Sal - das größte Tierheim der Welt - 2012

09.01.2012
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Liebe Tierfreunde!
Seit 2009 gehört die Insel Sal neben Santiago, zwei im Atlantik gelegenen und zu den Kapverden gehörenden Inseln mit zu den Projekten des Tierärztepools. Seit dieser Zeit wurden in vier Einsätzen mit insgesamt 42 Tagen 1804 Operationen durchgeführt, davon 1588 Kastrationen. Sie werden es längst erraten haben, aber die Ankündigung auf unserem Flyer "SAL – das größte Tierheim der Welt" beschreibt einen anderen Weg, als einen "normalen" Tierheimalltag. Sal, mit seinen 17.500 Einwohnern pflegt einen liebevollen Umgang mit seinen Tieren.

Das kapverdische Straßenbild ist geprägt von in der Sonne dösenden Hunden. Diese Tiere werden geduldet, ja sogar gefüttert und oftmals als Eigentum bezeichnet, was durchaus der Wahrheit entspricht. Kaum einer der Tiere lebt in einem Haus, sie sind frei und streunen den ganzen Tag durch die ausgedörrte Gegend. Von wem sie aber gefüttert werden, wen sie beim Joggen oder Angeln begleiten, auf wessen Pfiff sie gehorchen, das wissen die Hunde ganz genau. Viele von ihnen haben ein Frauchen oder Herrchen und die meisten von ihnen verteidigen "ihr" Haus und Grundstück mit Leib und Seele. Bis 2009 gab es keine Geburtenkontrolle, keine Kastrationen, kaum eine medizinische Behandlung. Die einzige Tierärztin, Frau Dr. Fatima Santos, ist inzwischen mit uns befreundet, hält aber von der Chirurgie freundlich Abstand. Ihr fehlt die Zeit.

Trotzdem gelang es mit ihr und den aktiven Tierschützern, das Problem der Räude in den Griff zu bekommen. Ebenso gibt es deutlich weniger Tiere mit einem Stickersarkom (halb gut halb bösartiger Tumor, der durch den Geschlechtsakt übertragen wird). Das Straßenhundeproblem hat sich durch die konsequenten Kastrationsaktionen komplett gewandelt. Es werden so gut wie keine Welpen mehr gefunden und alle Hunde und Katzen die man sieht, sehen sehr gesund und wohl ernährt aus. Die Zeiten der abgemagerten Gestalten, die nach Nahrung suchend und völlig ausgemergelt durch die Straßen schleichen, sind vorbei!!!Sal ist eine kleine und überschaubare Insel mit vielleicht einer Größe von 30x15 Kilometern. Es gibt drei nennenswerte, größere Städte, von denen Santa Maria uns bisher am meisten beschäftigt hat und wo die genannten Erfolge am offensichtlichsten erkennbar sind. Diese Stadt liegt im Süden der Insel und ist die Touristenhochburg schlechthin. In Santa Maria wurden bis heute 352 Hündinnen, 304 Rüden und 190 Katzen unfruchtbar gemacht und damit eine 80-90 % Quote erreicht.

Vereinzelt gab es noch unkastrierte Tiere, die aber bei dieser Aktion, bis auf wenige Ausnahmen, eingefangen und kastriert werden konnten. Leider gibt es auch Besitzer, die ihr Tier nicht kastrieren lassen möchten. Mit ihnen wird gesprochen, aber wenn sie nicht zustimmen, wird dieser Wunsch selbstverständlich akzeptiert. Es sind ca. 20-50 Tiere. Aus dem Umland, welches allerdings kaum besiedelt ist, gibt es keine Einwanderung von Hunden, denn diese sind bereits ebenfalls unfruchtbar. Wenn wir also von 700 – 800 in Santa Maria lebenden Hunden ausgehen, gibt es vielleicht noch 50-150 unkastrierte Tiere. Das sind ungefähr 10 % der Population und somit zukünftig mit einem Einsatz pro Jahr, bei dem die Nachkommen kastriert und behandelt werden, leicht zu handhaben. Espargos und Palmeira sind die zwei anderen größeren Städte, in denen bisher insgesamt 644 Kastrationen an Hunden und 98 an Katzen durchgeführt wurden.

Hier hat der Tierärztepool schätzungsweise die Hälfte der Tiere kastriert und wird noch zwei weitere großangelegte Aktionen planen. Es versteht sich, dass die oben genannten Zahlen auf reinen Schätzungen basieren. Aufgrund der extrem guten internen Strukturen der Organisatoren vor Ort mit den entsprechenden Sprach-, Kultur- und Mentalitätskenntnissen, und unserer sehr intensiven Arbeitstage inmitten der Bevölkerung besteht jedoch kein Anlass an der Richtigkeit der Schätzungen zu zweifeln. Um diese zu untermauern, und um weitere Hilfe seitens der Bevölkerung zu erlangen, wird es in ferner Zukunft eine Bevölkerungsumfrage geben, die sich an einer Art Haus-zu-Haus Befragung orientiert.Um Ihnen einen Einblick in die Arbeit des vierten Einsatzes auf SAL zu bieten, hangle ich mich durch eine Auswahl von ca. 1000 Fotos, die während dieser Reise entstanden. Da die Tage in der Regel alle gleich waren, mag es bei der Datierung einzelner Ereignisse kleine Abweichungen geben, die aber in keiner Weise bedeutend sind.SAL - Teil IVEs ist fast Mitternacht. Christine Niebler ist mit dem Flugzeug aus Österreich vor wenigen Stunden in Hamburg gelandet. Roman Zeberl hat es vorgezogen, mit der Bahn anzureisen. Gegen 20:00 Uhr ist das Team des Tierärzte-Pools vollständig, bespricht kurz die wichtigsten Dinge und legt sich für knappe drei Stunden zur Ruhe. Um 03:00 Uhr klingelt der Wecker. Um 06:00 Uhr fliegen wir von Hamburg nach Sal.

