Sal - Februar 2016

28.02.2016
Ein Bericht von:
Dr. Marga Keyl
Tierärztin

Unsere elfte Kastrationskampagne auf der Insel Sal der Kapverden hat begonnen. Wieder mit dabei sind Gilson und Alex von "Bons Amigos", die extra aus Praia auf der Hauptinsel Santiago nach Sal geflogen sind. Sie werden uns beim Einfangen der Hunde und bei der Anästhesie unterstützen werden. Auch Dr. Veronica Cabral, meine portugiesische Kollegin und Tierärztin bei den "Bons Amigos" ist wieder dabei.

Wir starten diesmal im Osten der Insel Sal, in dem kleinen Dorf Pedra de Lume. Hier sind in den letzten Jahren immer mal wieder Hunde für Kastrationsaktionen an anderen Orten der Insel eingefangen worden und somit waren einige Tiere schon kastriert. Am ersten Tag machen wir zehn Hunde und sieben Katzen unfruchtbar, dazu kommen mehrere Zahnbehandlungen. Nachdem wir am nächsten Tag weitere sieben Hunde kastriert haben, sind wir hier plötzlich fertig. Kaum zu glauben!

Am Ende des ersten Tages sind es 26 Hunde und eine Katze, die wir unter den interessierten Blicken vieler Kinder kastriert haben. Wir sind froh, wenn die Kinder Interesse zeigen, denn dies ist die nächste Generation, der von Anfang an beigebracht werden muss, wie man mit den Tieren umgeht. Einige kommen jeden Tag um zu helfen oder einfach nur um zu gucken. Manche auch nur, um ein Kuscheltier abzustauben.Dr. Marga Keyl

Alle streunenden Hunde wurden von Alex und Gilson mit Hilfe und Hinweisen der lokalen Bevölkerung eingefangen. Nur ein einziger Besitzer verweigert die Kastration seines Hundes, aber damit können wir leben - es ist ein Rüde. Den Rest des Tages verbringen wir mit der Behandlung von Räude bei einigen Schweinen. Die Schweine gehören der Besitzerin der Bar, in der wir kastrieren durften, und wir sind froh im Gegenzug auch ihr helfen zu können. Statt weiterer zwei Tage in Pedra de Lume entscheiden wir uns spontan, am nächsten Tag nach Palmeira umzuziehen, um dort unsere Kampagne fortzusetzen. Dank Sandro und Gabriella finden wir in dieser kurzen Zeit tatsächlich einen Raum, den wir für drei Tage mieten können.

In Palmeira starten wir, da sich unsere spontane Ankunft noch nicht recht herumgesprochen hat, mit der Kastration von nur sieben Hunden. Wir planen, uns hier auch die wild lebenden Hunde vorzunehmen, aber ihr Einfangen gestaltet sich schwierig. Die Hunde müssen sediert werden, das Mittel wird unters Futter gemischt. Leider kriegen die Tiere doch immer mit, wenn die Jungs sich mit dem Netz anschleichen. Das Adrenalin welches dann ausgeschüttet wird, gibt ihnen genug Kraft um wegzurennen, und dafür haben sie viel Platz. Das Gelände ist unwegsam, es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein und die Jungs geben alles, um hinterherzukommen. Zwei weibliche Hunde sind dann doch noch ins Netz gegangen, eine andere Hündin konnte leider entwischen. Birgit machte uns noch auf ein paar Tiere in schlechter Verfassung aufmerksam. Sie überwintert auf Sal und kennt Palmeira mittlerweile wie ihre eigene Westentasche. An den zwei folgenden Tagen kümmern wir uns ebenfalls hauptsächlich um das Einfangen der wild lebenden Hunde. Wir schaffen weitere 27 Tiere in diesen Tagen und können am Ende sagen: Auch Palmeira ist unter Kontrolle. Am Abend des dritten Tages in Palmeira geht es weiter nach Espargos, Gabriella hilft uns netterweise mit ihrem Pickup beim Umzug.

