Agapi und Marla 03.06.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Agapi

Ich habe mein Versprechen eingelöst. Auch wenn es entsetzlich weh tat. Nach einem dreiwöchigen Kreta Einsatz, bei dem 440 Operationen durchgeführt wurden, freute ich mich auf ein paar entspannte Tage in der Heimat. Den Frühling genießen, ausschlafen, vielleicht ein paar Wanderungen in den Bergen… Nichts aus alledem wurde wahr. Kaum gelandet, musste ich mich durch Berge von Kartons wühlen, denn die Bestellung für die Kapverdischen Inseln war während meiner Abwesenheit eingetrudelt. Auch Dr. Herwig Zach, der Leiter der Einsätze, machte auf seine höfliche Art Druck, denn in zwei Tagen wird ein großer Container auf Reisen gehen. Darin können wir das Equipment verstauen und irgendwie müsste es auch noch nach Salzburg. Dort wird der Container beladen.

Agapi kann nicht mehr. Ihre Vorderbeine versagen ihren Dienst. Sie soll in Würde gehen können, das hatte ich ihr und mir versprochen. Langsam ziehe ich die letzte Spritze auf, fühle mich wie in einem Alptraum, versuche klar zu denken und mich zusammenzureißen. Letzteres klappt nicht und als Agapi ihre hellen, bernsteinfarbenen Augen schließt, können wir unsere Trauer nicht mehr zurückhalten. Nun stehen ein paar Steine aus Griechenland und ein kleiner Buchsbaum auf einem Flecken Erde, der mich zeitlebens daran erinnern wird, dass ich mich trotz aller Widrigkeiten der Ignoranz unserer Menschheit immer wieder in den Weg stellen werde.Dr. Melanie Stehle

Da die vergangene Nacht um 2:30 Uhr zu Ende war, denn von Heraklion flogen wir gegen 6:00 Uhr los, machte mir die Arbeit zwischen den Kartons und meinem Laptop, wo jeder einzelne Posten ein – aber auch wieder ausgetragen werden muss, keine nennenswerte Freude. Ich war müde und sehnte mich nach Ruhe.
Um 12:00 Uhr waren wir glücklich aus dem Flughafen und die Straßenbahn brachte uns heil nach Hause. Noch ahnte ich nicht, was neben den Kartons noch auf mich zukommen sollte.
Es war gegen Nachmittag, als ich eine SMS meiner Freundin und Pflegestelle für alle möglichen Arche Tiere erhielt. „Agapi geht es schlecht“. Mir wurden die Knie weich. Verena, unsere Pflegestelle, kennt sich mit Tieren aus und sie schreibt keine besorgniserregenden Zeilen, wenn es nicht ernst ist.

Mir schossen die Bilder des riesigen Tumors durch den Kopf, den Agapi in Nordgriechenland seit Monaten unter ihrem Bauch mit sich rumschleppen musste, sah den Blick dieser liebenswerten Hündin, in dem sich ein hartes Leben widerspiegelte. Kein Mensch hatte ihr geholfen. Dann kam sie zu uns und ich musste mal wieder entscheiden. Eine infauste Prognose? Bösartig? Wie lange noch? Ich operierte und betete, dass sie zumindest noch einige Monate geschenkt bekommen würde. An Jahre glaubte ich nicht, sagte ihr davon aber keinen Ton. Agapi sollte nach Deutschland kommen, sie sollte verwöhnt werden, nur das beste Futter fressen dürfen und spüren, dass wir uns um sie kümmern. So geschah es.

Bei Lisa in Augsburg durfte sie ein paar Tage verbringen, bis Verena und ihre Familie aus dem Urlaub zurück waren und Agapi aufnehmen konnten. Agapi nutzte ihre Chance. Sie wanderte durch den Garten, fand Vertrauen und schlief in ihrem weichen Körbchen. Immerhin war sie eine alte Hündin, und da gönnt man sich gerne mal ein zusätzliches Schläfchen. Eins, welches ich mir bis eben auch gewünscht hätte. Nun aber bin ich wieder hellwach und stöhne über die schweren Kartons noch mehr als vor ein paar Minuten.

Mit zittrigen Fingern wähle ich die Nummer von Verena.
Es ist 16:12 Uhr.
In Trance hole ich den Notfallkoffer aus dem Schrank, um den Verena mich gebeten hatte. Dann steige ich in einer Art Nebel ins Auto, drehe den Schlüssel und versuche aus meiner Einfahrt herauszukommen, ohne eine Beule zu verursachen. Wieder Nebel, alles verschwommen. Verena nimmt mich in den Arm. Wir beide verstehen diese Geste, umspielen sie aber, damit Verenas Kinder nichts von unseren Sorgen merken. Da liegt unsere Agapi. Sie schaut mich an, als würde sie um Entschuldigung bitten. Als wäre es ihre Schuld, die Chance nur kurz genutzt zu haben. Ich drücke sie an mich und weiß, dass ich meinen Beruf gleich hassen werde. Tränen stiegen in mir hoch und es fällt mir schwer, sie zu unterdrücken. Verena geht es ähnlich. Ich untersuche Agapi, wie ich noch nie ein Tier untersucht habe. Ich möchte die kleinste Chance finden und sei sie unter einer Haarwurzel versteckt. Ich finde sie aber nicht. Agapi kann nicht mehr. Ihre Vorderbeine versagen ihren Dienst. Sie soll in Würde gehen können, das hatte ich ihr und mir versprochen. Langsam ziehe ich die letzte Spritze auf, fühle mich wie in einem Alptraum, versuche klar zu denken und mich zusammenzureißen. Letzteres klappt nicht und als Agapi ihre hellen, bernsteinfarbenen Augen schließt, können wir unsere Trauer nicht mehr zurückhalten.

