Thessaloniki Februar 2015

06.02.2015
Ein Bericht von:
Ray Hodson
Assistent

Als ich am Hafen in Heraklion auf Ines wartete, um die Fähre nach Pireus zu nehmen, hatte sich seit unserem letzten Treffen nichts geändert. Es regnete immer noch! Schließlich traf ich Ines und zu meiner großen Überraschung war ein riesiger Anhänger an das Auto angekoppelt. Sie begrüßte mich mit den Worten, dass sie absolut nicht in der Lage sei, mit dem Hänger rückwärts zu fahren oder zu drehen.

Aber zum Glück ist Ines einfallsreich. Ein schneller Besuch bei den Einschiffungsbeamten vor Ort lässt auf Hilfe hoffen, als Ines sich als hilflos und blond darstellt. Während die Männer- ja, wir sind so vorhersehbar- sich fast überschlagen, um zu helfen und um Eindruck zu schinden, wird Ines in Sekundenschnelle das Fahrzeug abgenommen und ein Mann in einer gelben Warnweste parkte den Wagen inklusive Anhänger in einer unglaublich kleinen Lücke zwischen 2 Lkw´s ein, ohne große Schwierigkeiten zu haben. Noch bevor er den Wagen verlässt bekommt er Applaus von uns und umstehenden Gästen, seine Brust schwillt vor Stolz an und mit einem breiten Lächeln überreicht er Ines den Autoschlüssel. Wir verlassen das Parkdeck, um nach dieser Aufregung Ruhe in der Kabine zu finden. Denn bald stehen wir im Op in Kalives, um Nea Moudania´s Strassenhunde zu kastrieren.

Fassungslos stehen wir um den toten Hund herum und fragen mal wieder nach dem "Warum?". Wie immer bleibt uns jemand eine Antwort schuldig. Ray Hodson

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen und mit Auto und Hänger weiter Richtung Thessaloniki. Froh darüber, die Einparksituation mit dem Hänger auf der Fähre umgangen zu sein, blieb uns dieses Glück nicht lange treu.
In Griechenland gibt es nämlich eine sehr seltene Art von Menschen, die für Strassensperrungen und Umleitungen verantwortlich sind. Sie kommen nur während der Nacht raus, um Unheil und Chaos zu stiften. In der Tat kamen wir zu einer Umleitung und landeten in einer Sackgasse. Nur leider war dieses Mal kein Mann in einer gelben Weste vor Ort, der uns aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Ines benutzte einige Worte, die ich glücklicherweise nicht verstanden habe und ich legte meinen Kopf zwischen meine Beine und fing an, zu beten. Nach ca. 15 Min. und einer 35 Grad Drehung, waren wir wieder in Richtung Zielort unterwegs.

Am 1. Tag unsere Kastrationskampagne traf ich Alekos, den Tierarzt, der seine Praxis für unsere Operationen zur Verfügung stellt. Mit der typischen griechischen Gastfreundlichkeit wurde ich empfangen und für uns Nordeuropäer etwas ungewöhnlich, mit einem Kuss auf beide Wangen begrüßt. Nachdem ich hier nun 12 Jahre lebe, habe ich mich mittlerweile damit arrangiert. Trotzdem würde ich es vorziehen, wenn sich die Männer vorher rasieren würden.

Ich habe große Sympathie für die griechischen Damen und ich möchte einmal zur Sprache bringen, dass mein eigenes Kinn so glatt, wie ein Babypopo ist. Die Tiere für die Kastration warteten bereits auf uns und wurden ohne jegliche Unterbrechung zur Praxis gebracht. Es gab nicht mal einen kurzen Augenblick für eine Verschnaufpause.

Das erste, was mir auffällt ist, dass die Hunde hier viel größer sind als auf Kreta. Der kleinste Hund, der auf unseren Tisch kommt, hat Labradorgröße. Die meisten Hunde wiegen nicht unter 40 kg und bringen mich an meine körperlichen Grenzen. Ich hatte eher das Gefühl beim Gewichtheben zu sein als bei einer Kastrationskampagne. Ich habe mich gefragt, ob Arche Noah uns einen Gutschein für eine Massage spendieren würde. Ich würde natürlich eine Massage bei asiatischen Damen bevorzugen, die mit ihren kleinen Füßen auf dem Rücken ihrer Massagegäste hin-und herlaufen.

Mir wurde aber erklärt, dass dies nicht im Sinne der Spender sei, demzufolge bekam ich nur ein chinesisches Bier. Ich treffe diese großen Hunde überall auf der Strasse an und sie liegen vor Supermärkten, Autowerkstätten, Restaurants und in Hauseingängen. Sie prägen das Bild dieser nordgriechischen Stadt und scheinen von der örtlichen Bevölkerung zum größten Teil akzeptiert zu werden.