Diesen Einsatz war eine wochenlange Planung inklusive der Bestellung und Verschickung der medizinischen Kisten und Koffer vorausgegangen. Der Transport unseres Equipments sowohl nach Sal, als auch nach Santiago zu dem sehr geschätzten Verein bons amigos unter der Leitung von Tierarzt Dr. Herwig Zach (www.tierschutzimurlaubsland.at), war in der Vergangenheit ein aufwendiges und vor allem kostenintensives Unterfangen, dank Freddy hat sich aber etwas ergeben, was wir als eine glückliche Fügung bezeichnen.In kurzen Worten möchte ich auf "Freddy" eingehen, einen kleinen Jungen aus der Armenregion von Santiago, der Hauptinsel der Kapverden, von der auch Madueno stammt. Aber von Madueno werde ich später berichten. Freddy war uns schon seit langem aufgefallen. Ein schwarzes schielendes Kind mit einer starken Gehbehinderung. Erst viele Jahre später stellte der Zufall eine Möglichkeit bereit, Freddy eventuell zu helfen. Der Verein "Freunde helfen Freunden" (www.Freunde-helfen-freunden.com) unter der Leitung von Wolfgang Hundt bot Hilfe in völlig unkomplizierter Weise an, und schaffte es in wenigen Monaten die entsprechenden Ausreisepapiere für Freddy bereitzustellen. Ebenso wurde in Deutschland ein Ärzteteam gesucht und ein entsprechendes Krankenhaus gefunden. Freddy durfte mit seiner Mutter nach Deutschland reisen. Dort sollten spezielle Augenuntersuchungen durchgeführt werden, in der Hoffnung, seine Augenfehlstellung zu richten und ihm zu mehr Sehkraft als seine ihm verbliebenen 10 Prozent zu verhelfen.

Bei den allgemeinen medizinischen Voruntersuchungen fielen aber abnormale Blutwerte auf, die dann näher überprüft / untersucht wurden. Das Ergebnis war erschütternd, Freddy leidet an der Sichelzellenanämie, einer genetisch bedingten Krankheit, die auf Carbo Verde nicht festgestellt wurde und bei der verformte rote Blutkörperchen zu einer Sauerstoffunterversorgung führen. Dadurch kann es zu Infarkten kommen, die bei Freddy im jungen Alter seine Seh-/ und Gehbehinderung auslösten. Wegen dieser unheilbaren Krankheit konnte dem Jungen in Deutschland leider nicht geholfen werden, was wir alle schwer zu verdauen hatten. Besonders natürlich Freddy. Aber die Wochen, die er bei Wolfgang Hundt wohnen durfte, hat er genossen und damit sein Leben definitiv bereichert. Zusammen mit Dr. Herwig Zach (Vorstand bons amigos) besuchte ich Freddy bei Wolfgang Hundt und in wenigen Stunden war klar, dass der Unterschied unserer Vereine gar nicht so groß ist, und sich beim oberflächlichen Betrachten lediglich auf die Anzahl der Beine beschränkt. Alle drei Vereine helfen vor Ort; bons amigos und der Tierärztepool den Vierbeinern, Freunde helfen Freunden den Zweibeinern.

Die Aktivitäten von Wolfgang Hundt suchen ihresgleichen und so bot er uns an, einen Teil des Tierärzte-Pool Equipments mit einem, in naher Zukunft startenden Container, auf dem Seewege nach Sal zu transportieren. Eine riesige Erleichterung für die Tierschutzprojekte! Nun laden wir also in aller Herrgottsfrühe am Flughafen die restliche Verantwortung von zirka 1000 zukünftigen Operationen in Form von 150 Kilogramm auf das Band beim Check-in. 150 kg ÜbergepäckAcht Stunden später (mit Zeitverschiebung) landen wir auf Sal und ein Offizier des Militärs empfängt uns, um uns die Einreiseformalitäten zu erleichtern. Sergant(HFw) Helder Lopez begleitet uns durch den Zoll. Als endlich alles erledigt ist, fällt uns Patrizia, eine der italienischen Schwestern, die die Organisation vor Ort übernommen haben und mit denen wir seit Monaten im planerischen Kontakt stehen, in die Arme. Wir halten uns für einen kurzen Moment richtig fest umschlungen und spüren die Gewissheit: erst jetzt sind wir so richtig angekommen!

Schon auf dem Weg nach Santa Maria fällt uns ins Auge, dass die meisten Hunde, die wir sehen, gepflegt und vor allem dick aussehen. Es sind nicht wenige, die die Strassen dieses Touristenortes säumen, aber sie gehören hier her wie die Sonne und das Meer und geben der Umgebung die Gelassenheit, die auch gerne von den Einheimischen gelebt wird. Was heute nicht geht, muss morgen noch lange nicht funktionieren... Jeder dieser gepflegten Hunde hat bereits vor vielen Monaten den Weg zu uns gefunden. Wir taten ihnen weh, schnitten ihre Bäuche auf und entfernten die Reproduktionsorgane. Schuldig und vorwurfsvoll werden wir nicht angeguckt. Im Gegenteil: die durch Hunger und Durst, Räude und andere Krankheiten geschundenen Seelen gibt es nicht mehr. Auch die Welpen, die dünn und schlapp die Straßenränder säumten, sind nicht zu sehen. Es gibt keine Welpen mehr. Hunderudel und das ewige Gejaule vor der Tür, hinter der eine läufige Hündin eingesperrt ist, sind erloschen. Patrizia ist über diese Situation mehr als glücklich, sieht sie diesen Erfolg doch täglich. Gleiches hört sie auch immer wieder von der Bevölkerung und vor allem auch dankend von der Gemeinde.Da aber niemals alle Tiere unfruchtbar gemacht werden können - auch in Santa Maria nicht - und es immer wieder welche gibt, die aus dem Nichts auftauchen und plötzlich trächtig sind, breiten wir unsere Koffer und Kisten in den Räumlichkeiten aus, die Patrizia und ihre Schwester Nicky für die nächsten 7 Tage angemietet haben und fangen unverzüglich an zu arbeiten.Und unseres ersten Eindruckes zum Trotz finden sich in dieser Zeit immerhin noch 195 Tiere, die nicht kastriert sind. Man erkennt die unkastrierten Tiere schon von weitem. Sie sind meistenteils dünn und sehen ungepflegt oder zumindest mit einer oder gleich mehreren Krankheit behaftet aus. Das sind diesmal unsere Kandidaten.

