu finden, „unsere“ Hunde mit ihren Ohrmarken! Über jeden einzelnen Ohrclip, der mir begegnet, freue ich mich riesig. Es geht ihnen gut, sie sind alle gut genährt und das Schönste ist, dass viele von ihnen Menschen haben, die sich um sie kümmern. Diese Menschen sind zuerst etwas skeptisch als sie beobachten, wie ich die Hunde fotografiere. Als sie jedoch erfahren, dass ich die Tierärztin aus Deutschland bin, sind sie sofort ganz offen, bedanken sich vielmals und stellen mir einzelne Hunde mit Namen und Geschichte vor.

Außerdem berichten sie ganz eifrig von dem positiven Effekt der Kastration. Die Rüden seien viel ruhiger und freundlicher geworden und die Situation habe sich merklich entspannt. Na, also! Endlich scheint zu fruchten, wovon wir so lange versucht haben, die Menschen zu überzeugen. Natürlich begegnen mir auch ständig noch Hunden ohne Ohrmarke, doch wir werden unser bestes geben, dies schnell zu ändern. Als Ines, Thomas und unser neuer Helfer am nächsten Tag ankommen geht es natürlich sofort los, denn die Hundefänger haben schon 15 Hunde eingefangen. Schnell haben wir aufgebaut und ein Hund nach dem anderen landet auf dem OP- Tisch. Ines und Thomas legen wie immer ein irres Tempo vor - trotz langer, anstrengender Fahrt und kaum Schlaf! Unser neuer Helfer und ich arbeiten nun aber auch schon zum zweiten Mal zusammen und sind schon ganz gut eingespielt. Er wurde von Thomas sehr gut angelernt, schiebt inzwischen schon fast genauso gut Braunülen und ist auch sonst der perfekte Assistent.

Die Vorraussetzungen sind also gut, dass wir hier in einer Woche ein hohes Pensum bewältigen können. Zu unserer großen Freude ist auch Gratiela wieder da. Sie war schon beim letzten Mal unersetzbar, denn sie ist das Bindeglied zwischen uns und der Bevölkerung. Sie organisiert die Termine, klärt die Besitzer über die OP, die Vor- und Nachsorge auf und vor allem: Sie ist wirklich eine brennende Verfechterin der Kastrationsprogramme. Grund dafür ist unter anderem ihre Mutter, denn diese hat vor ein paar Jahren einen Tierschutzverein gegründet: Prietenii Nostri (rum. für "Unsere Freunde"). Innerhalb kürzester Zeit war das Tierheim in Slatina, etwa 30 km von Balş entfernt, mit 600 Hunden überfüllt. Täglich neue ausgesetzte Hunde und sogut wie keine Vermittlung, schnell befanden sich die Tierschützer in einer Sackgasse und ebenso schnell haben sie reagiert. Es wurde ein radikaler Aufnahmestopp verhängt und von nun an versucht, jede freie Energie in die Umsetzung von Kastrationsaktionen zu setzen. Leider stößt dies in Slatina von öffentlicher Seite auf taube Ohren - man hält dort leider weiter an grausamen Tötungsaktionen fest.

Doch Gratiela hofft, dass durch die zahlreichen Medienberichte über unsere Arbeit in Balş, der Druck auf die Behörden wächst, denn es gab schon zahlreiche Stimmen aus der Bevölkerung in Slatina, die ein Umdenken dort sehr begrüßen würden! Umso schöner, dass auch dieses Mal die Presse wieder erscheint und einen großen Bericht in der wichtigsten regionalen Zeitung druckt! Die Arbeit macht, wie beim letzten Mal hier, sehr viel Spaß, da der Kontakt zu den Einheimischen so angenehm und unterhaltsam ist. Was wir durch die Fenster unseres OPs beobachten, lässt uns doch regelmäßig schmunzeln: Die Kreativität der Rumänen, was die Transportmöglichkeiten ihrer Tiere angeht, kennt einfach keine Grenzen und die Tiere erdulden diese doch ungewöhnlichen Methoden mit stoischer Gelassenheit. So herrscht draußen wieder ein buntes Treiben und wir haben drinnen natürlich alle Hände voll zu tun.

