Blumenkohl und Eiskristalle 04.02.2019 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Lustlos stochere ich mit der Gabel in meinem Essen umher. An den Fenstern glitzern Eiskristalle und lassen die frostigen Temperaturen außerhalb nur erahnen. Auf unserem Hof liegt Schnee.
„Konzentiere Dich auf einen Artikel“, versuche ich mich von verträumten Blicken abzulenken.
„Du warst 21 Tage auf Kreta und hast davon gefühlte 25 Tage gearbeitet, da muss doch Stoff für zehn Berichte vorhanden sein“, meint Thomas, der mir gegenüber sitzt und telefoniert.

Also beginne ich mit dem Hund den wir eigentlich gar nicht aufnehmen wollten. Mira, wie sie später heißen sollte, rannte durch den Ort in dem wir kastrierten. Klapperdürr und mit abgeschnittenen Ohren. Auch ihr Schwanz war ab. Ihre Chancen auf ein sorgenfreies Leben auf der Straße standen schlecht, die Auffangstationen unserer Tierfreunde überfüllt und zudem einer unserer Zwinger im NLR leer. Was liegt da näher, als zu helfen? Zwar war sie kein direkter Notfall, weder krank noch schwer verletzt, aber süß. Ein riesiges Baby, unsicher, tollpatschig aber voller Vertrauen.Dr. Melanie Stehle

Er hat Recht. Als ich im Vorfeld die Planung für Kreta begann, zogen und zerrten alle Partner an meinem OP-Shirt. Alle wollten, dass wir operieren, alle wollten mehr Tage als ich ihnen einräumen konnte und alle hatten Angst, ihre Wartelisten nicht abarbeiten zu können. So hätte ich meine Anwesenheit verdoppeln können und es hätte immer noch nicht gereicht.

Ich lausche Thomas Worten, ohne sein Gespräch genau zu verfolgen. Ich kenne seine Meinung, erst recht, wenn er mit Gregor telefoniert. Sie diskutieren oft über die Darstellung unserer Arbeit, ein Aspekt, den ich mir in meinem Bericht zu eigen machen möchte.
Horrorgeschichten und Bilder trage ich in mir, aber muss ich sie veröffentlichen? Reagiert die Welt nur noch auf Szenarien in denen Blut fließt und Haut in Fetzen reißt? Ich schiebe ein Stück Blumenkohl in meinen Mund. Die Klicks auf diversen Facebook-Seiten geben der reißerischen Darstellung recht. Diese Bilder werden öfter angeschaut und kommentiert, wohingegen fundierte Texte eher weniger gelesen werden.

Thomas redet oft von einem goldenen Mittelweg, also beginne ich mit dem Hund, den er, eigentlich gar nicht aufnehmen wollte. Mira, wie sie später heißen sollte, rannte durch den Ort in dem wir kastrierten. Klapperdürr und mit abgeschnittenen Ohren. Auch ihr Schwanz war ab. Ihre Chancen auf ein sorgenfreies Leben auf der Straße standen schlecht, die Auffangstationen unserer Tierfreunde überfüllt und zudem einer unserer Zwinger im NLR leer. Was liegt da näher, als zu helfen? Zwar war sie kein direkter Notfall, weder krank noch schwer verletzt, aber süß. Ein riesiges Baby, unsicher, tollpatschig aber voller Vertrauen. Das bewies sie auch Thomas, der zwar erst dafür war, dagegen zu sein, sich aber selbst schnell korrigierte. Nur musste ich versprechen, mich um eine zeitnahe Vermittlung zu kümmern. Danke Nadine, ihre Pflegestelle, wo sie nun lebt.

