Xanthi - November 2014

01.12.2014
Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Am 6. Dezember 2014 endete die 2. große Kastrationsaktion in Xanthi mit 603 Operationen. Es wurden in 13 Tagen 280 Hündinnen, 118 Rüden, 98 Katzen, 40 Kater und insgesamt 65 andere Operationen durchgeführt. Dies sind durchschnittlich 46 Operationen, die täglich absolviert wurden. Zahlen, die schwer einzuschätzen sind. Zahlen, die wie ein Windstoß auftauchen und im gleichen Moment wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Zahlen, die keine großen Emotionen auslösen, sofern man sich nicht fortlaufend mit der Materie beschäftigt oder Teil des Projektes ist
Aber hinter jeder einzelnen Ziffer steht ein Geschöpf mit eigener Geschichte, eigenem Charakter und individuellem Charme. So taucht in meinen Gedanken beispielsweise der drei Wochen alte Welpe auf, dessen großer Nabelbruch umgehend operiert werden musste, da dies ansonsten eine Gefahr für sein Leben dargestellt hätte.

"Großvater" war einer von drei alten Straßenhunden, die seit vielen Jahren als Dreiergespann durch die Innenstadt von Xanthi zogen. Der Kälteeinbruch machte ihm zu schaffen - man fand ihn eines Tages geschwächt auf der Straße auf. Der Krisenrat beschloss, dass er die letzten Tage seines Lebens in Wärme und Geborgenheit auf einer kuscheligen Decke in der Praxis verbringen sollte. Sah "Großvater", dass wir hunderten seiner Freunde und Verwandten halfen und wir ihnen eine bessere, sichere Zukunft geben wollten? Wir wissen es nicht. Er schloss während des letzten Operationspatienten für immer seine Augen - wie ein Schutzengel, dessen Dienste nicht mehr gebraucht wurden.Melanie Stehle
  • Antonia waehrend der Kastration einer Huendin
  • Das Anfuettern der Strassenhunde an einem Rastplatz
  • Ein Karton als Schutz vor Kaelte
  • Ein drei Wochen alter Welpen muss wegen eines sehr grossen Nabelbruchs operiert werden
  • von links nach rechts-Nadine, Sapho, Andrea Haug, Sofia Becic, Kathi,  vorne-Antonia, Melanie

Neben den Zahlen sind es die unendlich vielen Geschichten um einzelne Tiere, die unsere Erinnerungen prägen. Fröhliche und traurige Geschichten, die die gesamte Palette an Emotionen in uns auslösen ließen. Momente der Euphorie, der Fassungslosigkeit, der Wut, der Verzweiflung, wozu die Spezies Mensch fähig ist...
Wir arbeiteten bei dieser Aktion von früh bis nachts an zwei Operationstischen, manchmal, wenn es der Praxisalltag erlaubte, sogar an einem weiteren dritten. Dann erklärten sich die ortsansässigen Tierärzte Sapho oder Jorgo spontan bereit, ebenfalls einige der gebrachten Tiere zu operieren. Unsere Helferinnen Kathi und Nadine hatten alle Hände voll zu tun, wurden doch permanent ihre Namen an irgendeinem Ort in der Praxis gerufen.

Fast jeden Tag wurden uns zusätzlich zu den Kastrationen Straßenhunde zur Untersuchung vorgestellt. Man fand sie irgendwo am Straßenrand, bis irgendjemand Mitleid hatte und sie zur Untersuchung brachte. So kam die kleine Jagdhündin als Notfallpatientin zu uns. Ihrer Stellung der Hintergliedmaßen zufolge ahnten wir, dass sie eine schwerwiegende Verletzung ihrer Wirbelsäule erlitten haben musste. Sie blieb stationär und wir begannen auch umgehend, sie in unsere Herzen aufzunehmen. Die Röntgenaufnahmen brachten die harte Realität zum Vorschein: Schrotkugeln durchlöcherten ihren Körper und führten zu schwerwiegenden Verletzungen der Wirbelsäule. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ihre Verletzungen ausheilen können. Ihre Finderin adoptierte sie umgehend und wird alles Menschenmögliche tun, um ihr ein lebenswertes Leben zu geben. Dass Hunde nach solchen Erlebnissen immer noch Vertrauen in Menschen haben können, lässt uns Tränen in die Augen steigen.