Da viele von ihnen aber wild leben, d.h. einem Haus oder einer Familie nicht zugeordnet werden können, werden wir einen Teil der Zeit nutzen, um mit dem Blasrohr, einer Falle, guten Worten oder einer Dose Hundefutter, ihr Vertrauen in erster Instanz zu missbrauchen. Jaquie mit dem Blasrohr. Die Frau, die sich sonst dem Schutz der Wasserschildkröten verschrieben hat, bewacht hier stolz eine Höhle, in die sich eine getroffene Hündin zurückgezogen hat.So schnell wie wir unseren OP-Raum eingerichtet haben, so schnell erscheint auch das alte und uns inzwischen sehr ans Herz gewachsene Team, welches Nicky und Patrizia angeheuert hat. Sie alle werden uns nach Leibeskräften in den nächsten zwei Wochen unterstützen und uns jeden Wunsch von den Augen ablesen. Es freut uns, sie alle wiederzusehen und unsere gemeinsame Mission wird uns am Ende noch enger zusammenschweißen. Bild links: Als erstes umarmen wir Nicky, Patrizias Schwester und Herz der Organisation.

Leider beginnt unser Start mit drei sehr unschönen Geschichten. Es geht um drei Schicksale, die sehnlich auf unsere Ankunft gewartet haben. Es sind drei Tiere mit insgesamt sechs Knochenbrüchen! Zwei hatten einen Autounfall, ein Tier ist von einem Hausdach gefallen. Der erste Welpe wartet in der Praxis von Dr. Fatyma Santos, der einzigen Tierärztin auf Sal. Sie ist mit dem Tier überfordert und auch wir können dem Zwerg nicht mehr helfen. "Toller Start", denken wir und ziehen die Spritze auf. Sein gesamter hinterer Bereich knirscht und zudem ist der Kleine extrem dehydriert. Die Schleimhäute des Kleinen sind weiß und er reagiert schon gar nicht mehr auf ihre Umwelt. Alle, wahrlich nicht leichtfertigen Überlegungen enden in diesem Fall mit der Euthanasie.In unserem OP-Haus warten die nächsten Knochenbrüche. Es sind zwei erwachsene Tiere, die offensichtlich einen Besitzer haben. Als wir ihnen erklären, dass auch hier keine Chancen bestehen, fließen Tränen. Durch die offenen Brüche würde eine schleichende Blutvergiftung für ein qualvolles Ende sorgen. Ines und ich könnten sofort wieder abreisen, nach so einem Empfang. Auch Christine sieht ein bisschen blass aus. Rasta und Gizmo schauen uns mit ihren treuen Augen an und scheinen den Ernst und die Tränen ihrer Besitzer nicht zu verstehen. Wir können hier nichts tun. Sicherlich könnten wir jeweils das schlimmere Bein amputieren, aber wie sollen die Tiere laufen, wenn das andere Bein auch gebrochen ist und wir es ohne Platten oder Drähte nicht stabilisieren können? "Es gibt nur eine Chance", treffen sich Ines und mein Blick über dieser frustrierenden Situation. Wir müssen beide Tiere irgendwie nach Deutschland bekommen.

Die Tränen versiegen und mindestens zehn um uns herumstehende Menschen horchen auf. Nach Deutschland? Auch Ines und ich sind über unseren Gedankenaustausch erschrocken, sind wir doch wahrlich nicht auf Kreta. Aber was dort funktioniert, kann doch auch von den Kapverden aus umsetzbar sein. Erste Frage: haben die Tiere gültige Ausreisepapiere? Sie haben. Zweite Frage: hat Dr. Dlouhy, unser Knochenspezialist aus Lauf an der Pegnitz Zeit? Er hat. Dritte Frage: gibt es Flugpaten? Es gibt sie. Eine freiwillige Helferin, die eigentlich auf Sal Urlaub machen wollte, dann aber von dem Projekt hörte und ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellte, fliegt in vier Tagen zurück. Vierte Frage: bekommen wir die Tiere noch in die Maschine gebucht? Sie ist voll. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Letzte Chance: Wolfgang Hundt... könnten Sie helfen... es geht um zwei wirkliche Notfälle... Er kann.Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Erleichterung solche wagemutigen Pläne hervorrufen. Aber diese emotionale Gefühlsachterbahn werden wir in den nächsten 14 Tagen nicht anhalten können. Die Freude über Tiere die es geschafft haben wird immer wieder gelähmt durch diejenigen, die wir nicht mehr retten können. Tierfreunde mit schwachen Nerven sollten an dieser Stelle vielleicht nicht weiterlesen. Zehn Tage später, ich habe endlich eine WLAN Stelle gefunden, mit der ich mich mit der restlichen Welt verbinden kann, kommen die ersten Bilder aus Lauf an der Pegnitz.

Unser ehrenwerter Kollege hat beide Tiere operiert und ihnen eine neue schmerzfreie Zukunft geschenkt. Wieder fließen Tränen, als ihre Besitzer diese Fotos sehen. Das, was ich jetzt hier so leicht niederschreibe war in der Umsetzung ein extrem hartes Stück Arbeit. Sie können sich vorstellen, dass das Gehalt auf Sal nicht gerade üppig ist. Somit stellte sich nicht nur die Frage nach einer Lebenserhaltung / - qualität der Tiere, sondern natürlich auch nach der Bezahlung. Die eine Besitzerin meinte, sie könne mit Hilfe von befreundeten Ausländern die Summe zusammenbekommen, der andere Besitzer aber war dazu unmöglich in der Lage. Was tut man in so einer Situation? Leben oder Leiden gegen Geld? Egal, für Ines und mich stellte sich diese Frage nicht. IMMER zuerst die Entscheidung FÜR das Tier, alles weitere klärt sich später. Und das tat es.

