Slatina Sommer 2017

11.10.2017
Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Beachten sie bitte unser aktuelles Statement zur Arbeit in Rumänien vom 21.06.2016

Ende Juli starteten wir ein weiteres Mal nach Slatina in Südrumänien, um dort ein groß angelegtes Kastrationsprojekt durchzuführen. Mit im Gepäck hatten wir nicht nur jede Menge medizinisches Equipment, Futter und sonstiges Verbrauchsmaterial, sondern auch jede Menge Hoffnung, die schlimme Situation der Straßentiere in Slatina nachhaltig verbessern zu können. Es könnte unsere Arbeit hier betreffend ein Durchbruch werden, denn die Behörden möchten offiziell mit uns zusammenarbeiten. Sie möchten die 4000 Besitzerhunde im Stadtgebiet microchippen, registrieren und Kontrollen durchführen, ob die Besitzer ihr Tier haben kastrieren lassen. Diejenigen, die nicht kastriert sind, möchten sie zu uns schicken. Das ist genau das, was wir uns schon immer wünschten. Die Kastration der Besitzerhunde im großen Stil, denn genau diese sind der Ursprung des ganzen Straßenhundeproblems. Natürlich stimmen wir daher zu, denn diese Chance muss genutzt werden. Eine gewisse Portion Vorsicht schwingt natürlich mit, denn nach all den Jahren in Rumänien wissen wir nur zu gut, dass nicht alles funktioniert wie es soll.

Ich besitze mittlerweile so viel Fantasie, mir all die abertausende von elenden kleinen Welpen vorzustellen, die über die Jahre nicht geboren wurden, in ein Leben, welches nur Siechtum für sie bedeutet hätte. Ich halte sie ständig in den Händen: Kleine abgemagerte Geschöpfe, voll Parasiten und besiedelt von allen nur denkbaren Erkrankungen. Sie haben keine Zukunft.
Ich wünschte, Sie könnten Sie auch sehen: Fussballfelder voller kleiner Geschöpfe, denen wir genau das erspart haben. Wir alle gemeinsam.Nina Schöllhorn

Es zeigt sich schnell, dass sich unsere Befürchtungen leider bestätigen. Die Microchips sind noch nicht da, zudem ist Urlaubszeit und keiner arbeitet. Na ja, der Einsatz war monatelang geplant, was soll man dazu sagen...
Es kommen also nicht genug Tiere zu uns, wir haben nicht genug Arbeit. Ein sehr frustrierender Umstand, denn die Stadt ist voller Hunde, das Elend ist überall und zum Greifen nahe, doch die Hunde finden den Weg nicht auf unseren OP-Tisch. Gemeinsam mit Gratiela, der Verantwortlichen für die Aktion, werden wir nun also selbst aktiv, drucken Flyer, kontaktieren Fernsehsender und Zeitungen, damit diese über unsere Aktion berichten und fangen schließlich selbst Hunde ein. Als unverzichtbar stellt sich wieder einmal der große Transporter dar, den TASSO für unsere Aktionen zur Verfügung stellt. Denn häufig scheitert es tatsächlich daran, dass die Leute ihre eigenen Hunde, oder auch Hunde, die sie füttern, nicht zu uns bringen können. Sehr viele Menschen haben kein Auto, mit dem sie ihren Hund transportieren können. Andere trauen sich schlichtweg nicht, den Hund anzufassen oder wollen ihn aus Hygienegründen nicht im Auto haben. Häufig gibt es auch große Hundegruppen in Privatgrundstücken oder Firmengeländen, die zwar gefüttert werden, sich aber nicht ganz einfach einladen lassen. Die betroffenen Menschen stehen dann verständlicherweise vor einem großen Problem. Sie wollen die Hunde kastrieren lassen, wissen aber schlichtweg nicht wie. Hier setzt also unsere Hilfe an und mit List und Tücke konnten wir auch so manch schwierigen Kandidaten "überreden", mit uns zu kommen.

Besonders eindrucksvoll war das Einfangen auf dem Friedhof von Slatina, auch hier wurden wir um Hilfe gebeten. Viele Anfragen kommen auch aus Bals, der Nachbarstadt, in der wir früher schon viel gearbeitet haben. Dort scheint man schon einen Schritt weiter und es muss nicht erst mühsam Aufklärungsarbeit geleistet werden. Viele Menschen haben sich schon durch unsere Aktionen in früheren Jahren von den Vorteilen der Kastration für ihre Tiere überzeugt und möchten jetzt von sich aus ihr Tier kastriert haben. Da es auch hier in den allermeisten Fällen eine unüberwindbare Hürde darstellt, die Tiere zu uns zu bringen, fahren wir die Tiere schließlich selbst. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Zusatzarbeit für uns, macht jedoch auch unheimlich Spaß.

