Arbeitsreiche Funkstille 20.08.2016 New Life Resort

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Ich schmunzle, denn Fuchur hat gerade seinen Kopf auf meinen Schoß gelegt und ist sichtlich erleichtert, dass wir endlich eine Pause machen. Er kam zu uns mit massiven Hautproblemen, die aber inzwischen nahezu unsichtbar geworden sind. Die Zeit rast und ich erwische mich dabei, nicht müde werden zu dürfen. Ich habe nur noch 2.000 km vor mir. Heute gehe ich auf die Fähre, aber morgen muss ich fit sein für endlose Autobahnkilometer. Es fällt mir mit den Jahren immer schwerer, kraftvoll durchzustarten und die erlebten Eindrücke zeitnah - am besten noch während der Einsätze spät in der Nacht - zu einem schönen Bericht zusammenzufassen. Außerdem darf ich Sie wissen lassen, dass die Zeiten, in denen relativ wenig Neuigkeiten auf unserer Homepage erscheinen, die sind, in denen wir alle bis in die Haarspitzen gefordert sind. Aber glauben Sie mir, die Berichte folgen - zeitversetzt. Die letzten Wochen waren eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die unsere komplette Konzentration verlangten. Eigentlich wie immer. Eigentlich normal. Eigentlich keine besonderen Vorkommnisse.

"Ist alles ok bei Euch?", erscheint als Nachricht einer interessierten Tierfreundin auf meinem Handy. "Man liest gar nichts mehr auf Eurer Seite."Thomas Busch

Außer den folgenden:

Nachdem im NLR sämtliche Spenden aus Deutschland (die drei Paletten aus dem LKW und die 3,5 Tonnen aus Melanies Transport) einsortiert waren, machte sich Melanie, die Chauffeurin, als Dr. Stehle auf zur ersten legalen Kastrationsaktion in Chania. Der Tierschutz in Chania ist umstritten. Seit mehreren Jahrzehnten sind dort Tierschützer unterwegs, deren Arbeitsweise das Einsammeln der Tiere ist, und die sich untereinander lieber die Köpfe einschlagen, anstatt gemeinsam ein Ziel zu verfolgen. Dieser Umstand ist in der Tierschutzszene nicht neu, wir beobachten aber immer wieder, dass genau dies zu einer Zerrissenheit führt, die die verantwortlichen Bürokraten und eigentlich Verantwortlichen des Tierschutzes verunsichert und diese daher bei Forderungen lieber mit Ablehnung reagieren. Einigkeit und ein gemeinsames, solides Auftreten führen schneller zum Erfolg, aber diese Worte sind im Tierschutz leider oft Fremdworte.

So hat sich der Förderverein vor vielen Jahren aus Chania zurückgezogen und musste beobachten, wie sich der Tierschutz nicht sonderlich weiterentwickelt hat. Es gibt auf einer Strecke von 20 Kilometern im Großraum der Stadt inzwischen drei Tierheime, gefüllt mit hunderten von Hunden. Von den maroden Baulichkeiten ganz zu schweigen, dürfte sich der medizinische Standard in den letzten Jahren ebenfalls nicht sonderlich verbessert haben. Die Situation auf der Straße ist, bedingt durch fehlende, groß angelegte Kastrationsaktionen, wie eh und je. Was aber positiv auffällt, sind die Tierarztpraxen, die mit inzwischen ganz ordentlichen Diagnosen und Therapien aufwarten und der Andrang der Privatbesitzer, die sich ein Haustier angeschafft haben, zunimmt. Trotz der Krise. Eine schöne Entwicklung, die - und das spüren wir bei unseren Einsätzen auch immer mehr - eine gewisse Verantwortung der Besitzer gegenüber dem Tier untermauert. Um Kastrationen durchzuführen, hat in der Vergangenheit immer mal wieder der eine oder andere griechische Tierarzt mitgeholfen, aber es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch finanziell kommen die Kollegen in den jetzigen Zeiten schnell an ihre Grenzen, denn die ortsansässigen Vereine sind ja schon mit ihren Tierheimen finanziell völlig überfordert. Gut arbeitende deutsche Vereine, die diesen Tierheimen helfen könnten, sind ebenfalls nicht in Sicht (oder zerstritten), was den Teufelskreis zuzieht.