Eva und Fritz, zwei tierliebe Touristen sahen mich am Strand mit dem Blasrohr und informierten sich über unser Projekt. Gegen Abend sahen wir uns wieder und beide legten uns € 150,- auf den Tisch. "Für eure wundervolle Arbeit". Weitere € 300,- spendeten die Besitzer von Sascha, aber davon später. Somit war bereits ein großer Teil der Operationskosten von Rasta und Gizmo gedeckt und die Sorgenfalten auf unserer Stirn nahezu verschwunden. Rasta mit ihrem Besitzer, dahinter Gizmo mit ihrem Frauchen. Bild rechts: Ines gibt die letzten Anweisungen Dann machen sich beide auf den Weg einer langen Reise. Aber sie werden zurückkommen, das haben wir ihnen versprochen. Und zwar geheilt! Die ersten Bilder aus Lauf an der Pegnitz erreichen uns 10 Tage später.Weitere Bilder folgen:Gizmo Rasta: Einige Wochen später. Ines und ich sind inzwischen wieder in Deutschland und haben die Tiere von Dr. Dlouhy zu uns geholt, um die Folgekosten der weiteren Behandlungen gering zu halten. Beide dürfen sich bis zu ihrer kompletten Genesung in Schleswig-Holstein erholen. Dann werden die Platten ausgebaut und es geht zurück in die Heimat.Nachdem dieser Schock glücklich überwunden ist, suchen wir unseren Rhythmus. Unser Team ist eingespielt und jeder kennt nicht nur seine eigenen Handgriffe, sondern im Notfall auch die des anderen. Tausende Male haben wir das trainiert. Im Dunkeln wie im Hellen, mit Strom oder ohne, in Eiseskälte oder in brütender Hitze. Professionalität verlangen wir von uns selber, denn wir folgen keinem Chef oder einem Beruf, sondern wir leben unsere Berufung. Das macht den entscheidenden Unterschied und genau diesen Unterschied wissen die Menschen zu schätzen, die uns anfordern.

Zu Beginn einer jeden Kastrationsaktion herrscht meistens Chaos, welches sich aber nach kurzer Zeit legt. Unnötige Hektik können wir nicht gebrauchen und diese kommt auch nicht auf, da die Helfer ebenfalls alte Hasen sind und draußen im Open-Air-Wartezimmer alles unter Kontrolle haben. Es ist Wahnsinn, wie schnell die einzelnen Zahnräder anfangen sich zu drehen, geschmeidig einrasten und wunderbar rund laufen. Kurz gesagt; es macht Spaß, wieder hier zu sein! Alle Tiere werden registriert, mit einem Foto archiviert... ... und die Adresse des Besitzers notiert.Die Menschen strömen mit ihren Tieren wie am ersten Tag in Scharen zu unserer "Klinik", obwohl uns auffällt, dass der Ansturm in Santa Maria ein bisschen weniger geworden ist – gerade in den letzten Tagen. Eine logische Konsequenz, sind die meisten Besitzertiere bereits unfruchtbar. Kleiner Scherz: hier war gerade die Schule zu EndeSchon wieder ein Knochenbruch. Das darf doch wohl nicht wahr sein, wie viele denn noch? Ein Boxermischling steht mit seinem Besitzer vor der Tür. Der Bruch ist aber nicht offen. Auch hier wäre die Stabilisierung mit einer Platte toll, wir haben aber keine. Somit gibt es einen dicken Stützverband, Schmerzmittel, Antibiose und die Hoffnung. Wir sehen das Tier ab jetzt jeden zweiten Tag zum Verbandwechsel. Der Erfolg am Ende unseres Aufenthaltes ist mäßig.

Bei einer der schnellen Mittagspausen besprechen wir die weitere Vorgehensweise. Der Strom der Schlange stehenden Besitzer ist abgerissen. Aber unsere Crew weiß, dass noch einige wild lebende Streuner nicht kastriert sind. Sie einzufangen ist wichtig, aber mindestens auch genauso schwierig.Natürlich gilt das auch für Katzen, die sowohl vereinzelt aber auch in Scharen an den Mülltonnen zu finden sind. Überhaupt sind die Mülltonnen so etwas wie der soziale Treffpunkt der unteren Schichten. Die Katzen weichen den Hunden und die Hunde den Menschen, die, je nach Wohlstand, vereinzelt ebenfalls in den Tonnen nach Brauchbarem suchen. Ich denke jetzt mit Absicht nicht an das Klagen auf hohem Niveau in meinem Heimatland. Nein, tue ich nicht!Also teile ich mich freiwillig zur Jagd ein, denn das Blasrohr mit den Betäubungspfeilen möchte ich ungern aus der Hand geben. Das Auto wird mit Boxen und Fallen beladen und wir durchkämmen das Umland von Santa Maria.Da bisher keiner von uns auch nur für wenige Minuten die "Klinik" verlassen konnte, weil wir bei jedem Einsatz unendlich viel zu tun hatten, genieße ich die Ausflüge, zeigen sie doch schöner als jede Erzählung, den Erfolg der Bemühungen. Komplette Stadtviertel, die wir durchkämmen sind frei von unkastrierten Tieren. Patrizia kennt sie alle. Auch ständig in Kontakt zu der Bevölkerung, werden die Tierschützer unverzüglich informiert, wenn unkastrierte Tiere auftauchen.