Nun stehen ein paar Steine aus Griechenland und ein kleiner Buchsbaum auf einem Flecken Erde, der mich zeitlebens daran erinnern wird, dass ich mich trotz aller Widrigkeiten der Ignoranz unserer Menschheit immer wieder in den Weg stellen werde.

Agapi lief mit einem kindskopfgroßen Tumor umher, jahrelang sahen Menschen nur zu. Hätten wir früher zusammengefunden, wären ihre Chancen größer gewesen.

Ich schreibe Herwig wie in Trance eine letzte SMS, dass sein Equipment fertiggepackt ist und er es abholen kann. Es ist 23:47 Uhr.

Marla

Agapis Tod ist erst wenige Tage her. Ich habe in der ersten Nacht danach bescheiden geschlafen, in der zweiten allerdings holte sich mein Körper das Defizit des Griechenlandeinsatzes zurück. Gott sei Dank fanden selbst böse Träume keinen Zugang zu mir. Ausgeruht, aber noch traurig steht heute ein Besuch der freudigen Art auf dem Programm. Sie können sich noch an Marla erinnern, die kleine Hündin, die wir in Nordgriechenland auf einer Schnellstraße mit zwei gebrochenen Vorderbeinen fanden? Ihre Geschichte schaffte es sogar in den letzten Weihnachtsreport.

Marla wurde in Griechenland operiert. Anschließend kam sie zu uns. Leider musste sie erneut operiert werden und was danach geschah, ist dermaßen traurig, dass ich es am liebsten gar nicht erzählen würde. Aber kaum waren ihre Platten entfernt, brach eines der Beine erneut. Ich hätte schreien können, vor Wut und vor Verzweiflung. Ich hatte ihr versprochen, dass sie irgendwann auf allen Vieren herumtoben könne. Eine Sehnsucht, die junge Hunde allgemein, speziell aber vor allem Marla, in sich tragen. Nicht umsonst nannte ich sie unseren „Büffel“. Sie glauben nicht, wie tapfer Marla alles ertrug. Kein Jaulen, keine Schmerzäußerung. Nur ihr Bein hob sie hoch, so als wolle sie mich wieder und wieder an mein Versprechen erinnern.
Dr. Uwe Dlouhy fand die Lösung. Medizinisch kompliziert, aber ein Chance. So machten wir beide uns auf dem Weg nach Lauf an der Pegnitz und Uwe zimmerte und nagelte und schraubte...
Ihr Bein wurde dick verpackt. Gott sei dank war das andere ohne Komplikationen zusammengewachsen, so dass Marla gleichgewichtsmäßig zurecht kam. Es folgten Wochen mit Verbandswechsel und so langsam rückte mein dreiwöchiger Kreta-Einsatz näher.

Marla zog in ihr neues Zuhause und ich war überglücklich, sie in einer so netten und kompetenten neuen Familie zu wissen.

Das ist jetzt fast vier Wochen her und als ich bei Marlas neuer Familie klingle, um unseren Büffel zu besuchen, schießt etwas in meine Arme, kaum dass sich die Haustür auch nur einen Spalt geöffnet hat und freut sich ohne Ende. Als Überraschung ist heute der erste Tag ohne Verband. Ich drücke sie an mich, wie einst auf der Schnellstraße, nur dass diesmal meine Hände nicht blutüberströmt werden. Aber Marla ist nicht zu halten. Sie ist groß und schwer geworden, ein wahrer Büffel und ein gewaltiger Wirbelwind. Sie sieht wundervoll aus und ist bildhübsch geworden.

Ihre acht Jahre alte, wohlerzogene neue Freundin versteht das alles nicht so richtig und legt sich draußen in den Schatten. Aber jetzt dreht Marla erst recht auf und als würde sie sich noch ganz genau an das Versprechen erinnern, rast sie durch die Gartentür und fegt auf dem Rasen hin und her als wolle sie mir zeigen, dass ein Verspechen niemals gebrochen werden darf. Schon gar nicht, wenn man es Kindern schenkt. Ich schaue ihr zu, lasse mein Herz mit ihr über den Rasen jagen und denke kurz an Agapi. Wie nah liegen Trauer und Leid neben Freude und Erfolg? Jedes Lebewesen hat es verdient, eine Chance auf ein gutes Leben zu bekommen.
Ihre Dr. Melanie Stehle


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