Bones - warum die Futterbrücke so wichtig ist 23.09.2012 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

ein Zwiegespräch von unserer Tierärztin Ines Leeuw
"Wie kann es sein, dass man Tiere so schlecht behandelt", fragt Bones und schaut dabei gedankenversunken aus dem Fenster auf die dahin rauschende Autobahn.
"Ich kann es dir nicht beantworten" flüstere ich und starre ebenfalls auf den Asphalt. "Ich weiß nur, dass bei diesen Menschen irgendetwas in ihrem Kopf falsch verschaltet ist."
"Sie meinen, dass das Leben für uns Tiere auf der Straße viel zu gefährlich ist und sammeln uns ein. Sie wollen uns schützen vor Gift, den Autos, den gemeinen Menschen und lassen uns anschließend in ihren Käfigen ohne Futter."
Bones schmiegt seinen Kopf an meinen Arm. Ich muss mich konzentrieren, denn wir sind am Ziel unserer ersten Etappe. Und das Einparken auf der Fähre erfordert meine ganze Aufmerksamkeit.
"Du darfst hier vorne sitzen bleiben, wenn du mir versprichst, nichts kaputt zu machen - hörst du"" Meine Stimme lässt erkennen, dass er auch hier sitzen bleiben dürfte, wenn er das ganze Auto auffressen würde. Ich habe mich in diesen Hund verliebt und er sich in mich.

"Ich würde nie etwas kaputt machen, was dir gehört. Ich verdanke dir mein Leben und das werde ich dir nie vergessen" Bones dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse und bettet sich. Als ich das Auto verlasse richtet er sich kurz auf und blickt mir nach. Wahnsinn - dieser Hund geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Von Menschen fast zu Tode gerettet und trotzdem guckt er mich mit seinem Blick treu an. "Morgen früh sehen wir uns wieder" begegnen sich unsere Augen für heute ein letztes Mal. Ich suche mir auf der Fähre einen Schlafplatz und falle in einen traumlosen Schlaf. "Hallo Muckel" rufe ich am nächsten Morgen durch den Spalt der Autoscheibe. Bones hebt verschlafen den Kopf, als ich mich dem Wagen nähere. Ich begrüße ihn und erzähle ihm, dass wir kurz vor der Hafeneinfahrt vor Venedig sind. "Guten Morgen" antwortet Bones und wackelt heftig mit seinem Schwanz. "Ich muss mal."

In Italien gehen wir eine kleine Runde spazieren. Bones greift die Frage von gestern erneut auf, während ich die anderen Hunde, die ebenfalls mitreisen, versorge. "Wieso"" fragt er und sofort weiß ich, was er meint. "Du hast deine Qual noch lange nicht verarbeitet" entgegne ich ihm und streichel seinen Kopf. "Tierschutz wird eben total unterschiedlich betrachtet und auch ausgeführt. Da gibt es Menschen die sammeln Hunde von der Straße, sperren sie ein und wissen zeitgleich, dass sie sie nicht ernähren können." Inzwischen sind wir 400 Kilometer gefahren. Lange Pausen entstehen bei unserem Austausch, denn das Thema ist schwermütig und kompliziert.

"Ich werde den Duft nie vergessen"" Bones starrt wieder auf die unter uns hinwegrauschende Straße der Alpen, die wir gerade durchqueren. Er sieht verbittert aus und der Ausdruck seiner Augen macht mich traurig. " Was meinst Du damit" frage ich, obwohl ich die Antwort gar nicht hören möchte.

Die Düfte in unseren Nasen waren der absolute Horror, wussten wir doch, dass uns nicht einmal die Abfälle gegönnt waren. Der Lebensgefährte der Frau, die uns eingesperrt hatte, hasste uns wie die Pest. Als wenn wir es schuld waren, dort inhaftiert worden zu sein. Als sie für 16 Tage verreiste, sollte er uns füttern. Nichts tat er. Gar nichts. Mit dem Duft in der Nase, starb in dem vorletzten Käfig ein kleines Mädchen auf den eiskalten vor Urin und Kot inzwischen klitschnassen Fliesen. Und der Fettsack aß in Seelenruhe sein Abendessen.

Ich musste mich wegdrehen, wollte ich doch partout vermeiden, dass mein neuer vierbeiniger Freund mich weinen sah. Ich verlangsamte das Tempo und konzentrierte mich mit nassen Augen auf die Fahrbahn.