Patrizia lenkt den Geländewagen in Richtung RIU-Hotel. Diesem 5-Sterne Hotel sind wir mehr als Dank schuldig, denn es stellte uns über den gesamten Zeitraum für das komplette Team freies Essen und Trinken zur Verfügung. Das reichhaltige Buffet lies an keiner Stelle Wünsche offen und egal wann wir kamen und wie wir aussahen, wir wurden stets sehr zuvorkommend behandelt. Ein paar Katzen und eine Hündin sind der Meinung, dass diese riesige Anlage ihnen gehört und das Management des Hotels duldet diese "ge"fell"ige" Arroganz. Ebenso hält sich ein Rudel von 10 Hunden am Strand des Hotels auf und auch sie sind der Meinung, dieses Stück Land gehört ihnen. Schwanzwedelnd nach Futter bettelnd (meistens von Tierfreunden vom Buffet des Hotels stibitzt), führen sie ein Leben, welches schöner nicht sein könnte. Einige dieser Hunde wurden vor Monaten von uns bereits kastriert, aber vier sind es eben noch nicht. So laufen wir bewaffnet mit Blasrohr und Narkosespritzen durch die Liegestuhlreihen und werden von den Hotelgästen neugierig beobachtet. Und auch angesprochen. Wir treffen auf 100 % Akzeptanz. Nach kurzen aufklärenden Gesprächen sind alle uns beobachtenden Touristen begeistert von unserer Arbeit und auch von dem Hotelmanagement, welches mit der Unterstützung einer Kastrationsaktion zukunftsweisende Wege einschlägt. Leider können wir nur insgesamt 9 Tiere einfangen und unfruchtbar machen, eine Hündin entkommt zum wiederholen Male. Wir werden zurück zur Klinik gerufen.

Auf dem Wege dorthin sollen wir einen Hund abholen, der einen Unfall hatte, beißt und nicht mehr laufen kann. Als wir hinkommen, erkenne ich sofort das schreckliche Ausmaß. Der Hund ist querschnittsgelähmt. Wir laden ihn vorsichtig auf die Ladefläche des Pick-up und begleiten seine letzte Reise. Sein Herrchen weicht bis er eingeschlafen ist nicht von seiner Seite.Weiterarbeiten ist eine gute Ablenkung, denn solche Szenen setzen auch uns zu. Nicky, Patrizia und Jaquie steuern diesmal auf eine riesige brache Fläche im Hinterland von Santa Maria zu. Der Geländewagen leistet gute Dienste. Schon wieder erkennen wir den Unterschied zwischen kastrierten und unkastrierten Tieren von weitem. Sehen Sie selbst. Dünn, schlechter Allgemeinzustand Er ist unkastriert Als Patrizia ihn einfängt kommen weitere Hunde hinzu. Sie sind alle kastriert. Man erkennt den Unterschied.Wir haben noch leere Boxen auf dem Pick-up und fahren etwas weiter ins Landesinnere hinein um sie eventuell noch zu füllen. Vorbei an endlos erscheinenden Müllkippen erreichen wir die Salinen. Hübsch und interessant anzuschauen zeigen allerdings die Häuser in unmittelbarer Umgebung die bittere Armut mancher Menschen. Eine Hündin wird stolz zu mir getragen. Sie trägt unter ihrem Bauch unser tätowiertes Zeichen DF = Dein Freund. Also haben wir bei der letzten Aktion hier bereits gute Arbeit geleistet. Trotzdem finden sich drei weitere Rüden, die wir mitnehmen dürfen. Die Menschen sind froh, dass wir uns um ihre Tiere kümmern. Auch Roman hat ähnliche Entdeckungen bei Hunden gemacht, die in regelmäßigen Abständen bei der "Klinik" vorbei schauen.

Dann die Nachricht, auf die wir bereits seit drei Tagen warten: Die Kiste mit dem restlichen Equipment aus dem Container von "Freunde helfen Freunden e.V." ist in Palmeira angekommen. Die Freude ist groß, denn ihr Inhalt wird dringend erwartet. Nicht unbedingt von uns, eher von denen, die befallen sind von tausenden von Plagegeistern. Antiparasitika im Wert von € 650,- nehmen den Kampf gegen sie auf.Bevor ich Sie zu weiteren Notfällen mitnehme, begleiten Sie uns durch die schöne Tier-/ welt der Insel Sal: Leider sind nicht alle Geschichten schön, aber genau deshalb sind wir hier. Um die Wichtigkeit der medizinischen Hilfe zu zeigen, kommen wir nicht ohne diese Geschichten und ihre Bilder aus. Wer das Elend nicht ertragen kann, sei an dieser Stelle noch einmal gewarnt weiterzulesen. Wir selber umgeben uns in den extrem harten Momenten mit einer Hülle, die, ob Sie es glauben oder nicht, auch irgendwann aufplatzt. Meistens sind wir dann alleine und versuchen zu bewältigen, was in rasender Geschwindigkeit unser Gemüt versucht zu erschüttern. Aber trotz allen Erfahrungen, trotz des Wissens, in jedem Fall geholfen zu haben, trotz der traurigen Erkenntnis, dass wir immer noch viel zu wenige sind, die diese Arbeit machen, ist das Gefühl gebraucht zu werden und geholfen zu haben, ein wunderbarer Sinn unseres Lebens.Somit beginnen wir mit einem Patienten, der Zuflucht bei Nicky gefunden hat und der schon lange auf unsere Ankunft wartet. Seine Augen, beziehungsweise die Reste davon müssen raus. Sehen kann er eh nicht mehr und diese, fast leeren Augenhöhlen sind hervorragende Eintrittspforten für Keime und müssen verschlossen werden. Gott sei Dank müssen wir Nicky nicht von der Notwendigkeit überzeugen oder lange Erklärungen abgeben, Nicky ist medizinisch so weit bewandert, dass die den Ernst schon längst erkannt hat. Bei langen Reisen können wir die Heilungsprozesse gut verfolgen und Ihnen in mehreren Bildern die Entwicklung aufzeigen.