Einer der ersten Hunde, die wir zu Gesicht bekamen, war eine übergewichtige Labradorhündin, die von einem gutherzigen Griechen gefüttert wurde. Sie ist vor ca. 6 Monaten vor seiner Tür aufgetaucht. Woher sie kam weiß er nicht, aber sie ist sehr lieb und darf bleiben. Leider sind Labradorhunde von Natur aus sehr verfressen und gerade dieser Hund hat eine Gewichtszunahme zu verzeichnen, die schon einem Kunstwerk gleicht. Ines mit ihrer nicht existierenden Diplomatie ließ durch Eleni (die Stieftochter des Tierarztes und gleichzeitig Assistentin bei unserer Kastrationsaktion) übersetzen, dass so viel Gewicht dem Tier mehr schadet als gut tut und Herz, Lunge, Gelenke und Wirbelsäule schädigen können. Traurigerweise weiß der Mann diesen gut gemeinten Rat nicht zu schätzen. Er hebt die Schultern in der typischen griechischen Weise und sagt nur: Wie soll ich das nur machen? Uns ist klar, dass er den Fütterungshinweis nicht ernst nimmt.

Während dieser ärztlichen Ratschläge versuchte ich auf Mausgröße zu schrumpfen und mich in einem Loch zu verstecken, da meine eigene rundliche Figur im Vergleich zu Ines schlanker Gestalt (muss an der veganen Ernährung liegen), dem Labradorbesitzer ebenfalls eine Denkaufgabe vermittelte. Die Tage vergingen schnell und es gibt sehr wenig Unterschied zwischen den einzelnen Operationen, bei denen es immer darauf hinausläuft, dass die Reproduktionsorgane entnommen werden. Ich war sehr froh, dass diese Kastrationskampagne nicht von so vielen dramatischen Sonderoperationen durchzogen wurde wie beim letzten Mal.

Kaum gedacht kam eine Hündin mit einer großen Umfangsvermehrung in der Leiste. Normalerweise werden diese Leistenbrüche durch große Gewichtszunahme (z.B. durch zahlreiche Trächtigkeiten) und schwaches Gewebe ausgelöst. In diesem Fall war offensichtlich, dass ein Unfall vor längerer Zeit die Ursache für die Hernie war. Diese Veränderungen müssen zwingend operiert werden, da sich im schlimmsten Fall Organe aus der Bauchhöhle in dieser Aussackung einklemmen können und für starke Schmerzen bis zum Absterben der Organe führen können. Diese Art der Operation ist sehr zeitaufwendig aber mit Sicherheit lebensrettend für diesen Hund. Während ein Hund nach dem anderen kastriert wird, tauchen wie aus dem Nichts 2 Müllmänner mit einem halbtoten Hund auf. Sie haben ihn so auf der Strasse gefunden. Jemand aus ihrem Dorf hatte ihn vergiftet. Ines ließ alles stehen und liegen und widmete sich dem neuen Patienten, der in diesem Augenblick seinen letzten Atemzug macht.

Fassungslos stehen wir um den toten Hund herum und fragen mal wieder nach dem "Warum?". Wie immer bleibt uns jemand eine Antwort schuldig. Ines macht sich noch verbissener an die nächste Kastration. Nur so kann in Zukunft das Leid, dass diesem Hund widerfahren ist, beendet werden. Ein schwacher Trost bleibt: Zumindest gab es diese mitfühlenden Menschen, die den Hund zum Tierarzt gebracht haben und sie haben ihn sogar wieder mitgenommen, um ihn zu begraben.

76 Tiere wurden in 3 Tagen operiert, die meisten davon von einer gigantischen Größe. Wir sind zufrieden.
Ein abschließendes Dankeschön möchte ich Eleni widmen. Ohne sie wäre unsere Arbeit mit den Hunden aus Nea Moudania wesentlicher schwieriger und stressiger verlaufen.

Sie ist vergleichbar mit einem Hundeflüsterer, der auch bissige Hunde auf wundersame Weise bezähmen kann. Oftmals rücksichtslos gegenüber sich selbst, bringt sie zu viel Vertrauen den schwierigen Patienten entgegen und musste manches Mal ihre helfende Hand schnell zurückziehen. Sie ließ sich dadurch aber keineswegs entmutigen.
Tausend Dank an Eleni!!!
Mit Respekt vorgelegt, Ihr Ray Hodson

Ein Bericht von:
Ray Hodson
Assistent

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