Rumänien September 2016

09.12.2016
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien vom 21.06.2016

Rumänien hat es vor einigen Jahren geschafft auf Platz eins der Länder zu landen, die mit den meisten Schreckensmeldungen in Sachen Hundeelend aufwarten können. Seit dem lässt der Strom an grauenvollen Bildern und Berichten von untragbaren Zuständen nicht nach. Die ganze Welt scheint zu wissen was vor sich geht. Es ist kein Geheimnis, dass dort eine unüberschaubar große Zahl von Hunden in städtischen Auffanglagern dahinvegetiert. Es ist bekannt, dass nirgends die vorgeschriebenen Mindeststandards für Tierhaltung eingehalten werden. Es gibt genügend Dokumentationen, die beweisen auf welch grauenvolle Weise mit Lebewesen umgegangen wird, wie sie misshandelt, brutal getötet oder einfach einem langsamen Siechtum überlassen werden. Man weiß seit langem, dass das Einfangen, Einkasernieren und letztlich Verendenlassen der Hunde keine Reduzierung der Zahl der Hunde auf den Straßen nach sich zieht. Seit langem sind Kastrationsaktionen in aller Munde.

Doch warum ändert sich dann nichts?
Wie ist es möglich, dass diese himmelschreienden Zustände weiter geduldet werden?

Doch jeder, der in diesem Land in Sachen Tierschutz unterwegs war, der weiß, dass es keine Option ist, Rumänien den Rücken zu kehren. Denn es wäre nicht das Land an sich von dem wir uns abwenden, sondern von seinen Tieren. Und genau diesen Tieren haben wir in die Augen geschaut.Nina Schöllhorn
  • Der immer gleiche Anblick in Rumaenien - hoffnungsvolle Blicke aus verdreckten Zwingern
  • Welpen ueber Welpen - kein Ende in Sicht
  • Eine Futterschuessel ist oft der einzig saubere Platz in rumaenischen Tierheimen
  • Welpen - ausgesetzt im Wald versuchen sie mit ihrer Mutter in einem Erdloch zu ueberleben

Leider ist die erste Antwort: Geld. Noch immer bereichern sich gewisse Personenkreise an dem Thema Straßenhund durch das geschaffene System des Einfangens, Wegsperrens, Tötens. Diese Strukturen zu durchbrechen scheint unmöglich.
Die zweite Antwort ist meines Erachtens: Resignation. Rumänien scheint durch seine Vergangenheit regelrecht paralysiert. Die Bevölkerung verharrt regungslos, abwartend, hoffend auf bessere Zeiten. Eigeninitiative ist sehr selten gesehen. So mangelt es an Aktiven im Tierschutz wie nirgendwo anders. Einige wenige reiben sich an dem Thema auf, arbeiten bis zur Erschöpfung und verlieren sich schließlich meist selbst in dem Elend welches sie umgibt. Wir stehen also einem enorm großen Land gegenüber, welches eine uferlose Menge an Leid in sich birgt. Wir sind bereit zu helfen, alles zu geben für diese Tiere, was wir können. Doch uns werden Hürden entgegengestellt, die so hoch und zahlreich sind, dass man daran tatsächlich verzweifeln könnte. Natürlich gibt es Stimmen, die die Meinung vertreten, dass man diesem Land den Rücken kehren sollte, wenn es so offensichtlich jede Form der Hilfe in Sachen seiner Straßenhundeproblematik ablehnt. Natürlich kann man auch anderswo Tieren helfen und hat dabei einen weniger steinigen Weg vor sich.

Doch jeder, der in diesem Land in Sachen Tierschutz unterwegs war, der weiß, dass es keine Option ist, Rumänien den Rücken zu kehren. Denn es wäre nicht das Land an sich von dem wir uns abwenden, sondern von seinen Tieren. Und genau diesen Tieren haben wir in die Augen geschaut. Wir haben all ihr Leid gesehen, all ihre Traurigkeit und all das Unrecht, das ihnen widerfahren ist. Diesem Blick stand zu halten ist nur möglich, in dem man sich ein Versprechen abringt, und zwar das, wieder zu kommen, nicht aufzugeben, weiter für den richtigen Weg zu kämpfen.

Sich in Rumänien zu bewegen, sei es auf den langen Straßen quer durchs Land oder auch nur auf kleinen Wegen in der schönen Natur, ist eine Herausforderung an unsere Psyche. Es begegnen uns auf Schritt und Tritt Schicksale, die uns mitten ins Herz treffen. Die ein sofortiges Handeln unumgänglich machen, die ein Weitergehen an sich unmöglich machen, da die Konsequenz dessen offensichtlich und für uns nicht zu akzeptieren ist. Ich schreibe bewusst an sich. Denn leider können wir nicht allen helfen. Es sind viel zu viele. Es sind endlos viele Einzelschicksale, deren Rettung so zeitintensiv ist, dass wir uns darin gänzlich verlieren würden, wenn wir uns darauf einlassen würden. Wir würden uns in der Pflege dieser Tiere gänzlich aufreiben, hätten in kürzester Zeit ein Tierheim welches all unsere Kraft und Energie - ganz zu schweigen vom Geld - verschlingen würde. Wir hätten schlicht keine Zeit mehr uns um unsere eigentliche Aufgabe, das Kastrieren zu kümmern. Und genau das ist der Punkt: Wenn wir nicht all unsere Energie in das Verhindern von Leid einbringen, dann werden wir uns immer weiter im Kreis drehen und versuchen Leid zu Lindern.