Für Unterhaltung sorgen auch Ines besondere Schützlinge auf dieser Reise: Egon und Karl. Die beiden Katerchen sind immer bester Laune und haben ständig neuen Unfug im Kopf. Buffy, Ines Hündin, fühlt sich außerdem sehr für deren Körperpflege zuständig und so bieten sich uns ständig herzzerreißende Szenen. Immer wieder auch Hunde, die das eine oder andere Problem haben, das mit versorgt werden muss: Leistenbrüche, Hoden- und Mammatumoren und Augen, die entfernt werden müssen. Wir haben mehrere Zwinger zur Verfügung und können so problemlos den einen oder anderen Hund ein paar Tage länger zur Nachsorge hier behalten. Doch ein mittelgroßer Rüde hat ein etwas größeres Problem: Eine Kieferfraktur mit Luxation machen ihm die Nahrungsaufnahme fast unmöglich! Sein sehr abgemagerter Zustand macht dies nur zu deutlich. Undenkbar ihn in diesem Zustand wieder auf die Straße zu lassen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: einschläfern oder operieren. Wir entscheiden uns ohne zu zögern für sein Leben. „Ariciu“ wartet inzwischen in Deutschland auf ein Zuhause.

Am vorletzten Tag landet plötzlich ein dünner Hund nach dem anderen auf meinem Tisch. Diese Tiere sind in keinem guten Zustand und ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie. Natürlich versorgen wir sie, solange sie hier sind so gut es geht mit Futter. Ich habe noch nie in meinem Leben Tiere mit einem solchen Hunger gesehen. Sie alle sind so reizend. Im ersten Moment nur ängstlich, fast schon panisch. Spricht man jedoch nur ein paar liebe Sätze mit ihnen, wandelt sich ihr Blick: Sie schauen einen verwundert an, als hätten sie noch nie freundliche Zuwendung erfahren. Sie können nicht genug bekommen von menschlicher Nähe und Wärme. Diese Blicke, diese Dankbarkeit - ich werde sie nie vergessen. Und sie schnüren mir die Kehle zu, denn ich würde nichts lieber tun, als ihnen allen ein Leben in Sicherheit zu versprechen, doch ich kann es nicht. An Abendessen ist nicht mehr zu denken und auch nachts finde ich keine Ruhe.

Am nächsten Morgen fahren wir los, ich möchte wissen, wo diese Hunde herkommen, denn sie scheinen wirklich keine guten Lebensbedingungen zu haben. Schnell wird mir einiges klar: Die Hunde leben in einem großen Zigeunerlager und einem außerhalb gelegenem Fabrikgelände. Die Menschen, die hier leben, befinden sich in keiner besseren Situation als die Hunde! Und es sind endlos viele Hunde. Wir haben es hier einfach mit einer völlig anderen Situation zu tun, als in Ländern wie Deutschland. Natürlich sagt einem das Herz, man möchte diese paar armen Hunde retten und in Sicherheit bringen. Aber dies ist hier einfach unmöglich. Es sind nicht nur ein paar, es sind Hunderte. Das Leben hier ist mehr als hart. Wir können den Hunden Erleichterung verschaffen, indem sie sich in Zukunft nur noch auf sich konzentrieren können und nicht zusätzlich auch noch Energien für ihren Nachwuchs aufbringen müssen. Jedes Leben, das nicht in dieses Umfeld geboren wird, ist unseren ganzen Einsatz wert.

Wir können sie nicht schützen, vor allem was in Zukunft kommen mag. So schwer es mir fällt, aber man muss hier einen klaren Kopf bewahren, denn die Realität ist hart.Unsere Woche in Balş neigt sich dem Ende zu und wir wurden vom Bürgermeister zu einem abschließenden Essen eingeladen. Was sehr positiv auffällt ist, dass man Rücksicht auf unsere vegetarische - und für hiesige Verhältnisse - somit völlig ungewöhnliche Lebensweise, nimmt. So landen auch auf den Tellern der anderen ausschließlich Kartoffeln, Pilze und Salat. Jedoch nur in sehr kleinen Mengen, denn die Begeisterung hält sich auf ihrer Seite sehr in Grenzen. Wir jedoch machen uns wie ausgehungerte Piranhas über das gute Essen her. Man weiß ja nie, wann man das nächste Mal etwas Warmes zwischen die Zähne bekommt.

