Rumänien - Sommer 2013

14.07.2013
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien

Dreizehn Wochen waren wir dieses Jahr schon in Rumänien im Einsatz. Aufgeteilt auf zwei große Einsätze, war ich abwechselnd mit meinen Assistenten Christina Schomann, Jacqueline Hess und Gregor Uhl unterwegs.Dies ist eine lange Zeit. Zu Beginn unserer Arbeit in Rumänien nahm ein Einsatz in der Regel 1-2 Wochen in Anspruch. Inzwischen bin ich mindestens 6 Wochen am Stück vor Ort. Zum einen kommen mehr und mehr neue Städte hinzu, die mit in unser Programm aufgenommen werden. Zum anderen werden die Einsätze an den einzelnen Orten länger, da man vor Ort immer besser organisiert ist und auch längere Einsätze bewältigt werden können, bzw. die Nachfrage inzwischen so groß ist, dass man immer mehr Tage braucht, um diese abdecken zu können.

Ganz ehrlich, angesichts von hunderten von Hunden, die eingepfercht um Hilfe winseln, habe auch ich nicht die Geduld so lange zu warten. Der Anblick von Kettenhunden, die in ihren eigenen Exkrementen leben, ist auch für mich kaum zu ertragen. Die ausgesetzen Welpen am Straßenrand haben auch nicht die Zeit so lange zu warten.Nina Schöllhorn
  • ein tescht

Dies ist ein sehr großer Erfolg und zeigt wie dringend nötig unsere Arbeit in Rumänien ist.Wir arbeiten seit Anbeginn mit dem Freundeskreis BrunoPet e.V. zusammen: www.freundeskreis-bp.de. Zunächst nur in MiercureaCiuc, zwischenzeitlich auch in Gheorgheni und seit neuestem hat sich BrunoPet auch des kleinen Kurortes Tusnad angenommen. Nach wie vor gilt aber deren Haupteinsatz Miercurea Ciuc, so dass wir seit mehr als 5 Jahren mehrmals im Jahr dort tätig sind.

Ebenso von Anfang an, besteht die Zusammenarbeit mit dem BMT: www.bmt-tierschutz.de. Zunächst war dort der Haupteinsatzort Brasov. Inzwischen sind Targu Mures, Sighisoara (mit Viscri und Radeln), Balş und Suceava hinzugekommen.

Ebenfalls arbeiten wir mit der Initiative Karpatenstreuner zusammen, die sich der Situation in Gheorgheni angenommen haben: www.karpatenstreuner.deEin weiterer Partner ist Tasso, die die Arbeit in Balş unterstützen: www.tasso.net Ein kleiner Ort, den wir inzwischen ebenfalls regelmäßig aufsuchen, ist Balan, die ehemalige Minenstadt. Dieses Projekt, ebenso wie andere auch, findet Unterstützung von "kids4dogs": www.foerderschule-sulzbach.de 

Die Planung der Einsätze wird immer aufwändiger und erfordert teilweise einiges an Geschick. Schließlich müssen alle Termine so gelegt werden, dass eine sinnvolle Route durch Rumänien ermöglicht wird. Alle Beteiligten und deren Terminkalender abzustimmen, meine Assistenten und die Helfer vor Ort, stellt einen manchmal vor kaum lösbare Aufgaben. Natürlich muss auch am Einsatzort sehr viel geplant und bedacht werden, um effektives Arbeiten zu ermöglichen. In der Regel bringen wir das gesamte Equipment mit, nicht nur für die Operationen, sondern auch alles Benötigte rund ums Hunde-/ Katzenfangen, inklusive Transportboxen, Fallen, Blasrohr etc. Auch alles, was wir für die Versorgung der vielen Notfälle benötigen, muss an Bord sein: Decken, Handtücher in großen Mengen, Futter, Näpfe, Leinen, Halsbänder und so weiter. Dies alles erfordert auch ein geeignetes Fahrzeug. Unsere Privat- PKWs waren schon längst an ihre Grenzen gestoßen. Zum großen Glück bekommen wir seit diesem Jahr einen Transporter vom BMT für unsere Rumänieneinsätze zur Verfügung gestellt.

An den Orten, die seit langem dabei sind, herrscht inzwischen eine gewisse Routine. Wir kennen die Gegebenheiten dort und wissen, auf was wir uns einstellen müssen. Ebenso kennen die Helfer die Abläufe. Immer besser werden auch die Aufklärungsarbeit und die Werbung vor unserem Eintreffen. Immer mehr Menschen wissen, worum es geht, das Thema Kastration erreicht mehr und mehr Menschen.

