Aspri - Rettung für sechs Leben 14.01.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Die Natur fasziniert mich jeden Tag. Es ist ein beeindruckendes Zusammenspiel von Lebenszyklen, die sich perfekt aufeinander einspielen. Im Frühjahr gebären die Tiere ihre Nachkommen, die Umweltbedingungen sind zu diesem Zeitpunkt optimal. Welch grandioses Timing, das Leben ermöglicht.

Manchmal jedoch gerät dieses Zusammenspiel aus dem Rhythmus. Wir entdeckten während des letzten Kastrationseinsatzes in Nordgriechenland eine Hündin, die trotz frostiger Temperaturen versuchte, Welpen aufzuziehen. Die Nächte waren bereits bitter kalt und ein harter Überlebenskampf für Welpen und Muttertier begann. Es ist schwer mit anzusehen, aber es ist noch schwerer, wegzusehen.

Das Wissen, dass unzählige Welpen in ähnlicher Situation leben müssen, zieht mich wie ein Magnet an den OP-Tisch. Es gibt mir und meinen Kolleginnen die Stärke, durchzuhalten. Die Kastration von Aspri vor der Geburt ihrer Welpen wäre ein kleiner Eingriff gewesen. Danach wäre sie dicker und kräftiger geworden. Sie hätte weniger Futter gebraucht und Christos, einer der besten Bürgermeister in ganz Griechenland, hätte weniger Arbeit und Sorgen gehabt.Dr. Melanie Stehle

Als wir Aspri das erste Mal sahen, rannte sie zwischen den ankommenden Autos hin und her. Sie wohnte vor der Gemeindepraxis von Tyrnavos , in der wir eine sechstägige Kastrationsaktion durchführten. Sie wurde ganz aufgeregt, plötzlich so viele Menschen in ihrem Areal zu wissen. Ihre Freundlichkeit jedoch war überschwänglich, sie lachte förmlich. Ihre Nase ging umgehend in Richtung unserer gereichten und mit Futter gefüllten Hände, denn ihr Hunger war kaum zu bändigen. Der Blick auf ihr pralles Gesäuge sprach Bände: sie ist eine säugende Hundemama. Aber wo sind ihre Welpen? Sie waren auf den ersten Blick nirgendwo sichtbar.

Futter als erste Notfallmassnahme

Fortan versuchten wir sicher zu stellen, dass Aspri fünfmal täglich hochwertiges Futter bekam. Sie war bis auf die Knochen ausgemergelt, all ihre Reserven waren aufgebraucht, ihre Welpen hatten sie nahezu ausgesaugt. Sie brauchte Kraft und Unterstützung, sonst würde sie es vielleicht nicht schaffen. Ihre Welpen erst recht nicht. Ich erfuhr, dass sich Christos, der zuständige Bürgermeister der Gemeinde, seit geraumer Zeit um Aspri kümmert. So oft er konnte, fuhr er zum abgelegenen Gelände und fütterte sie. Ich bin gerührt über sein Engagement. Als ich ihn darauf anspreche, lächelt er und nimmt mich mit zu „ihrem“ Gebüsch. Hier hat Aspri ihre Welpen tief in den Sträuchern versteckt. Unglaublich, wie geschickt sie die Welpen unter einem dichten Dornendach untergebracht hatte.

Sicherlich der beste Platz in der freien Natur, den sie dafür finden konnte. Dennoch alles andere als ausreichend unter den derzeitigen Witterungsverhältnissen. So eine taffe junge Mutterhündin, die alles für ihre Welpen tut. Doch was passiert mit ihr und ihren Welpen, wenn wir in ein paar Tagen wieder abreisen? Christos gibt sich die größte Mühe, aber wird das ausreichen, wenn die Kleinen größer und größer werden? Sie sind erst wenige Tage alt und sie werden an der Mama saugen, bis nichts mehr kommt. Fünf hungrige Mäulchen zählen wir, fünf Wollknäuel, die meine Gedanken rotieren lassen.

Eine Lösung deutet sich an

Aspris Schicksal der Ungewissheit zu überlassen schnürt mir die Kehle zu. Für den Moment habe ich keine andere Lösung, als es mir in einem Kurzbericht von der Seele zu schreiben. Doch dann geschieht ein kleines Wunder: befreundete Tierschützer bieten ihre Hilfe an, Aspri und ihre Welpen unterzubringen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Zeilen des Hilfeangebotes las. Was für großartige Menschen! Andere wundervolle Leser boten finanzielle Unterstützung an. Euphorie brodelte auf, ich war glücklich, solch tolle Leute im Hintergrund zu wissen. Wenn sie auch nur ansatzweise spüren könnten, wie viel Kraft uns diese Hilfestellungen geben. Nichts ist schlimmer, als ein Gefühl der absoluten Hilflosigkeit, Momente, in denen wir einfach keine Lösungen finden.