Der Bürgermeister ist auch dieses Mal sehr erfreut über unser Ergebnis von 294 Kastrationen (148 Hündinnen, 79 Rüden, 54 Kätzinnen und 13 Kater) und 41 weiteren Ops. Er betont, dass er sich freuen würde, uns möglichst bald wiederzusehen. Zudem berichtet er von einem Phänomen, das in den Tagen unserers Aufenthaltes aufgetreten ist: Immer wieder sind Bauern umliegender Dörfer mit ihren Kutschen nach Balş gefahren und haben dort ihre überzähligen Hunde ausgesetzt. Offensichtlich hatte sich schnell herumgesprochen, dass hier etwas für die Hunde getan wird. Diese Entwicklung ist natürlich kontraproduktiv, zeigt aber sehr deutlich die Wichtigkeit auf, unseren Radius zu vergrößern und uns bei den kommenden Aktionen auch auf die umliegenden Dörfer zu konzentrieren. Eine nahegelegene Gemeinde hat schon angefragt, ob wir nicht beim nächsten Mal auch dort kastrieren könnten. Wir verabschieden uns herzlich und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!

Miercurea Ciuc

Wir machen uns auf den Weg nach Miercurea Ciuc. Auch dort ist wieder unsere Hilfe gefragt. Es kam in den letzten Monaten leider wieder zu zahlreichen Neuzugängen, die nun kastriert werden müssen. Zudem gibt es auch einen neuen Tierheimtierarzt, der hochmotiviert, aber was Kastrationen angeht, noch nicht sehr geübt ist. Er würde gerne von uns in unsere Technik des schnellen, aber gleichzeitig für das Tier sehr schonende und sichere Kastrieren eingelernt werden. Ich sehe Miercurea Ciuc mit gemischten Gefühlen entgegen. Zum einen freue ich mich sehr, Meli wieder zu treffen. Auch einige der Hunde, vom letzten Mal möchte ich gerne wiedersehen. Zum anderen haben wir erfahren, dass sich die Situation vor Ort trotz aller Bemühungen von BrunoPet weiter zuspitzt.

BrunoPet versucht unaufhörlich die massenhafte Aufnahme von immer neuen Hunden zu stoppen, was auf rumänischer Seite jedoch auf taube Ohren stößt. Fast jeden Tag erscheint das Müllauto mit immer neuen Hunden, von den am Tor abgegebenen Hunden ganz zu schweigen. Das Tierheim ist aber längst überfüllt und die Versorgung dieser großen Anzahl von Hunden sprengt jeden Rahmen. Doch auch das Angebot Straßenhunde und Privattiere kostenlos zu kastrieren, um so die Zahl der ungewollten Tiere zu reduzieren, stößt von öffentlicher Seite auf hartnäckige Ablehnung. Ein sehr schwieriger und deprimierender Zustand. Im Tierheim angekommen treffen wir auf Meli. Sie hält hier wirklich tapfer die Stellung und gibt ihr Möglichstes für die Tiere. Kein leichtes Unterfangen, angesichts der Menge von Tieren, mit denen sie überschwemmt wird, und der Ignoranz und Gleichgültigkeit, auf die sie jeden Tag bei den Menschen hier stößt.

Der neue Tierarzt, Tibi, ist sympathisch und bringt offensichtlich die nötige Tierliebe mit, die erforderlich ist, um in einem Tierheim zu arbeiten. Er ist sehr interessiert und fasziniert von unserer Arbeit. Ines zeigt ihm mit großer Geduld Schritt für Schritt die entscheidenden Handgriffe. Das größte Problem ist hierbei leider die Sprachbarriere. Zum Glück ist ihm bewusst, dass man innerhalb weniger Stunden kein perfekter Chirurg wird. So hofft auch er auf ein baldiges Wiedersehen, um seine Technik weiter zu verbessern. Natürlich gibt es auch hier, neben den üblichen Kastrationen, das ein oder andere Sorgenkind, das uns Meli präsentiert. So zum Beispiel Shoshoni, die vor einer Woche morgens mit einer riesigen Wunde in ihrem Zwinger gefunden wurde. Keiner wusste, wie es dazu kommen konnte. Shoshoni ist zudem eine sehr unsichere Hündin, die eigentlich gar keine menschlichen Berührungen duldet. Keine guten Vorraussetzungen für eine ordentliche Wundbehandlung und eine schnelle und schöne Wundheilung.