Das nächste Stück Blumenkohl wandert in meinen Mund und ich muss aufpassen, dass keine Soße in die Tastatur kleckst.
Dr. Herwig Zach war gestern bei uns zu Besuch. Wir besprachen zu Dritt die zukünftige Vorgehensweise auf den Kapverden, träumten von großen Erfolgen und schwärmten von der Leichtigkeit des Seins auf den Inseln im Atlantik. Selbstverständlich gibt es auch dort Probleme und Klippen, die umschifft werden wollen, aber das Damoklesschwert, welches bei jedem Kreta-Einsatz über mir oder über meinen Kolleginnen kreist, gibt es dort nicht. Nehmen wir die Stadt Chania im Westen von Kreta als Beispiel. Wie viel Energie ist in den Tierschutz dieser Stadt bisher geflossen? Wie viele Chancen hat die Veterinärbehörde bisher ungenutzt liegen gelassen? Wie viel Widerstand kommt von einzelnen Tierärzten und warum? Und vor allem: was sind ihre Alternativen? Sie haben keine! Einige wenige sind pauschal gegen die Hilfe aus dem Ausland. Einige sehen sich in ihrem Stolz verletzt. Andere bangen um ihre Einnahmen und setzen Verleumdungen gegen uns und unsere OP-Techniken in die Welt. Welch unsinnige Gedanken treiben sich in dieser Stadt herum und warum lässt sich eine Veterinärbehörde davon beeinflussen? Ich selbst war anwesend bei diversen Gemeinderatssitzungen, in denen einstimmig für unsere Kastrationsprogramme gestimmt wurde, der Bürgermeister uns dankend die Hände schüttelte und eine Gegnerin der Kastrationen Redeverbot erteilt wurde. Doch all die Szenarien, die sich trotz genehmigter Aktion in der Gemeindepraxis abspielten, von Polizei- und Veterinärkontrollen, Anzeigen der Gemeinde gegen die Veterinärbehörde und vieles mehr, würden Material für einen spannenden Thriller bieten.

Ich war dieses Mal nicht in Chania. Habe dort kein einziges Tier kastriert. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, was mir von Tierschützern der anderen Bezirke zugeworfen wurde, weil diese somit einen Tag mehr – von den heiß umkämpften – Kastrationstagen haben konnten. Ich versuchte mich also gerecht aufzuteilen. Ich begann den Westen von Kreta mit Kastrationstagen abzudecken um im Anschluss von Antonia abgelöst zu werden, die den Osten der Insel übernahm.

In 18 OP-Tagen schaffte mein Team knapp 500 Kastrationen.
Miriam Klann und Christina Schomann begleiteten mich. Über Christina muss ich nichts sagen, jeder weiß, dass sie eine tolle und erfahrene Assistentin ist. Um ehrlich zu sein. eine hohe Anzahl von Kastrationen steht und fällt mit der Geschwindigkeit der Vor- und Nachbetreuung. Chirurg und Assistenz bilden ein Team und sind voneinander abhängig. Christina arbeitet an diesen Tagen mit zehn Armen gleichzeitig.

Und Miriam? Miriam ist jung, sehr engagiert und liebt von ganzem Herzen Tiere. Sie begleitete uns bereits nach Nordgriechenland und überlegt derzeit noch zwischen einem Veterinärmedizin- und einem Journalismusstudium. An den Berichten, die sie schreibt, ist auch ihr Talent für letzteres zu erkennen.

Es miaut aus meinem Badezimmer. Konzentriert an einem Bericht zu schreiben zwischen eingehenden Telefonaten, WhatsApp-Nachrichten, Mails und miauenden Schützlingen kann eine Herausforderung sein.