Als ich vor zwei Wochen Bones auf den Tisch gelegt bekam, spürte ich, dass dieser kleine Kerl etwas Besonderes ist. Mir nahestehende Freunde würden jetzt sagen: "das ist doch bei jedem Tier so, das du findest und tatsächlich, sie haben recht. Jedes Lebewesen ist einzigartig und es wert, geachtet zu werden. Bloß weil wir Menschen sind haben wir nicht das Recht, Leben anderer Arten auszulöschen oder Tiere als minderwertig anzusehen. Als ich Bones vor mir auf dem Tisch liegen hatte, funkelten seine Augen, obwohl aus seinem Körper sämtliche Kraft gewichen war. Meine Handgriffe arbeiten in solchen Momenten in einem Automatismus, der von mir nicht mehr wahr genommen wird. Zu viele dieser Kreaturen habe ich in meinem Leben gesehen, habe um sie gekämpft und habe die meisten zurückholen können, in eine Welt, die sie nicht wollte. Ich muss bei meinen Handgriffen nicht mehr nachdenken, jede Bewegung ist fließend, die Medikamente, die Heizdecken, der Tropf, die tröstenden Worte, die mehr mich selbst beruhigen als meinen Patienten" Alles läuft ohne mich, obwohl ich diejenige bin, die arbeitet. So sind meine Gedanken frei und ich habe Zeit über das Tier "Mensch" nachzudenken. Leider! Aber je mehr ich nachdenke, desto unerklärlicher ist mir der Mensch - im Tierschutz.

Und nun fordert dieser Hund, der mir mit seinen Augen seinen Lebenswillen signalisierte, eine Erklärung. Ich habe keine. Ich kann nur für mich sprechen, über meine Berufung, Aber diese Worte will Bones nicht hören. Die Begründung für sein Schicksal kann ich ihm nicht geben.

"Freu Dich doch einfach darüber, dass Du es geschafft hast" versuche ich die trübe Stimmung zu verscheuchen und wische mir unbemerkt über die Augen. "Es geht nicht nur um mich", entgegnet Bones. "Hast Du eine Ahnung, wie viele Tiere außer mir noch hungern" Nicht nur die Eingesperrten in irgendwelchen Zwingern, sondern auch die, die auf Griechenlands Straßen leben"" "Weiß ich, aber in den letzten Jahren haben wir Hunderte Tonnen Futter nach Kreta gebracht". Mir wird bei diesem Thema mulmig zumute und ich hoffe, dass unsere Diskussion hier ein Ende findet.

"Aber es war zu wenig" antwortet Bones ohne Gnade. "Was soll ich denn machen"" resigniert senke ich meinen Blick. Das Auto fahren wird in diesem Zustand fast unverantwortlich. Ich traue mich nicht, Bones die volle Wahrheit zu sagen. Wie sollte ich ihm erklären, dass die Spediteure in Zeiten der Wirtschaftskrise kaum Luft zum Überleben haben. Wie soll ich erklären, dass wir Menschen auf so hohem Niveau klagen, dass wir über den Zustand des Hungerns, des Durstens oder des Frierens in keiner Weise nachdenken müssen. Darf ich ihm von unserer Wegwerfgesellschaft erzählen, von den Sorgen, die eigentlich keine sind, weil sie nicht mal ansatzweise die Grundbedürfnisse einschneiden" Wie kann ich Verständnis fordern, wenn ich aus einem Land komme, in dem Milch und Honig fließen"

"Wenn wir unsere Erde als eine Einheit betrachten, ist von allem genug da, es ist nur schlecht verteilt" gibt Bones von sich. Ich schaue ihn verdutzt an, denn so einen Weitblick hätte ich von einem Hund nie erwartet. "Das stimmt" antworte ich, "aber diese Erkenntnis alleine macht nicht satt und mir sind bei diesem Thema die Hände gebunden. Ich kann nicht mehr machen, als mit den Leuten sprechen, aber mittlerweile muss ich aufpassen, dass sie mich nicht für verrückt halten. Sie sind einfach zu weit weg vom Geschehen, haben ihre eigenen Sorgen und keinen direkten Bezug. Ich wette, wenn sie Dich bei unserer ersten Begegnung gesehen hätten, hätte jeder auf sein Abendessen verzichtet, nur damit du überlebst. Aber die meisten Menschen sitzen weit entfernt an ihrem Schreibtisch und ahnen nicht einmal, dass andernorts gehungert wird.