Thomas nutzt während unseres Aufenthaltes jede freie Minute, um mit ihr Freundschaft zu schließen - nicht ohne Erfolg. Da Ines, um die Heilung zu beschleunigen, Shoshoni operieren will und dafür eine optimale Nachsorge gewährleistet sein muss, entschließt sich Thomas, sie mit nach Deutschland zu nehmen. Da ist außerdem Nelly, die Ines ganz besonders am Herzen liegt. Ihr Sticker-Sarkom, ein vaginaler Tumor, erfordert unbedingt eine Chemotherapie. Auch sie wird mit uns kommen und von Ines in den nächsten Wochen die bestmögliche Versorgung erhalten. Ich besuche außerdem Darwin, dessen Lefze ich beim letzten Mal geflickt hatte. Ich freue mich sehr, wie gut alles verheilt ist. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass ich knapp zwei Wochen später die Nachricht erhalten werde, dass Darwin morgens völlig unerwartet tot im Zwinger aufgefunden wurde.

Während unseres Aufenthaltes wird uns ein Welpe gebracht. Offensichtlich hatte man der kleinen Hündin, als sie noch ganz winzig war, einen Strick oder ähnliches um den Hals gelegt, welcher im Laufe der Zeit eingewachsen ist. Das ganze ist jetzt eine Mischung aus Narbengewebe, eitrigem Sekret und jeder Menge Schmutz und verströmt einen abscheulichen Geruch. Nicht auszudenken, was die Kleine in den letzten Wochen durchgemacht hat - ihr Blick jedenfalls spricht Bände. Sofort landet sie auf dem OP-Tisch. Die OP wird komplizierter und langwieriger, als ich mir gedacht hatte, denn die Verletzungen gehen bis durch die komplette Muskulatur, bis hin zur Luftröhre. Dass die Hündin überhaupt noch ihren Kopf bewegen konnte ist fast ein Wunder. Während der langen OP tut mir dieses kleine Wesen so entsetzlich leid, dass ich das Gefühl habe ihr symbolisch einen besonderen Schutz verleihen zu müssen und so geben wir ihr den Namen: Nines.

Nines übersteht die Operation überraschend gut und ist eine unglaublich tapfere Maus - und das Ergebnis lässt sich wirklich sehen. Erfreulicherweise werden uns diesmal auch einige Straßenhunde zur Kastration gebracht - zumindest ein Anfang! Unseren letzten Abend füllen dann leider noch zwei unschöne Erlebnisse. Unser Helfer wird, als er den letzten zu kastrierenden Hund in Narkose legen will, von diesem übel gebissen. Es ist Bundas, ein großer stattlicher Rüde. Erst seit kurzem lebt er im Tierheim und hat bisher nur schlechtes von der Menschheit erfahren.

Kurz darauf fährt das Müllauto vor. In ihm sitzt diesmal zum Glück nur ein Hund. Doch auch einer ist schon zu viel, denn das Tierheim ist sowieso schon überfüllt und so gilt es erstmal ein freies Plätzchen zu suchen. Es handelt sich um eine völlig verängstigte Hündin, die aus reiner Panik schließlich auch noch Thomas beisst. Dieser hatte nur die besten Absichten, wollte er sie doch aus dem Käfig nehmen, um ihr die unsanften Methoden der Hundefänger zu ersparen Doch woher soll dieses arme Wesen wissen, dass es hier plötzlich einer gut mit ihr meint? Wir verabschieden uns. In unserem Auto sitzen einige Glückspilze, die durch ihr meist besonders hartes Schicksal nun die Chance bekommen, dem Land den Rücken zu kehren, in dem es anscheinend keinen Platz für sie gibt. Ein Land, in dem es schlicht und einfach zu viele von ihnen gibt. Ein Heer von Einzelschicksalen, von Individuen, die alle das Recht auf Leben haben. Sie scheinen in diesem Land zu einer Masse zu verschmelzen, über die die Behörden mit voller Willkür entscheiden und sie oft zum Spielball ihrer Politik werden lassen.

Die beiden Beispiele Balş und Miercurea Ciuc machen dies mehr als deutlich. Auf der einen Seite Balş, mit einem fortschrittlich denkendem und für neue Impulse offenen Bürgermeister, der somit den Weg einer humanen Lösung des Problems beschreitet. Auf der anderen Seite die fatale Situation in Miercurea Ciuc, hervorgerufen durch völlige Ignoranz von Seiten der Behörden und leider auch Sturheit der restlichen rumänischen Verantwortlichen, die somit jegliches sinnvolle Vorgehen, um die Situation auf der Straße zu verbessern, fast unmöglich machen. Wir kommen wieder, das ist keine Frage. Denn wir wissen nur zu gut, dass es sich bei den hunderttausenden Straßenhunden um Shoshonis, Aricius und Nellys handelt.
Ihre Nina Schöllhorn
für Darwin

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin



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