Eine Notunterkunft muss her!

Regen kam auf, der kurz Zeit später in Schnee überging. Ein Blick auf die schlafenden Welpen zeigte, dass wir schnell handeln mussten: völlig durchnässt und zitternd lagen die Wollknäuel aneinander gekauert im Gebüsch. Ich bekam Angst. In einer Woche könnten wir Aspri und ihre Zwerge in das befreundete Tierheim bringen. Doch stehen sie die Woche unter diesen Bedingungen durch? In der Kastrationsklinik war mir die Ansteckungsgefahr für die kleinen, ungeimpften Welpen zu hoch. Alle Pflegestellen zusätzlich komplett überfüllt. Wir mussten andere Lösungen finden. Also suchten wir nach Materialien, eine „Wurfbox“ zu bauen. Bestückt mit einer ausrangierten Flugbox, Plastikplanen, kuscheligen Decken sowie einer Rosenschere machten sich Max, der Organisator dieser Aktion und ich, auf zum Gebüsch. Die stacheligen Dornen blendeten wir aus, ebenso unsere, an ihnen hängengebliebenen Haare und die Kratzer an den Armen.

In der Hoffnung, dass Aspri unser Konstrukt akzeptieren würde, schoben wir die Box tief ins Gestrüpp. Alle Welpen wurden trocken gerieben und in die Box gelegt. Aspri beobachtete uns ganz genau, lies uns aber vertrauensvoll gewähren. Wir redeten ihr gut zu und gingen zurück zum OP. Als Max kurze Zeit später nachsah, lag unsere Mama mit all ihren Welpen säugend und zufrieden in ihrem Häuschen. Wir waren glücklich, dass unser Plan aufging. So konnten wir beruhigt nach Trikala, der zweiten Gemeinde unseres Einsatzes fahren, um auf dem Rückweg unsere Schützlinge abzuholen.

Wiedersehensfreude und der Umzug

Als Aspri uns nach einer Woche wieder sah, freute sie sich überschwänglich. Wir gingen zum Gebüsch und waren erleichtert, alle fünf Welpen wohlauf anzutreffen. Abermals vertraute sie uns, als wir die Sprösslinge zum Auto trugen. Sie folgte uns, sprang in den Wagen und tat so, als sei alles selbstverständlich und als hätte sie schon längst auf diesen Moment gewartet. Problemlos konnten wir unsere wertvolle Fracht nach Thessaloniki bringen.

Sie sollten es von nun an schön haben – und so kam es auch. Aspri und ihre Zwerge bewohnen ein eigenes, beheiztes Hundezimmer mit schönem Außenbereich. Aspri muss von nun an keinen Hunger mehr erleiden. Sie wird mit bestem Futter und Wasser versorgt. Sie nimmt schnell zu und erfreut sich bester Gesundheit. Alle Welpen entwickeln sich prächtig! Tausend Dank für all die helfenden Hände, die die Welt ein wenig herzlicher und wärmer gemacht haben. Im Namen von Aspri – fünffachen Dank!

Ich selber ziehe aus dem Erlebten Kraft. Das Wissen, dass unzählige Welpen in ähnlicher Situation leben müssen, zieht mich wie ein Magnet an den OP-Tisch. Es gibt mir und meinen Kolleginnen die Stärke, durchzuhalten. Die Kastration von Aspri vor der Geburt ihrer Welpen wäre ein kleiner Eingriff gewesen. Danach wäre sie dicker und kräftiger geworden. Sie hätte weniger Futter gebraucht und Christos, einer der besten Bürgermeister in ganz Griechenland, hätte weniger Arbeit und Sorgen gehabt.

Aspri, auch wenn Du mich mit Deinen fünf Sorgen sehr abgelenkt hast und ich während der Operationen in Gedanken oft mit Dir unter dem Dornenbusch gelegen habe, so gibt es für mich nichts Schöneres, als Leben eine Chance zu geben. Leben, welches bereits geboren ist. Zusätzlich zu unserem Credo „Kastrationen um Leben zu retten“.
Ihre Melanie Stehle

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