Xanthi - Juni 2014 Tagebuch und Emotionen eines Einsatzes

01.06.2014
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Tag 1: Ganz aufgeregt steige ich ins Auto, das uns nach Xanthi bringen wird. Ich lernte Melanie während eines Projekts auf meiner Heimatinsel Rhodos kennen. Damit fing alles an. Nachdem wir festgestellt hatten, wie schnell sich die Zahl der Streuner durch Kastrationskampagnen auf Rhodos verringern ließ, war es nicht schwer für mich, ähnliche Aktionen zu unterstützen. Daher war die Chance, Melanie erneut während eines Projekts zu begleiten, ein wahres Geschenk für mich. Die zweistündige Autofahrt verbrachten wir mit einem intensiven Gespräch über die Wichtigkeit des Projekts für Xanthi. 6000 Streuner... So viele Tiere, aber um etwas zu ändern, müssen wir schließlich irgendwo anfangen. In der Stadt angekommen, sahen wir das ganze Ausmaß des Problems. Wohin man auch blickte, überall Hunde und Katzen. In jeder Ecke, in jedem Park, vor jedem Restaurant, neben jeder Mülltonne. Nachdem unsere Ausrüstung in einer Praxis, die uns freundlicherweise von zwei ortsansässigen Tierärzten zur Verfügung gestellt wurde, ausgepackt war, waren wir startklar.

Hallo Hund“, sage ich und setze mich einen Meter entfernt von ihm. Zwei braune Augen schauen mich an. Man kann die Knochen seines Körpers sehen. Hungrig und panisch... Das ist alles, was er ist. Wer weiß, was mit ihm passiert ist?Antonia
  • Antonia kastriert einen Kater
  • noch mehr Welpen
  • Rufus und Xenia  -  zwei Welpen die gefunden wurden
  • Leben auf der Muellkippe
  • Fritz

Tag 7: "Wie viele Welpen wurden gefunden?" "Zwei - und zwei Weitere kommen", antworte ich. Ich ziehe den blauen Vorhang zurück, der den OP-Tisch vom Rest der Praxis trennt, so dass Dr. Stehle die beiden sehen kann, während sie eine trächtige Hündin operiert. Zwei schwarze Welpen voll Schlamm, voller Räude, Flöhen und Zecken. Völlig ahnungslos, wie schrecklich sie ausschauen, fressen sie das Trockenfutter, das ich ihnen in ihre Box gelegt habe. Kann sich jemand um sie kümmern? Mit ihrer Behandlung fortfahren?“ Alle unsere Pflegeplätze sind besetzt, sie müssen zurück in den Park, wo sie gefunden wurden“, antwortet Giota, eine aktive Freiwillige in Xanthi. Wir schauen einander an und Frustration steigt in uns auf. Keiner von uns kann die Tatsache akzeptieren, dass die meisten behandelten Tiere wieder in ein ungewisses Leben auf der Straße zurück müssen. Gerade für diese kleinen Geschöpfe ist die Zukunft sehr ungewiss. Aber was sollen wir tun? Die tierlieben Menschen hier haben teilweise bis zu 40 Hunde bei sich aufgenommen. Sie stoßen an ihre Grenzen. Wir können sie auch nicht alle nach Deutschland importieren, das ist nicht die Lösung des Problems. Es gibt nur die eine Lösung, das ist die Kastration. Es ist die Motivation, die uns antreibt. Jedes kleine Lebewesen, das hilflos in unseren Armen nach Futter schreit, gibt uns im Umkehrschluss Kraft, bis spät in die Nacht hinein weiter zu kastrieren - Tag für Tag!

Ich gebe den Welpen eine Injektion gegen ihr Hautproblem, die erste von 4, die sie benötigen und schließe die Transportbox. "Fertig", sage ich und dann bringen Helfer die Box zurück zum Auto, zurück zum Park, zurück in die Unsicherheit.- "Du kannst den Nächsten narkotisieren“, sagt Melanie.
22.00 Uhr, fast fertig für heute...