Während ich gerade mitten in den Vorbereitungen zum nächsten, dem dritten Einsatz in diesem Jahr stecke, erreicht mich die Frage einer Tierfreundin: "Wird sich denn überhaupt jemals etwas ändern?" Und: "Wie haltet Ihr dieses Elend nur tagtäglich aus?"Ich halte inne. Und suche nach einer ehrlichen Antwort, zunächst auf die erste Frage:Da wir all diese verschiedenen Anlaufstellen in ganz Rumänien haben, wird uns ein sehr umfassender Einblick in das gesamte Thema "Hund" in diesem Land gegeben. Dieses ist leider nach wie vor sehr problematisch. Trotz aller Freude über unsere sich ausbreitende Arbeit und die zunehmende Akzeptanz - nüchtern betrachtet sind Hunde nach wie vor Spielbälle der Politiker, deren Willkür sie hilflos ausgeliefert sind. Letztendlich hängt es immer davon ab, für welches Wahlkampfthema sich der jeweilige Bürgermeister entschieden hat. Immer wird das Straßenhundproblem zum Stimmenfang während der Wahlen benutzt, das neben den maroden Straßenverhältnissen, eines der wichtigsten Themen zu sein scheint, das die Bevölkerung bewegt. Jeder ist einer Meinung, die Straßenhunde müssen weg, nur auf welche Art und Weise, darüber lässt sich streiten. Da es inzwischen- nicht zuletzt dank der vehementen Proteste aus dem Ausland- sehr unpopulär geworden ist, sich öffentlich für die Tötung der Hunde auszusprechen, schlägt man nun lieber den Weg ein, die Hunde wegzusperren, wohin auch immer. Einige Bürgermeister lassen sich aber auch überzeugen, dass der einzige Weg, das Problem jemals zu lösen, die Kastrationsaktionen sind. Unser Ziel ist es, mehr und mehr Bürgermeister in diese Richtung zu bringen. Leider ist dies alles andere als ein leichtes Unterfangen und ich bin sehr froh, dass wir inzwischen mit dem Tierrechtler Claudiu Dumitriu hierfür einen äußerst kompetenten und erfahrenen Partner gefunden haben, der die politische Arbeit und den Kontakt zu den Behörden übernimmt. Er kennt die Gesetzeslage im Detail, ist bestens mit der rumänischen Mentalität vertraut und geschickt in Verhandlungen.

Fakt ist, dass in der Regel jede Gemeinde einen Vertrag mit einer Firma oder einem Verein abschließt, der sich um das Straßenhundeproblem kümmern soll. D.h. so viele Hunde wie möglich sollen von der Straße verschwinden, letztendlich egal wohin. Aus den Augen aus dem Sinn. So werden Hunde im großen Stil eingefangen und in die unterschiedlichsten Arten von Sammelstellen gebracht, den Namen Tierheim verdienen die allerwenigsten. Häufig handelt es sich um alte Schweineställe, meist ist der Zugang der Öffentlichkeit verwehrt und immer wieder wird aufgedeckt, dass solche Firmen, gute Verträge mit Tierkörperbeseitigungsfirmen haben, was dies bedeutet liegt auf der Hand. Hunde verschwinden im großen Stil, auch Privathunde, die von ihren Besitzern verzweifelt gesucht werden. Eine andere recht neue Erscheinung ist es, Hunde von einer Stadt in die nächste zu bringen, d.h. sie dort nachts einfach auszusetzen. Eine einfache Art , sich des Problems zu entledigen. Natürlich gibt es auch viele Tierheime, in städtischer oder privater Hand. Sie alle haben dasselbe Problem: hoffnungslose Überfüllung. Die Flut an Hunden, die von den Hundefängern gebracht, vor dem Tor ausgesetzt oder von Privatleuten abgegeben wird, ist nicht zu beherrschen. So ist man in den allermeisten Tierheimen weit entfernt von einer artgerechten Unterbringung, es mangelt an ausreichender Ernährung, Bewegung, Zuwendung, von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen.

In einigen dieser Orte, sind die Grundbedürfnisse der Tiere nicht im geringsten gedeckt. Was die Tiere dort Tag für Tag aushalten müssen sprengt unsere Vorstellungskraft. Die wenigen Tierfreunde, die sich um diese Tiere bemühen, kämpfen einen verzweifelten Kampf. Sie geben häufig alles, ihre Ersparnisse, ihr Privatleben, ihre Gesundheit. Es sind Einzelkämpfer und viel zu wenige angesichts der Masse an Hunden.

Doch das allerschlimmste an der Sache ist: Trotz all dem hundertausenfachen Leid, welches tagtäglich in diesen Tierheimen, Sammelstellen, Entsorgungszentren passiert, es ändert sich rein gar nichts auf der Straße, solange nicht groß angelegte Kastrationsaktionen eingeführt werden. Für jeden Hund der weggefangen wird, kommt in kurzer Zeit ein neuer nach. So lange es Futter, Wasser und Unterschlupf gibt und unkastrierte Hündinnen, die den Nachschub liefern, wird es immer Straßenhunde geben. Somit ein völlig sinnloses Leiden für all diese Tiere.

