Thessaloniki - Herbst 2014

20.11.2014
Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Wir folgen einem Ruf, der uns in den Norden Griechenlands führt. Die Bürgermeister kleinerer Gemeinden wollen fortschrittlich sein. Sie sind interessiert an alternativen Methoden zur Reduktion der Streunerzahl und wollen Kastrationsaktionen unterstützen, die langfristig und nachhaltig eine Wirkung zeigen. Mittlerweile verwöhnt von Kreta, sind wir doch erstaunt bis schockiert, wie viele große Straßenhunde sich in der Stadt um die Mülltonnen scharen. Diese Anzahl kann unmöglich in Tierheimen untergebracht oder vermittelt werden.

Mittlerweile verwöhnt von Kreta, sind wir doch erstaunt bis schockiert, wie viele große Straßenhunde sich in der Stadt um die Mülltonnen scharen. Diese Anzahl kann unmöglich in Tierheimen untergebracht oder vermittelt werden.Ines Leeuw

Auf dem Weg zu unserem Arbeitsplatz machen wir noch Halt, um einige Patienten abzuholen. Bei dem Aufladen der Tiere wird der Nachbar aufmerksam, der ebenfalls 20 Katzen füttert. Begeistert von der Aktion bringt er auch einige ?seiner? Katzen zum Wagen. Bei seinem Ziegenbock lehnen wir allerdings ab. Marga, meine neue Kollegin und ich bauen kurz den Op auf und beginnen direkt mit unserer Arbeit. Schon bei der 1. Aktion in diesem Jahr, war Marga mit von der Partie und hat zum Auslandstierschutz hautnah miterlebt. Sie wurde damit konfrontiert, dass es oft nicht nach Plan läuft, dass aus 30 Tieren pro Tag auch manchmal 45 werden können und unsere Arbeitszeit nie pünktlich um 17:00 Uhr endet. Manchmal müssen wir improvisieren, manchmal versuchen uns widrige Umstände aufzuhalten.

Das hat sie aber eher angespornt und motiviert mitzuarbeiten und zu einem Teil unseres Teams zu werden. Egal, was passiert, sie war nie aus der Ruhe zu bringen. Sie stand Seite an Seite mit mir im Op, bis das letzte Tier behandelt und operiert war. Nie kam eine Beschwerde oder ein Murren über lange Arbeitszeiten, unregelmäßige Nahrungsaufnahme oder ein provisorisches Nachtlager. Das alles hat sie zu einer unersetzlichen Stütze gemacht. Dass sie genauso so fühlt wie meine Kollegen oder ich, brauche ich wohl an dieser Stelle nicht erst erwähnen. Auch bei ihr hat jedes Tier eine Chance verdient und wenn andere aufgeben, tut sie es noch lange nicht.

So begann auch diesmal unsere Arbeit, ungewiss, wann der Tag ein Ende nehmen würde und/oder durch Notfälle unterbrochen wird. Notfälle kommen immer dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Manchmal werden sie verharmlost, manchmal werden sie schlimmer dargestellt als sie sind, aber immer werden sie von uns erst einmal als Notfall behandelt.

Es war schon 22:00 Uhr und wir hatten noch 7 weitere Kastrationen vor uns, als Rebecca (die Initiatorin der Aktion) ganz aufgeregt und aufgelöst in den Op gestürmt kam. Fassungslos berichtet sie, dass sie gerade einen Hund abgeholt hat, den der Besitzer versucht hat zu töten. Er zog ihn an einem Seil hinter dem Auto her. Nun war er bei ihr. Ein großer beigefarbener Schäferhundmischling lag zusammegekauert vor ihr auf dem Boden. Abgemagert bis auf die Knochen schaute er uns unterwürfig an. Ganz zaghaft wedelte er mit seiner Rute. Uns brach es fast das Herz, dass der Hund nach so einem Erlebnis noch so freundlich auf "seinen Feind" reagieren konnte. Vertrauensvoll legte er seinen Kopf auf Marga´s Schoss. Vorsichtig untersuchten wir seinen Körper. Das Wedeln wurde immer heftiger und Marga´s Hände konnten nicht aufhören ihn zu streicheln. Er hatte diverse Hautabschürfungen und eine schlecht verheilte Fraktur am re. Vorderbein. (Also wird sein Besitzer ihm schon vorher übel mitgespielt haben) Wir waren nur noch betroffen. Nach Reinigung seiner Wunden, der Gabe von Schmerzmittel und Antibiotika erhielt er von Rebecca ein Festmahl. Die nächsten Tage erlebten wir einen freundlichen und liebenswürdigen Hund, der für jede Aufmerksamkeit einfach nur dankbar war.

Der nächste Notfall ließ nicht lange auf sich warten. In einem Katzenkorb wurde uns ein halbtotes Etwas zum Einschläfern geliefert. Wir erhielten nur die Information, dass die Katze wahrscheinlich von einem Auto angefahren und "so" am Straßenrand liegend einpackt wurde. Das "so" bezog sich auf eine abgerissene Hinterpfote und aus dem Bauch hängende Gedärme. Das kleine Katzentier lebte noch, lag aber nur noch auf der Seite und bewegte sich kaum. Die Atmung war flach und das 3. Augenlid vorgefallen. Marga und ich waren der Meinung, dass sie eine Chance verdient hat, wenn sie es schon bis hierher geschafft hat.

Wir arbeiteten schnell. Jede Sekunde, die die Katze zu lange in Narkose liegt, könnte entscheidend über ihre Zukunft sein. Während der Op war sie auf ein Wärmekissen gebettet und körperwarme Infusionslösung sollte sie wieder stärken. Zugedeckt konnte sie nun aufwachen und sich von ihren Strapazen erholen. Am nächsten Tag erwartete uns ein fauchiges Etwas. Eleni´s weitere Behandlung gestaltete sich nicht so ganz einfach, aber auch nicht unmöglich. Nur waren wir uns einig, dass sie so nicht wieder auf die Straße zurück konnte. Also packten wir sie ein und nahmen sie zu uns. Nach einiger Zeit "Zwangskuscheln" ist Eleni sehr zutraulich und verschmust geworden.

Die Gemeinde, die uns freundlicherweise eingeladen hat, stellte extra einen Angestellten ab, der ebenfalls Tiere zur Kastration einfangen sollte. Der sehr tierliebe Mann brachte einige Tiere aus seinem Dorf. Natürlich lief der Nachschub an Tieren noch etwas schleppend, aber wir waren sehr erfreut über die Unterstützung und das Interesse vor Ort. Bei der jetztigen Aktion brachte Stavros wieder einige Tiere. Manche hatten aber bereits ein NL (für neues Leben) auf den Bauch tätowiert. Wir haben uns darüber gefreut, dass diese Tiere, die wir im März kastriert haben immer noch im Dorf lebten und recht wohlgenährt aussahen. Das Projekt "Thessaloniki" steckt noch in den Kinderschuhen. Aber diese ambitionierten Menschen, die ebenfalls an diesem Projekt hängen, sollten auf jeden Fall unterstützt werden.

Wir haben noch viel vor uns, denn die Region um Thessaloniki ist groß. Thessaloniki bedeutet übrigens übersetzt: Noch einen Sieg und das wollen wir auch mit Ihrer Hilfe.

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin



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