Ein kleiner Rüde wird gebracht. Was mit ihm passiert ist, wollen wir im Einzelnen gar nicht wissen. Auch ein Laie erkennt, dass hier nichts mehr zu retten ist. Das Bein muss amputiert werden. Kommen Tiere zu uns, die bereits seit Langem mit einer extremen Verletzung herumlaufen, ist der Körper, speziell die gegenüberliegende Extremität, bereits auf diesen Zustand eingeschossen und trainiert. Dadurch fällt den Tieren eine anschließende Umgewöhnung sehr leicht und wir sind jedes Mal wieder erstaunt, wie schnell sie sich nach so einer großen Operation erholen. Der Kleine unmittelbar nach der Operation Die Besitzer kommen regelmäßig zur Wundkontrolle. Alles sieht gut aus.Schon wieder eine Beinverletzung. So viele hatten wir noch nie. Unser Verbandsmaterial geht langsam zur Neige, wir müssen anfangen zu sparen. Es sieht schlimm aus. Das linke Bein scheint an den Mittelhandknochen gebrochen, besitzt aber Stabilität. Das rechte Bein zeigt eine große Wunde, die trotz Entlastungsschnitten nicht restlos geschlossen werden kann. Der untere Teil muss sekundär zuheilen. Der untere Teil kann nicht geschlossen werden, es fehlt an Haut Die gleichzeitige Kastration ist obligatorisch Auch der Besitzer erscheint regelmäßig zum Verbandswechsel. Besitzer und Hund sind ein Herz und eine Seele. Dann macht unsere Arbeit doppelt Spaß. Ein letztes Mal. Mit diesem Ergebnis können wir beruhigt abreisenEin Tumor am Auge wird selbstverständlich auch entfernt.

Das Militär ruft an. Ob sie eine Hündin bringen können, die angefahren wurde. "Selbstverständlich" sagen wir, denken aber mit Schrecken an unser Verbandsmaterial. Wir haben inzwischen schon begonnen, die Watte zur Polsterung mehrmals zu benutzen. Improvisation an der Front.Als das Tier vor uns liegt zeigt sich das Ausmaß in brutalster Form. Ihr Hinterbein ist zerfetzt. Sie werden sich jetzt wundern, warum wir sagen, dass das nicht soooo schlimm ist, denn eine Amputation ist immer der letzte Ausweg. Bei diesem Tier kommt aber noch ein anderer Bruch hinzu. Nämlich der des Unterkiefers. Und zwar an mehreren Stellen. Es ist unmöglich, diese OP hier durchzuführen. Einen Bruch in Kiefergelenksnähe können wir ohne Röntgenbild nicht ausschließen und unter Erwägung aller "Für und Wider" entscheiden wir uns für die Einschläferung. Wir lassen sie gehenDiese Sache verfolgt uns. Haben wir die richtige Entscheidung getroffen? Oder hätten wir alles versuchen sollen, sie nach Deutschland zu schicken? Aber was für Qualen hätte die Kleine überstehen müssen? Mit welchem Ergebnis? Wir fühlen uns ein bisschen gelähmt. Aber nicht lange, denn Nicky drängt zur Eile. Ein erneuter Notruf, diesmal von einer Baustelle. Keiner kann das Tier bringen, wir sollen hinfahren. Eine kleine Pause tut uns allen mal ganz gut, einen Satz, den ich umgehend bereue.An der Einfahrt zu dem Betriebsgelände werden wir eiligst an große Betonsilos herangewunken. Große LKW, Raupen und ein Höllenlärm zeugen von schwerer Aktivität auf diesem Gelände. Ich fahre unseren Wagen direkt vor die winkende Menschenmenge. Ines springt raus. Auf dem Boden liegt ein kleiner Hund, ein Welpe. Wie wir unmittelbar erfahren hat er unter einem der riesigen Räder eines LKW geschlafen und bei dem Lärm nicht mitbekommen, dass sich das Fahrzeug in Bewegung setzt...

Bei den um uns herumstehenden, betroffenen Mienen glaube ich ganz fest, dass der Fahrer es nicht absichtlich gemacht hat und sich zutiefst schuldig fühlt. Trotz der bedrückenden Stimmung erfreut mich der Gedanke des Mitgefühls dieser Menschen. Ines hat mit Madueno zusammen die Kleine untersucht. Die nächsten Bilder sprechen für sich. Ihr komplettes Hinterteil ist zerfetzt. Den Klos im Hals von der letzten Einschläferung noch nicht ganz verdaut, bewundere ich die Haltung von Ines. Sie steht ihre Frau, ihre Tierärztin, ihre Berufung. Sie bleibt in all diesem Krach ganz ruhig, redet auf das sich im Schock befindliche Tier ein und zieht die Spritze auf. Dann hält ihre Hand den Kopf dieses Geschöpfes und führt sie tapfer zur Regenbogenbrücke. Warum ich noch fotografiere weiß ich nicht, ich stehe neben mir. Dieses ganze Szenario ist weit weg. In meinem Kopf schrumpfen die Baumaschinen zu Spielzeugfiguren. Sie wirken neben Ines winzig klein. Die Kraft dieser Frau, deren jetzige Gedanken ich in und auswendig kenne, ist tausendmal stärker als alle LKWs dieser Erde. Sie weint nicht, obwohl ihr dieser Gang die Luft zum Atmen nimmt. Das tut sie später. Madueno erklärt den Arbeitern was mir machen und warum. Es ist schön, ihn hier zu haben. Wie es dazu kam, dass Madueno bei uns ist, erzähle ich später, denn noch sind wir hier offensichtlich nicht fertig. Ein zweiter Welpe hat wohl auch unter dem LKW geschlafen... Wir untersuchen ihn. Er schreit vor Schmerzen, als sein Hinterbein abgetastet wird. Aber er wird es schaffen und unsere Verbandswatte gänzlich aufbrauchen.