Eine trostlose Situation, die einen angesichts der Größe des Landes, der überwältigenden Anzahl von Tieren und des ganzen Ausmaßes an Elend wirklich dazu bringen könnte, den Kopf in den Sand zu stecken und in Resignation zu versinken.Doch ist es nicht immer eine Frage dessen, was man erwartet? Erwarten wir, ein Land, welches unserem eigenen in der Entwicklung um hundert Jahre hinterherhinkt, in wenigen Jahren komplett zu ändern? Ist es nicht völlig utopisch, so etwas zu erwarten? Braucht nicht jede Entwicklung ihre Zeit? Treten nicht immer Veränderungen auch von Generation zu Generation in Kraft?

Ganz ehrlich, angesichts von hunderten von Hunden, die eingepfercht um Hilfe winseln, habe auch ich nicht die Geduld so lange zu warten. Der Anblick von Kettenhunden, die in ihren eigenen Exkrementen leben, ist auch für mich kaum zu ertragen. Die ausgesetzen Welpen am Straßenrand haben auch nicht die Zeit so lange zu warten.Was bleibt ist, mit all unserer Kraft, mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese scheinbar ausweglose Situation anzukämpfen. Wir alle, die wir Tag ein Tag aus vor Ort bis zur Erschöpfung unser bestes geben, wir tun dies, eben weil wir damit etwas ändern!

In den Gemeinden, in denen uns die Möglichkeit gegeben wird ausreichend oft tätig zu sein, zeigt sich deutlich wie die Zahl der Straßenhunde zurück geht. Man beobachtet, wie sich die Straßenhundpopulation stabilisiert, wie die Einzugsgebiete der Hunde kleiner werden, es zu weniger Auseinandersetzungen unter den Hunden kommt und somit die Lärmbelästigung durch nächtliches Bellen zurück geht. Die vorhandenen Hunde sind gesünder und pflegen oft ein fast freundschaftliches Verhältnis mit den Anwohnern.Zunehmend sehen wir Menschen mit ihren Hunden an der Leine spazieren gehen- noch vor einigen Jahren undenkbar. Es gibt mehr und mehr Hundezubehör in den Supermärkten. Nicht zuletzt treffen wir auch mehr und mehr auf Menschen, denen wirklich an ihrem Tier etwas liegt, die sich sorgen und das beste für es wollen. Viele Menschen sind dankbar, dass wir ihnen mit den gesundheitlichen Problemen ihrer Tiere weiterhelfen und die meisten nehmen unsere Ratschläge für eine bessere Tierhaltung , so scheint es mindestens, dankbar entgegen.Inmitten all dieser Not, die uns täglich umgibt, sind dies die Dinge, die Mut machen und uns Kraft geben.Dies bringt mich zur zweiten Frage dieser Tierfreundin: "Wie haltet Ihr dies nur alles aus?"Genau deshalb halten wir das alles aus, weil wir sehen, dass wir etwas bewegen, auch wenn nicht so schnell, wie wir es gerne hätten. Weiterer Antrieb für uns: wir sehen sie ja direkt vor Augen, diejenigen für die wir das alles tun. Wir wissen, dass all die ausgemergelten Hündinnen, die auf dem OP Tisch vor uns liegen, in Zukunft besser aussehen werden, da sie ab jetzt alle Energiereserven für sich selbst verwenden können. Ich sehe bei jeder Hündin, die wir kastrieren, all die Welpen vor mir, deren elendes Leben wir verhindern. Ich weiß, dass jeder Rüde, den wir kastrieren, ab jetzt ein entspannteres, ruhigeres Leben hat und dadurch eine wesentlich höhere Lebenserwartung. Nicht zu vergessen all die verletzten Tiere, die ohne unsere Hilfe verloren wären. Sind nicht alleine sie schon unseren ganzen Einsatz wert?

Ich sage: ja, sie sind es!!! Und da es noch unendlich viel zu tun gibt, packe ich erneut meine Koffer, denn in wenigen Tagen geht es wieder los. Rumänien ruft!Während der letzen beiden Einsätze konnten 1471 Kastrationen durchgeführt werden;(804 Hündinnen, 424 Rüden, 198 Katzen und 45 Kater) und ebenso 190 weitere Operationen, sowie unzählige weitere Behandlungen.
Ihre Nina Schöllhorn

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Infos

  • Einsatzorte: Miercurea Ciuc, Suceava, Slatina
  • Hündinnen: 804
  • Rüden: 424
  • Katzen: 198
  • Kater: 45
  • weitere Operationen: 190
  • Gesamt: 1555
  • Ansprechpartner: rumaenien@tieraerztepool.de



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