15 Stunden auf einer Fliese 07.01.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Eine Kastration dauert durchschnittlich 15 Minuten, für das Team aber oftmals mehrere Tage. Ein paar Ligaturen zu setzen scheint so aufwendig zu sein, wie ein Flug zum Mond. Warum ist das so?
Begleiten wir die Chirurgin und ihr Team für eine gefühlte Unendlichkeit.
Eigentlich gibt es 1000 Gründe, dass etwas schief geht. Am OP-Tisch steht die Chirurgin, bei ihr die Assstentin. Beide müssen permanent hoch konzentriert sein. Kleinste Fehler können Leben kosten. Draußen arbeiten die Helfer und die Fänger. Sie alle zusammen sorgen für den einen Moment der Hochspannung. Für den Moment, in dem das Skalpell ansetzt. Für diesen einen Moment haben alle wie Zahnräder zusammengearbeitet. Mehr als 10.000 Mal pro Jahr.

So unterschiedlich die Tierärztinnen im privaten Leben sein mögen, am OP-Tisch erscheint alles synchronisiert. Alles ist gleich, egal ob in Afrika oder tief in Rumänien. Das Equipment ist gleich, die Abläufe im OP sind gleich, die Kastrationstechnik ist gleich und selbst die Handgriffe lassen unter den Handschuhen keine eindeutige Zuordnung erkennen. Das ist beabsichtigt, da sich im Fließbandmodus so kaum Störungen ergeben. Thomas Busch

Die Fänger bringen die Katzen. Oft haben sie stundenlang bei ihren Fallen ausgeharrt. Die Helfer setzen die Tiere von den Fallen in die Quetschbox. In diesen kann die Narkose gegeben werden, ohne dass jemand gekratzt oder gebissen wird. Ab jetzt muss alles schnell gehen. Bauchrasur, Venenkatheter, Schmerzmittel und Antibiose und auf das Zeichen des Chirurgen warten. Ist er mit der vorherigen OP fertig, wird das Tier vor ihm vom Tisch gehoben und wieder an die Helfer zur Überwachung der Aufwachphase zurückgegeben. Sofort kommt das nächste Tier auf den Tisch. Ein Kreislauf, der wie am Fließband läuft.
Dieses Programm wird so routiniert abgespult, dass man das Gefühl hat, einem Kochkurs für Anfänger beizuwohnen. Nur zweimal an diesem Tag gibt es Unterbrechungen. Einmal muss ein Auge entfernt, ein anderes Mal ein Bein amputiert werden. Das Team geht damit so ruhig um, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Nur die Helfer schauen auf die Uhr, wissen sie doch, dass ihr Feierabend damit um gut eineinhalb Stunden nach hinten verlegt ist. Die Chirurgin und ihre Assistentin scheint es nicht zu stören, sie sind Schlimmeres gewohnt.

Wochenlange Einsatzplanung für den einen Moment

Die Einsatzplanung beginnt Wochen vor der eigentlichen Kastrationsaktion. Termine besprechen, Ärzteteams zusammenstellen, Flüge buchen, Equipment ordern und zu den Einsatzorten delegieren. Boxen, Fallen, Autos, freiwillige Helfer und vieles mehr machen die Vorbereitung zu einem regelrechten Abenteuer. Die Einsätze kosten Geld. Teilweise viel Geld. Nichts darf deshalb dem Zufall überlassen werden oder gar schief gehen.

An einem Dienstagmorgen kommt alles zusammen. Exakt auf den Punkt. 33 Katzen sind in der letzten Nacht eingefangen worden. Die Tierärztinnen sind zufrieden. Sie wissen, dass im Laufe des Tages noch weitere Tiere gebracht werden. 50 Operationen könnten es werden. Ein gutes Ergebnis. Ein effektives Ergebnis.

Die Chirurgin bezieht am Kommandostand Stellung. Sie weiß, dass sie erst 15 Stunden später ihren Platz wieder verlassen wird. Die Assistentin hat den Vorteil, sich bewegen zu können. Die Chirurgin nicht. Sie steht die ganze Zeit auf einer Fliese. Mal das eine Bein zur Entlastung auf das Tischuntergestell stellen, mal das andere.