Ines röntgt das Bein mit ihrem angeborenen "Frontröntgengerät". Und glauben Sie mir, die Diagnosen sind fast immer richtig. Wir nehmen den Zwerg mit in die Klinik, sein Hinterbein ist gebrochen.Die Mutter der Welpen hat jeden unserer Schritte in sicherem Abstand verfolgt. Sie tut uns mindestens genau so leid, wie ihre beiden Kinder, von denen wir eins leider nicht mehr retten konnten. Damit das aber nicht noch einmal passiert, dürfen wir die Mama selbstverständlich mitnehmen und kastrieren. In zwei Tagen ist sie wieder zurück und Nicky und Patrizia sagen von sich aus, dass sie mit dem Welpen öfter mal hinfahren, um sie zu besuchen. Bis das Bein zusammengewachsen ist, möchten die beiden Italienerinnen die Kleine unter Aufsicht in der Klinik lassen, dann darf sie wieder zurück.Es reicht uns und wir machen stumm ein paar Minuten Pause und träumen den Wellen hinterher, auf denen die Wassersportler zeigen, was sie können. Es sind Regenbogenfarben, finden Sie nicht auch? Und es sind große Wellen......wir bekommen trotz toller Akrobatik im Wind den Kopf nicht frei.

Wie durch dichten Nebel wirken die Schauspiele auf unsere traurigen Seelen. Gut, dass Madueno und Roman uns aufzuheitern. Sie versuchen es zumindest. Wer Madueno ist, das konnten Sie in den letzten Kapverden-Berichten verfolgen. Roman, unseren Auszubildenden, kennen Sie bereits. Die beiden sind eine hervorragende Hilfe und was wäre die Welt ohne unsere Jugend? Madueno ist kaum wiederzuerkennen. Aus unserem kleinen "Tätowman" (er durfte im zarten Alter von 13 Jahren die kastrierten Hunde tätowieren) ist ein gutaussehender junger Mann geworden. Stolz kommt er angereist, weiß er doch zu gut, wie wichtig er für sein Land und den Tierschutz geworden ist. Er ist 20 Jahre alt und hat fast alles was er kann und weiß von seiner Ziehmama Ines gelernt. Sie hat ihn endlose Stunden trainiert, ihm gezeigt, wie man einen Nadelhalter benutzt, wie man im Dunkeln die Eierstöcke sucht, wie man die Haut sauber und ohne spätere Narbenbildung zunäht, hat ihn suchen und fluchen lassen, wenn was blutete und war immer an seiner Seite, wenn er Hilfe brauchte. Heute macht Madueno in einer Abendschule sein (vergleichbares) Abitur nach. Sein Wunsch: er möchte Tiermedizin studieren. Was er chirurgisch dabei allerdings noch lernen will, dürfte nicht ganz klar sein :-). Warum er hier ist, ist dafür umso klarer. Er will uns mal wieder zeigen, wie sicher er inzwischen geworden ist. Um das Thema zu beenden: an seinem besten Tag schafft er es, 32 Rüden und 6 Hündinnen zu kastrieren. Alleine versteht sich.

Selbst Herr Wolfgang Hundt von "Freunde helfen Freunden e.V.", der uns besucht, ist absolut begeistert von seinem Talent. Er verspricht, bei der Suche nach einem Stipendium behilflich zu sein. Ich möchte es an dieser Stelle nicht versäumen auch einmal über die Gefahr für uns, also die direkt mit den Tieren in Kontakt Stehenden, zu berichten. Wir haben ungefähr 600 Tiere in Narkose gelegt. 600 Tiere, die wir vorher noch nie gesehen haben, die wir also nicht kennen. Uns bleiben jeweils nur wenige Sekunden um herauszufinden, ob das Tier nett oder böse, zutraulich oder ängstlich, anzufassen oder aggressiv ist. Eine Fehleinschätzung kann durch einen Biss schnell zu einem Totalausfall von einem von uns führen. Wir haben Glück, von unserem Tierärzte-Pool Team wird niemand verletzt, von den Helfern allerdings fast alle. Gott sei Dank, niemand schwer.Die schlechte Bildqualität bitten wir zu entschuldigen, aber in diesen Momenten sind andere Dinge wichtiger, als schöne Fotos. Trotz Biss kann Marika noch lachenInzwischen sind die Tage in Santa Maria verflogen. Es gibt auch kaum noch etwas für uns zu tun.

Somit wechseln wir die Stadt und fahren nach Espargos, im Norden der Insel gelegen. Diese Stadt ist touristisch wenig erschlossen. Das "Afrika-Zentrum" welches uns von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde, lässt keine Wünsche offen. Es ist großräumig und wir können uns nach Herzenslust ausbreiten.Andrang, Tierzahl, Menschen und Patienten sind ähnlich wie in Santa Maria. Was hier allerdings hinzukommt, ist das Interesse der Schulen und der Presse. Es haben sich drei Schulkassen angemeldet mit insgesamt 50 Schülern. Ob es möglich ist, die Kinder auch in den OP zu führen? Selbstverständlich! Schüler und ein überregionaler FernsehsenderNachdem alle Fragen gestellt und beantwortet wurden, gab es zum Abschied für jedes Kind einen Teddybären. Nicky und ich übernehmen den Job. Sehr gerne! Da aber noch andere Tiere mit nach Afrika gereist sind, gilt es, diese auch noch zu vermitteln, was überhaupt nicht schwerfällt. Das restliche Spielzeug verschenken wir an einen Kindergarten.