Den Höhepunkt an Brutalität erlebten wir, als uns Prometheas vorgestellt wurde. Übergossen mit Brandbeschleuniger und angezündet. Tagelang irrte er umher, bis ein Dorfbewohner seinen Qualen nicht mehr zusehen konnte und ihn in die Praxis brachte. Was kann er getan haben, um das zu verdienen? Vielleicht hat er um Futter gebettelt? Vielleicht ist er irgendeinem Kind nach Hause gefolgt? Vielleicht hat er gebellt? Vielleicht - vielleicht hat er gar nichts getan. Vielleicht war der einzige Grund, dass er existiert. Am falschen Ort, zur falschen Zeit. Mittlerweile wissen wir, dass die meisten seiner körperlichen Wunden heilen werden. Ob seine Seelischen je versiegen werden, wissen wir nicht.

Selten verließen wir die Praxis vor 23 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich kaum jemand mehr freiwillig auf den Straßen auf, denn der Wind wehte eisig durch die Gassen und nicht selten peitschte der kalte Regen nieder, während wir müde den Weg zu unserer Unterkunft ansteuerten. Die harte Winterzeit hat auch für die Straßentiere der nordgriechischen Stadt begonnen. Wir zogen unsere Jacken tief ins Gesicht, doch keiner der Straßenhunde, die uns begegneten, wurde übersehen. Sie schliefen auf Schuhabstreifern, auf einem Stück Karton - sie suchten die vermeintliche Wärme, die ihnen durch diese Gegenstände gegeben wurde. Mich schockierte zusätzlich, dass viele Hündinnen trotz eisiger Bedingungen Welpen zur Welt bringen. Die Natur scheint einen schonungslosen Kampf zu beginnen, ungeachtet dessen, welche tragischen Konsequenzen dies für diese kleinen Geschöpfe bedeutet. Allein in diesen zwei Wochen wurden insgesamt über 80 Welpen von der Straße zu uns gebracht. Es lässt uns nur wage vermuten, wie tausende von ihnen keine Chance auf ein Überleben haben.

Oft werden wir gefragt, ob es für uns gefährlich ist, Straßenhunde einzufangen und sie dann für die Narkose vorzubereiten. Eine durchaus berechtigte Frage, die ich mir vor meinem allerersten Einsatz auch gestellt habe. Doch trotz sicherlich nicht immer guter Erfahrungen sind mehr als 80% der Straßenhunde sehr lieb und sie vertrauen einer ruhigen Stimme innerhalb weniger Augenblicke. Nicht selten wackeln Hunde, die gerade frisch operiert sind und aus der Narkose erwachen, wieder zu uns in die OP-Vorbereitung, da sie dort ein paar Streicheleinheiten und warme Worte erfahren konnten. Eine ganz rührende Geschichte erfuhren wir, als wir uns über einen Hund wunderten, der ohne Leine auf der Treppe zu unserem OP stand und uns beobachtete. Wir erfuhren, dass dieser Hund "Jack" hieß und vor ein paar Monaten in der Praxis kastriert wurde. Er wurde nach der Kastration mehrmals an seinen Fundort zurückgebracht, wie es mit allen Straßenhunden so üblich ist. Jack aber merkte sich den Weg und kam jeden Tag erneut zur Praxis, um "Guten Tag" zu sagen und um sich etwas Futter ein zu heimsen. Während der Kastrationsaktion realisierte er, dass es an diesem Ort auf einmal sehr viele Menschen mit Liebe zu Hunden gab und er entschied sich, in der Praxis einzuziehen. Er suchte sich eine ruhige Ecke und schlief dort stundenlang. Immer wieder stand er auf und kam in den OP um nach dem Rechten zu sehen.

"Großvater" war einer von drei 14jährigen Straßenhunden, die seit vielen Jahren als Dreiergespann durch die Innenstadt von Xanthi zogen. Jeder kannte sie, wie sie mit ihren Seniorengesichtern durch die Straßen wackelten. Auch wir begegneten ihnen und mussten schmunzeln. Doch "Großvater" machte der Kälteeinbruch zu schaffen - man fand ihn eines Tages geschwächt auf der Straße auf. Der Krisenrat beschloss, dass er die letzten Tage seines Lebens in Wärme und Geborgenheit auf einer kuscheligen Decke in der Praxis verbringen sollte. Wir hatten ihn einige Tage bei uns und Alexia, eine griechische Helferin, umsorgte ihn liebevoll. Ich frage mich, wie viele gute und schlechte Erlebnisse "Großvater" und seine zwei Freunde in ihrem Hundeleben wohl schon wiederfahren sind. Wie viel Leid sie beobachten mussten, wenn ihre Freunde Giftköder fraßen und jämmerlich daran starben. Oder sie an Krankheiten litten, ohne dass sich jemand ihrer angenommen hatte. Wie viel Intelligenz und Wahrnehmung gestehen wir unseren Hunden zu? Sah Großvater, dass wir hunderten seiner Freunde und Verwandten halfen und wir ihnen eine bessere, sichere Zukunft geben wollten? Wir wissen es nicht. Er schloss während des letzten Operationspatienten für immer seine Augen - wie ein Schutzengel, dessen Dienste nicht mehr gebraucht wurden.