"Wir brauchen Futter auf Kreta! Ich will, dass ich der letzte Hund bin, dem das Schicksal fast den Hungertod gebracht hat! Ich habe zugesehen wie eine Freundin von mir verhungerte! ICH WILL DASS DAS EIN ENDE FINDET!" Bones hatte sich aufgerichtet und seine letzten Worte verließen ihn wie ein Befehl. "Hör zu, mein Freund, du kannst niemanden zur Hilfe zwingen. Im Gegenteil; wir müssen für all die Hilfe dankbar sein und dürfen nicht gierig und unverschämt werden." "Aber du kennst doch so viele Menschen. Frag die doch einfach ob sie nicht Futter nach Kreta bringen können. Jeder so viel er kann. Wenn 1000 Menschen 10 Kilo Futter kaufen, und das monatlich, haben wir 10.000 kg Futter. Damit sähe die Welt schon ein bisschen anders aus."

"Du stellst dir das alles ein bisschen einfach vor. Wer soll es denn nach Kreta kommen"" Bones Blick durchlöchert mich. Jetzt ist die Diskussion an der Stelle angekommen, wo ich sie beim besten Willen nicht haben wollte. Verflucht, was mache ich jetzt" Der Parkplatz bei Innsbruck wird meine Rettung. "Alle aussteigen und das Bein heben" scherze ich und versorge die anderen Passagiere. Aber die Weiterfahrt lässt sich damit nicht verhindern und Bones Blick sagt mir, dass er etwas verstanden hat, was nicht ausgesprochen wurde. "Es kommt kein Futter mehr nach Kreta" sagt er, kaum dass ich den Motor gestartet habe. Mir schießt das Wasser in die Augen. Sprechen kann ich nicht. Ich nicke kurz. Unerträglich lange bleibt es still im Wagen.

"Verstehe", sagt er leise und schaut mich an. Tränen laufen mir die Wangen hinab. Sein Blick ist kraftlos. Viel kraftloser als auf meinem Tisch ein fast verhungerter Hund lag. Ich spüre, dass ihm das Leben seiner Freunde mehr wert ist, als sein eigenes. Ich lege meine Hand auf seine Pfote, greife zum Telefon und rufe Thomas an. "Du musst etwas machen, lass bitte bitte die Futterbrücke nicht sterben. Ich mache hier gerade die Hölle durch " tu etwas!" Thomas ist der letzte Notnagel, der immer dann herhalten muss, wenn ich nicht mehr weiter weiß.

Er hört sich Bones und meine Sorgen an und bittet um einen exakten Bericht. Und Fotos. "Vielleicht können wir eure Sorgen auf diese Weise transparenter machen und den Leuten die Augen öffnen, die weit, weit weg wohnen und wenn sie tief in sich schauen, zugeben müssen, dass ihnen das Leben eigentlich einen Platz an der Sonne geschenkt hat. Vielleicht überdenken all diese Menschen noch einmal ihre Bereitschaft zur Hilfe. Vielleicht"Versuche aber Deinem neuen Freund klar zu machen, dass nicht wir die Schuldigen an der Misere sind", ruft Thomas noch ins Telefon, bevor die Verbindung abreißt. Fotos " ja richtig, Fotos sind gut. Sie beweisen. Sie haften. Sie tun weh. Sie lassen nicht weggucken. Sie erinnern an ein Gewissen.

"Bones, darf ich dein Schicksal in die Welt hinausschreien" Darf ich dich benutzen, um für mehr Futter zu betteln, darf ich mit deiner Geschichte um Spenden bitten"" rufe ich mit neuem Elan. "Ich bin zu allem bereit" antwortet Bones, wohlwissentlich, dass das Schicksal ihm nie wieder etwas anhaben kann. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ich habe Bones in Pfullingen abgegeben. Dort trennten sich unsere Wege. In unserem Herzen werden wir allerdings immer vereint bleiben.

Es sind die Einzelschicksale, die die Welt " meine Welt " verändern!

Bones wurde vom BMT-Tierheim (Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.) aufgenommen. Ein Kollege nahm sich seiner Knieverletzung an. Nach kurzer Zeit konnte Bones in eine private Pflegestelle wechseln und wurde von dort vermittelt. Er wird nie wieder Hunger leiden.
Die anderen Tiere, die ebenfalls zu mir gebracht wurden, sind inzwischen auch in Deutschland. Bis auf eine Hündin konnte ich alle retten.

Kaum habe ich diese Zeilen geschrieben, meldet sich Linda aus Kreta bei mir. Sie hat einen klapperdürren Hund gefunden, der nicht zunehmen will. Ob sie ihn mir schicken kann" Ich sage "ja" - was sonst.


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