Es werden weiterhin unendlich viele Welpen geboren werden, die auf die verschiedensten Arten entsorgt werden und keinerlei Chance auf Überleben haben. Es wird einen niemals enden wollenden Strom an nachfolgenden Elendsgestalten geben, die nach unserer Hilfe schreien. Es wird niemals ein Ende geben für all das Leid. Rational gesehen ist die Lösung einfach. Wir müssten uns hinter unserem OP-Tisch verschanzen und von früh bis spät operieren. Wir müssten all das Elend um uns herum ignorieren, ausblenden, nicht an uns heranlassen. Dann würden wir die größtmögliche Zahl an Tieren operieren können und effektiv am meisten Leid verhindern können.

Praktisch gesehen sind wir Menschen. Wir sind Menschen mit nicht zu wenig Empathie ausgestattet, denn ansonsten hätten wir uns wohl für einen anderen Lebensweg entschieden. Wir sind Menschen, die beim Spaziergang mitten im Wald einen in einem Sack ausgesetzten Welpen finden und natürlich nicht an ihm vorbei gehen können. Wir sind Menschen, die am Vorbeifahren ein Hundekind mit gebrochenem Bein entdecken und dies nicht ignorieren können. Wir sind Menschen, zu denen ein Hund wie Kouki mit schlimmsten Verletzungen gebracht wird und wir sie natürlich nicht wegschicken. Wir sind Menschen, die ausgesetzte, verhungernde Hundemütter, verängstigt über ihren neugeborenen Welpen mitten im Nirgendwo in einem Erdloch kauernd nicht einfach vergessen können. Wir sind dadurch weniger effizient. Doch wir sind menschlich. Ist es nicht das, was einem Land wie Rumänien fehlt? Menschlichkeit im Umgang mit seinen Tieren?

Wir machen während unserer Einsätze also stets einen Spagat. Einen Spagat zwischen möglichst effektiver Arbeit am OP-Tisch, um die Überpopulation so gut es geht einzudämmen, und der Hilfestellung für einzelne Schicksale, die uns entgegen gespült werden. Wir müssen in diesen Momenten stets abwägen. Ein kurzes Analysieren der Gesamtsituation in der sich ein Lebewesen befindet. Ist Überleben ohne unsere Hilfe möglich? Glauben Sie mir, wann immer wir einem Tier in Not den Rücken kehren müssen, wann immer ich mich flüstern höre: ?Es tut mir leid, Du musst Dir selber helfen, wir können Euch nicht alle retten.?, dann herrscht eine ganze Weile eisige Stille. Traurige, verzweifelte Stille, weil uns die Hände gebunden sind - um einem Land in dem das Elend zu groß ist, um es wirklich greifen zu können.

Doch es gibt auch die Momente, in denen ein Lebewesen in größter Not vor uns steht und es einfach keine Fragen mehr gibt, es innerhalb von Sekunden klar ist, dass dieses Leben jetzt zu uns gehört, wir es unter unseren Schutz stellen und umgeben von Angst, Kälte, Schmerz und Hunger ebnen wir ihnen den Weg in eine sichere Zukunft. Auf diese Tiere müssen wir unseren Fokus lenken und nicht auf all die verlorenen, ansonsten würden wir verzweifeln an unserer Aufgabe. Genau diese Tiere sind es auch, die uns vor Augen halten, dass es sich nicht um ein Land mit einem sogenannten Straßenhundproblem handelt, sondern ein Land voller einzigartiger, unverwechselbarer Wesen, die gänzlich ohne ihr Verschulden in eine chancenlose Zukunft geboren wurden. Diesen den Rücken zu kehren ist mir unmöglich.

Wir haben Wege gefunden, die es uns möglich machen unsere Arbeit in Rumänien fortzusetzen. Im September diesen Jahres fand eine Kastrationsaktion in Slatina statt, welche ein sehr großer Erfolg war. Der dortige Tierschutzverein hat optimale Arbeitsbedingungen und sehr gute Rahmenbedingungen geschaffen, so dass es zu einer reibungslosen Aktion kam. Die Nachfrage aus der Bevölkerung war derart groß, dass wir viele Tiere abweisen mussten, was uns bekanntermassen nicht leicht fällt. Aus diesem Grund haben wir uns für eine nachfolgende Aktion im Januar entschieden, auch wenn es uns der rumänische Winter nicht unbedingt leicht machen wird. Wann immer wir die Chance haben direkt an der Wurzel gegen das Elend vorzugehen, sollten wir dies tun. Und am gezieltesten ist uns dies, so wie in Slatina, durch die Kastration von Privattieren möglich.

Des weiteren waren wir in einem Dorf nördlich von Suceava aktiv, hatten dort aber sehr mit der mangelhaften Aufgeklärtheit der Bevölkerung zu kämpfen. Gerade im ländlichen Raum ist Kastration ein Fremdwort und die Entsorgung überflüssigen Nachwuchses das Standardprogramm. Daher wird es, gerade was die Dörfer angeht, ein besonders steiniger Weg dort Fuss zu fassen.
Wir sind aber weiterhin mit verschiedenen Stellen in Rumänien in Kontakt um Rahmenbedingungen zu schaffen, die unsere Arbeit in weiteren Teilen Rumäniens möglich machen.
Der Weg ist ein sehr beschwerlicher, doch jeder einzelne dieser Hunde ist es wert ihn zu gehen.

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin



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