Beide hoffen, dass alles glatt geht. Von den beiden Extraoperationen wissen sie an diesem Morgen noch nichts, nur der Fänger ist entsetzt, als er die schwer verletzten Tiere endlich in der Falle hat. Aber auch erleichtert, weiß er doch, dass in Kürze der Schmerz vorbei sein wird. Ob er die Tiere anschließend wieder an dem Ort, an dem sie bisher lebten, freilässt, entscheidet das Team.

Alle Zahnräder müssen ineinandergreifen

Wieder müssen viele Zahnräder zusammengreifen. Wie schwer ist die Verletzung wirklich? Gibt es Pflegestellen? Ist das Tier zahm oder völlig wild? Findet man später eine Endstelle? Viele Fragen, die auf‘s Gemüt schlagen. Weiß man doch, dass behinderte Tiere es noch schwerer haben vermittelt zu werden oder auf der Straße zu leben.
50 Operationen später ist wieder einmal alles gut gegangen. Kein Narkosezwischenfall, kein Atemstillstand, kein Herzversagen. Aber selbst wenn, die Tierärzte sind trainiert, mit allen Widrigkeiten klarzukommen. Auch in einer improvisierten Umgebung. Kein zehnköpfiges Ärzteteam, keine Analysegeräte, kein Narkosegerät stehen zur Verfügung.
Einzig die Monate einer langen Ausbildung und die Jahre der Erfahrung an der Front retten im entscheidenden Moment Leben. In einer hoch technisierten, datengesteuerten Welt schaffen weder Testläufe noch Simulatoren das, was die Routine und Erfahrung zu leisten in der Lage ist.

Privat unterschiedlich, im OP ununterscheidbar

So unterschiedlich unsere Tierärztinnen im privaten Leben sein mögen, am OP-Tisch erscheint alles synchronisiert. Alles ist gleich, egal ob in Afrika oder tief in Rumänien. Das Equipment ist gleich, die Abläufe im OP sind gleich, die Kastrationstechnik ist gleich und selbst die Handgriffe lassen unter den Handschuhen keine eindeutige Zuordnung erkennen. Das ist beabsichtigt, da sich im Fließbandmodus so kaum Störungen ergeben. Außerdem ist jeder sofort austauschbar oder ersetzbar. Jeder weiß zu jeder Zeit immer ganz genau, was der andere gerade macht. Auch ohne hinzugucken. Das ist wichtig in einem vollgestopften Tagesablauf. Um 23:00 Uhr wird abgebaut und aufgeräumt. Alle helfen, auch die Tierärztinnen. Das stärkt den Zusammenhalt im Team. Am nächsten Morgen muss alles verstaut in den Autos sein. Ein letzter Blick in die Boxen der gestern operierten Tiere. Sicher ist sicher. Dann verabschieden sich die beiden Tierärztinnen von den Helfern vor Ort, die fast so etwas sind wie eine große Familie und starten zum nächsten Einsatzort.

Dort war man in der letzten Nacht erfolgreich. 42 Tiere konnten gefangen werden.
Das klingt nach einem langen Tag. Wenn alles gut geht...


mehr Tierschutzgeschichten

unsere Einsatzberichte

Spenden
Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand


Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Geschichten

Aspri - Rettung für sechs Leben

Die Natur fasziniert mich jeden Tag. Es ist ein beeindruckendes Zusammenspiel von Lebenszyklen, die sich perfekt aufeinander einspielen. Im Frühjahr gebären die Tiere ihre Nachkommen, die Umweltbedingungen sind zu diesem Zeitpunkt ...


mehr lesen

In der Tötung - Gedanken über das Unrecht

Uns allen wird unbehaglich bei dem Gedanken. Man schiebt die Vorstellung möglichst weit weg. Doch sie existieren tatsächlich, diese Orte. Plötzlich finde ich mich an einem solchen Ort wieder. Ich habe diese Schauplätze in der ...


mehr lesen