Atlas 09.12.2015 Tierschicksal

"Die Nudeln sind fertig", ruft Antonia, eine unserer Tierärztinnen. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende, wir freuen uns auf das Abendessen. Da klingelt das Handy. Ein kurzes Gespräch. "Stell die Nudeln warm, wir kriegen noch einen Hund." Kurze Zeit später fährt ein Auto auf den Hof. Im Heck liegt ein Hund auf einer Decke. Alle vier Beine notdürftig verbunden. Eine Beißerei im Zwinger. Das Tier im Schock.

Wir hören uns kurz die Geschichte der Überbringerin an. Wir kennen sie. Sie hat 130 Hunde. Oder 210. Oder über 300. Sie weiß es nicht. Wir wissen es nicht. Es sind auf jeden Fall zu viele. Schon sooft haben wir von ihr abgemagerte Tiere übernommen. Oder aufs Übelste zerbissene. Oder schwer kranke. Atlas wurde im Zwinger von mehreren anderen Hunden attackiert.

Wir entfernen die notdürftigen Verbände, und Antonia verschafft sich einen Überblick. Atlas bekommt zunächst Schmerzmittel. Was sich unter dem Mull verbirgt, ist furchtbar. Ein Bein hat mehrere offene Wunden. Ein anderes ist durch einen Biss gebrochen. Das dritte hat wieder mehrere fingernagelgroße Löcher. Doch am schlimmsten hat es das letzte Bein erwischt. Was sich hier unter dem Verbandsmaterial verbirgt, sind nur noch Fetzen. Wir blicken direkt auf Muskeln, Knochen, Sehnen. Da Atlas unter Schock steht, ist eine Narkose für eine eingehende Untersuchung zu riskant. Wir verbinden seine Wunden und vertagen alles Weitere auf den nächsten Tag.

Zwölf Stunden später liegt Atlas narkotisiert auf dem Untersuchungstisch. Antonia kann die Verletzungen jetzt eingehend untersuchen. Aufgrund der Schwere der Verletzungen ziehen wir einen Spezialisten in Deutschland per Telefon zu Rate. Antonia beschreibt ihm die Verletzungen, gemeinsam werden Therapiemöglichkeiten diskutiert. Das zerfetzte Vorderbein ist nicht zu retten, es ist kaum Haut vorhanden, eine Infektion der Bisswunde ist hochwahrscheinlich. Das wäre noch nicht so schlimm, denn durch eine Amputation könnte man das Leben des Hundes retten. Jedoch ist das Hinterbein auf derselben Körperseite durch einen Biß gebrochen. Keime wurden auch hier bereits durch die Zähne des Angreifers in die Wunde eingebracht. Ist eine offene Fraktur ohnehin schon ein kompliziert zu heilendes Anliegen, kommt hier noch die Infektion hinzu.

Nach eingehender Diskussion treffen wir gemeinsam die Entscheidung, Atlas nicht mehr aufwachen zu lassen. Viel konnten wir für ihn nicht tun. Wir konnten ihm seine Schmerzen nehmen. Wir konnten bei ihm sein und ihn streicheln, als er seine letzte Reise antrat. Wir konnten ihm einen Namen geben und seine Geschichte erzählen. Diese Geschichte ist so alt wie der Tierschutz.Gregor Uhl

Falsch verstandene Tierliebe und falsch eingebrachtes Engagement verursachen oft mehr Leid als Kälte und Hunger. Tiere werden irgendwo aufgesammelt und in Zwinger gesperrt. Manchmal gibt es Futter, manchmal nicht. Krankheiten werden meist nicht bemerkt. Beißereien sind an der Tagesordnung, da die Hunde unter enormem Stress stehen. Oft gelangen diese Tiere durch Verletzungen oder Krankheiten in unsere Obhut und erhalten von uns eine Chance auf ein besseres Leben.

Würde all die Mühe, die in das Aufsammeln und Verwahren von Tieren gesteckt wird, in die Vermeidung neuen Lebens fließen, wäre der Tierschutz einen großen Schritt weiter. Würden endlich alle - Behörden, Tierschützer, Tierbesitzer - verstehen, dass nur durch Kastrationen irgendwann keine Katzen mehr überfahren werden würden, keine Zwinger mehr gefüllt und keine Hunde mehr ausgesetzt werden müssten, wären wir am Ziel. Jetzt schon kastrieren wir mehr als 9000 Tiere pro Jahr - doch Atlas zeigt uns, dass selbst das noch zu wenig ist.


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