Doch gerade diese traurigen Momente geben Kraft, um weiterzumachen. Neben der Trauer ist gleichzeitig die Freude, dass es Straßentiere gibt, die 14 Jahre alt werden. Dass es Menschen gibt, die für diese Tiere ihre Kraft und ihre Liebe geben. Die eine Zukunft für ihre Straßentiere haben möchten.

Das Xanthi-Projekt fasziniert mich persönlich aus den verschiedensten Gründen. Dieses Mal bereits schon bevor wir überhaupt das erste Tier operierten. Insgesamt 10 Menschen reisten für diese Kastrationskampagne von Deutschland nach Griechenland, um hier gemeinsam mit den Helfern vor Ort ein Projekt fortzuführen, das bisher in Griechenland eine einmalige Struktur vorzuweisen hat:

  • Alle Tiere werden jeden Tag aufs Neue auf den Straßen eingefangen.
  • Viele junge Griechen helfen mit beim Einfangen, organisieren, betreuen .- sie haben vom Kastrationsprojekt gehört und unterstützen uns tagelang, teilweise sogar die komplette Aktion
  • Auch der neue Bürgermeister der Stadt unterstützt die Kastrationen
  • Das komplette Veterinäramt steht hinter uns und besucht uns regelmäßig mit der Frage, ob alles in Ordnung ist
  • Die ortsansässigen Tierärzte Sapho und Jorgo stellen uns auch dieses Mal für 13 Tage ihre Praxis zur Verfügung. 13 Tage Ausnahmezustand und Ausreizen aller Kapazitäten: jeder Zentimeter der Praxis wird mit Boxen bepflastert. An vielen Tagen reicht der Platz in den Räumen nicht aus, so dass auch Käfige auf den Bürgersteigen abgestellt werden mussten.
  • Antonia, meine liebe griechische Kollegin und die vielen deutsch sprechenden Griechen vor Ort sind wie eine Brücke zwischen die Nationalitäten und verkörpern eine Verbundenheit zwischen den Menschen, die alle das gleiche Ziel verfolgen.

Zwischen der Kastrationskampagne im April 2014 und der jetzigen kastrierten die beiden ortsansässigen Tierärzte insgesamt 380 Hündinnen. Somit wurden in Xanthi im Jahr 2014 1.248 Kastrationen durchgeführt, davon waren allein 860 Hündinnen. Macht man sich bewusst, dass eine Hündin durchschnittlich 10 Welpen jährlich zur Welt bringt, so wurden in einem Jahr 8600 Hundewelpen verhindert. 8600 kleine Lebewesen, von denen 1/3 innerhalb der ersten Lebenswochen verhungert wäre, weil die ausgemergelten Hündinnen nicht genügend Milch zur Verfügung gehabt hätten. Ein weiteres Drittel würde durch Menschenhand sterben und die Übrigen würden ein hartes Leben auf der Straße fristen. Dieses Schicksal hat kein Lebewesen verdient. Wir müssen durch Kastrationen das Leid verringern, ansonsten wird dieser Kreislauf des Leidens nie aufhören. Nicht in Xanthi - nicht irgendwo anders auf der Welt. Wir haben eine Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe, die wir wahrnehmen müssen. Gestern - heute - und in Zukunft!
Ihre Melanie Stehle

Der Tierschutzverein "griechische Fellnasen e.V." unter der Leitung von Sofia Becic hat das Kastrationsprojekt ins Leben gerufen und finanziert. Mit der großzügigen finanziellen Unterstützung von "Tierinsel - Umut Evi.e.V." war es möglich, noch mehr Tieren zu einem besseren Leben zu verhelfen. Vielen Dank an Euch und alle anderen Spender, die dieses Projekt ermöglicht haben.
Weitere Berichte können Sie auf den Homepage- und Facebookseiten von "griechische Fellnasen e.V."und "Tierinsel - Umut Evi.e.V." nachlesen.

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

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