Tag 11:- Sieht die Verletzung nach einer Bisswunde oder nach einem Unfall aus?“- Wahrscheinlich wurde die Hündin gebissen.“Eine Pointer-Mix Hündin liegt auf dem Tisch und trotz der Tatsache, dass sie wegen einer Kastration hier ist, können wir nicht ignorieren, dass ein Drittel ihrer Haut am Bauch und fast am ganzen Oberschenkel aufgerissen ist. Das muss vor circa drei Tagen passiert sein. Priorität hat jetzt die Wunde, die Kastration wird erst einmal vertagt. Die Verletzung wird gereinigt und rund 50 Stiche später sieht es schon viel besser aus. Sie bekommt Schmerzmittel und einen Namen... Luna. In den nächsten Tagen merken wir, wie ängstlich Luna gegenüber Menschen ist. Sie kann uns noch nicht einmal anschauen. Ihre Augen sind voller Angst. Damit sie sich wohler fühlt, decken wir ihre Box mit einer Decke zu. Auf weiche Tücher gebettet in einer sicheren Box heilen langsam ihre Wunden. Zumindest die Körperlichen. Ihre Haut erholt sich in kleinen Schritten und ihr Appetit wächst. In einer zweiten Operation werden auch die Bereiche, die für den Abfluss des Wundsekretes offen blieben, vernäht und die Kastration durchgeführt. Es wird alles wieder gut werden, Luna“, versprechen wir ihr am letzten Tag des Projekts. Sie schaut uns kurz an und dreht ihren Kopf dann weg. Einmal verlorengegangenes Vertrauen ist schwer wiederzubekommen, denke ich mir.

Tag 13:- Pass auf, er ist aggressiv“, höre ich sie sagen. Hundefänger... Keine einfache Sache, weitaus schwieriger als es sich anhört. Ich nehme die Spritze mit dem Beruhigungsmittel und gehe raus, während Melanie einem Pudel-Mix zwei Mammatumore entfernt. Ein schwarzer Schatten, zusammengerollt in der Ecke des LKW. Sie konnten ihn mit einem Stück Brot einfangen. Wie hungrig muss er sein, wenn Brot so verlockend für ihn war. Ich öffne die hintere Tür und steige ins Auto. Hallo Hund“, sage ich und setze mich einen Meter entfernt von ihm. Zwei braune Augen schauen mich an. Man kann die Knochen seines Körpers sehen. Hungrig und panisch... Das ist alles, was er ist. Wer weiß, was mit ihm passiert ist. Ich nehme etwas zu essen in die Hand und gehe auf ihn zu. Du musst hungrig sein, komm.“ Die Tiere sollen vor der Operation nichts essen, aber ich kann nicht widerstehen. Nur ein bisschen und schon 5 Minuten später vertraut er mir. 40 Minuten später erwacht er aus der Narkose und während ich seinen Venenkatheter entferne, wackelt er mit dem Schwanz. Es ist immer ein Wunder zu sehen, wie viel Zuneigung Straßenhunde benötigen. Sie haben absolut nichts auf der Welt und alles, was sie ersehnen, ist die Berührung eines Fremden. Ich sprühe ihn gegen Zecken und Flöhe ein - seine einzige "Familie" und dann ist er bereit, nach Hause zu gehen. Sein Zuhause... ein Baum neben einer stark befahrenen Straße.

Tag 23:Ich sitze im Zug auf dem Weg zurück nach Hause. 330 Kastrationen, davon 200 Hündinnen, 88 Rüden, 32 Katzen, 10 Kater , 30 weitere Operationen. Die Zahlen in meinem Kopf drehen sich, aber alles, was ich erinnere, sind Gesichter und Geschichten. Luna, Molly, Finn, Fritz, Lotta, Lita, Rufus, Kimba, Xenia, Tanja und all die anderen Namen, die wir ihnen gaben, nur um ihnen eine Identität zu geben, einen Beweis ihrer Existenz. Komisch, denke ich mir, es gibt keinen Tag 23. Das Projekt dauerte 14 Tage. Auf dem Papier. Denn die Wahrheit ist, dass es kein Ende gibt. Es geht weiter in den Köpfen und Herzen aller Beteiligten. Einmal angefangen, geht es weiter, brennt auf der Seele und drängt einen, zurückzukehren um
mehr zu tun
mehr zu kastrieren
mehr zu füttern
mehr zu heilen
mehr zu helfen.
Helfen Sie uns, mehr zu helfen!

Ihre Antonia ;(griechische Tierärztin aus Rhodos)
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Infos

  • Projektdauer: 14 Tage
  • Hündinnen: 200
  • Rüden: 88
  • Katzen: 32
  • Kater: 10
  • andere Operationen: 30
  • Gesamt: 360
  • lokaler Partner: Griechische Fellnasen e.V., Fox
  • Ansprechpartner: griechenland@tieraerztepool.de



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