Allerdings hat Natassa Bobolaki, eine sehr engagierte Tierschützerin - und ständig bemüht, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen - die Beziehungen zu den Verantwortlichen der Stadt verbessert und sich mit dem Beispiel von unseren funktionierenden Kastrationsprogrammen außerhalb von Chania Gehör verschafft. So konnten wir es kaum glauben, dass im August 2016 endlich die erste legale Kastrationsaktion in einer Praxis eines sehr netten griechischen Kollegen stattfinden sollte. Es hat Melanie sehr viel Freude gemacht, dort zu operieren, und die Aussprache mit den griechischen Kollegen war längst überfällig. Gemeinsam - und wir hoffen sehr, dass die anderen ortsansässigen Kollegen sich diesen Kastrationsaktionen anschließen und nicht in den Weg stellen - kann damit auch Chania endlich die Chance erhalten, einen nachhaltigen Tierschutz zu etablieren. Die Zeit dazu ist überreif. Melanie operierte in 9 Tagen 184 Tiere (kretaweit).

10 Tage begleitete uns die Tierärztin Tanya Kyoseva. Wir hatten uns in München zu einem positiven Vorstellungsgespräch getroffen. Damit aber sowohl Tanya als auch wir einen näheren Einblick erhalten, ist ein Treffen und Mitarbeiten vor Ort obligatorisch. Ab Oktober wird ihre Einarbeitungszeit beim Tierärztepool beginnen.

Kurz vor meiner Abreise landete die Tierärztin Dörte Krause in Heraklion. Auch sie möchte zukünftig beim Tierärztepool mitarbeiten und durchläuft zurzeit ihre Probewoche. Antonia landete ebenfalls spät in der Nacht in Heraklion. Sie wird Melanie ablösen und mit Dörte die nächsten 10 Tage zusammenarbeiten.

Mit einem dreimonatigen Einsatz des Tierärztepools auf Rhodos und parallel dazu auf den Kapverden und einer immer größer werdenden Anzahl von Gemeindepraxen auf Kreta, sind wir personell mal wieder an unseren Grenzen angekommen. Uns verfolgt schon länger die wagemutige Idee, ganzjährig zwei Tierärzte auf Kreta zu stationieren. Kaum sind wir im Osten angekommen, schreit der Westen schon wieder nach unseren Tierärzten. Auch eine Besetzung für Notfälle rund um die Uhr wäre eine großartige Sache. Sie als Leser verfolgen sicherlich, wie viele Patienten auf unserer Station ein neues Leben suchen und auch finden. Fuchur hat seinen Kopf gehoben. Er hat am Strand von Patras ein Hunderudel entdeckt, welches offensichtlich hinter einer läufigen Hündin her ist.

"Fuchur", höre ich mich sagen, "wir haben die Möglichkeit, mit geringen Kosten und Aufwand die Hündin zu kastrieren oder in wenigen Wochen 10 neue Welpen aufzunehmen." Unser B-Team auf unserer Station ist das beste Beispiel und für jeden, der es nicht glaubt, mache ich gerne eine Auflistung der Kosten. Diese Zwerge wollen gepäppelt, gefüttert, gepflegt werden. Sie brauchen anschließend zwei Impfungen und einen Chip für ihre Registrierung. Wenn sie Griechenland verlassen wollen, kommt noch ein Impfpass hinzu und seriöse Vereine verschicken nur kastrierte Tiere. Wir haben die Wahl. Fuchur hat nichts von dem verstanden, was ich ihm gesagt habe, er hat nur brav zugehört. An unserem seit Jahren wachsenden Verein, erkenne ich aber, dass unsere Unterstützer verstanden haben, welche Möglichkeiten sich mit der Arbeit des Tierärztepools ergeben. Fuchur und ich stehen auf. Er hebt sein Bein und pinkelt ein letztes Mal an einen griechischen Stein. Dann betreten wir die Fähre nach Italien.
Ihr Thomas Busch


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