Thessaloniki - Februar 2017

24.02.2017
Ein Bericht von:
Dr. Marga Keyl
Tierärztin

Mit Thessaloniki fing für mich alles an, habe ich doch hier vor drei Jahren meine Kollegin Ines Leeuw kennengelernt und sie bei einem viertägigen Kastrationseinsatz unterstützt. Vier Tage, die damals bei mir mit Muskelkater im gesamten Körper endeten, denn das Vorbereiten der überwiegend großen Hunde in dieser Gegend ist mit diversen Kniebeugen und dem Stemmen von nicht unerheblichen Gewichten verbunden - ein "full body workout" sozusagen. Das war mein Beginn bei der Arche. In Thessaloniki habe ich auch meinen letzten Kastrationseinsatz zusammen mit Ines an meiner Seite bezwungen, bevor sie mich zu meinem ersten Alleineinsatz auf die Kapverden schickte. Dieser Einsatz fand damals in der Praxis eines ortsansässigen Tierarztes statt.

Man weiß, wieviel man kastriert hat, wenn man morgens mit tauben Fingern aufwacht und seine Hände erst einmal unter warmes Wasser halten muss, um sie wieder bewegen zu können. Wenn man abends seufzend ins Bett fällt, weil sich endlich der Rücken etwas entspannt. Und dann zählt man, wieviele Tiere an diesem Tag kastriert wurden und die Schmerzen sind vergessen.Dr. Marga Keyl

Inzwischen hat sich einiges getan, es gibt auch hier mittlerweile einen offiziellen Raum von der Gemeinde, in welchem die Kastrationen stattfinden können. Wir haben die volle Unterstützung von der Gemeinde und vom Bürgermeister, der uns auch persönlich einen Besuch abstattete um sich für die Arbeit zu bedanken und um zu fragen, was es noch zu verbessern gäbe.

Sechs Tage lagen vor uns und wir wussten, daß es anstrengend werden würde. Wir, das waren meine Kollegin Leslie, unsere OP-Schwester Christina und ich. Der Durchschnittshund in dieser Gegend ist ein Herdenschutzhund und wiegt 30-40kg. Ich höre noch die Worte von Tierschützerin Rebecca: "Es werden diesmal gar nicht so viele Tiere werden." Na gut, dachte ich, dann fangen wir mal an. Das mit dem Aufhören war da schon schwieriger. Der Strom der Tiere riss nicht ab. Egal zu welcher Tageszeit wir fragten, wieviele denn wohl noch draußen warteten, hiess es "So um die 20". Große Hunde, große Hunde und Katzen. Jeden Abend standen wir bis 22h oder länger, denn ich lasse die Hunde und Katzen ungern über Nacht unkastriert in ihren Boxen. Für die Katzen würde das weitere 24 Stunden in der Box bedeuten bis sie fit genug sind, um wieder freigelassen zu werden. Für beide bedeutet es, sich über Nacht in der Box erleichtern zu müssen, was weder für die Tiere, noch für uns am nächsten Tag besonders angenehm ist. Doch wenn man um 22 Uhr erfährt, daß immer noch 12 Hunde draußen warten, macht man auch hier mal eine Ausnahme.

Einen halben Tag Abwechslung bescherte uns eine Kastration der etwas größeren Art: Ein Esel musste unfruchtbar gemacht werden, um unerwünschten Nachwuchs mit seiner Halbschwester zu verhindern. In meiner ersten Laufbahn als Pferdepraktikerin haben wir regelmäßig Pferde kastriert, das ist allerdings schon eine Weile her und daher war für mich diese Situation auch wieder aufregend. Doch der Venenkatheter ließ sich noch schieben wie früher, das Narkosemittel wirkte, und mit etwas Hilfe legte sich der Esel sanft hin. Die Kastrationstechnik ist anders als beim Rüden und alles ist etwas größer. Gedanken wie "hoffentlich hält die Ligatur" und "hoffentlich blutet nichts nach" schossen durch meinen Kopf. Wie damals, als ich begonnen habe, Hunde zu kastrieren. Ich war froh, als der Graue langsam aus der Narkose wieder erwachte und bald darauf (noch etwas wackelig) auf allen vier Beinen stand.

Man weiß, wieviel man kastriert hat, wenn man morgens mit tauben Fingern aufwacht und seine Hände erst einmal unter warmes Wasser halten muss, um sie wieder bewegen zu können. Wenn man abends seufzend ins Bett fällt, weil sich endlich der Rücken etwas entspannt. Und dann zählt man, wieviele Tiere an diesem Tag kastriert wurden und die Schmerzen sind vergessen. Leider gibt es hier noch immer viel zu viele Straßenhunde. Es ist nicht selten, daß einem Horden von fünf Hütehunden begegnen, die durch die Straßen ziehen. Und leider ist es auch nicht selten, tote Hunde am Straßenrand zu sehen - im Gegenteil. Zum Teil sind die Straßenhunde wild und reißen Gänse oder sogar andere Hunde. Jeder Hund, der hier keinen Nachwuchs in die Welt setzt, macht einen riesigen Unterschied. Dies sind die Gedanken, die einen immer wieder durchhalten lassen. Auch Leslie und Christina geben nicht auf, bis zum späten Abend wird tapfer durchgehalten.

Tag sechs, 22 Uhr. Der letzte Hund. "Es ist ein Rüde", heisst es. Ist es aber nicht. Es ist eine Hündin mit riesigen Zysten auf den Eierstöcken, teilweise schon tumorös entartet. Vor kurzem hat sie ihre Welpen verloren, das sehe ich an der Dicke ihrer Gebärmutter. Es ist eine schwierige OP, die meine letzten Kraftreserven fordert. Doch ich bin dankbar, daß die Tierschützer diese Hündin noch in letzter Minute gefangen haben, denn die andauernden Schmerzen in ihrem Bauch sind sicherlich nicht vergleichbar mit denen in meinen Fingern.

In sechs Tagen konnten wir 231 Tiere kastrieren, darunter 89 Hündinnen, 48 Rüden, 60 Katzen und 34 Kater. Außerdem führten wir 20 weitere Operationen durch, darunter Tumorentfernungen, Nabelbrüche, Kryptorchiden und Zahnsanierungen.

Ein Bericht von:
Dr. Marga Keyl
Tierärztin

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