„Was ist denn los“, frage ich Apollo, der sich endlich aus meinem Bad heraus traut. Selbst Thomas unterbricht für ein paar Sekunden sein Telefonat. Apollo kennen wir schon lange. Als wir noch in der alten Station auf Kreta wohnten, lief uns eine Katze zu, die eine riesige Hautverletzung an ihrem Rücken hatte. Wir pflegten und hegten ihn über Wochen hinweg. Eines Tages nutzte er die Gelegenheit, eine angelehnte Türe zu öffnen und das Weite zu suchen. Menschen, die auch noch an seiner Hautwunde manipulierten, waren ihm unheimlich. Zu diesem Zeitpunkt war die zehn Zentimeter große Wunde auf eine Größe von zwei Zentimetern zurückgegangen. Zwei Jahre später wurde uns erneut ein Kater gezeigt, der eine große Verletzung am Rücken hatte. In aller Eile suchten wir die Fotos von damals heraus und verglichen diese: es war eindeutig ein und derselbe Kater. Apollo war mittlerweile zahm geworden. Zwar stets erstarrt, wenn er spürte, dass wir etwas von ihm wollten, aber ein eigenes Hotelzimmer mit Vollpension gegen ein hartes, oft entbehrliches Leben auf der Straße zu tauschen, war für ihn zumindest eine Überlegung wert. Nun passten wir wie Luchse auf und boten ihm keine Chancen mehr, zu entwischen, bevor nicht alles verheilt war. Doch genau diese Heilung dauerte und dauerte und dauerte. Apollo wurde zutraulicher und immer verschmuster. Er gehörte schon zum festen Stamm in der Station, aber, je länger er bei uns war, desto unglücklicher wurde ich. Eine Katze hat frei zu sein, erst recht, wenn sie dieses Leben gewöhnt ist. Ich nahm meinen Mut zusammen und operierte die letzten zwei Zentimeter zu. Ein Wundverschluss unter Spannung ist immer ein Risiko, mit umliegenden Entlastungsschnitten aber nicht unmöglich. Ich wollte endlich einen Schlussstrich ziehen unter eine Wunde, die Apollo seit über zwei Jahren aushalten musste.

Und während die Naht zuheilte, schmuste Apollo immer intensiver. Ich erklärte ihm, dass ich nicht weiß, was ich mit ihm machen soll. Wieder zurück auf die Straße möchte er nicht, das sagt er mir mit jedem Schnurren. Seine Wunde ist zwar zu, aber über den Berg sind wir dennoch nicht. Seine Zahnfleischentzündung braucht von Zeit zu Zeit Medikamente. Draußen zu den anderen Katzen soll er möglichst auch nicht, denn es sind schon viele… Ein Leben in einer Box? Das verstößt gegen unsere Prinzipien. Auch Apollo versteht die Misere seiner Lage und schnurrt nur noch lauter. Dass dieser kleine Kerl einen Plan hat, weiß ich in diesem Moment noch nicht. Vielmehr versuche ich Thomas zu erklären, dass er in Deutschland doch auch bei uns wohnen könnte, bis wir einen neuen Besitzer gefunden haben. Ich weiß, dass ich hoch gepokert habe, denn ein tolles Zuhause für einen bereits zirka fünfjährigen Kater zu finden ist nicht einfach. Seit er in meinem Badezimmer eingezogen ist, liegt er brav auf seiner Decke. Seine größte Freude am Tag ist der Moment, in dem ich meinen Sohn ins Bett bringe und er sich ganz unscheinbar und leise schnurrend dazu kuscheln darf. Seine ruhige und bescheidene Art machen ihn so liebenswert. Er ist stubenrein, zerstört nichts und ist dermaßen unscheinbar, dass sowohl Thomas als auch ich unser Essen stehenlassen um Apollo zu begrüßen, der sich offensichtlich entschieden hat, den Rest unserer Wohnung zu erkunden. Ich hoffe, bald eine Familie für ihn finden zu können. Die ihm die Liebe gibt, die er nach all den Entbehrungen verdient hat.

Unser Essen ist kalt geworden, die Eiskristalle glitzern in der Sonne und in unserem Hof liegt immer noch der Schnee.
Ich muss aufhören, denn der Paketdienst steht mit 27 Paketen in der Einfahrt. Die im Frühjahr beginnenden Aktionen auf Rhodos, Rumänien und in Nordgriechenland möchten mit OP-Materialien versorgt werden.
Liebe Grüße, Ihre Dr. Melanie Stehle


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