In Espargos waren wir zuletzt vor einem Jahr und damals ohne Hundefänger. Hier wartet viel Arbeit auf uns. Dank der Unterstützung der Gemeindeverwaltung dürfen wir wieder im Amphitheater kastrieren. Für die Hunde ist das toll, denn sie können draußen aufwachen und dann, bis sie wieder völlig stabil sind, in den Rängen des Freilufttheaters umherlaufen - anstatt in Boxen zu sitzen. Hilfe haben wir hier von Linda und Yvonne, die beide auf Sal leben. Auch Birgit und Erika aus Hamburg sind mit von der Partie und unterstützen uns kräftig im OP und beim Saubermachen der Hundeboxen. Am Ende des ersten Tages sind es 26 Hunde und eine Katze, die wir unter den interessierten Blicken vieler Kinder kastriert haben. Wir sind froh, wenn die Kinder Interesse zeigen, denn dies ist die nächste Generation, der von Anfang an beigebracht werden muss, wie man mit den Tieren umgeht. Einige kommen jeden Tag um zu helfen oder einfach nur um zu gucken. Manche auch nur, um ein Kuscheltier abzustauben. Auch der folgende Tag verläuft erfolgreich. Neben Kastrationen operieren wir einen Nabelbruch und eine stark blutende Bisswunde. Die Gemeinde hat mittlerweile unsere Aktion über facebook bekannt gemacht, und so haben wir alle Hände voll zu tun. Zu den vielen Kastrationen gesellt sich ein Hund, den ein Mann winselnd und bewegungslos im Gebüsch gefunden hat. Am Schwanz hat er eine alte Verletzung, der Knochen guckt heraus und alles ist entzündet. Doch das ist zur Zeit nicht sein Hauptproblem. Wir nennen ihn "Dingo", er steht unter Schock und hat starke Schmerzen. Mit einem Tropf und Schmerzmitteln stabilisieren wir ihn zunächst. Er wird uns bis zum Ende unserer Kampagne begleiten. Dingo kann zwar stehen wenn man ihn aufstellt, er humpelt aber stark auf einem Vorderbein und ist insgesamt extrem blass und geschwächt.

Der folgende Tag verläuft routiniert und erfolgreich mit 29 Kastrationen. Draußen wartet bereits das Taxi, das uns zurück ins Hotel bringen soll. Doch wie das immer so ist, wenn man es eilig hat: der letzte Hund des Tages ist sowohl ein Kryptorchid, d.h. ein Hoden befindet sich in diesem Fall in der Leistengegend, und zusätzlich hat er noch einen Nabelbruch, der operiert werden muss. Das Taxi muss warten, bis ich auch diesen versorgt habe. Leider geht es Dingo noch nicht besser. Er frisst und trinkt nichts.

Dingo heißt eigentlich "Cabeza". Sein Herrchen taucht am dritten Tag auf und ist hocherfreut, dass sein Hund noch lebt. Seit drei Tagen wurde er bereits vermisst. Für uns bleibt er "Dingo". Noch ist er nicht über den Berg, aber wir werden alles tun, um ihm zu helfen. Zusätzlich haben wir noch Besuch von unzähligen Zecken und Flöhen. Einige Hunde sind so voll von ihnen, dass es ewig dauert, alle zu entfernen, um überhaupt kastrieren zu können.

Der elfte Tag. Obwohl wir am Nachmittag unsere Ausrüstung zusammenpacken müssen, um nach Santa Maria umzuziehen, schaffen wir es, 26 Tiere zu kastrieren. Dank Dada steht uns der OSPA-Pickup zur Verfügung, so dass Gilson und Alex keine Probleme hatten, uns genügend Hunde zu bringen.

Am zwölften Tag starten wir in Santa Maria, Werner vom Pontapreta Hotel hat uns freundlicherweise einen Raum zum operieren zur Verfügung gestellt. Dingo ist mit dabei, er braucht weiterhin unsere Behandlung. Außerdem nehmen wir noch einen schwarzen Welpen mit, der am Tag zuvor operiert wurde und Probleme während der Narkose hatte. Zu riskant wäre es, die Kleine so wieder auf die Straße zu setzen. Sie wird zwei Tage später eine kapverdianische Familie finden, die sie bei sich aufnimmt. In Santa Maria sind die meisten Hunde kastriert. Nur wenige Besitzer weigern sich noch, ihre Tiere kastrieren zu lassen. So machen sich unsere Hundefänger auf, Hunde am Stadtrand von Santa Maria einzusammeln. Am Nachmittag kommt eine Hundefamilie herein, die übersät ist mit Flöhen. Alle Versuche sie zu entfernen, reichen nicht aus, und so springen die Tierchen noch während der Kastrationen auf meinen Armen herum und werden von Birgit eingesammelt. Wie müssen sich die armen Hunde bloß gefühlt haben? Ein weiterer Haufen Welpen wird gebracht und kastriert. Der kleinste, schwächste und dreckigste von allen wird ebenfalls von Kapverdianern adoptiert, vorher hat er noch von Birgit ein schönes Bad bekommen.
Dingo geht es heute ein wenig besser, er hat endlich ein bisschen gefressen.

