Slatina September 2018

23.09.2018
Ein Bericht von:
Marla Maus
Tiermedizin-Studentin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien

Ich bin nervös, als ich in Craiova aus dem Flieger steige. Natürlich bin ich wieder gespannt auf die Menschen, wie Nina und Rebekka, mit denen ich die nächsten zwei Wochen arbeiten werde. Gespannt auf die Kastrationsstation und auf die Unterbringung.
Aber was mich nervös macht, ist das Land selbst. Rumänien. Ein Land, welches ich unwillkürlich mit Straßentieren und Tierelend in Verbindung bringe. Die Sommer sind heißer und die Winter kälter als in Deutschland und der Tourismus, wie ich ihn bei vergangenen Kastrationsaktionen in Griechenland erlebt habe, fehlt. Dieser macht in Griechenland zumindest über die Sommermonate für einige Tiere das Leben erträglicher.

Auch wenn ich davor gerne die Augen verschließen möchte, um meine heile Welt nicht in Gefahr zu bringen, geht das Töten trotzdem weiter. Außerdem denke ich mir, dass ich diese Bilder und Eindrücke mitnehmen möchte, um sie mit dem Leuten zu teilen, die immer noch lieber zum Züchter gehen, als ein Tier aus dem Tierschutz zu retten. Aufklärungsarbeit ist eben die wichtigste Waffe.Marla Maus

Das Land und die Menschen sind arm; die Politik versucht zwar, sich mit dem Tierelend auseinander zu setzen und Lösungen zu finden, aber an der Durchführung scheitert es und neben all den anderen Problemen spielt der Tierschutz eben doch nur eine untergeordnete Rolle. Nicht gerade rosige Aussichten als Straßentier in Rumänien...

Allerlei mir zugetragene Horrorgeschichten von anderen Tierschützern über das Tierelend geistern mir durch den Kopf und dann ist da auch noch die Sache mit der Tötung. Mir wurde angeboten, dass ich Nina und Rebekka begleiten kann, wenn sie von dort wieder Hunde retten, die sonst nach Ablauf einer Frist von wenigen Wochen - vollkommen legal - getötet werden. Davor habe ich ehrlich gesagt am meisten Angst, denn man kann nur einen Bruchteil retten. Man weiß, was mit den nicht-ausgesuchten Hunden passiert, aber wie man psychisch damit umgeht, das kann einem keiner sagen.

Die Anspannung ist nach dem ersten Tag direkt verflogen. Die Menschen, das Umfeld, die Arbeit - es hat einfach alles gepasst. Deshalb ist die Zeit wohl auch wieder wie im Flug vergangen. Was bleibt, sind schöne und traurige Erinnerungen und Bilder.
Es sind viele schlimme Schicksale, mit denen man täglich konfrontiert wird, wovon sich manche besonders einbrennen.

Da wäre zum Beispiel Sikari. Eine zuckersüße Hündin, die man einfach gern haben muss. Als sie gefunden wurde, hatte sie eine riesige Hernie, einen Leistenbruch, von der Nina sie in einer aufwendigen OP befreien konnte. Nach einer noch bevorstehenden zweiten OP kann dann das Abenteuer in eine neue Familie weitergehen, aber mit so viel Charme wird die Suche hoffentlich nicht allzu schwer.
Oder beispielsweise Leni und Forest, zwei sehr agile, lebensfrohe Hunde. Forest wurde mit Beckenfrakturen, Leni mit Frakturen an Vorder- und Hintergliedmaße gefunden. Sie werden operiert und können dann ein neues Leben, fernab von Hunger und Schmerz beginnen.

Dabei wird mir immer wieder klar, um was für Glücksfälle es sich hierbei handelt. Wie viele ähnliche Schicksale bleiben unentdeckt und sterben an einer Verletzung oder verhungern langsam vor sich hin? Ich will und kann es mir nicht ausmalen.

Andere Bilder sind für Rumänien wohl gewöhnlich, brennen sich mir aber dennoch ein. Fährt man durch die Straßen einer Stadt, sieht man alle paar Meter Tiere. Dort sind Hündinnen, die zwei Meter entfernt von der stark befahrenen Straße zwischen Wohnblocks ihre Welpen säugen. Oder Hundewelpen, die mitten auf der Straße stehen und Pferdeäpfel fressen, um die alle Autos einen großen Bogen fahren. Oder kleine tapsige Hundewelpen, höchstens sechs Wochen alt, die übereinander herfallen aus Futterneid. Das hätte ich ihnen nie zugetraut, aber verständlich - immerhin geht es hier um nicht weniger als das nackte Überleben.

