Das alltägliche Drama 09.06.2015 Tierschicksal

Die Geschichte eines Dramas, das sich vor wenigen Tagen in Osteuropa ereignet hat. Oder in Südeuropa vor einigen Wochen. Oder an anderen Orten in einem halben Jahr. Oder morgen in deiner Stadt.

In einem städtischen Tierheim. Viele hundert Hunde. Seit Jahren kein Konzept, um dem Problem entgegenzutreten. Regelmässige Meldungen über fehlende finanzielle Mittel, fehlendes Futter, fehlende Impfungen.
Hilflosigkeit auf Seiten der Tierschützer. Aber auch Hilflosigkeit auf Seiten Behörden, die vollkommen überfordert sind mit der Lösung eines Problems, das nur durch nationale oder noch grössere Anstrengungen in den Griff zu bekommen ist. Immer wieder flackert auch hier gleich eines irrlichternden Geistes das Wort "Euthanasie" auf. In sozialen Medien, in Emails, in persönlichen Gesprächen, irgend jemand wusste was, hörte was, vermutete was.
Auch dies eine endlose Wiederholung - an so vielen Orten, in so vielen Jahren, immer wieder. Viele tausend Hunde wurden vermutlich gemordet, genaue Statistiken darüber führt längst keiner mehr. Ein Kreislauf des Leidens, der sich leider immer noch regelmässig schliesst und von vorne beginnt.

Betrachten wir den konkreten Fall. Die Hauptakteure könnten sein:
Eine junge, engagierte Tierärztin sein, die berufen ist zu ihrer Arbeit - die immer mehr macht, als man ihr vorgibt. Die schon lange keine Überstunden mehr aufschreibt. Die sich längst die Frage nach dem "Warum" nicht mehr stellt und voller Hingabe versucht zu retten, was zu retten ist.
Zwei Hunde, irgendwann irgendwo auf der Strasse oder in einem Haus geboren, ausgesetzt oder entlaufen, auf jeden Fall eingefangen und im Tierheim weggesperrt.
Ein Beamter, der noch nie in die Augen eines Hundes geblickt hat.
Ein Bürgermeister, der noch viel vor hat.
Ein Hundefänger, dessen Träume vom Leben ihn verraten haben - nun jagt er die, die noch weniger eine Lobby haben, als er selbst.
Ein weiterer Tierarzt - dieser ohne Hingabe. Wir werden ihn noch kennenlernen.

Das Drama nimmt vor vielen Jahren seinen Lauf, ein genauer Zeitpunkt lässt sich nicht bestimmen, aber irgendwann waren sie einfach da. Lager, neben einer Kläranlage, neben einer Müllkippe oder einem stinkenden Industriebetrieb. Hastig errichtet, um sich der störenden Vierbeiner zu entledigen. Jetzt, viele Jahre später, müsste eigentlich festgestellt werden, dass die Rechnung nicht aufgeht, denn immer noch sind landauf, landab, diese Lager überfüllt.
Irgendwann kommen auch unsere zwei Hunde in das Lager.
Wollen wir sie - unwissend von Geschlecht und wahrem Namen - einfach mal "den Flinken" - und "den Schlauen" nennen. Namen, die sie sich während Ihrer Zeit auf der Strasse im Überlebenskampf gesichert haben.

Wir kennen ihre Geschichte nicht - zumindest nicht die Ganze. Unser Blick auf Ihre Geschichte beginnt damit, dass der Beamte einen Anruf von seinem Chef - dem Bürgermeister - bekommt. Diese Hunde überall, man müsse da was tun, es seien ohnehin zu viele und er stehe unter dem Druck der Wähler. Das Lager überfüllt, wohin mit denen, die noch auf der Strasse sind? Immer wieder Zwischenfälle, Menschen werden gebissen. Gewiss, eine schlimme Sache, er selber habe ja auch einen Hund, aber jetzt muss was geschehen. Der Beamte wisse schon, was man da in die Wege leitet.

Der Beamte überlegt, stellt fest, dass er weder weiss, was man da in die Wege leitet, noch dass er für irgendwas finanzielle Mittel hat. Aber die Beförderung steht an, vielleicht der Umzug in das grössere Haus mit dem höheren Gehalt, und der Urlaub, den seine Frau und seine Kinder sich so sehr wünschen. Er greift zum Telefonhörer und ruft den Tierarzt an. Erläutert ihm die Situation, man sei unter Handlungszwang, und eine Hand wäscht die andere. Diese unangenehme Sache, die da gegen den Tierarzt vorliegt, da habe man ja auch noch Auslegungsspielraum. Vielleicht könne er da etwas entgegenkommen, der Tierarzt jetzt dafür mal im Hundelager was in die Wege leiten, Abrechnung ganz normal, selbstverständlich. Dann wird man weitersehen.

Der Tierarzt willigt ein. Einen Hund hat er noch nie eingeschläfert, wie auch, lag doch der Schwerpunkt seiner Ausbildung darin, wie man Schweine schnell mästet und Milch untersucht - die Volksernährung sicherzustellen, war für viele Jahre das Ziel seines Berufsstandes. Er packt einige Medikamente ein, macht sich auf den Weg und wird schon erwartet. Ein Mann hat einen Zettel, darauf stehen Zwingernummern. Man einigt sich, gleich zu beginnen.

Der Hundefänger schnappt sich seine Drahtschlinge - mit der weiss er umzugehen. Er ist jetzt der wichtigste Mann, ohne ihn geht hier gar nichts. Er spürt die Augen der Umstehenden, betritt den Zwinger und zeigt, was er kann. Der Flinke kommt ihm entgegen, freut sich, dass mal kurz etwas Abwechslung ist, möchte ihm die Hand lecken und sich die Ohren kraulen lassen. Stattdessen spürt er aus dem Nichts einen Zug um den Hals und kriegt keine Luft mehr. Er wird aus dem Zwinger gezerrt, über Kies und Beton geschleift und brutal in einen Raum gestossen.

Der Todeskampf dauert an, die Medikamente sind falsch dosiert und falsch verabreicht, irgendwann driftet er hinüber. Den Schlauen ereilt das gleiche Schicksal.

Noch acht weitere stehen auf der Liste, aber die Tierärztin hat schnell reagiert, einige Leute sind gekommen, ein Journalist filmt die Vorkommnisse. Nach wenigen Minuten klingelt ein Telefon, der Tierarzt stammelt bestätigende Worte, legt auf und verschwindet.

Zurück bleiben zwei tote Hundekörper.

Die Tierärztin lehnt sich an die Wand, rutscht auf den Boden und blickt in die Bäume, die ihr gegenüber stehen. Tränen hat sie längst keine mehr. Der warme Wind bewegt die Zweige, es ist ein heisser Sommertag. Sie atmet tief durch und geht wieder an die Arbeit.

Dieser Kreislauf muss nicht immer von vorne beginnen.
Wir haben die Chance, ihn zu durchbrechen.
Wir haben jetzt die Chance, ihn zu durchbrechen.
Wir alle zusammen können dafür sorgen, dass es aufhört.
Wir können dafür sorgen, dass immer weniger unerwünschte Welpen das Licht der Welt erblicken.
Wir träumen davon, dass eines Tages keine Tiere mehr sinnlos getötet werden.
Wir kämpfen unermüdlich für die, die keine eigene Stimme haben.
Gestern. Heute. Morgen.
Weil es der einzige Weg ist.

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