Am folgenden Tag frisst Dingo mit sehr gutem Appetit und steht von alleine auf, wenn auch noch sehr wackelig. Wir sind sehr glücklich. Glücklich sind wir auch über die großzügige Spende eines Touristen aus Straßburg, der uns zufällig entdeckt. Vielen Dank, Eric! Auch heute wieder viele Kastrationen und einige Notfälle, die wir behandeln müssen.

Am letzten Tag operiere ich schließlich Dingo. Er ist zwar noch sehr schwach, aber die Amputation seines Schwanzes ist unvermeidbar. So beeile ich mich und halte die Narkose so kurz wie möglich, alles "zacka zacka" oder wie es hier ausgesprochen wird "saaka saaka". Den Ausdruck kennen alle im Team sehr gut. Die Narkose gibt mir auch die Gelegenheit, Dingos Schulter vernünftig zu untersuchen, ohne ihm Schmerzen zu bereiten. Die Schulter ist disloziert, ob etwas gebrochen ist kann ich ohne Röntgenaufnahme nicht sagen. Weniger als zwei Stunden später frisst unser Schatz schon wieder, als hätte er seit Wochen nichts zu fressen bekommen. Später am Nachmittag, als wir schon alles zusammenpacken und ich vor der Tür noch einen Hund untersuche, läuft Dingo plötzlich an mir vorbei, um draußen seine Geschäfte zu verrichten. Die Freude und Ungläubigkeit stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Die Organisation OSPA auf Sal wird ihn bis zu seiner Genesung zu sich nehmen, und ich bin guter Dinge, dass er sich erholen wird. Uns gelingt es noch, zwei weitere Welpen, die wir am Tag zuvor operiert haben, an Familien zu vermitteln. So haben wir am Ende unseres Einsatzes für vier Welpen ein Zuhause gefunden.

Insgesamt führten wir auf Sal 298 Operationen durch: 104 Kastrationen von Hündinnen, 119 von Rüden, 33 von Katzen und 21 von Katern. Hinzu kamen 21 weitere notwendige Operationen wie Augenentfernungen, Zahnextraktionen, Tumor OPs oder Wundversorgungen.

Nach diesem 11. Einsatz sieht es so aus, als ob der Tierärztepool es geschafft hat, eine komplette Insel "leer zu kastrieren". Von den ca. 3500 hier lebenden Hunden sind ca. 4000 kastriert. Diese Zahlen erscheinen unlogisch, aber während der vergangenen Jahre wurden ja weiter Welpen von den unkastrierten Tieren geboren. Trotzdem gibt es zum jetzigen Zeitpunkt in vier Orten fast keine unkastrierten Hunde mehr. Santa Maria, Pedra de Lume und Palmeira sind unter Kontrolle. Lediglich in Espargos würde sich ein weiterer Einsatz lohnen, denn dort leben in den ärmeren Aussenbezirken noch über 30 unkastrierte, wilde Hunde, die wir gesehen haben. Wahrscheinlich sind es auch noch ein paar mehr.
Völlig entspannt sehen wir der Tierschutzarbeit auf Sal entgegen und werden ab jetzt maximal einmal im Jahr herkommen um das unfruchtbar zu machen, was durch die wenigen uns entwischten Hündinnen neu geboren wurde. Die Zeiten der abgemagerten und völlig verwahrlosten Tiere gehört aber ein für alle Mal der Vergangenheit an. Ein riesiger Erfolg!

Ein großes Dankeschön geht an das RIU Hotel und die Câmara Municipal für ihre wertvolle Unterstützung. Ebenso an Catarina, die vor Ort alles organisiert hat, sowie an Dada, Gabri, Birgit, Erika, Linda, Yvonne, Werner, Sandro, Vicky, Denise, Marielle, Martina und all die vielen Helfer, die uns während dieser Kampagne zur Seite standen oder uns mit Spenden und mit leckeren Mittagessen unterstützt haben. Danke euch allen!

Ein Bericht von:
Dr. Marga Keyl
Tierärztin

Infos

  • Projektdauer: 14 Tage
  • Hündinnen: 104
  • Rüden: 119
  • Katzen: 33
  • Kater: 21
  • andere Operationen: 21
  • Gesamt: 298
  • Ansprechpartner: chef@archenoah-kreta.com



Spenden

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    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
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