Virgil, ein großer Tierfreund, den wir seit vielen Jahren sehr zu schätzen wissen, überrascht uns dann tatsächlich. Er ist nicht nur großartig im Organisieren sondern auch mit einem solchen Feuereifer dabei, wie ich es eigentlich immer vermisse in Rumänien. Er steht hinter der Sache und bringt sich voller Elan und gleichzeitig mit viel Humor ein. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wie uns die Leute schließlich alle mit strahlenden Gesichtern ihre Tiere überreichen. Freiwillig. Wenn wir sie abends zurück fahren, warten die Besitzer schon und schließen ihre Tiere erleichtert in die Arme. Man schenkt uns Tomaten, Paprika und alles, was der Garten hergibt. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass wir ein bisschen komisch sind, was das Essen angeht. Wir sind wohl Vegetarier und mögen alles am liebsten ganz natürlich. Deshalb strecken sie uns ihr Obst und Gemüse lächelnd entgegen und betonen, dass alles "bio" ist. Diese Art der Dankbarkeit ist die schönste, die es geben kann.

Oder zumindest fast. Denn noch schöner ist, wenn sie uns die Hunde zeigen, die wir schon vor vielen Jahren kastriert haben und die ganz offensichtlich in gutem Zustand sind. Und tatsächlich, wir finden sehr viele Hunde wieder, die wir schon vor langer Zeit kastriert haben. Auch begegnen uns ständig Straßenhunde, die unsere Ohrclips tragen. Diese haben es also wirklich geschafft, all die Jahre auf der Straße zu überleben. Dies ist die größte Bestätigung für unsere Arbeit. Und ganz ehrlich, es ist für mich jedes mal eine solche Freude, wenn ich einem Hund mit Ohrclip begegne. Dies ist wohl der größte Dank für meine Arbeit. Und ich atme jedes Mal tief aus: "Ja, es ist das richtige was wir tun - auch wenn es ein sehr mühsamer, steiniger Weg ist."
Das Highlight ist ein alter Rüde, dem ich begegne. Er trägt einen grünen Ohrclip. Grün - diese Clips haben wir nur bei unserer ersten Aktion in Bals verwendet. Dies ist bereits 8 Jahre her!

So kommt der Einsatz schließlich doch noch ins Rollen und schließlich läuft die Sache so geschmeidig, wie sie soll. Leider nicht so, wie ursprünglich angedacht und leider, wie so oft, nur mit großem Krafteinsatz unsererseits. Ich würde mir einfach viel mehr Mitarbeit von Seiten der Behörden und der Bevölkerung wünschen. Vielleicht ist das aber zu viel verlangt, vielleicht müssen wir froh sein, wenn man uns überhaupt duldet und gewähren lässt. Man muss in diesem Land seine Ansprüche zurückschrauben, sonst verzweifelt man tatsächlich.
Wir sehen den Istzustand, den wir schnell beenden wollen. Wir sehen das Ziel, wo wir hinwollen. Wir legen uns einen Plan zurecht, wie wir möglichst schnell dort ankommen. Wir sind bereit all unsere Energie dafür einzusetzen. Doch leider sind wir nicht die einzigen Faktoren, von denen das ganze abhängt. Immer wieder ausgebremst zu werden ist nicht schön, vor allem weil die Tiere in der Zwischenzeit weiter leiden, direkt vor unseren Augen.

Doch es heißt durchatmen und den Blick auf das bisher erreichte zu wenden:
Auf all die Hunde die schon so viele Jahre ein besseres Leben führen, da sie kastriert sind.
Auf all die Menschen, denen wir eine große Sorge abgenommen haben, da sie sich nicht mehr mit dem Problem der unerwünschten Welpen auseinandersetzen müssen.
Auf all die Notfälle, die dank unserer Hilfe überlebt haben und jetzt ein glückliches Leben führen.
Auf all die Hunde, die wir aus dem städtischen Auffanglager übernehmen konnten und ihnen somit ein neues Leben schenkten.
Und zumindest ich besitze mittlerweile so viel Fantasie, mir all die abertausende von elenden kleinen Welpen vorzustellen, die über die Jahre nicht geboren wurden, in ein Leben, welches nur Siechtum für sie bedeutet hätte. Ich halte sie ständig in den Händen: Kleine abgemagerte Geschöpfe, voll Parasiten und besiedelt von allen nur denkbaren Erkrankungen. Sie haben keine Zukunft.
Ich wünschte, Sie könnten Sie auch sehen: Fussballfelder voller kleiner Geschöpfe, denen wir genau das erspart haben. Wir alle gemeinsam.

Wir gehen den Weg also weiter. Für jeden einzelnen von ihnen.
Ihre Nina Schöllhorn

Dieser Einsatz wurde ermöglicht durch die Unterstützung von kids4dogs und Pfoten-Freunde Rumänien e.V. Vielen Dank an TASSO e.V. für die Bereitstellung des Transporters für diesen Einsatz.

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

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