Damit bekomme ich Einblicke in diesen und bin angenehm überrascht. Alles etwas ärmlicher als bei uns in Deutschland aber durchaus kindgerecht und gut eingerichtet. Auch die Kindergärtnerinnen machen einen sehr netten Eindruck.Mit diesen Bildern neigen sich unsere Tage dem Ende entgegen. Wir hoffen, Ihnen einen kleinen Einblick in ein, durch die Insellage, durch die gute Zusammenarbeit mit den Tierschützern und den Einheimischen, durch die Hilfe der Gemeinden, des Militärs auf Sal und Sao Vicente (sie entluden die Kiste für uns aus dem Container von "Freunde helfen Freunden e.V." und leiteten sie nach Sal weiter) der Bürgermeister und der Hotels, durch ein Nicht-in-andere-Länder-Ausfliegen der Tiere und ein vor allem Nicht-Einsperren-der-Tiere-in-ein-Tierheim, einzigartiges Projekt gegeben zu haben. Vergessen wollen wir nicht, uns beim Management der TUI-Group zu bedanken, die ihre Hilfe für die "Zweibeiner"- Projekte auch unseren "Vierbeinern" zukommen ließen. Unser Ehrgeiz, die restlichen Tiere so weit wie eben möglich, auch noch zu kastrieren, hängt von Ihrem Wohlwollen, liebe Leser und Ihrer Hilfe ab. Der Tierärzte-Pool brennt darauf, erneut nach Sal zu fliegen, um beweisen zu können, dass mit Kastrationen eine komplette Population von über 3000 Tieren, erhalten und kontrolliert werden kann. Wir haben Ihnen nicht aufgezählt, wie viele Behandlungen wir durchführten. Diese Zahl dürfte vierstellig sein, aber sie ist für die Populationsgröße nicht wichtig. Den einzelnen Tieren haben wir jedoch so gut es uns möglich war, geholfen.

Ein Katzenbaby ist in ein Ölfass gefallen. Wir kamen gerade rechtzeitig. Es handelt sich hier um einen ernstzunehmenden Fall, denn die Haut kann nicht atmen.Wir bekommen den kleinen Kerl durch und finden sogar ein Zuhause für ihn. Und dann kam Sascha, beziehungsweise wir zu ihr. Ich hatte Ihnen diese Geschichte am Anfang des Berichtes versprochen. Wir wurden spät abends zu einer portugiesischen Familie gerufen. Die einheimische Tierärztin, Dr. Fatima Santos, sah sich mit dem Hund überfordert und bat uns, zu schauen, was das Problem sei. Die Hündin befand sich bei unserer Ankunft in Seitenlage, war aber ansprechbar. Ein handflächengroßer See Eiter hatte sich aus ihrer Scheide entleert, ihr Bauch war aufgequollen und ihre Schleimhäute zeigten schon alle Anzeichen einer Blutvergiftung.

Die Frage, ob das Tier zuvor viel getrunken hatte, wurde mit "ja" beantwortet. Weitere Untersuchungen ergaben ziemlich eindeutig: "Pyometra", eine Vereiterung der Gebärmutter. Eile war angesagt, da auch dies eine lebensbedrohliche Situation ist. Wir schleppten den extrem fetten Hund auf den Pick-up der Besitzer und fuhren zur Klinik. Die Chance, dass Sascha die OP überleben würde, standen mehr als schlecht. Ines und ich werden eigentlich kaum noch nervös, egal was kommt, aber wenn weinende Besitzer ein Tier begleiten, legt sich eine Decke der Anspannung über uns. Wir helfen Sascha so oder so, aber den liebenden Menschen den Verlust zu überbringen, ist eine der beschi... Aufgaben in diesem Beruf. Sascha hatte sich ihrem Schicksal ergeben. In Narkose lag sie ruhig atmend vor uns auf dem Tisch. Wenige Minuten später erinnerte die Szene an einen Horrorfilm. Als Ines die Bauchhöhle eröffnete kam massenhaft Eiter zu Tage, beziehungsweise zur Nacht, denn es war bereits 22:00 Uhr. Die Gebärmutter war offensichtlich dem großen Druck des Eiters erlegen und geplatzt. Das Bauchfell war auf ganzer Linie entzündet. Wir spülten und spülten, säuberten ihre Gedärme und entnahmen die vereiterte Gebärmutter, spülten erneut, versorgten alles mit Antibiose und sahen keiner guten Prognose entgegen. Unser OP-Feld sah aus wie ein Schlachtfeld, wir waren total besudelt und das, was wir an Equiment verbraucht hatten, hätte normalerweise für fünf Hunde gereicht. Um kurz nach Mitternacht verließen wir die Klinik und legten uns erschöpft zu Bett. Sascha hatte den Eingriff gut überstanden, aber die Frage blieb offen, ob ihr Körper mit den bereits produzierten Giften der Gebärmutter klarkommen würde.

Der nächste Tag und die fünf Weiteren waren entscheidend. Ab jetzt lag Saschas Zukunft nicht mehr in unserer Hand, wir hatten unser Bestes gegeben. Am nächsten Morgen steht Sascha vor uns und wedelt schwach. Diese Momente sind die schönsten Geschenke im Leben. Jedoch war damit noch nichts in trockenen Tüchern, aber wir atmeten erst einmal leise auf. Der erste Schritt war überstanden. Von Tag zu Tag erholte sich Sascha und ihre Lebensgeister kamen zu ihr zurück. Ihre überglückliche Familie besuchte Sascha jeden Tag und wir sind uns sicher, dass dies ein ganz wichtiger Betrag zu ihrer Genesung war. Die Freude, ihr Tier nicht verloren zu haben dankten sie uns mit den besten Wünschen für uns und unsere Arbeit und spendeten € 300,-. Immerhin ein durchschnittlicher Monatslohn auf den Kapverden. Mit dem letzten Bild von Sascha, auf dem sie uns anschaut, als würde sie sich bedanken, verabschieden wir uns von Ihnen und bedanken uns ebenfalls. Wir verabschieden uns von einem einzigartigen Projekt, von Menschen, die uns sehr ans Herz gewachsen sind, von Tieren, deren Lebensqualität wir nachhaltig verbessern konnten, von einer Insel, die an Naturschauspielen (außer den Wellen und dem Wind) nicht viel zu bieten hat, die aber durch die Mentalität und die Freundlichkeit der auf ihr lebenden Menschen einen Charme erhält, den man in Europa an vielen Stellen vergebens sucht. Sobald die Kosten für den nächsten Einsatz zusammengesammelt sind, werden wir zurückkehren und das vollenden, was bisher noch keinem Tierschutzverein in so kurzer Zeit gelungen ist: Die Kontrolle über eine Tierpopulation zu erlangen, die schätzungsweise um die 3000 Tiere liegt - ohne ein einziges davon hinter Gitter sperren zu müssen.

Ihr Thomas Busch
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand



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