Als der Tag bevorsteht, an dem wir in die Tötung fahren, steht mein Entschluss fest und ich möchte mitkommen. Ich will nicht sagen, dass ich das nicht kann. Niemand fährt dort gerne hin um zwischen all den todgeweihten Hunden doch ein paar auszusuchen, die weiterleben dürfen. Auch wenn ich davor gerne die Augen verschließen möchte, um meine heile Welt nicht in Gefahr zu bringen, geht das Töten trotzdem weiter. Außerdem denke ich mir, dass ich diese Bilder und Eindrücke mitnehmen möchte, um sie mit dem Leuten zu teilen, die immer noch lieber zum Züchter gehen, als ein Tier aus dem Tierschutz zu retten. Aufklärungsarbeit ist eben die wichtigste Waffe.

Auf dem Weg dorthin kämpfe ich schon mit den Tränen, versuche ruhig zu atmen und kneife mich, um meine Gedanken auf etwas anderes zu fokussieren und nicht schon komplett aufgelöst dort anzukommen. Vor Ort fühle ich mich allerdings wie ein Kühlschrank. Meine Emotionen habe ich wohl im Auto zurück gelassen, denn ich funktioniere einfach nur und denke nicht nach. Die Gedanken und Bilder holen mich erst später ein. Die ängstlichen Blicke der Hunde dort, die nicht verstehen warum man sie so festhält, haben Spuren hinterlassen.

Egal ob groß oder klein, Welpe oder adulter Hunde, Mischling oder Rassehund - hier ist alles vertreten und wartet auf den bevorstehenden Tod oder den unwahrscheinlichen Fall gerettet zu werden.

Als Welpe, ausgespuckt in eine Welt, ohne Liebe und Zuneigung um gleich darauf wieder getötet zu werden. Oder als alter Hund, der die letzten Jahre um das Überleben gekämpft hat und jetzt umringt ist von Gitterstäben und Fäkalien. Das letzte was er sieht, bevor er den Kampf verliert.

Leere Zwinger. Nicht etwa, weil momentan wenig Hunde da sind oder viele gerettet wurden, nein. Am Vortag wurde nur wieder Platz geschaffen; Überzählige Tiere werden entsorgt, um Platz für Neuankömmlinge zu machen, damit der Wahnsinn weitergeht.
Dieser Ort führt einem wie kein zweiter Ort vor Augen, wie wichtig Kastrationen sind und wie unnötig es ist, zum Züchter zu gehen.

Die Zeit hier in Rumänien vergeht viel zu schnell und ich wünsche mir, ich könnte noch länger bleiben und helfen. Was nehme ich mit aus Rumänien?
Demut und Dankbarkeit. Ich bin dankbar dafür, dass es mir so gut geht, meine Problemchen in Deutschland erscheinen mir jetzt plötzlich so verschwindend klein, angesichts der Tatsache, womit Mensch und Tier hier zu kämpfen haben.

Vor allem bin ich dankbar für Menschen wie Nina. Es wird sich so aufopferungsvoll um die Tiere gekümmert, dass das eigene Wohl oft auf der Strecke bleibt. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass die reibungslosen Kastrationen hier nur ein Produkt aus jahrelanger Vorarbeit sind. Vorarbeit, die darin besteht, sich Genehmigungen einzuholen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und Aufklärungsarbeit über das Thema der Kastration und deren Kausalität zu leisten.

Zusammenfassend entsprachen die Ängste über Rumänien, mit denen ich mich anfangs konfrontiert sah, zwar der Wirklichkeit. Aber man merkt, dass langsam ein Umdenken stattfindet und es viele Leute gibt, die gewillt sind durch Arbeit und Aufklärung für eine bessere Zukunft zu sorgen.

Frisch motiviert starte ich in das neue Semester, mit der Hoffnung, dass die Zeit bis zum nächsten Kastrationseinsatz für mich schnell vorbeigeht.

Ein Bericht von:
Marla Maus
Tiermedizin-Studentin



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